Projekt "Eine Welt in der Schule"
Logo des Projekts "Eine Welt in der Schule"
Anregungen für die Grundschule und Sekundarstufe 1

line decor
    Druckversion pdf-Icon    
line decor
 

Ein Projekt des Grundschulverbandes e.V.


Logo des Grundschulverbandes

 


Arbeit ist das halbe Leben
Spiele und Geschichten zu einem brennenden Thema
Barbara Zahn

 
Aktuelles
 
"Eine Welt" 1/2017Die November-Ausgabe von "Eine Welt in der Schule" Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Grafik InklusionPop-up Ausstellung "Vielfalt in der BOX" in Bremen Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Lehrer LämpelDie nächste Fortbildung: April 2018 Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Abbildung der Thailand-KisteDas Kombi-Paket für Neueinsteiger Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Logo des WettbewerbsStartschuss für den Wettbewerb "Eine Welt für alle" Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Logo des GrundschulverbandsEine Resolution des Grundschulverbandes: Flüchtlingskinder - Wir sind verantwortlich und solidarisch Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Abbildung der Broschüre "Die große Globalisierung für kleine Leute"
Globales Lernen mit Grundschulkindern Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Titelabbildung des Orientierungsrahmens
Aktualisierter und erweiteter Orientierungsrahmen Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Bücherstapel Klassensätze für Ihre Schule! Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Titel der Broschüre "Kinderrechte Bildung - Länderschwerpunkt Ruanda"Ruanda-Materialien für die Klassen 3-7 Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Der Online-Katalog des Projekts Der Online-Katalog des Projekts Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Logo der EWIK
Im Fokus: Flucht und Asyl Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Online-Spiel Handy Crash Das Online-Spiel Handy Crash Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Buchtitel "African Kids"Neue Materialien für die Ausleihe Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Logo von HelpAge Deutschland e.V.Materialien zum Thema "Altwerden und Altsein bei uns und weltweit" Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Unterrichtspaket von Ärzte ohne GrenzenMaterial "Humanitäre Hilfe" von Ärzte ohne Grenzen Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Diese Arbeit macht mich krankMaterial zum Thema Kinderarbeit in Sambia Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Werde Aktivist/inWerde Aktivist*in! – neues Aktionsheft Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Eine Welt für KinderMaterial für Kindergarten und Schule & Sonderheft zum Thema Konsumgüter Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Abbildung der Indonesien-KisteNeu in der Ausleihe: Tansania-Kiste Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
ErziehungsratgeberFür Eltern! Wie Sie Kindern fremde Kulturen näherbringen Mehr >>>
 
Grüne Linie
 
Regelmäßiger Newsletter Mehr >>>
 
Grüne Linie

 

 

Spielen, das wird mit Kindern assoziiert. Aber arbeiten? 1989 war auf dem Grundschulkongress in Frankfurt die Arbeitsgruppe mit dem Thema "Arbeitslosigkeit" bei 5000 Lehrern diejenige, die am wenigsten häufig gewählt wurde. Arbeitslosigkeit das war das Letzte, das Allerletzte, was interessierte und das beim Thema des Kongresses: "Kinder heute - Herausforderung für die Schule". Verwunderlich war das schon damals. Inzwischen hat nun auch der Letzte lernen müssen, dass Arbeit etwas ist, was Kinder aktuell betrifft und zwar zu wenig Arbeit genauso wie zu viel. Kinder leiden darunter, dass Eltern von der Arbeit gehetzt, abgespannt oder überhaupt kaum zu Hause sind. Sie leiden aber auch, wenn Arbeitslosigkeit das Leben der Familie bedroht bzw. verändert und schließlich ist der Blick in die eigene Zukunft mit Lehrstellen- bzw. Arbeitsplatzmangel nicht eben beruhigend.
Karikatur: Wir stellen einUnter Erwachsenen ist das Thema Arbeit inzwischen allgegenwärtig. Diskutiert wird, ob alles so weitergehen soll wie bisher. Ob alle den Gürtel enger schnallen müssen oder nur ein Teil, ob mehr oder weniger gearbeitet werden soll, ob die 20 : 80-Gesellschaft (MARTIN, 1996) bevorsteht, d. h. nur noch 20 % Arbeit finden werden und ob dies Segen oder Fluch bedeutet, ob der wirtschaftliche Erfolg einiger so genannter Entwicklungsländer ein Vorteil (z. B. weniger Flüchtlinge) oder ein Nachteil ist, welches die Ursachen der Probleme sind (Technisierung, Sozialstaat, Globalisierung) und vieles mehr. Gefährlich wird die Diskussion an zahlreichen Stellen, u. a. wenn falsche Sündenböcke denunziert werden, etwa eine Ethnisierung ökonomischer Probleme vorgenommen wird, wirtschaftliche Probleme den Fremden angelastet werden. Als ob durch die Abschiebung aller Ausländer, die nach anderem Vorurteil doch gar nicht arbeiten wollen, auch das Problem Arbeitslosigkeit lösen würde. Dabei ist die Lage viel ernster.

Die Zahlen sind bedrückend: Im April 1998 sind in der Bundesrepublik Deutschland 4,42 Millionen Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen und noch mehr davon bedroht. Die Kosten bzw. Mindereinnahmen betrugen 142,5 Mrd. Mark im Jahr 1995 und eine Besserung ist nicht in Sicht. Eine Million Kinder, jedes 5. im Osten, jedes 9. im Westen, sind auf Sozialhilfe angewiesen. Weltweit sind mehr als 800 Millionen Menschen unterbeschäftigt oder arbeitslos (JENNER 1997, 217).
Ein brennendes, unausweichliches Thema ist dies, weil - alle Zeichen deuten darauf hin - nichts in Zukunft mehr sein wird wie es war. Und wie war es denn? Arbeitslosigkeit ist allenfalls in Deutschland ein neues Thema. Seit Jahrzehnten schon weisen Weitsichtige in UNO, Dritte Welt-Gruppen, Kirchen usw. darauf hin, dass ökonomische Systeme, die in Kauf nehmen, dass zwei Drittel der Menschheit mit und ohne Arbeitschancen im Elend sitzt, wohl nicht geeignet sind für das Überleben der Welt.
Naiv und brisant war dabei, dass wir in einem der reichsten Länder der Erde damit leben konnten und uns daran gewöhnt hatten, dass Millionen weder Arbeit noch eine Existenzgrundlage hatten. Dies wurde zwar vielleicht nicht mehr als gottgewollt oder naturgegeben, aber eben als "leider unabänderlich" hingenommen. Langsam dämmert uns, dass es so auch für uns nicht gut weitergehen kann. Wenn nun aber "das Gewohnte das subjektiv meist noch Hemmendere als das Mächtige ist" (BLOCH), wenn MITSCHERLICH einmal davon sprach, dass der Widerstand gegen Leibeigenschaft erst dann beginnen konnte, als sie nicht mehr als Selbstverständlichkeit betrachtet wurde, dann ahnt man nicht nur das revolutionäre Potential des Prinzips Hoffnung (BLOCH), sondern das der kreativen Phantasie.
Auch wenn große Utopien zur Zeit nicht gefragt sind, es braucht Träume gegen die derzeitige Resignation. Denn wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt (ERICH FRIED). Das "Streben nach Glück" bleibt ein unveräußerliches Recht und das Insistieren auf soziale Gerechtigkeit für alle Menschen ist unverzichtbar.

Aufgaben für die Schule
Nachdenken, überdenken, vordenken, träumen lernen, phantasieren lernen, lachen lernen über angebliche Sachzwänge und vorgeschobene Begründungen, neugierig machen auf Alternativen (z. B. was bedeutet Arbeit im historischen oder interkulturellen Vergleich), das könnten Aufgaben für die Schule sein. Das kann über die Schule hinaus einen Beitrag zum Thema "Arbeit neu denken" leisten. Beginnen kann es damit, Anstöße und Freiräume zu geben, damit das Thema zur Sprache kommt und Zuhören und Nachfragen eingeübt wird. Dass es gerecht zu gehen soll in der Schule, in der Familie, auf der Welt, das ist für Kinder im Grundschulalter ein zentrales Thema. Nichts ist schlimmer, als wenn die Lehrerin oder der Lehrer als ungerecht empfunden wird. Das Gerechtigkeitsempfinden der Kinder ist ein zu hütender Schatz, ein Jammer, dass wir uns als Erwachsene so sehr an Ungerechtigkeiten gewöhnt haben, dass Leidenschaft und Protest oft ausbleiben. Dabei haben die Kinder recht; So kann, so darf es nicht bleiben. Notwendig ist zumindest, radikal - d. h. bis zu den Wurzeln - nachzudenken über Arbeit und Lebensweise.

Was Kinder lernen könnten:
· Respekt gegenüber der Arbeit und arbeitenden Menschen. Dabei können Kinder verschiedene Arbeiten kennen- und schätzen lernen und sehen, dass zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten Arbeit unterschiedlich bewertet wurde und wird.
· Verständnis für Arbeitslose. Dies bedeutet zuerst einmal erfahren, wie Arbeitslosigkeit erlebt wird bei den Betroffenen und ihren Familien. Nachgedacht werden muss über Ursachen von Arbeitslosigkeit. Von Leiharbeit, Saisonarbeit, Tagelöhnern, Konkurrenz und Strukturwandel kann an Beispielen berichtet werden und von verschiedenen Arten mit den Problemen umzugehen (Resignation, Kriminalität, Protest, Initiativen usw.)
· Sinn und Zweck von Arbeit reflektieren. Leben um zu arbeiten? Arbeiten um zu leben? Dazu wird man Beispiele finden und sie überdenken müssen. Deutlich sollte auch werden, dass nicht jede Arbeit schon per se gut und richtig ist.
· Menschenwürde ist nicht durch Arbeit definiert. Leben ist mehr als Arbeit. Nachzudenken wäre, wofür es sich zu leben lohnt.

Als Lehrerin möchte ich Schülerinnen und Schüler zur Beschäftigung mit diesen Fragen anregen und dabei ein Stück mithelfen, z. B. durch das Kennen lernen anderer Kulturen, Arbeit auch ganz anders zu sehen.


Zur Situation in der Klasse
Existenzsicherung in der Zukunft, das betrifft auch Kinder. Doch schon heute geht ihnen das Thema Arbeit nahe. Ich habe Schülerinnen und Schüler aus vielen Ländern in meiner internationalen Vorbereitungsklasse, mit denen ich mich nur mühsam verständigen kann. Aber in ihrer Lebenssituation erfahren sie, was es für eine Familie heißt, Arbeit zu haben oder nicht.
· Viele Kinder sind allein zu Hause, weil die Eltern Schichtarbeit haben. "Muss ich schon nach Hause?", fragen sie beim Klingeln.
· Die Kinder aus Kasachstan, Kamerun oder dem Irak erleben mit, wie die Eltern auf Arbeitssuche gehen oder die älteren Geschwister sich um eine Lehrstelle bemühen. Sie haben in Erinnerung, wie wenig man verdiente in der alten Heimat trotz harter Arbeit und wie mühsam es ist, sich eine neue Existenz aufzubauen.
· Drei Kosovokinder fragen permanent nach, ob die Mutter hier in der Schule arbeiten kann, und auch ein libanesischer Junge kämpft mit dem Mut der Verzweiflung um Arbeit für seinen Vater, damit die Familien nicht zurückmüssen ins Ungewisse.
· Und zwischen ausländischen Kindern aus der Türkei oder aus EU-Ländern, Aussiedlern und Asylsuchenden erlebt man täglich den offenen oder heimlichen Kampf um die letzten Plätze in der Hierarchie.
In jeder Klasse gibt es andere Erfahrungen. In jeder Klasse wird man auch andere Zugangsweisen finden. In meiner Klasse sprechen die Kinder kaum deutsch, jeden Monat kommen neue Schülerinnen und Schüler hinzu. Alles verlangt nach Visualisierung und Handlungsmöglichkeiten, und immer wieder muss Altes wiederholt werden. Sprachmuster und Wortfelder versuche ich in einen anderen Kontext zu transponieren und trotz der Sprachlosigkeit Themen aufzunehmen, die sie betreffen, Nachdenken anzuregen und Aufgeschlossenheit für andere Menschen anzubahnen.

Es muss nicht immer Monopoly sein

Hautnah selbst erfahren, wie Arbeit und ungerechte Entlohnung sich anfühlt und welche Reaktionen es dabei gibt.

Reis und Linsen werden sortiertJeder Teilnehmer erhält einen Zettel, der ihm seine Funktion nennt (l Aufseher, l Angestellter im Lohnbüro, l Verkäufer, ein Drittel der restlichen Teilnehmer sind Arbeiter bzw. arbeitslos). Hinzu kommen je nach Zusammensetzung der Gruppe;
Sozialarbeiter, Lehrer, Pfarrer, Presseleute, Polizisten, allein stehende Mütter usw. Im Akkord müssen vorbereitete Mischungen aus Reis und Linsen sortiert werden. Die Bezahlung erfolgt - unerwartet - entsprechend der Bezeichnung auf dem Zettel, nicht nach Leistung. Arbeiter l bekommt z. B. 10 Pf, Arbeiter 3 nur 3 Pf. Der Verdienst von Arbeiter 3 reicht kaum für trockenes Brot und Wasser.
Die Empörung ist groß, egal ob man das Spiel mit Erwachsenen oder Kindern spielt. Oft werde ich tagelang immer wieder darauf angesprochen, viele erinnern sich noch nach Jahren daran. Wer hatte nicht im Kopf, wer wusste nicht, dass es Leute gibt, die wenig und andere die viel verdienen? Hier nun aber wird die Ungerechtigkeit am eigenen Leib erfahren, je nachdem, welches Los (!) einen getroffen hat. Ein ganzes Spektrum von Reaktionen kann dabei erlebt und studiert werden. Es gibt lauten und leisen Ärger, Diebstahl, Aufruhr, Resignation, Apathie, Schuldgefühle, heimliches und verschämtes Essen, Solidarisierung. Wenn am Schluss die Mitspieler über ihre Erfahrungen berichten, so wird erzählt, dass man irgendwie nicht durchblickte, Willkür vermutete, die Arbeitslosen fühlten sich ausgeschlossen. Die anderen, viel beschäftigt, bemerkten sie kaum. Jedes Mal läuft das Spiel anders ab, jeder gestaltet seine Rolle anders.


Im Lohnbüro wird das Geld ausbezahltEinige Kinderaussagen zum Spiel:
"Das ist so ungerecht. Das gibt's gar nicht. Ich hatte ganz viel gesammelt, ich war zuerst fertig. Man ist stolz darauf. Und dann kriegt man nix. Das ist so gemein. Und warum kriegt die was?" "Das ist alles genau geregelt, sagt der vom Büro, von wegen. Sauerei. Und jeder sagt, so ist das halt. Und keiner weiß, was los ist." "Ich fand's gut, ich konnte viele Mohrenköpfe essen." "Mir haben die nicht geschmeckt. Ich hab mich geniert. Die haben alle so geguckt. Geteilt hat keiner." "Wir haben nur so gestohlen, das war lustig. Die Kasse wurde einfach rausgerissen. Und keiner war's."

Freude und Enttäuschung

Global Play - Veranschaulichungen

Wie geht es im Unterricht weiter? Man kann nicht ein für alle Mal die optimale Anschlusssequenz formulieren. Ich habe schon Unterschiedliches probiert. Man kann Statistiken und Schaubilder anschauen oder sich mit konkreten Beispielen beschäftigen.
· Ein Welthaus zeichnen, mit Stockwerken voller Luxus und dem Untergeschoss dicht gefüllt mit Armen.
· Auf einer Weltkarte Graphiken ansehen über Einkommensunterschiede und sich aufregen über Ungerechtigkeiten.

Das Weltbild ist kein Happening, sondern bittere Realität. Es spiegelt die herrschenden Verhältnisse auf der Welt wieder.

· Ein Poster von einer Jugendaktion betrachten (Titel: "Vergib", erhältlich bei BROT FÜR DIE WELT). Auf der oberen Hälfte schaut eine bunt gemischte Gruppe von Menschen einem hellhäutigen Mann beim Essen zu. Auf der unteren Hälfte sitzen ebenfalls alle um den Tisch, aber diesmal essen alle gemeinsam.

Geschichten aus dem Süden

Es geht nicht nur um statistische Werte, sondern um konkrete Menschen. Von ihnen sollte an Beispielen möglichst authentisch berichtet werden. Die Kinder sollten merken, dass Arbeit auch für Südamerikaner oder Türken große unsägliche Mühe bedeutet, sie auch unter Hitze und Ungerechtigkeit leiden und der Lohn oft nicht zur Existenzsicherung reicht. Authentisches Kennen lernen braucht Zeit, um sich in andere hineinzufinden, ihnen zuzuhören, ihre Situation aufzunehmen.

Eine davon heißt: Gelbe Hitze. Es ist eine kurze Erzählung aus Anatolien. Ein kleiner Junge, behütet bis dahin von seiner Mutter, hilft zum ersten Mal bei den Erntearbeiten des Großgrundbesitzers mit. Er erlebt die sengende Hitze und die unsäglichen Mühen, bis er seinen Lohn erhält. Man kann sie in ein bis zwei Unterrichtsstunden erzählen, ganz oder teilweise vorlesen, erläutern, spielen, malen. In der Türkei, so wurde mir gesagt, findet man sie in den Schulbüchern. Der Autor, YASAR KEMAL, ist weltberühmt und erhielt 1997 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.
Gut eignen sich auch Biographien von Jugendlichen aus aller Welt, um Lebenssituationen unter diesen "Weltspielbedingungen" näher kennen zu lernen (z. B. "Leben im Zeitalter der Globalisierung", BROT FÜR DIE WELT).
Ein konkretes Beispiel, geeignet für ein längeres Unterrichtsvorhaben von ein bis zwei Wochen, ist die Geschichte von Rosita. Davon möchte ich ausführlicher berichten.

Rosita in Peru
Durch die zwar schon älteren aber nach wie vor hervorragenden Materialien von MISEREOR (s. S. 16) wie Dias, Fotoposter, Kassette, Arbeitsblätter, informative Zeichnungen u. a. lässt sich mit wenig Aufwand ein sehr vielfältiger Unterricht gestalten.
Warum gerade das Beispiel Peru? Gibt es nichts, was näher liegt? Kein Kind in der Klasse kommt aus Peru! Gerade dieser Umstand hilft, Eifersucht zu vermeiden, da kein Kind bevorzugt wird. Aber viele Kinder, so die Erfahrung, kommen durch diese Impulse ins Erzählen. Sie erkennen auf der Folie des Fremden vieles deutlicher, auch bei sich selbst und können sich einbringen. Dieser "Umweg" über die Fremde bedeutet nicht dessen Instrumentalisierung, sondern das Fremde selbst ist wert, dass Kinder es aufnehmen und Neugier auf die andere Seite der Welt geweckt wird. Dann können später im Unterricht auch andere Geschichten folgen, z. B. von einem indischen Computerspezialisten, der nur einen Bruchteil dessen verdient, was sein europäischer Kollege bekommt oder von einer Blumenarbeiterin in Kolumbien usw. Die Welt soll Gesichter bekommen, das wäre ein Ziel.

Wir lernen Rosita kennen
· Film: Rosita von Peru (FWU). Die Kinder betrachten den Film, äußern sich dazu so gut meine wenig deutschsprechenden Schülerinnen und Schülern es können.
· Sie malen, was sie beeindruckt hat. So können sie sich mitteilen gegenüber Mitschülern und Lehrerinnen oder Lehrern, und man erhält Rückmeldungen. Zugleich wird das Bild für die geplante Ausstellung gebraucht und kann Titelbild für unser Buch werden.
· Das Buch: Tristras (MISEREOR). Wir betrachten und lesen das Buch und berichten darüber. Es begleitet uns einige Tage und wird von den Kindern immer wieder angesehen. Da es aus einem fernen Land berichtet, hat es nicht den Geruch eines gewöhnlichen Bilderbuchs, das den älteren Grundschülern zu kindisch erscheinen würde. Probleme, dass das Mädchen in dem Buch nicht Rosita sondern Juanita heißt und in Bolivien lebt, ergeben sich nicht. Für die Kinder bleibt es eine Familie, die dann auch wieder in den Dias vorkommt. Auch mir ging es hier nicht darum, detailreich Unterschiede herauszuarbeiten, sondern den Kindern Personen nahe zu bringen.
· Dias zur Brücke nach Peru (MISEREOR). Sie können unterschiedlich geordnet immer wieder eingesetzt werden, um den Tageslauf, die Arbeiten oder die Familienangehörigen zu zeigen.
· Fotoposter zur Brücke nach Peru. .Man kann sie, in Folienhüllen gesichert, gut für Gruppenarbeit verwenden oder dazu erzählen lassen. Sie lassen sich zu bestimmten Themen anordnen mit den Wollfäden usw. und schließlich an der Pinnwand aufhängen.
· Spielfiguren. Sie sind hübsch und detailreich auf Pappe gemalt. Sie sind gute Sprechanlässe und die Kinder spielen viele Situationen nach.
· Musik: Sie gehört dazu, weil sie besonders Spaß macht und ganz authentisch wirkt. Eine Kassette, die dem MISEREOR Material beigefügt ist, bedeutet eine wunderbare Ergänzung. Instrumente werden vorgestellt. Man hört Panflöten, die ich mitbringe und die Kinder ausprobieren dürfen. Man kann sie auch aus Bambusstäben selbst bauen. Das Lied "Kocht Reis mit Milch" oder noch interessanter auf spanisch "Arroz con leche" mit einem zündenden Rhythmus ist bald ein Hit in der Klasse, die fremdartige ruhige Melodie "Meine Schafe, meine Herde" begleitet die Kinder immer wieder bei Formen der Stillarbeit. Ein Tanz mit Anweisungen und die entsprechende Musik sind sehr beliebt und werden auch im Sportunterricht immer wieder gewünscht.

Die Sache mit der Arbeit

Auch anderswo arbeiten Menschen. Vieles ist ähnlich, vieles auch anders, gegenseitige Achtung und Verständnis ist notwendig.

Arbeiten wie die Kinder in Südamerika: Der Schuhputzer· Was arbeitet Rosita? Kinder haben vom Film einiges gemalt und aufgeschrieben. Ergänzt kann dies werden durch die Betrachtung der Fotos. Die Kinder spielen in Pantomimen Arbeiten vor, die Mitschüler raten.
· Arbeiten wie Rosita: Wir wählen aus den verschiedenen Tätigkeiten im Haus das Brotbacken. Dazu untersuchen wir die Körner von verschiedenen Getreidearten und nennen die Namen. Wir versuchen, zwischen Steinen und mit der Schrotmühle Mehl zu mahlen und Fladenbrot auf dem Campingkocher in der Pfanne zu backen.
Arbeiten wie Kinder in Südamerika: Im Bergwerk· Hantieren mit Wolle: Die Kinder befühlen Baumwolle bzw. Schafwolle, riechen daran, ordnen Stoffe zu, spinnen, färben mit Pflanzen, die wir kochen, weben mit einem kleinen Papprahmen und fertigen tagelang mit großer Begeisterung Kordeln. Am Schaukasten, ausgeliehen aus dem Handarbeitsraum, können alle sich informieren.
· Arbeiten wie Kinder in Südamerika: Etwas zögerlich habe ich mit einfachen Mitteln Stationen aufgebaut:
· Weben, Schuhe putzen, Bergwerk, Tüten falten. Meine Vorbehalte gegenüber diesem Pseudoarbeiten lassen nach, als ich sehe, wie vertieft und mit Ausdauer Kinder diese verschiedenen Tätigkeiten ausprobieren.
· Auch wir arbeiten: Auf einem Arbeitsblatt werden nicht nur verschiedene Zeitformen geübt, sondern es ergeben sich viele Impulse zum Erzählen und Nachdenken.


Wir machen eine Ausstellung

Auch andere sollen von unseren Erfahrungen etwas mitbekommen. Zugleich sollen durch das Hantieren mit Bildern und Gegenständen auch die Dinge im Kopf geordnet werden.

Die Gestaltung einer Ausstellung ist ein Projekt für sich, das verschiedenste, sonst oft vernachlässigte Begabungen braucht: Organisationstalent, Gestaltungsgeschick, Schönschreibfähigkeiten, Zusammenarbeit und vieles mehr.
Im Schaukasten gibt es eine Ecke mit Instrumenten wie Panflöte, Flöte, Trommel und Figuren aus dem Welttheater von BROT FÜR DIE WELT. Auf der anderen Seite liegen Materialien zum Thema Wolle: Eine Baumwollpflanze, Schafwolle, jeweils Fäden und Stoffe dazu, eine Spindel, selbst gebastelte Wollschafe, Pullover aus Peru, Indiomützen, Webrahmen aus Guatemala, kleine Webarbeiten der Kinder, Kordeln. Hinzu kommen Schülerarbeiten, unser Projektbuch mit einzelnen Textseiten, z. B. was Rosita arbeitet, was sie verdient.
An der Pinnwand sind Fotos von Rosita zu sehen, die Stationen der Verarbeitung der Wolle werden gezeigt. Auch das selbst gestaltete Poster einer Indianerin mit Kind und Denkanstöße aus dem Unterricht zum Thema Arbeitsplätze kann hier wieder sinnvoll verwendet werden. Besonders erfreulich ist die gute Zusammenarbeit mit einer Kollegin, die Textiles Werken unterrichtet. Sie hilft aus mit Rohwolle und Lehrkasten, und sie selbst geht mit Kindern verschiedener Klassen zu der kleinen Ausstellung und nutzt den Schaukasten und die Informationen auf der Pinnwand als Anschauungsmaterial.

Wie sind die Erfahrungen?
Geschichten vom anderen Ende der Welt, die interessant sind, Neugier wecken und Anteilnahme, sind ein guter Einstieg. Vor allem staune ich, wie die Kinder angeregt werden zu erzählen. Zwei Jungen, um Worte kämpfend, sind kaum zu bremsen beim Erzählen, dass alles wie in Albanien sei, die Mutter mit einem Stab noch hauchdünnere Fladen herstellen könne, sie ein Feld hatten und Tiere hüteten. Viele haben solche Erinnerungen, ob sie aus dem Irak, aus einem Land in Afrika oder aus Kasachstan kommen. Dort gäbe es mehr Freiheit, sagt ein Neuntklässler.

Man könne dort überall fischen, jagen, Pilze und Beeren suchen. Heimweh ist zu spüren, wenn sie ihre Fotos mitbringen. Eine wichtige Rolle spielt im Unterricht der ausgestopfte Hahn, der noch übrig geblieben ist von einer Zeichenstunde. Er wird gefüttert und umarmt. Die Kinder haben den ganzen Morgen südamerikanische Pullover an, versuchen sich mit den verschiedenen Arbeiten, für sie ist es ein Spiel, dort - das erkannten sie wohl - war das Ernst. Wenn keiner die Schülerinnen und Schüler mehr annimmt, es wäre Faulheit, welche die Leute dazu verdammt, arm zu sein, sondern es Strukturen anzulasten ist, die es nicht erlauben auf einen grünen Zweig zu kommen, so wäre schon viel gewonnen.

Anstöße zum Nachdenken über Arbeit

Arbeit kann Unterschiedlich sein je nach Begabung, Neigung und Notwendigkeit. Sie wird unterschiedlich gewichtet in verschiedenen Zeiten und Kulturen, wobei immer beide Blickwinkel bedacht werden sollten.

Bei der Geschichte von Rosita gibt es immer wieder Phasen und Momente des Nachdenkens. Einige Aspekte möchte ich nochmals gesondert vertiefen.

Kinder, die Mitarbeiten
Arbeit, die schwer ist, Arbeit die Spaß macht - Der Clown als Tafelbild
Er erinnert an den Clown im Film. Die Kinder spielen Clown, malen ihn, und wir versuchen darüber nachzudenken, ob seine Späße und Kunststücke auch Arbeit sind.
Arbeit kann ganz verschieden sein - Erzählen zu Kalenderfotos
Dazu habe ich Fotos zu verschiedenen Berufen auf dem Boden ausgelegt, die Kinder setzen sich im Kreis darum herum, wählen Fotos aus, erzählen und fragen. Wir sprechen über Berufswünsche und üben dabei, Sätze im Futur zu bilden.
Warum und wozu Arbeit? - Spielszenen Nachdenkgeschichten kann man Kindern mit ausreichenden Deutschkenntnissen erzählen, sie spielen, malen, gestalten, besprechen. Jede Gruppe bekommt auf einem Zettel in Stichworten eine Geschichte skizziert und Hinweise zur Gestaltung.

Wie geschieht die Auswertung?

Man kann einen Lehrsatz formulieren in der Art Johann Peter Hebels: "Merke guter Freund" oder man kann auf buntem Papier die Eindrücke, das Aha-Erlebnis festhalten.
Inhaltlich gibt es manche Kontroversen. Arbeit ist das halbe Leben, d. h. sie sichert in vielen Fällen wenigstens das Überleben, ohne Arbeit wäre die Existenz oft noch mehr bedroht. Arbeit befriedigt, es ist schön, stolz auf seiner Hände Werk zu sein. Aber man kann diesen Satz auch auf andere Weise verstehen.
Arbeit ist das halbe Leben, das heißt auch: Leben ist mehr als Arbeit. "The pursuit of happiness", wie es die Gründungsväter der USA sahen, das Lebensverständnis der alten Griechen, der Gruß "Schalom" bei den Juden, die Bitte um das tägliche Brot im Christlichen Glauben, entfaltet etwa bei Martin Luther im Katechismus, umfasst viel mehr. Arbeit ist nur das halbe Leben.
Wir werden manchmal ganz aktuell auf ärgerliche Weise daran erinnert. Es kommt immer wieder bei ausländischen Schülerinnen und Schülern und ihren Familien vor, dass sie in die Heimat reisen, wenn Familienangelegenheiten zu regeln sind, ohne sich um Arbeitsplatz oder Schulferien zu kümmern. Wie gehen wir damit um? Ordnung muss sein. Aber muss es eine Ordnung sein, die soziale Werte hinten anstellt? Welches sind die wirklichen Prioritäten? Schwaben, denen "schaffen, sparen, Häusle bauen, sterben" nachgesagt wird, fällt es schwer zu hören "man muss nicht leben, um zu arbeiten". Sinn macht es sicher umgekehrt, denn Arbeit bzw. Geldverdienen ist, das müssten auch Schwaben kapieren, kein Selbstzweck. Wichtig wäre, lebenswert leben zu können. Braucht es dazu immer Geld? Und muss Arbeit und gerechter Lohn unbedingt mit Geld gekoppelt sein? Kann nicht manches auch durch Tausch befriedigt werden wie in den alten Zeiten der Subsistenzwirtschaft oder ganz aktuell in Tauschringen, wo Fähigkeiten und Fertigkeiten angeboten werden? Und ist in vielen so genannten Naturvölkern nicht der reich, der viel gegeben hat (z. B. Feste veranstaltete, Beziehungen knüpfte, auf die man sich verlassen konnte). Sind diese Freundschaften nicht mehr wert, kostbarer als Reichtum an Besitz?
Es gibt hier noch vieles weiter zu bedenken, wie es in dem Artikel "Global Spots" geschehen soll. Man könnte es sich leicht machen und sagen, das eine ist für die Grundschule, wie z. B. Rosita, das andere für die Sekundarstufe geeignet. Aber die Grundfragen gehen alle an. Sie sind auch mit Kindern - je nach Anlass nicht in einer Einheit ein für alle Mal, sondern das Jahr über - immer wieder aufzugreifen. Ich denke, es ist schon eine Hilfe, die Aufgaben zu formulieren und anzudeuten, wie konkreter Unterricht verläuft, vielleicht fallen manchen dann auch weitere Umsetzungsmöglichkeiten ein.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Ausgabe 2/1999 von "Eine Welt in der Schule". Sie können diese Ausgabe jetzt herunterladen (1,9 MB).

Spendenhinweis

 


Ein Projekt des Grundschulverbandes e.V.

Universität Bremen - Fachbereich 12
Erziehungs- und Bildungswissenschaften

Gefördert durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Logo der Universität Bremen

Logo des Bundesmnisteriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit


 
[Impressum] - Copyright © Projekt "Eine Welt in der Schule" 1999-2017 - Universität Bremen-FB 12 - Bibliothekstraße (Sportturm Raum 5185) - 28359 Bremen - Tel. +49 421 218-69775 - einewelt@uni-bremen.de