Als Lehramtsanwärterin unterrichte ich zurzeit
in einer Klasse 6/7 der Förderschule. In der achten und neunten
Klasse führen die Schülerinnen und Schüler jeweils ein
Berufspraktikum durch. Mein Anliegen war es, die Schülerinnen und
Schüler schon vor der Durchführung der Praktika zu einer ersten
Auseinandersetzung mit dem Thema "Arbeit" anzuregen.
Während meines Studiums habe ich mich thematisch mit der Situation
von Schülerinnen und Schülern der Förderschule zwischen
Schule und Beruf und mit der pädagogischen Gestaltung dieser Übergangszeit
beschäftigt. Hierbei wurde mir deutlich, dass sich die Aussicht
dieser Schülerinnen und Schüler auf eine befriedigende berufliche
Eingliederung in der heutigen Zeit äußerst problematisch
darstellt. Zu nennen wären diesbezüglich beispielsweise die
geringe Zahl an Ausbildungsplätzen, Anforderungen der Betriebe,
denen die Jugendlichen nicht genügen, oder die häufig nicht
ausreichende Unterstützung, die die Schülerinnen und Schüler
in ihrem Umfeld erfahren.
Angesichts dieser Umstände werden für die Förderschule
neue Herausforderungen formuliert. Zum einen werden in der Literatur
diesbezüglich neue Formen der Organisation vorgeschlagen (unterschiedliche
Formen der Zusammenarbeit mit der Berufsschule, mit Betrieben, mit dem
Arbeitsamt usw.). Zum anderen wird von den Lehrerinnen und Lehrern der
Förderschule gefordert, problematische Aspekte der künftigen
Lebens- und Arbeitswelt der Schülerinnen und Schüler nicht
zu verschweigen, sondern im Unterricht zu thematisieren.
Hierbei
sollte die Auseinandersetzung mit dem Thema "Arbeit" möglichst
frühzeitig beginnen. Arbeit sollte in ihren vielfältigen Formen
betrachtet werden, wobei auch die respektvolle Beachtung von Eigenarbeit
eine immer größere Rolle spielen kann. Aspekte der Arbeitswelt
sollten immer im größeren gesellschaftlichen Zusammenhang
gesehen werden.
Als Lehramtsanwärterin habe ich meine Examensarbeit als Möglichkeit
genutzt, ein Unterrichtsbeispiel zu entwickeln, das eine Einführung
in Themen der Arbeitswelt ermöglicht. Als Inhalt habe ich das Thema
"Kinderarbeit in der Dritten Welt" gewählt, da es meiner
Meinung nach den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeil
bietet, sich schon frühzeitig mit unterschiedlichen Aspekten der
Arbeitswelt, auch mit problematischen Faktoren, auseinander zu setzen.
Viele Kinder, die im gleichen Alter wie die Schülerinnen und Schüler
sind. sind schon in den unterschiedlichsten Arbeitsformen tätig
und müssen häufig schwierige Lebenslagen meistern.
Kinderarbeit
Laut UNICEF arbeiten nach einer aktuellen Studie der ILO (Internationale
Arbeitsorganisation) weltweit ungefähr 250 Millionen Kinder im
Alter zwischen fünf und 15 Jahren. Ungefähr die Hälfte
davon arbeitet ganztags, die andere Hälfte verbindet die Arbeit
mit schulischen oder anderen Aktivitäten. Kinderarbeit gibt es
weltweit, allerdings ist sie in den weniger entwickelten Regionen stärker
verbreitet: In Asien arbeiten ungefähr 61 % der weltweit arbeitenden
Kinder, in Afrika 32% und in Lateinamerika 7%. Diese Zahlen beruhen
auf Schätzungen, denn nur eine geringe Zahl der Kinder arbeitet
in Vertragsverhältnissen. Viele arbeiten unbezahlt im Haushalt,
in Familienbetrieben, in der Landwirtschaft oder im so genannten informellen
Sektor, zum Beispiel auf der Straße.
Die meisten der Kinder stammen aus sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten.
Als wichtigste Faktoren für Kinderarbeit lassen sich Armut, Landflucht
und Verstädterung sowie mangelhafte Bildungsangebote nennen. Kinderarbeit
ist zudem billiger als die Arbeit von Erwachsenen, und Kinder sind leichter
auszubeuten. Insgesamt ist festzustellen, dass weltweit über eine
Milliarde Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. "Kinderarbeit
spiegelt generell die soziale Kluft zwischen Arm und Reich in Entwicklungs-,
aber auch in Industrieländern wieder."
UNICEF merkt zum Begriff der Kinderarbeit an, dass nicht jede Form von
Arbeit für Kinder als schlecht zu bewerten ist. "Es
gibt Beschäftigungen für Kinder, die durchaus einen positiven
Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben können, wenn sie
das Kind nicht von Schulbesuch, Spiel und Ruhezeiten abhalten."
Diesbezüglich weist TERRE DES HOMMES auf die Definitionen hin,
die im englischen Sprachraum geläufig sind: Es wird "zwischen
der als ausbeuterisch und sozial schädigenden child labour und
der primär als >nicht ökonomisch< definierten child
work unterschieden. Erstere sollte verboten werden, zweitere wird als
Teil kindlicher Sozialisation nicht prinzipiell in Frage gestellt."
Auch UNICEF unterscheidet zwischen Tätigkeiten, die für die
Entwicklung von Kindern förderlich sind, und solchen, die sich
schädlich auf Kinder auswirken. Sie geben allerdings zu bedenken,
dass sich in vielen Fällen Kinderarbeit in einer "Grauzone"
zwischen diesen beiden Möglichkeiten befindet. Sie definieren ausbeuterische
Kinderarbeit folgendermaßen:
"Kinder werden ausgebeutet, wenn:
· Kinder zu früh einer Vollbeschäftigung nachgehen
müssen,
· ihre Arbeitszeiten zu lang sind,
· ihre Arbeit schlecht bezahlt wird,
· den Kindern zu viel Verantwortung übertragen wird,
· die Tätigkeit langweilig, monoton und unkreativ ist,
· oder das Arbeitsfeld, wie zum Beispiel
auf der Straße, gefährlich ist.
Arbeiten, die Kinder körperlich und seelisch zu stark belasten
und keine Zeit für den Schulbesuch und die Schularbeiten lassen,
sind ebenfalls Ausbeutung."
Als ein wichtiges internationales Übereinkommen
zur Kinderarbeit wird die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen
verstanden. Sie wurde 1989 verabschiedet. In ihr sind bürgerliche,
politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte von Kindern
verankert. Artikel 32 legt das Recht der Kinder fest, vor Arbeit geschützt
zu werden, die ihre körperliche und seelische Gesundheit und ihr
Recht auf Bildung und Entwicklung bedrohen. Weitere Artikel erkennen
das Recht auf Freizeit, Bildung, Ernährung und soziale Sicherheit
an. Bisher haben 187 Staaten die Konvention ratifiziert. Damit verpflichten
sie sich, ein Mindestalter für die Beschäftigung festzusetzen
und Arbeitsbedingungen gesetzlich zu regeln.
Menschenrechtsorganisationen wie terre des hommes unterstützen
die arbeitenden Kinder bei der Durchsetzung ihrer zentralen Rechte.
In verschiedenen Projekten fordern sie deren Ernährung und Gesundheit,
ihre Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten, ihre Selbstorganisation
und ihre Freizeitgestaltung.
Methodische Ideen für meine Planung
Die Unterrichtsinhalte wurden maßgeblich von mir als Lehrerin
vorgegeben. Für die methodische Umsetzung wählte ich verschiedene
methodische Handlungsmuster aus, die die Schülerinnen und Schüler
zur selbstständigen und handelnden Auseinandersetzung mit dem Thema
anregen sollten.
In Form von Handlungseinheiten erwarben sie grundlegende methodische
Kenntnisse, um Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu gewinnen
und auszuwerten.
Durch die selbstständige Arbeit an Stationen setzten sich die Schülerinnen
und Schüler mit anderen Lebensformen auseinander. Hierbei konnten
vielfältige Aspekte der Lebenssituationen der jeweiligen Kinder
dargestellt werden.
Weiterhin gaben Rollenspiele und Simulationen den Schülerinnen
und Schülern die Möglichkeit, sich in die Lage anderer Kinder
hineinzuversetzen.
Unterrichtsgespräche in der Gesamtgruppe, in Kleingruppen und Partnerarbeit
regten die Schülerinnen und Schüler an, sich über die
erworbenen Kenntnisse und gemachten Erfahrungen auszutauschen.
Anmerkung zu den differenzierenden Maßnahmen
Hierbei werde ich nicht im Einzelnen auf jede differenzierende Maßnahme
eingehen, die ich im Unterricht einsetzte. Stattdessen stelle ich an
dieser Stelle verschiedene differenzierende Maßnahmen, die in
dieser Klasse zum Tragen kamen, im Überblick vor.
In diesem Vorhaben waren Unterrichtsgespräche in der Groß-
bzw. Kleingruppe von entscheidender Bedeutung. Die Schülerinnen
und Schüler sollten sich über persönliche Erkenntnisse
und Erfahrungen austauschen, wofür eine angenehme Gesprächsatmosphäre
wichtig ist. Einigen Schülerinnen und Schülern fiel es noch
sehr schwer, Gesprächsregeln wie Melden, Zuhören oder "Auslachen
verboten" einzuhalten. Sie mussten gezielt daran erinnert werden.
Einzelne Schülerinnen und Schüler zeigten große Unsicherheiten
bei der eigenständigen Wiedergabe von Schriftsprache. Als Hilfestellung
erhielten sie bei einigen Aufgabenstellungen zum Beispiel Wörter-
oder Satzlisten, das Schülerwörterbuch (welches allen Schülerinnen
und Schülern jederzeit zur Verfügung steht) oder konnten der
Lehrerin ihre Ideen diktieren.
Andere Schülerinnen und Schüler hatten Probleme beim Erkennen
von Zusammenhängen oder der gezielten Entnahme von Informationen,
besonders bei der Textarbeit. Sie erhielten beispielsweise Textmaterial,
bei dem die wichtigen Informationen markiert waren.
In einzelnen Unterrichtsabschnitten, zum Beispiel bei der Stationsarbeit,
wurde von den Schülerinnen und Schülern die Fertigkeit zum
selbstständigen, konzentrierten Arbeiten verlangt. Schülerinnen
und Schüler, die Probleme diesbezüglich hatten, erhielten
zum einen personelle Unterstützung durch die Lehrkraft, zum Beispiel
Anregungen zur Weiterarbeit oder Kontrolle in kurzzeitigen Abständen.
Zum anderen wurden Gruppen- und Partnereinteilungen so vorgenommen und
mit den Schülerinnen und Schülern besprochen, dass die Mitschüler
sich gegenseitig in ihrem Arbeitsverhalten unterstützen konnten.
Organisationsrahmen
Das Unterrichtsvorhaben wurde über einen Zeitraum von ca. sechs
Wochen durchgeführt. Es wurde fächerübergreifend im Deutsch-
und Erdkundeunterricht, neun Stunden die Woche, gearbeitet. Das Vorhaben
gliederte sich in sechs Sequenzen, die aufeinander aufbauen.
1. Wir betrachten unseren Arbeitsalltag.
- Wir ordnen unsere Arbeitstätigkeiten verschiedenen
Arbeitsformen zu.
- Wir beschreiben unseren Tagesablauf in einem Interview.
- Wir stellen unseren Lebens-/Arbeitsalltag in einem Diagramm dar.
- Wir beschreiben unsere Arbeitstätigkeiten.
2. Wir betrachten den Lebens-/Arbeitsalltag von
Luis, einem Zeitungsverkäufer aus El Salvador.
- Wir machen eine "Flugreise" nach El Salvador.
- Wir lernen Luis' Lebenssituation kennen und beschreiben seinen Alltag
mit Tabelle und Diagramm.
- Wir beschreiben Luis' Arbeitstätigkeit.
3. Wir betrachten den Lebens-/Arbeitsalltag
von Aminata, einem Mädchen aus Senegal.
- s. o.
4. Wir betrachten die Lebens- und Arbeitssituationen
im Vergleich.
- Wir fassen unsere Lebens- und Arbeitssituation zum Vergleich zusammen.
- Wir bewerten die verschiedenen Lebens- und Arbeitssituationen.
5. Wir erfahren, dass Kinder Rechte haben.
- Wir lernen Teile der Kinderrechtskonvention kennen.
- Wir untersuchen anhand der Beispiele, wo unsere Rechte und die der
anderen Kinder gewahrt sind und wo nicht.
6. Wir gestalten eine Ausstellung zu dem
Thema "Kinder arbeiten - bei uns und in anderen Ländern".
- Wir gestalten die Ausstellungswände.
- Wir üben für die Präsentation.
- Wir präsentieren die Ausstellung vor anderen Schülerinnen
und Schülern.
Planung des Unterrichtsvorhabens
Im Unterrichtsvorhaben "Kinder arbeiten - bei uns und in anderen
Ländern" sollten die Schülerinnen und Schüler die
Lebens- und Arbeitssituationen von zwei verschiedenen Kindern in unterschiedlichen
Ländern kennen lernen und diese mit ihrer eigenen Lebens- und Arbeitssituation
vergleichen. In Bezug auf die inhaltlichen Schwerpunkte des Projektes
"Eine Welt in der Schule" ordne ich das Unterrichtsvorhaben
mit diesen Zielen dem Bereich "Vernetzung zwischen hier und anderswo"
zu.
Lebens- und Arbeitssituationen sind komplexe Zusammenhänge. Ich
halte es für wichtig, den Schülerinnen und Schülern konkrete
Strukturierungshilfen für die Betrachtung und Analyse solcher Situationen
zur Verfügung zu stellen. Hierfür hatte ich drei Zugangsweisen
ausgewählt, anhand derer die verschiedenen Lebens- und Arbeitszusammenhänge
beschrieben und miteinander verglichen werden konnten:
Die Tätigkeiten der Kinder wurden verschiedenen Tätigkeitsformen
zugeordnet:
Der Erwerbsarbeit, der Familienarbeit, dem Lernen, anderen Tätigkeiten
(z.B. ehrenamtliche Tätigkeiten) und Freizeittätigkeiten.
Die Schülerinnen und Schüler beschrieben einzelne Arbeitstätigkeiten.
Die verschiedenen Arbeitsformen wurden in der Einheit nicht isoliert
betrachtet, sondern auch im Hinblick auf ihren Stellenwert im Lebensalltag
dargestellt. Anhand von Tabellen und Säulendiagrammen wurden sie
im zeitlichen Vergleich zueinander und zu den Tätigkeiten des Freizeitbereiches
dargestellt.
Mit Hilfe dieser Herangehensweisen näherten sich die Schülerinnen
und Schüler
- der eigenen Lebens und Arbeitssituation bzw. denen
der Mitschüler.
- der Arbeits- und Lebenssituation von Luis, einem Zeitungsverkäufer
aus El Salvador. Luis unterstützt seine Geschwister und seine allein
erziehende Mutter durch den Verkauf von Zeitungen. Er arbeitet am Vormittag
und am Abend. Am Nachmittag geht er in die Schule. (Vgl. Projekt "Eine
Welt in der Schule": Luis, Straßenverkäufer (Fotodokumentation))
- der Arbeits- und Lebenssituation von Aminata aus Senegal. Sie hilft
den ganzen Tag bei der Familienarbeit. Für die Schule haben die
Eltern kein Geld. (vgl. BULANG-LÖRCHER, M. u. GROßE-OETRINGHAUS,
H.-M. (1994): Aminatas Entdeckung)
Da meine Schülerinnen und Schüler im Unterricht
noch keinen Kontakt mit den Lebenszusammenhängen von Menschen hatten,
die in weiter entfernt liegenden Ländern leben, stellte ich das
Leben dieser Kinder in ausführlicher Form dar. Es wurden weitergehende
Einblicke in das Familienleben, die Wohnformen oder den Freizeitbereich
gegeben. Hierbei ließen sich auch weitere Wechselwirkungen mit
Bereichen der Arbeitswelt aufzeigen.
Im Anschluss an die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Arbeits-
und Lebenszusammenhängen fand noch einmal ein zusammenfassender
Vergleich der Situationen der einzelnen Kinder statt. Hierbei erhielten
die Schülerinnen und Schüler Anregungen, die verschiedenen
Situationen zu bewerten und über Veränderungen nachzudenken.
Die Kinderrechtskonvention wurde den Jugendlichen in Ausschnitten vorgestellt,
auch im Sinne des Aufzeigens von Chancen und positiven Veränderungsmöglichkeiten
in der Zukunft. Interessant waren hierbei vor allem das Recht auf eine
eigene Identität, auf Bildung, auf Sport, Spiel und Ruhe und das
Recht auf Schutz vor zu harter Arbeit.
Im Hinblick auf die Anregung der Handlungsfähigkeit erstellten
und präsentierten die Schülerinnen und Schüler am Ende
der Einheit eine Ausstellung der erarbeiteten Ergebnisse. Hierbei lernten
sie diese Methode als eine Möglichkeit kennen, Informationen an
andere weiterzugeben.
Die Einheit wurde über sechs Wochen durchgeführt und fand
fächerübergreifend im Deutsch- und Erdkundeunterricht an neun
Stunden in der Woche statt.
Und so gestaltete sich die Einheit...
Wir betrachten unseren Arbeitsalltag
Schon zu Beginn der ersten Sequenz wurde deutlich, dass das Thema "Arbeit"
bei den Schülerinnen und Schülern auf Interesse stößt.
Es zeigte sich auch, dass die Schülerinnen und Schüler selbst
schon Erfahrungen in verschiedenen Arbeitsformen gesammelt hatten: Sie
hatten schon mit Arbeit Geld verdient, im Haushalt mitgearbeitet, bei
Freunden und Bekannten geholfen oder ehrenamtliche Arbeit bei der Freiwilligen
Feuerwehr geleistet. So wurden ihnen die Unterschiede zwischen den Arbeitsformen
deutlich. Neu und ungewohnt für die Schülerinnen und Schüler
war jedoch die strukturierte, zusammenhängende Betrachtung der
Tätigkeiten, die sie an einem Tag verrichten. Dieses wurde sichtbar
anhand der Unsicherheiten, die sie bei der Beschreibung ihres Tagesablaufes
zeigten. Die erste Sequenz wurde verlängert, und die Schülerinnen
und Schüler erlernten schrittweise das Erstellen eines Tagesablaufes
in Tabellenform und die Darstellung der Zeiteinteilung des Tages in
einem Säulendiagramm. Mit Hilfe dieser Darstellungshilfen berichteten
die Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig über ihren
Alltag und tauschten sich über Ähnlichkeiten und Unterschiede
aus. Mit Hilfe von vorgegebenen Kriterien zur Beschreibung von Arbeitstätigkeiten
entwickelten die Schülerinnen und Schüler ihre Fähigkeiten,
auch einzelne Arbeitstätigkeiten differenzierter wahrzunehmen.
Fantasiereise: Wir fliegen nach Senegal
Herzlich willkommen im Flugzeug nach Senegal, einem Land in Westafrika.
Du fliegst heute von Hamburg nach Dakar, der Hauptstadt von Senegal.
Der Flug wird ungefähr 5 Stunden dauern.
Setz dich bitte entspannt hin - gleich geht es los. Wir starten
mit dem Flugzeug, fahren über die Rollbahn und heben ab.
Unter uns wird die Landschaft immer kleiner. Für einige Zeit
sehen wir nur noch Wolken unter uns. Wir fliegen nach Süden
über Deutschland hinweg. Wir kommen über ein kleines
Land mit hohen Bergen, das ist die Schweiz. Wir fliegen weiter
über Italien und kommen zum Mittelmeer. Unter uns sehen wir
jetzt nur noch Wasser. Dann überqueren wir zwei Inseln: Erst
die Insel Korsika, dann die Insel Sardinien.
Wir fliegen weiter über tiefblaues Wasser. Dann erreichen
wir den afrikanischen Kontinent. Das erste Land, über das
wir fliegen, heißt Algerien. Es ist ungefähr dreimal
so groß wie Deutschland. Dann fliegen wir über das
Land Mali. Unter uns sehen wir eine riesige Wüste. Alles
unter uns ist Sand.
Ihr fragt euch, wen wir wohl hier besuchen wollen. Ich verrate
es euch. Ich möchte mit euch das Land Senegal besuchen und
euch ein Mädchen vorstellen. Sie heißt Aminata und
ist zwölf Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Familie in einem
kleinen Dorf auf dem Land.
Oh, wir befinden uns schon wieder im Landeanflug auf Senegal.
Wir fliegen langsam immer tiefer. Bald sehen wir die ersten Häuser
von Dakar, der Hauptstadt von Senegal. Wir landen auf der Landebahn.
Dann werden die Türen geöffnet. Wieder dringt heiße
Luft ins Flugzeug - puh! Uns wird gleich ganz warm. Wir stehen
langsam auf und recken und strecken uns erstmal nach dem langen
Sitzen.
|
Luis und Aminata
Die Kompetenzen, die die Schülerinnen und Schüler hinsichtlich
der Wahrnehmung, Analyse und Darstellung ihres Lebens- und Arbeitsalltages
und dem ihrer Mitschüler erworben hatten, wurden im fortschreitenden
Verlauf der Einheit weiter gefördert. Die Schülerinnen und
Schüler lernten den Lebens- und Arbeitsalltag von Luis aus El Salvador
und von Aminata aus Senegal kennen, die unter Lebensbedingungen leben,
die sich von denen der Schülerinnen und Schüler unterscheiden.
Eine angeleitete Fantasiereise (Flugreise nach ...) stellte jeweils
den Einstieg in die Sequenz dar. Die weitere Arbeit in diesen Sequenzen
fand an verschiedenen Lernstationen statt. Die Schülerinnen und
Schüler konnten sich die verschiedenen Lebens- und Arbeitssituationen
anhand der bereitgestellten Materialien und der erlernten Handlungseinheiten
selbstständig erschließen. Stationen der Aminata-Sequenz
waren zum Beispiel:
- Ordne Aminatas Tag: Die Schülerinnen und
Schüler vollzogen Aminatas Tagesablauf mit Hilfe von Bildern und
Textabschnitten, die sie ordneten bzw.
zuordneten, nach.
- Untersuche Aminatas Tagesablauf: Die Schülerinnen
und Schüler stellten Aminatas Tagesablauf in einer Tabelle dar
(Zeitspanne/Tätigkeit), ordneten die Tätigkeiten verschiedenen
Arbeits-/Tätigkeitsformen zu und zeichneten diese im Vergleich
zueinander in ein Säulendiagramm.
- Aminata erzählt: Die Schülerinnen
und Schüler stellten sich mit Hilfe eines erzählenden Textes
die Wünsche und Ängste von Aminata vor und gaben sie schriftlich
wieder.
"Hier
ist Luis bei seiner Arbeit. Er steigt gerade aus einem Bus. Vor
der Abfahrt hat er den wartenden Fahrgästen Zeitungen angeboten"
(aus der Unterrichtsreihe "Kinderarbeit" des Projekts)
Luis lebt mit seiner Mutter
und seinen sechs Geschwistern in San Salvador. Er steht am Morgen
um 4.30 Uhr auf und hat bis 5.00 Uhr Zeit zum Frühstücken
Von 5.00 Uhr bis 12.00 Uhr ist er als Zeitungsverkäufe tätig.
Er geht zum Busbahnhof "Terminal Oriente" und verkauft
seine Zeitungen. Anschließend bringt er das Geld seiner
Mutter. Von 12.00 Uhr bis 13.30 Uhr macht er zu Hause seine Hausaufgaben.
Von 13.30 Uhr bis 17.00 Uhr lernt Luis in der Schule.
Nach der Schule von 17.00 Uhr bis 17.30 Uhr hat er Zeit mit seinen
Freunden Fußball zu spielen.
Um 17.30 Uhr muss er wieder zum Busbahnhof gehen und bis 21.00
Uhr die Abendzeitung verkaufen. Dann bringt er das Geld wieder
nach Hause.
Um 21 Uhr isst er sein Abendessen und sieht noch etwas im Fernsehen
an. Um 22.00 Uhr geht er erschöpft ins Bett und schläft
bis 4.30 Uhr.
|
- Ländersteckbrief "Senegal": Die
Schülerinnen und Schüler entnahmen einem Sachtext über
den Senegal Informationen und trugen diese in ein "Steckbrief-Formular"
ein.
- Dosenspiel und Spiel im Sand: Die Schülerinnen
und Schüler vollzogen Freizeitaktivitäten von Aminata handelnd
nach, indem sie nach Anleitungen ein Dosenspiel und ein Sandspiel herstellten
und damit spielten.
Um
sich Aminatas Arbeitsalltag ansatzweise vorstellen zu können, hatten
die Schülerinnen und Schüler in diesem Unterrichtsabschnitt
eine ihrer Arbeitstätigkeiten handelnd nachvollzogen. Ich wählte
die Tätigkeit "Wasser holen vom Brunnen" aus, da diese
in einfacher Weise zu simulieren ist: Auf dem Schulhof trugen die Schülerinnen
und Schüler das Wasser in Eimern auf dem Kopf vom "Brunnen"
(großer Wasserbehälter im Sandkasten) zum "Haus"
(Schulgebäude).
Daraufhin
füllten die Schülerinnen und Schüler die Arbeitstätigkeitsbeschreibung
aus. In der anschließenden Besprechung wurde deutlich, dass sie
verschiedene Aspekte der Arbeitstätigkeit durch das Nachvollziehen
differenziert wahrgenommen hatten. Ihnen ist zum Beispiel bewusst geworden,
dass die Tätigkeit viel Zeit in Anspruch nimmt, weil man langsam
gehen muss, um kein Wasser zu verschütten. Auch stellten sie fest,
dass man zum Aufsetzen des Eimers auf Hilfe angewiesen ist, und fanden
es "total anstrengend, besonders, wenn man müde ist wie Aminata".
Luis' Arbeitstätigkeit, Zeitungen auf dem Busbahnhof zu verkaufen,
war schwieriger nachzustellen. Die Schülerinnen und Schüler
empfanden mit Hilfe eines Rollenspiels seine Arbeitssituation nach.
Wir bewerten die verschiedenen Lebenssituationen
In dieser Sequenz hatten die Schülerinnen
und Schüler die einzelnen Situationen noch einmal zusammengefasst
und zum Vergleich auf Plakate geklebt. Die Schülerinnen und Schüler
sollten zum einen die eigene Situation kritisch betrachten, zum anderen
Interesse für die Belange von Luis und Aminata entwickeln. Sie
sollten erkennen, dass es immer sowohl positive als auch negative Aspekte
im Leben eines Menschen gibt. Auf Karteikarten schrieben sie zu den
Fragen "Was findest du gut an ... Leben?" und "Was möchtest
du an ... Leben verändern?". Die Karteikarten wurden zu den
jeweiligen Situationsbeschreibungen gehängt. Die einzelnen Meinungen
wurden besprochen und es wurde über Veränderungsmöglichkeiten
nachgedacht.
Es wurde deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler die Lebens-
und Arbeitssituationen der anderen Kinder mit Offenheit und Interesse
betrachteten. Sie nahmen auch die erschwerten Lebensbedingungen wahr,
unter denen diese Kinder ihr Leben meistern müssen, ohne die Kinder
aus diesem Grunde abwertend oder mitleidig anzusehen. Deutlich machte
diese Haltung die Äußerung eines Schülers:
"Ich finde es gut. dass Luis seine Familie unterstützt. Es
wäre aber gut. wenn er weniger arbeiten müsste. Dann ist er
in der Schule nicht immer müde." In der vergleichenden Betrachtung
des Lebensalltages von Luis und Aminata sind den Schülerinnen und
Schülern auch die Besonderheiten ihres eigenen Lebensalltages deutlicher
geworden, zum Beispiel, dass sie viel Freizeit zum Spielen mit ihren
Freunden haben oder dass es nicht selbstverständlich ist, dass
Kinder in die Schule gehen und etwas lernen können.
Wir erfahren, dass Kinder Rechte haben
In dieser Unterrichtssequenz lernten die Schülerinnen und Schüler
Teilbereiche der Kinderrechtskonvention kennen. Dazu setzten sie sich
vor allem mit den Artikeln auseinander, die im Zusammenhang mit den
Lebensbereichen stehen, die im Unterricht angesprochen wurden. Sie erfuhren,
dass Kinder das Recht auf eine Identität, das Recht auf Bildung,
das Recht auf Sport, Spiel und Erholung und das Recht auf Schutz vor
harter Arbeit haben.
Im Unterricht arbeiteten die Schülerinnen und Schüler mit
Sachtexten zur Kinderrechtskonvention. Vier Gruppen arbeiteten jeweils
zu einem "Kinderrecht". Sie ordneten Bild- und Textmaterial
zu "ihrem Recht" und beantworteten Fragen in Bezug auf die
Verwirklichung des Rechtes innerhalb der einzelnen Lebenssituationen.
Anschließend stellten die Gruppen ihren Mitschülern ihre
Arbeitsergebnisse vor. Gemeinsam gestalteten sie eine große Collage
mit Bildern und Textabschnitten zu den einzelnen Rechten. Die Mitte
der Collage zierte eine Weltkugel. Hier herein klebten die Schülerinnen
und Schüler Köpfe von Kindern, die sie aus Zeitschriften ausschnitten.
In der Mitte
der Weltkugel klebte ein kleiner Spiegel, so dass jedes Kind, welches
die Collage betrachtete, auch seinen Kopf auf der Weltkugel sah.
Problematisch an dieser Unterrichtsequenz war, dass im Zusammenhang
mit dem Vorhaben nur drei Unterrichtsstunden für dieses Thema zur
Verfügung standen bzw. eingeplant waren. In solch einer kurzen
Zeit ist es schwierig, den Schülerinnen und Schülern einen
abstrakten Lerngegenstand wie die Vereinbarung vieler Staaten über
die Kinderrechte näher zu bringen. Trotz der genannten Einschränkungen
in der unterrichtlichen Bearbeitung dieses Themenbereiches erhielten
die Schülerinnen und Schüler in dieser Sequenz einen ersten
Eindruck von den Rechten, die sie als Kinder haben. Interessant waren
für sie die Gespräche darüber, inwieweit Luis und Aminata,
aber auch die Schülerinnen und Schüler selbst zu ihrem Recht
kommen. Es wurde ihnen deutlich, dass die Rechte der Kinder in Deutschland
im Vergleich zu Luis und Aminata in ihrer Durchsetzung schon weiter
fortgeschritten sind. Hierbei besprach ich mit den Schülerinnen
und Schülern den Zusammenhang zwischen den Möglichkeiten der
Durchsetzung von Kinderrechten und den grundsätzlichen Lebensbedingungen
in den jeweiligen Ländern. Zum Beispiel kann Aminata nicht in die
Schule gehen, was im Zusammenhang damit steht, dass sowohl das Land
Senegal als auch Aminatas Familie "arm" ist. Es gibt nicht
genügend Schulen und das Schulgeld ist teuer. Auch ist die Mutter
auf die Mithilfe von Aminata im Haushalt angewiesen. Armut als Bedingungsfaktor
von Kinderarbeit, der auch die Umsetzung der Kinderrechte erschwert,
wurde den Schülerinnen und Schülern hierbei in Ansätzen
deutlich.
Wir
gestalten eine Ausstellung
Die Arbeitsergebnisse dieses Unterrichtsvorhabens präsentierten
die Schülerinnen und Schüler zum Abschluss in einer Ausstellung
weiteren Mitschülern und der Lehrerschaft. Sie erläuterten
die selbst erstellten Plakate und Collagen. Auch die selbst gemachten
Spielzeuge wurden den Mitschülern zur Verfügung gestellt und
in den darauf folgenden Pausen viel genutzt. Die Schülerinnen und
Schüler berichteten anderen Menschen über ihre Lebens- und
Arbeitssituation und über die anderer Kinder und erfuhren dabei,
dass sie hiermit auf Interesse bei anderen stoßen.
Reflexion
Aufgrund meiner praktischen Erfahrung bei der Durchführung dieses
Unterrichtsvorhabens möchte ich abschließend noch einige
Veränderungsvorschläge machen. Es erscheint mir sinnvoll,
sich innerhalb des Vorhabens auf die Vorstellung von Kindern einer Familie
aus einem Land zu beschränken; insbesondere dann, wenn die Schülerinnen
und Schüler erst wenig Erfahrungen mit dem Leben in fremden Ländern
gesammelt haben. Es könnten hierbei die verschiedenen Arbeitstätigkeiten
von Freunden oder Geschwistern dargestellt werden. Ein solches Vorgehen
bringt den Vorteil mit sich, dass zum einen die gesellschaftlichen
Zusammenhänge, die das Leben in einem Land beeinflussen, ausführlicher
dargestellt werden können. Zum anderen bliebe auch mehr Raum, um
den Schülerinnen und Schülern konkrete Veränderungsmöglichkeiten
in Bezug auf problematische Aspekte vorzustellen, zum Beispiel einzelne
Projekte für Kinder. Bei der Darstellung nur eines Länderbeispiels
besteht weiterhin die Möglichkeit, an gegebener Stelle jeweils
direkt einen Vergleich zum eigenen Leben zu ziehen. Die verschiedenen
Arbeits- und Lebenssituationen können somit "parallel"
betrachtet und diskutiert werden. Die Auseinandersetzung mit der eigenen
Situation ist für die Schülerinnen und Schüler dann durchgängiger
Bestandteil des Unterrichts. In Bezug auf die Auseinandersetzung mit
dem eigenen Lebensalltag erscheint es mir sinnvoll, die Schülerinnen
und Schüler nicht nur zur differenzierten Wahrnehmung und Darstellung
ihrer Situation anzuregen, sondern sie weiterhin zur konkreten Planung
oder Veränderung der Planung ihres Alltags anzuleiten.
Literatur
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l der weiterführenden allgemein bildenden Schulen: Erdkunde
PROJEKT "EINE WELT IN DER SCHULE": Luis. Straßenverkäufer
(Fotodokumentation). Unterrichtsreihe "Kinderarbeit". Universität
Bremen
SCHMITT, R. (Hrsg.) (1995a): Materialband zu Aminatas Entdeckung. Frankfurt
am Main SCHMITT, R. (Hrsg.) (1995b): Dritte Welt in der Grundschule.
Frankfurt am Main SCHMITT, R. (Hrsg.) (1999); Eine Welt in der Schule.
Frankfurt am Main TERRE DES HOMMES (1996); Das Papiertütenspiel
- Unterrichtsbogen 2. Osnabrück.
Dieser Artikel wurde veröffentlicht
in Ausgabe 1/2001 von "Eine Welt in der Schule". Sie können
diese Ausgabe jetzt herunterladen (2,3 MB).
