Projekt "Eine Welt in der Schule"
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Anregungen für die Grundschule und Sekundarstufe 1

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Ein Projekt des Grundschulverbandes e.V.


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... mehr als Mumien und Pyramiden
Das Thema "Ägypten" in einer 6. Klasse
Sabine Brünjes

 
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Sphinx und Pyramiden vor einer SchülerzeichnungAn einer Orientierungsstufenschule in Rotenburg unterrichte ich das Fach Welt-/Umweltkunde (WUK). Das Thema "Ägypten" ist im Rahmenplan des WUK-Unterrichts im 6. Jahrgang in Niedersachsen als Pflichtthema vorgesehen. Ziel dort ist es, den Schülerinnen und Schülern Kenntnisse über die ägyptische Hochkultur zu vermitteln. Inhaltlich beschränkt sich das Thema somit auf das "Alte Ägypten".
Ich bin der Ansicht, dass es durchaus wichtig ist, etwas über die ägyptische Hochkultur zu erfahren. Für die Schülerinnen und Schüler ist der geschichtliche Aspekt (Pharaonen, Mumien usw.) zudem eine spannende Thematik. Welche Informationen erhalten die Schülerinnen und Schüler aber über das Leben der Ägypter heutzutage? Mir persönlich kam es bei der Durchführung des Unterrichtsvorhabens darauf an, den Kindern einen Einblick zu vermitteln, wie die Ägypter heutzutage wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Zu diesen Aspekten steht leider sehr wenig in den Schulbüchern.
Durch das Projekt "Eine Welt in der Schule" erhielt ich die Möglichkeit eine neu zusammengestellte Ägypten-Kiste in zwei sechsten Klassen zu erproben. In der Ägypten-Kiste befinden sich Unterrichtsmaterialien, mit denen man einzelne Unterrichtsstunden, aber auch ganze Projekte zum Thema "altes" und "heutiges" Ägypten planen kann.
Ausdrücklich darauf hinweisen möchte ich: Die unterrichtliche Behandlung der ägyptischen Hochkultur ließ ich nicht aus. Sie erfolgte aber erst gegen Ende des Vorhabens in einer recht komprimierten Form.
Bei der unterrichtlichen Umsetzung orientierte ich mich eng an dem vom Projekt "Eine Welt in der Schule" entwickelten Unterrichtsvorschlag, der wie folgt aussieht:

Unterrichtsvorschlag Ägypten

A) Eingabe einer DIN-A4-Fotoserie (bestehend aus ca. 40 laminierten Fotos)
Betrachten der Fotoserie unter verschiedenen Fragestellungen, z.B. "Welche Fotos passen zu Ägypten?", "Suche Dir ein, zwei Lieblingsfotos aus!"
Es finden erste Unterrichtsgespräche über Ägypten statt.

B) Geografische Einordnung auf einer Ägyptenlandkarte
Die Schülerinnen und Schüler ordnen Abzüge (10x15) der o.g. Fotoserie in einer großen Ägyptenumrisskarte ein.

C) Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit zwei Kindern aus Kairo
- Ismael (Straßenjunge), Quelle: Kinderbuch/Textauszüge
- Yasmine (Oberschichtskind), Quelle:Videosequenz (evtl. Internet)
Es wird der Tagesablauf der Kinder miteinander verglichen und dem eigenen gegenüber gestellt. Zahlreiche Problemstellungen werden aufgearbeitet.

D) Weitere Aspekte des Lebens in Ägypten werden arbeitsteilig (Gruppenarbeit/Partnerarbeit) angegangen
- Pyramiden (alte Ägypten/Tourismus)
- Ernährung (Pflanzen/Tiere - Kamel, Reis, Weizen)
- Dorfleben/ländliches Leben
- Wüste
- Assuanstaudamm

E) Eine Auswertung des Unterrichtsvorhabens kann wie folgt aussehen:
- WUK-Mappen
- Herstellung eines alternativen Informationsheftes (im Gegensatz zur Darstellung Ägyptens in einem Reisekatalog)
- Darstellung des Unterrichtsvorhabens im Internet
- Bündelung der Unterrichtsaktivitäten in einer Ausstellung

Hinführung zum Thema
Ägyptischer GeldscheinUm bei den Schülerinnen und Schülern Neugierde zu wecken, welches Thema wir als nächstes im Unterricht behandeln würden, nahm ich verschiedene Gegenstände aus der Ägypten-Kiste mit in den Unterricht. Dabei handelte es sich u.a. um ägyptische Schulhefte, eine Lampe (Kinder tragen sie auf einem Fest durch die Gegend, während sie an Haustüren klopfen und erhalten dabei Süßigkeiten), eine ägyptische Zeitung, eine Puppe (typisches Geschenk bei der Geburt), Geldscheine und -münzen sowie eine Kappe (tragen die Jungen bei der Beschneidung).
Die Schülerinnen und Schüler konnten nun diese Gegenstände ausgiebig betrachten. Ihnen fiel z.B. auf, dass die Schulhefte anders als bei uns (für unser Verständnis von hinten nach vorne) umgeblättert werden und sie erkannten Hieroglyphen und arabische Schriftzeichen auf den mitgebrachten Gegenständen. Es fanden Gespräche rund um die Bedeutung dieser Gegenstände statt.
Die Aufgabe, das neue Unterrichtsthema zu nennen, fiel den meisten dann auch relativ leicht.

"Mein" Bild von Ägypten
Schülerzeichnungen über die unterschiedlichen Vorstellungen vom traditionellen und modernen Leben in ÄgyptenNun setzte ich die umfangreiche Fotoserie ein. Die Serie, die vielfältige Einblicke ins ägyptische Leben ermöglichen soll, bildet zahlreiche Aspekte des Lebens in Ägypten ab. Sie dokumentiert das Stadt- und das Landleben und bietet eine ganze Reihe von interessanten Einblicken.
Diese Fotos verteilte ich gemeinsam mit den Kindern im Klassenraum. Die Schülerinnen und Schüler hatten nun die Aufgabe, sich die einzelnen Fotos aufmerksam anzusehen.
Dabei konnte ich feststellen, dass die meisten Schülerinnen und Schüler Spaß an dieser Aufgabe hatten und sich die Fotos mit großem Interesse ansahen. Im Gegensatz zu bewegten Bildern bietet eine Fotoserie die Möglichkeit eines sehr intensiven Austausches. Hier und da kam es zu kleinen Unterhaltungen und auch einzelne Spontanäußerungen fielen: "Solche Häuser habe ich mir dort nicht vorgestellt" (Anmerkung: Im Herzen der Stadt prägen Hochhäuser und mehrstöckige Stadtautobahnen das Bild). Besondere Beachtung schenkten die Kinder einem Foto, das die Kairoer City bei Nacht abbildet. Solch ein Foto assoziierten viele Kinder mit Innenstadtaufnahmen aus nordamerikanischen Großstädten, aber nicht mit Ägypten. Ein Foto mit einem alten Karussell oder eine abgebildete Schule mit älterem Mobiliar riefen jedoch auch Assoziationen hervor, wie: "dort herrscht kein großer Wohlstand" und "die sind dort arm".
Das Foto einer "modern" gekleideten jungen Frau, die in einem Straßenlokal eine Cola trinkt, erstaunte viele Kinder ebenfalls.
Durch die Fotoserie erkannten die Kinder, dass Ägypten ein Land mit vielen Gegensätzen ist. Es gibt dort moderne Bauten ebenso wie alte, z.T. "baufällige" Wohnhäuser, Schulen. Neben Menschen, die sehr traditionsbezogen leben, gibt es zahlreiche Menschen, die das "moderne" Leben bevorzugen.
Und auch einige andere Aspekte, so z.B. dass die meisten Ägypter Muslime sind, kamen natürlich zur Sprache.

Die "große" Ägyptenkarte
Landkarte von ÄgyptenIn der folgenden Unterrichtsstunde erfolgte mit Hilfe der Fotos eine geografische Einordnung. Acht Kinder fertigten dazu eine große Ägyptenkarte an. Sie sollte den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bieten, ihre Arbeitsergebnisse zu dokumentieren. Durch die Größe der Karte und durch die Art der weiteren Ausgestaltung war das Thema Ägypten in dem Raum immer gegenwärtig und viele Fragen, die während des Unterrichtsgeschehens auftauchten, konnten mit ihrer Hilfe geklärt werden. Hergestellt wurde die Ägyptenkarte mit Hilfe einer Folie. Diese wurde an eine mit weißer Tapete beklebte Wand projiziert. Die Kinder zeichneten die Linien dieser Karte nach.
Die vom Tageslichtprojektor projizierte Ägyptenkarte wird gezeichnetWährend also ein Teil der Schülerinnen und Schüler damit beschäftigt war, erarbeiteten die übrigen Kinder einen kurzen Informationstext über Ägypten. Sie sollten den Text so bearbeiten, dass die anderen acht Schülerinnen und Schüler etwas über Klima, Währung, geografische Lage und über Besonderheiten von Ägypten erfahren würden. Einer dieser Infotexte sollte auf die Karte geklebt werden.
Nachdem die Karte fertig gestellt war, ordneten wir gemeinsam einen Teil der Fotoserie (ca. 20 Stück) der geografischen Lage auf unserer Karte zu und befestigten sie dort. Somit erhielt die Karte etwas "Lebendiges". Durch die Zuordnung erkannten die Schülerinnen und Schüler viele zusätzliche Details, z.B.
- dass der größte Teil Ägyptens aus Wüste besteht,
- dass sich die landwirtschaftlichen Nutzflächen vor allem am Nil bzw. im Nildelta befinden,
- dass auch Datteln geerntet werden müssen,
- die Verteilung ihnen bekannter Bau- und Kulturdenkmäler (Pyramiden ...) usw.
In der Folgezeit wurden alle weiteren Ergebnisse dieses Unterrichtsvorhabens in bzw. auf der Karte festgehalten.

Ismael - ein Junge aus Kairo
Nach diesem geografischen Schwerpunkt sollten die Schülerinnen und Schüler anschließend etwas über die unterschiedlichen Lebensumstände der ägyptischen Bevölkerung (hier vor allem ihrer Bezugsgruppe, den Kindern und Jugendlichen) erfahren.
Um ihnen dieses Thema näher zu bringen, nutzte ich das Kinderbuch "Ismael - ein Junge aus Kairo" (von Mathis Mathisen, Verlag Sauerländer 1993). In dem Buch wird das Leben des elfjährigen Jungen Ismael geschildert. Ismael lebt als Straßenkind in Kairo. Das Buch wurde von einer Tagesteilnehmerin, Frau Anke Schomecker, für das Projekt "Eine Welt in der Schule" so bearbeitet, dass mir eine fertige Arbeitsmappe für die Umsetzung in meinem Unterricht vorlag. Diese Ausarbeitung hat unter anderem den Vorteil, dass die Kinder nicht das gesamte Buch lesen müssen, was mir vom zeitlichen Umfang her nicht möglich gewesen wäre.

Buchtitel: Ismael. Ein Leben in den Straßen KairosDas Buch schildert das Leben des elfjährigen Ismael, der als Straßenkind in Kairo lebt. In verschiedenen Erinnerungssequenzen wird erklärt, wie er dorthin geraten ist.
Seine Familie stammt aus einem Dorf, das beim Bau des Assuanstaudammes überflutet wurde. Auf der Suche nach neuem Land sind Ismaels Eltern am Nil entlang nach Norden gezogen. Ismael und seine kleine Schwester sind während der Reise geboren.
Die Entschädigungssumme für den alten Besitz hat nicht zum Erwerb neuen Ackerlandes gereicht, so dass der Vater schließlich als Tagelöhner immer neu Arbeit suchen muss. Während die Mutter mit den beiden Kindern in Giza zurückbleibt, zieht er weiter nach Kairo, kehrt aber nicht zurück. Wie sich später herausstellt, ist er verunglückt.
Ismael arbeitet zunächst in den Pferdeställen von Mahmoud, der mit Reittouren für Touristen Geld verdient. Aber Mahmoud schlägt ihn, und nachdem ein Journalist aufgetaucht ist und Ismael bei den -Pferden fotografiert hat (als Belohnung schenkt er Ismael ein kleines rotes Radio), kommt es zu einem Unfall, bei dem Mahmoud von einem Pferd zu Boden getreten wird. Ismael weiß nicht, ob er tot ist, er fürchtet sich aber vor der Polizei und einer Strafe, fühlt sich schuldig und läuft von zu Hause fort nach Kairo.
Sein Alltag und seine Erlebnisse mit seinen Freunden Mouldi und Ahmed bilden die Handlung des Buches. Weitere Figuren sind Tito und seine Frau, die Ismael kennen lernen und ein wenig seine Familie ersetzen. Am Ende der Geschichte macht Ismael sich auf den Weg zurück nach Giza und findet seine Mutter wieder.

Zu Beginn der Unterrichtsstunde erhielten die Schülerinnen und Schüler eine Kopie der Buchvorderseite (darauf ist Ismael abgebildet) mit einer inhaltlichen Kurzfassung des Buches. Anschließend wurden einzelne Begriffe erklärt und wir sahen uns - da Ismael wegen des Baus des Assuanstaudamms sein Dorf verlassen musste - mit Hilfe der Ägyptenkarte den Weg von Ismael und seiner Familie an.
Schülerzeichnung zur Geschichte von "Ismael"Der Einführungstext machte die Schülerinnen und Schüler neugierig auf Ismaels Leben. Die bereits vorliegende Textmappe enthielt Textauszüge aus dem Buch mit entsprechenden Arbeitsaufgaben. Es folgte nun eine gruppenteilige Arbeitsphase. Insgesamt wurden folgende Themenbereiche bearbeitet:
- Wo lebt Ismael? (Hier werden die Stadt Kairo, die Verkehrsverhältnisse, der Tourismus beschrieben)
- Wie Ismael und seine Freunde leben (Es werden Ismaels Freunde vorgestellt und es wird beschrieben, wie Ismael Geld verdient, wo er etwas zu essen findet usw.)
- Ismaels Wohnung (Seine Wohnung auf dem Dach eines Wohnhauses wird beschrieben)
- Ismaels Familiengeschichte (Hier wird Ismaels Familie vorgestellt, ihr Leben vor dem Bau des Assuanstaudamms und nachdem sie ihr Land verkaufen mussten)
- Wie Ismael mit der Polizei zu tun bekommt (Ein Erlebnis aus seinem Alltag)
- Ismaels Waschtag (Wie Ismael seine Kleidung sauber hält)
- Ahmed ist krank (Hier geht es um Krankheit, aber auch um Freundschaft ...)
- Was Ismael besonders gut kann (Ismaels Umgang mit Pferden steht hier im Vordergrund)
Aufgabe der Gruppen war, einen zusammenfassenden Text zu schreiben und die entsprechenden Arbeitsaufgaben zu bearbeiten.
Insgesamt benötigten wir vier Schulstunden für diese Gruppenarbeit. Da die Arbeitsaufträge recht unterschiedlich waren (Bild zeichnen, Rollenspiel, Dialog usw.), war das Vortragen der einzelnen Gruppenergebnisse für die Schülerinnen und Schüler sehr abwechslungsreich. Die Bereitschaft den anderen Gruppen zuzuhören, war sehr hoch. Fast alle Kinder waren konzentriert bei der Sache und am Ende dieser Gruppenarbeit kannte jedes Kind die Lebensgeschichte von Ismael.

Yasmine - Großstadtmädchen am Nil
Bei einer reduzierten Darstellung des Ägyptenbildes auf Straßenkinder, Armut usw. sollte das Unterrichtsvorhaben jedoch nicht stehen bleiben. Im Anschluss an die Geschichte Ismaels sollten die Schülerinnen und Schüler etwas über das Leben eines anderen ägyptischen Kindes erfahren. Grundlage dieser Erarbeitungsphase war der 15-minütige Videofilm aus der Serie Kinder Afrikas/Africa's Child "Yasmine - Großstadtmädchen am Nil" (SWR Funkhaus Baden-Baden). In diesem Film schildert die 14-jährige Yasmine, wie sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Kairo lebt. Sie erzählt von ihrem Leben in der 15-Millionen-Metropole. Bereiche wie Schule, Familie, Religion und natürlich die Stadt Kairo werden in dem Videofilm beschrieben. Durch diesen Film wird den Kindern näher gebracht, wie das heutige Leben der Ägypter in einer Stadt wie Kairo aussieht und dass sich das Leben im Vergleich zu einer deutschen Großstadt in vielen Dingen (Architektur, Geschäftswelt, Kleidung, Autos, Verkehrsprobleme usw.) nicht sehr unterscheidet.

Yasmine - Großstadtmädchen am Nil
Yasmine"Yasmine" ist der Titel eines Filmes aus der Serie "Kinder Afrikas". Diese Filme und weitere Informationen dazu können im Internet unter www.wissen.swr.de Stichwort: "Africa's child" eingesehen werden und eignen sich hervorragend für die Verwendung im Unterricht.
Alle Filme zeigen ein realistisches Bild eines Landes aus dem afrikanischen Kulturkreis und richten sich an Schülerinnen und Schüler, denen die fremde Kultur über die Sichtweise einer gleichaltrigen Identifikationsfigur direkt aus dem fremden Land vermittelt wird. Das erleichtert den Zugang und macht die Darstellung des Alltags in anderen Ländern lebendig und spannend. Der Film "Yasmine" bietet somit eine gute Ergänzung bei der Behandlung des Themas "Ägypten" im Unterricht.
Yasmine Affifi wächst in einer islamischen Mittelstandsfamilie in Ägypten auf. Sie lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einem modernen Apartmenthaus im Zentrum von Kairo. Beide Eltern von Yasmine sind berufstätig, die Mutter ist Unternehmensberaterin, der Vater arbeitet als Lehrer. Der Film zeigt zahlreiche Aufnahmen von der dicht bevölkerten Großstadt Kairo, wobei für unsere Schülerinnen und Schüler vor allem die mehrstöckigen Häuser und die breiten Verkehrsadern Kairos faszinierend sind. Yasmine zeigt uns ihren Alltag. Wir begleiten sie auf dem Weg in die Schule und in ihren Unterricht. Dabei wird gezeigt, dass Yasmine in zwei Sprachen unterrichtet wird. In Mathematik und Naturwissenschaften wird englisch gesprochen. Die restlichen Fächer werden auf arabisch unterrichtet. Morgens gibt es eine Versammlung auf dem Schulplatz. Yasmines Wunsch für die Zukunft ist es Ärztin zu werden. In ihrer Freizeit spielt Yasmine Basketball in einem Sportclub.
Der Film zeigt auch die Vorbereitungen zu einem wichtigen islamischen Feiertag: "Eid al Adha". Gefeiert wird die Gabe von Abrahams Opferlamm an Gott. "Eid al Adha" ist ein Familienfest, bei dem man sich bei den Großeltern trifft. Yasmine kümmert sich an diesem Tag zusätzlich auch noch um ein Waisenmädchen, das sie im Heim besucht. Sie möchte dieses Kind durch Zuneigung und materielle Dinge unterstützen. Yasmine ist ein religiöses Mädchen und so sehen wir sie beim Gebet zu Allah. Sie erzählt uns, dass Frauen für das Gebet gewöhnlich keine Moschee aufsuchen.
Positiv an diesem Film ist vor allem die Darstellung eines Großstadtkindes. So wird manches Klischee über Ägypten etwas differenziert und unsere Kinder und Jugendlichen können auch viele Parallelen zu ihrem eigenen Leben entdecken.

Yasmine wächst im Gegensatz zu Ismael wohl behütet auf, kann eine Schule besuchen, erhält die Möglichkeit an vielen Freizeitaktivitäten teilzunehmen.
Nachdem die Schülerinnen und Schülern sich den Film angesehen hatten, zeigten sie sich erneut über die Größe und moderne Geschäftswelt Kairos überrascht. Von den Schülerinnen und Schülern kam häufig die Äußerung, dass es bei uns nicht viel anders sei. Erstaunt zeigten sie sich, dass Yasmine so gut englisch spricht und dass es in Ägypten auch eine andere, nicht von extremer Armut geprägte Kindheit gibt. Eine neue Erkenntnis war für sie auch, dass die Mädchen und Frauen nicht in der Moschee beten, sondern zu Hause.
Die Schülerinnen und Schüler hatten nun die Aufgabe, sich mit den im Film angesprochenen Bereichen Schule, Familie, Religion, der Stadt Kairo und dem Mädchen Yasmine auseinander zu setzen. Hierzu hatte ich verschiedene Fragestellungen ausgearbeitet. So sollten sie u.a. stichpunktartig auflisten, was sie in dem Film über die einzelnen Bereiche erfuhren. Die Ergebnisse sollten sie mit Ismaels und ihrem eigenen Leben vergleichen und die Unterschiede herausarbeiten. Anschließend sollten die gesamten Ergebnisse zu einem zusammenhängenden Text zusammengefasst werden. Die Schülerinnen und Schüler erhielten nach der Bearbeitung der ersten Fragen die Möglichkeit, den Film noch ein zweites Mal zu sehen. Dieses Vorgehen zeigte sich als sinnvoll, da beim ersten Anschauen nicht sämtliche Informationen von den Schülerinnen und Schülern verarbeitet werden konnten.
Anschließend ging es für die Schülerinnen und Schüler darum die unterschiedlichen Lebenserfahrungen zweier ägyptischer Kinder aufzuzeigen. Sie erhielten von mir eine vorbereitete Tabelle zu den Bereichen Wohnen, Familie, Schule, Freundschaften, Freizeit, Zukunftswünsche und sollten in den Freiräumen Einträge für Ismael, Yasmine und für sich selbst vornehmen.

Zusammenfassung zum Thema: Schule in Kairo

Bei uns geht die Schulwoche von Montag bis Freitag, bei Yasmine von Sonntag bis Donnerstag. Außerdem machen wir morgens keine Aufwärmung für den Unterricht. Die Fächer werden in zwei Sprachen gehalten: In Arabisch und in Englisch. In Arabisch wird gehalten: Religion, Arabisch und Geschichte. In Englisch wird gehalten: Mathe und Naturwissenschaft. Wir begrüßen auch die Nationalflagge nicht, auch die Klassenlehrer nicht. Mit Musik jedenfalls nicht ... Das Schulleben von Yasmine unterscheidet sich also in einigen Dingen vom unsrigen. Ismael dagegen ist gar nicht zur Schule gegangen, weil er von seinen Eltern getrennt gelebt hat. Er musste sich auch alleine was zum Essen besorgen, und er hat auf einem Dach von einem Hochhaus gelebt.

Die Kinder erkannten, dass die soziale Herkunft bestimmend für das weitere Leben sein kann und dass geografische Entfernungen nicht zwangsläufig einen trennenden oder verbindenden Charakter haben müssen. Sie nahmen wahr, dass ihr Leben mehr Gemeinsamkeiten mit Yasmines Leben aufweist als mit Ismaels. Und konnten sich gut vorstellen, dass Yasmine dies ebenso bewerten würde.
Die Arbeitsergebnisse wurden natürlich auf der großen Ägyptenkarte gesammelt.

Weitere Aspekte
Nachdem die Schülerinnen und Schüler sich also intensiv mit dem Leben zweier Kairoer Kinder befasst hatten, sollten sie sich - ebenfalls in Gruppenarbeit - mit einzelnen Aspekten Ägyptens noch etwas ausführlicher beschäftigen.
Hierzu bot ich folgende Themen an:
1. Dörfliches Leben
2. Leben in der Wüste - Die Beduinen
3. Wirtschaft
4. Assuanstaudamm
5. Familie - Traditionelles Leben in der Stadt

Arbeitsergebnisse zum Aspekt "Wirtschaft"Die Schüler und Schülerinnen erhielten von mir vorbereitete Texte, die ich schwerpunktmäßig aus dem Buch "Kulturschock Ägypten" (DÖRTE JÖDICKE, KARIN WERNER, Reise Know-How Verlag, Bielefeld 1996) zusammenstellte.
Die Darstellung der erarbeiteten Ergebnisse konnte wahlweise wie folgt erfolgen:
- Rollenspiel
- Dialog
- Interview
- Hörspiel
- Zeitungsartikel
- Zeichnung/Collage
- Diagramm

Im Verlauf des Projektes wurde die große Ägyptenkarte mit Informationen gefülltNach drei Unterrichtsstunden präsentierten die Schülerinnen und Schüler ihre Gruppenergebnisse. Bis auf das Rollenspiel wurden von den Kindern alle Darstellungsmöglichkeiten ausgewählt. Daher waren die Darstellungen der einzelnen Ergebnisse für die Zuhörer sehr abwechslungsreich.
Den Schülerinnen und Schülern wurden noch einmal die unterschiedlichen Lebensweisen und Problemlagen der Ägypter vor Augen geführt.
So erfuhren sie u.a.,
- dass es in einer Millionenstadt wie Kairo neben dem modernen Leben auch noch ein traditionelles Leben gibt,
- dass der Tourismus ein sehr wichtiges Standbein für die ägyptische Wirtschaft bildet,
- dass sich das Leben auch auf dem Lande z.B. durch Anschaffung bestimmter Konsumgüter wie Fernseher, Videorekorder usw. für viele Dorfbewohner verändert hat,
- dass im ländlichen Bereich häufig modernere Steinhäuser die Lehmhäuser ersetzt haben,
- dass auch heute noch Kinderarbeit als selbstverständlich gilt, weil die Kinder als unbezahlte Arbeitskräfte auf eigenem Grund und Boden unverzichtbar sind und ihre Arbeit auf fremden Feldern zum Familieneinkommen beiträgt,
- etwas über die Gründe zum Bau des Assuanstaudammes, seinen Vor- und seinen Nachteilen.

Mumien und Pyramiden
Um die Richtlinien des Rahmenplanes zu erfüllen, aber auch weil mit dem "alten Ägypten" eine Hochkultur abgebildet wird, die zudem noch einen großen Einfluss auf das heutige Ägypten besitzt (man denke nur an den Tourismus), befassten wir uns nun mit dem "alten" Ägypten.
Hierzu bereitete ich insgesamt 12 Stationen vor, wie z.B.
- Wo liegt Ägypten?
- Leben im Niltal
- Die Ägypter glaubten an ein Weiterleben nach dem Tod
- Pyramiden: Königspaläste für die Ewigkeit
- Wie ist der ägyptische Staat aufgebaut?
- Wie wird Papyrus hergestellt?
- Wie schrieben die Ägypter?

Als Basis diente mir dazu die Unterrichtsmappe "Stationentraining Ägypten" (Auer Verlag, Donauwörth).
Die Schülerinnen und Schüler wurden mit der Vorgehensweise beim Stationenlernen vertraut gemacht. Sie mussten jeweils sechs Stationen erfolgreich durchlaufen. Ich stand ihnen während der Durchführung als Beraterin zur Verfügung. Hatten sie eine Station beendet, mussten sie sich bei mir eine Unterschrift besorgen. Die Kinder durften höchstens 20 Minuten an einer Station verweilen. Zwei Unterrichtstunden standen ihnen zur Verfügung. Allerdings war das Interesse so groß weitere Stationen zu bearbeiten, dass ich noch eine zusätzliche Unterrichtsstunde zu Verfügung stellte.

Alternative Reisekataloge
Schülerinnen gestalten einen "alternativen" ReisekatalogDen Abschluss dieses Unterrichtsvorhabens bildete die Erstellung eines "alternativen" Reisekatalogs. Dabei ging es mir darum, das Bild, das Reisekataloge im allgemeinen vom Urlaubsland "Ägypten" vermitteln, um die Bilder zu ergänzen, die sich die Schülerinnen und Schüler im Laufe des Unterrichtsvorhabens eingeprägt haben, um ein Bild also, das mehr Facetten aufweist als die Windsurfing- und Pyramidenabbildungen der Hochglanzbroschüren.
Einige Schülerinnen und Schüler erklärten sich bereit, im Reisebüro Kataloge zu besorgen. Diese sahen wir uns dann gemeinsam an. Schnell wurde erkannt, dass wenig einheimische Menschen in Alltagssituationen abgebildet werden, wie sie leben, arbeiten und wohnen und es kam zu Schüleräußerungen wie "viel Sonnenuntergänge", "viele Wasserbilder", "Sandstrände", Pyramiden", "Touristen", "Luxus" ...
Die Schülerinnen und Schüler erhielten nun den Arbeitsauftrag, einen Reisekatalog anzufertigen, der etwas vom Leben der Bereisten abbilden und anstatt die typischen Fotos Informationen über Land und Leute enthalten sollte - alles Dinge, die ihrer Ansicht nach im herkömmlichen Katalog fehlen. Die Kinder zeigten viel Interesse und arbeiteten sehr engagiert. Sie gaben sich sehr viel Mühe bei der Materialsammlung (Internet, Zeitschriften usw.) und bei den selbst erstellten Texten.
Allerdings neigten einige auch dazu, den kommerziellen Produkten Konkurrenz machen zu wollen und sie schnitten sehr viele Bilder und Texte aus den Katalogen heraus, die sie eigentlich "verbessern" wollten. Als Folge tauchten in einigen Ausarbeitungen die "alternativen Details" mehr im hinteren Teil des Prospektes auf.
Die Arbeitsanweisungen müssten beim nächsten Mal noch konkreter abgesprochen und die einzelnen, mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam erarbeiten Details stichpunktartig auf einem Plakat festhalten werden.

Fazit
Wie eingangs bereits erläutert, war ein Ziel meines Unterrichtsvorhabens, den Schülerinnen und Schülern neben dem historischen Bild Ägyptens auch ein Bild vom gegenwärtigen Ägypten zu vermitteln. Ich denke, dass ich dieses Ziel erreicht habe. In einem Gespräch ließen die Kinder und ich das Unterrichtsvorhaben noch einmal Revue passieren. Was mich erfreute, war die einhellige Schülermeinung, dass sie sehr viel über das Leben der Menschen in Ägypten kennen gelernt hätten. Genannt wurde in diesem Zusammenhang besonders das sehr unterschiedliche Leben von Ismael und Yasmine, aber auch die anderen Gesichtspunkte des gegenwärtigen Ägyptens. Sie waren überrascht über die "modernen" Elemente in der ägyptischen Gesellschaft und äußerten unisono "so ein Bild hatte ich von Ägypten nicht vor Augen".
Nach Auskunft der Schülerinnen und Schüler hat ihnen dieses Unterrichtsvorhaben über den gesamten Zeitraum sehr viel Spaß bereitet. Sie führten dies auf die Methodenvielfalt zurück, die ihnen immer wieder Handlungsspielraum ließ. In einigen Arbeitsfeldern waren sie so motiviert, dass sie sogar noch nach dem regulären Schulschluss im Klassenraum weiterarbeiteten oder nachmittags häufig freiwillig Tätigkeiten (Materialien besorgen/Informationen über das Internet beschaffen/an Katalogen basteln) übernahmen.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Ausgabe 4/2003 von "Eine Welt in der Schule". Sie können diese Ausgabe jetzt herunterladen (1,4 MB).

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