Projekt "Eine Welt in der Schule"
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Anregungen für die Grundschule und Sekundarstufe 1

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Ein Projekt des Grundschulverbandes e.V.


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"Babynahrung" -
ein packendes Thema in einer 9. Hauptschulklasse
Heimke Bokelmann-Horns

 
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Die Schülerinnen und Schüler sind eifrig bei der ArbeitZum ersten Mal kam ich im Februar 1997 auf einer überregionalen Lehrerfortbildungstagung des Projektes «Eine Welt in der Schule» mit dem Thema in Berührung. Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit der Ernährungssituation von Säuglingen am Beispiel der Philippinen. Eine unterrichtliche Umsetzung war für mich zu diesem Zeitpunkt schwer vorstellbar. Gerade darum reizte mich die Mitarbeit an dieser Arbeitsgruppe. Das am Ende der Tagung entstandene Konzept, das auf einem Folgetreffen konkretisiert wurde, veranlasste mich das Thema meiner 9. Hauptschulklasse anzubieten.
Die Schülerinnen und Schüler sollten im Sommer die Schule verlassen und hatten zu diesem Zeitpunkt an schulischen Dingen häufig nicht mehr viel Interesse. Ich war daher sehr gespannt, wie sie auf dieses Thema reagieren würden. Die von mir befürchtete Ablehnung stellte sich erstaunlicherweise nicht ein. Offenbar fühlten sich die Schülerinnen und Schüler zumindest teilweise in ihrer zukünftigen Rolle als Eltern angesprochen. Viele konnten auch auf Erfahrungen mit jüngeren Geschwistern zurückgreifen. Die Klasse war während des gesamten Unterrichtsvorhabens bereit, sich intensiv und ernsthaft mit der Problematik auseinander zu setzen.
Das Unterrichtsvorhaben umfasste insgesamt 14 Stunden. Da ich als Klassenlehrerin viele Fächer in der Klasse unterrichtete, war ein fächerübergreifender, projektorientierter Unterricht über einen Zeitraum von zwei Wochen möglich ohne komplizierte Umplanungen vornehmen zu müssen. Ich hatte gute Erfahrungen mit der Konzentration eines Themas auf einen nicht allzu großen Zeitraum gewonnen. Der Unterricht erstreckte sich auf die Fächer Deutsch, Erdkunde, Geschichte, Wirtschaft/Politik und Religion und war durch häufigen Methodenwechsel, praktische Arbeit und Aufträge außerhalb des Schulgebäudes gekennzeichnet. Dadurch blieb die Klasse während des gesamten Zeitraumes bei der Sache. Die Schülerinnen und Schüler saßen an vier Gruppentischen und erhielten während des Unterrichtsvorhabens mehrfach arbeitsteilige Aufträge.

Poster als Einstieg
Zu Beginn des Unterrichtsvorhabens erhielt jeder Gruppentisch drei Poster zum Thema «Säuglingsernährung» mit dem Auftrag zu den Abbildungen Stellungnahmen zu sammeln. Die Poster enthielten einander widersprechende Aussagen zu Säuglingsernährung. So zeigte ein Bild ein sattes, zufriedenes Kind, das künstliche Babynahrung erhält. Auf dem zweiten Bild wurde ein Baby gestillt. Der Hinweis «Das erste Gift» stand im Gegensatz zum zufrieden an der Brust saugenden Kind. Das dritte Bild stellte eine Milchflasche mit dem Aufdruck über die jährlich an Flaschennahrung sterbenden Säuglinge dar. Die drei Poster wirkten sehr motivierend. Es kam zum Teil zu recht lebhaften Diskussionen in den einzelnen Tischgruppen.
Besonderes Interesse fand das Poster mit dem gestillten Baby. Über die Möglichkeiten, die zur Vergiftung von Muttermilch führen können, wurden vielfältige Vermutungen angestellt. Wie sich auch in der anschließenden gemeinsamen Diskussion zeigte, wurde dabei weniger an Umweltgifte als vielmehr an den Lebenswandel der Mutter gedacht. Drogen und Alkoholmissbrauch spielten eine große Rolle. Das Foto des zufrieden lächelnden Babys wurde eindeutig dem Bereich Werbung zugeordnet. Die Babyflasche mit den Angaben zur Anzahl der jährlich sterbenden Säuglinge wurde erst im gelenkten Unterrichtsgespräch als Widerspruch zu den Aussagen des Werbefotos gesehen. Die Schülerinnen und Schüler glaubten zunächst an qualitativ schlechtes Milchpulver. Außerdem spielte das aktuelle Tagesgeschehen mit der Diskussion um vergiftete Senftuben eine Rolle. Aufgabe der folgenden Unterrichtsstunden musste es demnach sein, die Gründe für den Tod von mit der Flasche ernährten Kindern zu erarbeiten und über Lösungsmöglichkeiten nachzudenken.

Fragen zum Thema
Im Anschluss an die Diskussion um die Aussage der Poster erhielten die Schülerinnen und Schüler einen Quizbogen mit vielfältigen Aussagen zur künstlichen Babynahrung mit ihren Folgen bei uns und in anderen Ländern. Dabei ging es u. a. um den Begriff der «Flaschenkinderkrankheit», um Gründe, die zum Tod von künstlich ernährten Babys führen können, um Stillquoten in verschiedenen Ländern und um Gründe, die zum Abstillen führen. Mit viel Eifer füllten die Schülerinnen und Schüler diesen Quizbogen aus. Die Ergebnisse zeigten, dass die vorangegangene Diskussion rund um die Poster verstanden worden war. Zur Vertiefung der Frage nach dem Tod von mit der Flasche ernährten Babys wurde zum Abschluss der ersten Unterrichtsphase ein Text über die Ursachen der hohen Säuglingssterblichkeit gelesen, der bei vielen Jugendlichen Betroffenheit auslöste.

Hinführung zur Gruppenarbeit
Der zweite Tag des Unterrichtsvorhabens begann mit dem Videofilm «Stillen für Schülerinnen und Schüler». Dieser Film spricht die Altersgruppe an, zu der meine Klasse gehört und beginnt mit Einblicken in das Verhalten von Säugetieren, zeigt dann einen historischen Abriss über die Veränderungen des Stillverhaltens von Müttern in Deutschland und geht mit anschaulichen Darstellungen auf die Situation heute in Deutschland und auf die Probleme bei der Ernährung von Säuglingen in der «Dritten» Welt ein.
Die Schülerinnen und Schüler meiner Klasse fühlten sich durch den Film angesprochen. Wider Erwarten wurde die Handlung aufmerksam und mit Interesse verfolgt. Im anschließenden Auswertungsgespräch wurde festgestellt, dass der Film eine Zusammenfassung, Vertiefung und Erweiterung der am Vortag behandelten Themen darstellte. Gesprächsschwerpunkte waren die Situation in der «Dritten» Welt und das Stillverhalten von Müttern bei uns.
Problematisiert wurden die Vereinbarkeit von Stillen und Berufstätigkeit sowie das Stillen in der Öffentlichkeit. Hier kam es zu recht engagierten Diskussionen, in deren Verlauf viele Schülerinnen und Schüler das Stillen als eine sehr intime Angelegenheit zwischen Mutter und Kind ansahen und viele Nachteile in der Berufstätigkeit von Müttern kleiner Kinder erkannten. Das Problem der künstlichen Ernährung von Säuglingen unter mangelhaften hygienischen Voraussetzungen wurde mit dem Einsatz des Filmes immer deutlicher.
Die Aussagen des Films lassen sich folgenden Schwerpunkten zuordnen:
- Die historische Entwicklung des Stillens
- Die Vorteile des Stillens
- Die Situation in der «Dritten» Welt.

Im Anschluss an die schon recht ergiebige Diskussion beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler in Arbeitsgruppen mit den verschiedenen Schwerpunkten. Für diese Gruppenarbeit hatte ich umfangreiches Bild- und Textmaterial zusammengestellt, das die einzelnen Gruppen durcharbeiteten. Mit Hilfe differenzierter Arbeitsaufträge stellten die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse auf Wandzeitungen zusammen und erläuterten sie später ihren Mitschülern.
Die erste Gruppe beschäftigte sich in dieser Unterrichtsphase mit der historischen Entwicklung des Stillens. Sechs Schaubilder stellten die Situation in Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts dar. Die Jugendlichen veranschaulichten die Aussagen mit Hilfe von Streifendiagrammen und verdeutlichten sie ihren Mitschülern indem sie kurze Erläuterungen hinzufügten. Die entstandene Wandzeitung machte u. a. die Abhängigkeit von Todesfällen bei Säuglingen von der Jahreszeit und von der Ernährungsweise deutlich. Bilder veranschaulichten den Aufwand bei der Zubereitung von Flaschennahrung.
Eine zweite Gruppe beschäftigte sich mit den Vorteilen des Stillens und erhielt dazu Texte und Fotos zur heutigen Situation. Unter der Überschrift «Lieber Brust als Flasche» fassten die Schülerinnen und Schüler die Vorteile des Stillens wie gute Mutter-Kind-Beziehung, Schutz vor Krankheiten, umweltfreundlich zusammen und ordneten passende Bilder dazu.
Die dritte Gruppe bearbeitete unterdessen Texte zur Situation der Ernährung von Säuglingen in der «Dritten» Welt. In diesen Texten ging es um Gründe für den Tod von Flaschenkindern, um die Darstellung der Wohnsituation der Menschen in Slums oder armen ländlichen Gebieten und um die Veränderung der Ernährung von Babys in der «Dritten» Welt. Fotos dienten zur Veranschaulichung und sollten die Ergebnisse, die auf der Wandzeitung zusammengestellt wurden, ergänzen. Die Gruppe konnte gut die Abhängigkeit von Wohnsituation, Ernährungsweise und Anzahl der Sterbefälle bei Säuglingen herausarbeiten.

Die Feuerstelle
Es dauert "ewig" bis das Wasser kochtDiese Abhängigkeit sollte in einem "Versuch" veranschaulicht werden, der während der Gruppenarbeitsphase von der vierten Gruppe auf dem Schulhof vorbereitet wurde. Mit dieser Demonstration sollten die Schwierigkeiten bei der Zubereitung von künstlicher Babynahrung unter ungünstigen Wohnverhältnissen dargestellt werden. Die Schülergruppe bereitete mit Eifer eine Feuerstelle vor, indem sie Steine, Holz und Stroh sammelte und anordnete. In einem ausgedienten Kessel des Hausmeisters wurde Wasser aus dem Schulteich besorgt, bei dem sich alle vorstellen konnten, dass es auch nach dem Abkochen mit der Hygiene nicht zum Besten bestellt sein konnte.
Nachdem die schriftlichen Gruppenarbeiten erledigt und zu durchaus akzeptablen Wandzeitungen geworden waren, versammelte sich die Klasse um die improvisierte Feuerstelle um die Zubereitung der Flaschennahrung unter Bedingungen zu demonstrieren, wie sie häufig in sogenannten Entwicklungsländern anzutreffen sind. Die Durchführung dieses «Versuches» war sehr beeindruckend und konnte sicherlich eine Vorstellung von den damit verbundenen Problemen liefern. Das Feuer wurde fachmännisch in Gang gebracht. Durch die Feuchtigkeit des Holzes kam es zu einer starken Qualmentwicklung. Aber das Wasser wurde heiß. Bis es jedoch endlich kochte wurden die im Qualm stehenden Schülerinnen und Schüler auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Das gelangweilte Gesicht eines Schülers machte das endlose Warten sehr deutlich. Die Jugendlichen konnten sich gut die Ungeduld einer Mutter vorstellen, wenn ein schreiender Säugling auf die Flasche warten würde. Eine für die Schülerinnen und Schüler nur schwer verständliche Beschriftung der Milchpulverdose - ich hatte ein Etikett mit englischer Beschriftung gewählt - sollte das Problem der richtigen Dosierung verdeutlichen.
Da viele Schülerinnen und Schüler durch Erfahrung mit jüngeren Geschwistern das Zubereiten von künstlicher Babynahrung kannten, war dieses Problem für sie jedoch nicht so greifbar. Sehr souverän wurde von einem Schüler das heiße Wasser abgefüllt, Milchpulver zugegeben und alles gut durchgeschüttelt. Die braune Färbung des Wassers verlor sich durch die Zugabe des Milchpulvers und die Nahrung sah durchaus genießbar aus. Aufwand und mangelnde Hygiene konnten durch diese praktische Anschauung sehr überzeugend dargestellt werden. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe, die sich mit der «Dritten» Welt beschäftigt hatte, wurden durch diesen «Versuch» eindrucksvoll untermauert.
Im Anschluss an den Schulhofversuch mit der Feuerstelle stellten die anderen Gruppen ihre auf den Wandzeitungen zusammengefassten Ergebnisse vor.

Künstliche Babynahrung auf den Philippinen
Die sich anschließende Unterrichtssequenz hatte die Situation auf den Philippinen zum Schwerpunkt. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigten sich in Einzelarbeit mit verschiedenen Aufgabenstellungen. Die Philippinen waren während der Lehrerfortbildungstagung bei der Vorbereitung dieses Unterrichtsvorhabens als Beispiel für ein Land ausgewählt worden, in dem aufgrund der wirtschaftlichen Situation vieler Menschen die Ernährung von Säuglingen mit künstlicher Babynahrung problematisch ist. Diese Zusammenhänge, die in den vorangegangenen Unterrichtsstunden schon immer wieder angesprochen worden waren, sollten jetzt an einem konkreten Beispiel vertieft werden.
Topografische Kenntnisse über die Philippinen hatten sich die Schülerinnen und Schüler bereits in den dem Unterrichtsvorhaben vorangegangen Erdkundestunden angeeignet. Darauf aufbauend setzten sie sich jetzt mit verschiedenen Texten und entsprechenden Aufgabenstellungen auseinander, die auf die Ernährungssituation von Säuglingen abzielten. Die Klasse war es gewöhnt sich selbständig Informationen zu erarbeiten und auszuwerten und ging sofort mit Eifer an die Arbeit, nachdem die schwierigeren Textpassagen gemeinsam gelesen und Verständnisfragen geklärt werden konnten.
Künstliche Babynahrung gibt es Überall auf den PhilippinenZu den Aufgaben dieses Tages gehörte das Anfertigen von Klimadiagrammen von Berlin und Manila, die miteinander verglichen werden sollten. Das Diagramm von Manila sollte in bezug auf Probleme mit der Flaschennahrung gesehen werden (hohe Temperaturen führen zum schnellen Verderben von Nahrung ...). Zahlen zum Themenbereich Gesundheit konnten zur Vertiefung der Problematik herangezogen werden. So konnten z. B. Zusammenhänge zwischen der Säuglingssterblichkeit, dem Zugang zu sauberen Wasser und der Wohnsituation herausgearbeitet werden. Texte über die Wirtschaft auf den Philippinen, über Probleme, die zur Armut vieler Bewohner führen und über die Gegensätze zwischen dem Manila der Armen und dem der Reichen komplettierten das Bild, das die Jugendlichen über den Inselstaat gewonnen hatten. Wichtig war es für mich, dass nicht das einseitige Bild eines Landes in völliger Armut und Unfähigkeit, die Kinder zu ernähren, entsteht. Durch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Materialien lernten die Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Seiten des Landes kennen und blieben weiterhin offen für die Problematik der Säuglingsernährung.
Die anschließend vorgenommene Auswertung der umfangreichen Aufgaben dieser Unterrichtssequenz zeigte, dass das Ziel erreicht war. Die Aufgaben wurden ausführlich und überwiegend richtig bearbeitet. Besprechungsschwerpunkte waren das Klima im Vergleich zu Deutschland und die sich daraus ergebenden Lebensbedingungen, ferner die Landnutzung, das Wohnen auf dem Land und in der Stadt mit den Gegensätzen zwischen reichen Villenvierteln und Slumgebieten. Ein Textblatt mit Angaben zur Säuglingsernährung auf den Philippinen wurde gemeinsam gelesen und besprochen. Die dort zusammengestellten Zahlen, die einen direkten Zusammenhang zwischen der künstlichen Babynahrung und erhöhten Todesraten gegenüber gestillten Kindern erkennen ließen, machten die Schülerinnen und Schüler sehr nachdenklich.

Diese Abbildung diente als GesprächsgrundlageWer ist schuld?
Es stellte sich nun die Frage, ob dieses Problem nur für die Philippinen oder für Länder mit ähnlichen Ernährungsvoraussetzungen oder für alle mit der Flasche ernährten Kinder gelten würde. Als Gesprächsgrundlage dazu diente eine Folie, auf der eine verzweifelte Mutter mit ihrem weinenden Säugling abgebildet ist. Ärmliche Wohnverhältnisse und ein Hinweis auf bisherige Flaschenernährung vervollständigten das Bild, das auf die Jugendlichen sehr motivierend wirkte. Es entwickelte sich ein lebhaftes Unterrichtsgespräch, das viele neue Fragen aufwarf. So kam auch der finanzielle Aspekt zur Sprache, der bei einer Ernährung mit künstlicher Babynahrung über einen langen Zeitraum zu einer enormen Belastung führen kann. Stärker verdünnte Milch zum Einsparen des teuren Milchpulvers macht den Säugling nicht satt. Eine Rückkehr zum günstigeren Stillen ist nicht mehr möglich. Es stellt sich die Frage, wer diese Mütter so schlecht beraten hatte, dass sie die Flaschennahrung dem Stillen vorgezogen hatten und nun vor für sie unlösbaren Problemen standen.
Werbegeschenke der BabynahrungsindustrieIm Anschluss an die Diskussion fertigten die Schülerinnen und Schüler Bildbeschreibungen zur Folie an. In der Zwischenzeit bereitete ich eine kleine Ausstellung mit kostenlos erhältlichen Werbematerialien vor, die im Zusammenhang mit der Vermarktung von künstlicher Säuglingsnahrung stehen. Damit sollte eine erste Antwort auf die mit der Abbildung auf der Folie aufgeworfenen Frage nach den Gründen für das Verhalten der Mütter bei der Ernährung ihrer Kinder gefunden werden. Die Schülerinnen und Schüler erhielten Gelegenheit sich ausführlich mit den verschiedenen Gegenständen zu beschäftigen und zeigten sich sichtlich beeindruckt. Mit viel Interesse blätterten sie in reich bebilderten Broschüren, hörten Musikkassetten, betrachteten Lätzchen, Fläschchen, Taschen und andere Geschenke und bestaunten die vielfältigen Milchpulver- und Breiproben.

Vermarktungsstrategien
Wie sieht die Vermarktung aus?In den jetzt folgenden Unterrichtsstunden sollte es schwerpunktmäßig um die Vermarktung von künstlicher Säuglingsnahrung gehen. Nachdem geklärt worden war, welche Probleme mit der Ernährung durch die Flasche entstehen können, stellte sich die Frage, warum trotz der Überlegenheit des Stillens so viele Mütter auch bei ungünstigen Voraussetzungen ihre Kinder mit der Flasche ernähren und gesundheitliche Probleme in Kauf nehmen. Die Ausstellung hatte bereits erste Hinweise auf die Werbung geliefert. Vertiefend wurde zu Beginn des folgenden Unterrichtstages ein Text über die Vermarktungsstrategien von Babynahrungsherstellern gelesen. In diesem Text wurden Schwangere, Mütter bzw. Eltern als die erste Zielgruppe, Geschäfte, Apotheken und Drogerien als zweite und Ärzte, Hebammen und Krankenschwestern als dritte Zielgruppe der Vermarktung genannt. Die Schülerinnen und Schüler erhielten eine umfangreiche Liste mit Produkten bzw. Angeboten, die von Babynahrungsmittelherstellern den obengenannten Zielgruppen zur Verfügung gestellt werden. Dabei ging es z.B. um die Abgabe von Proben unterschiedlicher Art, um das Verteilen von vielfältigen Geschenken, um das Anbieten von Fortbildungen und vieles mehr. In einer Tabelle ordneten die Schülerinnen und Schüler die einzelnen Beispiele den Zielgruppen zu. Zur Veranschaulichung war die bereits erwähnte Ausstellung der verschiedenen Produkte vorhanden, ergänzt durch passende Fotos.

Lösungsmöglichkeiten
Im anschließenden Auswertungsgespräch zeigten sich die Schülerinnen und Schüler zwar entrüstet über die ihrer Meinung nach zum Teil zweifelhaften Methoden der Werbung. Der Versuch, Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren, scheiterte jedoch an fehlenden Ideen der Jugendlichen. Es war schwer ihnen zu erklären, dass man über die eigene Betroffenheit hinaus auch etwas unternehmen kann und nicht immer alle Missstände als gegeben und unabänderlich hinnehmen muss. Möglichkeiten wie Protestbriefe und Boykottaktionen, die von mir genannt wurden, waren ihnen sehr fremd und wenig vorstellbar. Die dann genannte gesetzliche Möglichkeit erschien ihnen greifbarer. So wurde der Inhalt des Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatznahrung Schwerpunkt für die folgende Arbeit in der Klasse.
Die Schülerinnen und Schüler erhielten eine Kopie mit den wichtigsten Bestimmungen des Kodex, in denen z. B. die Abgabe von Proben, die direkte Werbung, das Verteilen von Geschenken oder Vorteile für das Gesundheitspersonal verboten werden. Schnell wurde deutlich, dass alle die schönen Dinge, die nun schon längere Zeit unseren Ausstellungstisch füllten, mit den Bestimmungen des Kodex nicht vereinbar waren.
Die Schülerinnen und Schüler erhielten die Aufgabe, die ausgestellten Artikel genau zu kontrollieren. Sie sollten ihr Wissen über den Kodex anwenden und den Werbeartikeln jeweils die Kodexnummer zuordnen, gegen die verstoßen wurde. Diese Aufgabe wurde wiederum mit Interesse bearbeitet, da konkretes Anschauungsmaterial vorhanden war.
Zur Vertiefung der Thematik über die Vermarktungsstrategien erhielten die einzelnen Tischgruppen am folgenden Unterrichtstag von mir ein in Einzelteile zerlegtes Schema, das zu einer sinnvollen Bildfolge zusammengesetzt und der Klasse am Overheadprojektor erläutert werden sollte.
Die einzelnen Gruppen kamen zu unterschiedlichen Lösungen, die nach ausführlichen Diskussionen in den Tischgruppen entstanden waren. Alle Lösungen ließen eine Logik erkennen und die Erläuterungen zeigten, dass die Problematik der Vermarktungsstrategie verstanden worden war. Alle Gruppen hatten den Zusammenhang zwischen aggressiver Werbung im Krankenhaus, Beeinflussung der Mütter durch das Personal, Verunsicherung bei der Ernährung und den «Griff zur Flasche» ohne die Möglichkeit zur Umkehr erkannt.

Die Einhaltung des Internationalen Kodex
Da bisher schwerpunktmäßig die Situation auf den Philippinen im Vordergrund gestanden hatte, sollte abschließend wieder der Bogen nach Deutschland gezogen werden. Da in den letzten Gesprächen der Kodex eine große Rolle gespielt hatte, sollte jetzt einmal überprüft werden, ob er in unseren Einrichtungen eingehalten wird. Ausgerüstet mit Fragebögen und erklärenden Begleitschreiben suchten Schülergruppen verschiedene Geschäfte und das Gesundheitsamt auf um zu überprüfen, wie es mit der Vermarktung am Ort aussieht. Solche Aufgaben außerhalb des Klassenraumes übernehmen die Schülerinnen und Schüler immer sehr gern und führen sie zuverlässig und engagiert aus. In den einzelnen Geschäften konnten die Aufgaben ohne Probleme gelöst werden. Nur im Gesundheitsamt bezweifelte man, dass das Thema schon etwas für die Schülerinnen und Schüler sei und schickte sie unverrichteter Dinge in die Schule zurück. Trotzdem war mit den Erkundungen in der Stadt ein sinnvoller Abschluss des Unterrichtsvorhabens erreicht worden, bot er den Jugendlichen doch die Chance mit ihrem Thema in die Öffentlichkeit zu gehen.

Schlussbemerkung
Die Meinung des Personals beim Gesundheitsamt stand in völligem Gegensatz zu den Erkenntnissen, die ich im Laufe der Stunden gewonnen hatte. Nach meinen Beobachtungen haben die Schülerinnen und Schüler bis zuletzt mit Interesse an dem für sie doch ungewohnten Thema gearbeitet. Sie fühlten sich ernst genommen und haben für ihre eigene Lebensplanung einige wichtige Erkenntnisse gewinnen können. Ich bin sicher, dass sie sich als Eltern an dieses Unterrichtsvorhaben erinnern werden und den auf sie dann einstürzenden Informationen etwas kritischer gegenüberstehen werden.
Ich glaube auch, dass es gelungen ist, sie für die Probleme von Menschen zu sensibilisieren, die unter schwierigeren Bedingungen als wir ihre Kinder ernähren müssen. Nach meiner anfänglichen Skepsis bin ich nach Abschluss des Unterrichtsvorhabens der Meinung, dass Jugendliche durchaus für solche Themen zu interessieren sind und ernsthaft daran arbeiten können.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Ausgabe 1/1998 von "Eine Welt in der Schule". Sie können diese Ausgabe jetzt herunterladen (1,5 MB).

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