Zum
ersten Mal kam ich im Februar 1997 auf einer überregionalen Lehrerfortbildungstagung
des Projektes «Eine Welt in der Schule» mit dem Thema in
Berührung. Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit der Ernährungssituation
von Säuglingen am Beispiel der Philippinen. Eine unterrichtliche
Umsetzung war für mich zu diesem Zeitpunkt schwer vorstellbar.
Gerade darum reizte mich die Mitarbeit an dieser Arbeitsgruppe. Das
am Ende der Tagung entstandene Konzept, das auf einem Folgetreffen konkretisiert
wurde, veranlasste mich das Thema meiner 9. Hauptschulklasse anzubieten.
Die Schülerinnen und Schüler sollten im Sommer die Schule
verlassen und hatten zu diesem Zeitpunkt an schulischen Dingen häufig
nicht mehr viel Interesse. Ich war daher sehr gespannt, wie sie auf
dieses Thema reagieren würden. Die von mir befürchtete Ablehnung
stellte sich erstaunlicherweise nicht ein. Offenbar fühlten sich
die Schülerinnen und Schüler zumindest teilweise in ihrer
zukünftigen Rolle als Eltern angesprochen. Viele konnten auch auf
Erfahrungen mit jüngeren Geschwistern zurückgreifen. Die Klasse
war während des gesamten Unterrichtsvorhabens bereit, sich intensiv
und ernsthaft mit der Problematik auseinander zu setzen.
Das Unterrichtsvorhaben umfasste insgesamt 14 Stunden. Da ich als Klassenlehrerin
viele Fächer in der Klasse unterrichtete, war ein fächerübergreifender,
projektorientierter Unterricht über einen Zeitraum von zwei Wochen
möglich ohne komplizierte Umplanungen vornehmen zu müssen.
Ich hatte gute Erfahrungen mit der Konzentration eines Themas auf einen
nicht allzu großen Zeitraum gewonnen. Der Unterricht erstreckte
sich auf die Fächer Deutsch, Erdkunde, Geschichte, Wirtschaft/Politik
und Religion und war durch häufigen Methodenwechsel, praktische
Arbeit und Aufträge außerhalb des Schulgebäudes gekennzeichnet.
Dadurch blieb die Klasse während des gesamten Zeitraumes bei der
Sache. Die Schülerinnen und Schüler saßen an vier Gruppentischen
und erhielten während des Unterrichtsvorhabens mehrfach arbeitsteilige
Aufträge.
Poster als Einstieg
Zu Beginn des Unterrichtsvorhabens erhielt jeder Gruppentisch drei Poster
zum Thema «Säuglingsernährung» mit dem Auftrag
zu den Abbildungen Stellungnahmen zu sammeln. Die Poster enthielten
einander widersprechende Aussagen zu Säuglingsernährung. So
zeigte ein Bild ein sattes, zufriedenes Kind, das künstliche Babynahrung
erhält. Auf dem zweiten Bild wurde ein Baby gestillt. Der Hinweis
«Das erste Gift» stand im Gegensatz zum zufrieden an der
Brust saugenden Kind. Das dritte Bild stellte eine Milchflasche mit
dem Aufdruck über die jährlich an Flaschennahrung sterbenden
Säuglinge dar. Die drei Poster wirkten sehr motivierend. Es kam
zum Teil zu recht lebhaften Diskussionen in den einzelnen Tischgruppen.
Besonderes Interesse fand das Poster mit dem gestillten Baby. Über
die Möglichkeiten, die zur Vergiftung von Muttermilch führen
können, wurden vielfältige Vermutungen angestellt. Wie sich
auch in der anschließenden gemeinsamen Diskussion zeigte, wurde
dabei weniger an Umweltgifte als vielmehr an den Lebenswandel der Mutter
gedacht. Drogen und Alkoholmissbrauch spielten eine große Rolle.
Das Foto des zufrieden lächelnden Babys wurde eindeutig dem Bereich
Werbung zugeordnet. Die Babyflasche mit den Angaben zur Anzahl der jährlich
sterbenden Säuglinge wurde erst im gelenkten Unterrichtsgespräch
als Widerspruch zu den Aussagen des Werbefotos gesehen. Die Schülerinnen
und Schüler glaubten zunächst an qualitativ schlechtes Milchpulver.
Außerdem spielte das aktuelle Tagesgeschehen mit der Diskussion
um vergiftete Senftuben eine Rolle. Aufgabe der folgenden Unterrichtsstunden
musste es demnach sein, die Gründe für den Tod von mit der
Flasche ernährten Kindern zu erarbeiten und über Lösungsmöglichkeiten
nachzudenken.
Fragen zum Thema
Im Anschluss an die Diskussion um die Aussage der Poster erhielten die
Schülerinnen und Schüler einen Quizbogen mit vielfältigen
Aussagen zur künstlichen Babynahrung mit ihren Folgen bei uns und
in anderen Ländern. Dabei ging es u. a. um den Begriff der «Flaschenkinderkrankheit»,
um Gründe, die zum Tod von künstlich ernährten Babys
führen können, um Stillquoten in verschiedenen Ländern
und um Gründe, die zum Abstillen führen. Mit viel Eifer füllten
die Schülerinnen und Schüler diesen Quizbogen aus. Die Ergebnisse
zeigten, dass die vorangegangene Diskussion rund um die Poster verstanden
worden war. Zur Vertiefung der Frage nach dem Tod von mit der Flasche
ernährten Babys wurde zum Abschluss der ersten Unterrichtsphase
ein Text über die Ursachen der hohen Säuglingssterblichkeit
gelesen, der bei vielen Jugendlichen Betroffenheit auslöste.
Hinführung zur Gruppenarbeit
Der zweite Tag des Unterrichtsvorhabens begann mit dem Videofilm «Stillen
für Schülerinnen und Schüler». Dieser Film spricht
die Altersgruppe an, zu der meine Klasse gehört und beginnt mit
Einblicken in das Verhalten von Säugetieren, zeigt dann einen historischen
Abriss über die Veränderungen des Stillverhaltens von Müttern
in Deutschland und geht mit anschaulichen Darstellungen auf die Situation
heute in Deutschland und auf die Probleme bei der Ernährung von
Säuglingen in der «Dritten» Welt ein.
Die Schülerinnen und Schüler meiner Klasse fühlten sich
durch den Film angesprochen. Wider Erwarten wurde die Handlung aufmerksam
und mit Interesse verfolgt. Im anschließenden Auswertungsgespräch
wurde festgestellt, dass der Film eine Zusammenfassung, Vertiefung und
Erweiterung der am Vortag behandelten Themen darstellte. Gesprächsschwerpunkte
waren die Situation in der «Dritten» Welt und das Stillverhalten
von Müttern bei uns.
Problematisiert wurden die Vereinbarkeit von Stillen und Berufstätigkeit
sowie das Stillen in der Öffentlichkeit. Hier kam es zu recht engagierten
Diskussionen, in deren Verlauf viele Schülerinnen und Schüler
das Stillen als eine sehr intime Angelegenheit zwischen Mutter und Kind
ansahen und viele Nachteile in der Berufstätigkeit von Müttern
kleiner Kinder erkannten. Das Problem der künstlichen Ernährung
von Säuglingen unter mangelhaften hygienischen Voraussetzungen
wurde mit dem Einsatz des Filmes immer deutlicher.
Die Aussagen des Films lassen sich folgenden Schwerpunkten zuordnen:
- Die historische Entwicklung des Stillens
- Die Vorteile des Stillens
- Die Situation in der «Dritten» Welt.
Im Anschluss an die schon recht ergiebige Diskussion
beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler in Arbeitsgruppen
mit den verschiedenen Schwerpunkten. Für diese Gruppenarbeit hatte
ich umfangreiches Bild- und Textmaterial zusammengestellt, das die einzelnen
Gruppen durcharbeiteten. Mit Hilfe differenzierter Arbeitsaufträge
stellten die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse auf Wandzeitungen
zusammen und erläuterten sie später ihren Mitschülern.
Die erste Gruppe beschäftigte sich in dieser Unterrichtsphase mit
der historischen Entwicklung des Stillens. Sechs Schaubilder stellten
die Situation in Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts dar. Die Jugendlichen
veranschaulichten die Aussagen mit Hilfe von Streifendiagrammen und verdeutlichten
sie ihren Mitschülern indem sie kurze Erläuterungen hinzufügten.
Die entstandene Wandzeitung machte u. a. die Abhängigkeit von Todesfällen
bei Säuglingen von der Jahreszeit und von der Ernährungsweise
deutlich. Bilder veranschaulichten den Aufwand bei der Zubereitung von
Flaschennahrung.
Eine zweite Gruppe beschäftigte sich mit den Vorteilen des Stillens
und erhielt dazu Texte und Fotos zur heutigen Situation. Unter der Überschrift
«Lieber Brust als Flasche» fassten die Schülerinnen und
Schüler die Vorteile des Stillens wie gute Mutter-Kind-Beziehung,
Schutz vor Krankheiten, umweltfreundlich zusammen und ordneten passende
Bilder dazu.
Die dritte Gruppe bearbeitete unterdessen Texte zur Situation der Ernährung
von Säuglingen in der «Dritten» Welt. In diesen Texten
ging es um Gründe für den Tod von Flaschenkindern, um die Darstellung
der Wohnsituation der Menschen in Slums oder armen ländlichen Gebieten
und um die Veränderung der Ernährung von Babys in der «Dritten»
Welt. Fotos dienten zur Veranschaulichung und sollten die Ergebnisse,
die auf der Wandzeitung zusammengestellt wurden, ergänzen. Die Gruppe
konnte gut die Abhängigkeit von Wohnsituation, Ernährungsweise
und Anzahl der Sterbefälle bei Säuglingen herausarbeiten.
Die Feuerstelle
Diese
Abhängigkeit sollte in einem "Versuch" veranschaulicht werden,
der während der Gruppenarbeitsphase von der vierten Gruppe auf
dem Schulhof vorbereitet wurde. Mit dieser Demonstration sollten die
Schwierigkeiten bei der Zubereitung von künstlicher Babynahrung
unter ungünstigen Wohnverhältnissen dargestellt werden. Die
Schülergruppe bereitete mit Eifer eine Feuerstelle vor, indem sie
Steine, Holz und Stroh sammelte und anordnete. In einem ausgedienten
Kessel des Hausmeisters wurde Wasser aus dem Schulteich besorgt, bei
dem sich alle vorstellen konnten, dass es auch nach dem Abkochen mit
der Hygiene nicht zum Besten bestellt sein konnte.
Nachdem die schriftlichen Gruppenarbeiten erledigt und zu durchaus akzeptablen
Wandzeitungen geworden waren, versammelte sich die Klasse um die improvisierte
Feuerstelle um die Zubereitung der Flaschennahrung unter Bedingungen
zu demonstrieren, wie sie häufig in sogenannten Entwicklungsländern
anzutreffen sind. Die Durchführung dieses «Versuches»
war sehr beeindruckend und konnte sicherlich eine Vorstellung von den
damit verbundenen Problemen liefern. Das Feuer wurde fachmännisch
in Gang gebracht. Durch die Feuchtigkeit des Holzes kam es zu einer
starken Qualmentwicklung. Aber das Wasser wurde heiß. Bis es jedoch
endlich kochte wurden die im Qualm stehenden Schülerinnen und Schüler
auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Das gelangweilte Gesicht eines
Schülers machte das endlose Warten sehr deutlich. Die Jugendlichen
konnten sich gut die Ungeduld einer Mutter vorstellen, wenn ein schreiender
Säugling auf die Flasche warten würde. Eine für die Schülerinnen
und Schüler nur schwer verständliche Beschriftung der Milchpulverdose
- ich hatte ein Etikett mit englischer Beschriftung gewählt - sollte
das Problem der richtigen Dosierung verdeutlichen.
Da viele Schülerinnen und Schüler durch Erfahrung mit jüngeren
Geschwistern das Zubereiten von künstlicher Babynahrung kannten,
war dieses Problem für sie jedoch nicht so greifbar. Sehr souverän
wurde von einem Schüler das heiße Wasser abgefüllt,
Milchpulver zugegeben und alles gut durchgeschüttelt. Die braune
Färbung des Wassers verlor sich durch die Zugabe des Milchpulvers
und die Nahrung sah durchaus genießbar aus. Aufwand und mangelnde
Hygiene konnten durch diese praktische Anschauung sehr überzeugend
dargestellt werden. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe, die sich mit der
«Dritten» Welt beschäftigt hatte, wurden durch diesen
«Versuch» eindrucksvoll untermauert.
Im Anschluss an den Schulhofversuch mit der Feuerstelle stellten die
anderen Gruppen ihre auf den Wandzeitungen zusammengefassten Ergebnisse
vor.
Künstliche Babynahrung auf den Philippinen
Die sich anschließende Unterrichtssequenz hatte die Situation
auf den Philippinen zum Schwerpunkt. Die Schülerinnen und Schüler
beschäftigten sich in Einzelarbeit mit verschiedenen Aufgabenstellungen.
Die Philippinen waren während der Lehrerfortbildungstagung bei
der Vorbereitung dieses Unterrichtsvorhabens als Beispiel für ein
Land ausgewählt worden, in dem aufgrund der wirtschaftlichen Situation
vieler Menschen die Ernährung von Säuglingen mit künstlicher
Babynahrung problematisch ist. Diese Zusammenhänge, die in den
vorangegangenen Unterrichtsstunden schon immer wieder angesprochen worden
waren, sollten jetzt an einem konkreten Beispiel vertieft werden.
Topografische Kenntnisse über die Philippinen hatten sich die Schülerinnen
und Schüler bereits in den dem Unterrichtsvorhaben vorangegangen
Erdkundestunden angeeignet. Darauf aufbauend setzten sie sich jetzt
mit verschiedenen Texten und entsprechenden Aufgabenstellungen auseinander,
die auf die Ernährungssituation von Säuglingen abzielten.
Die Klasse war es gewöhnt sich selbständig Informationen zu
erarbeiten und auszuwerten und ging sofort mit Eifer an die Arbeit,
nachdem die schwierigeren Textpassagen gemeinsam gelesen und Verständnisfragen
geklärt werden konnten.
Zu
den Aufgaben dieses Tages gehörte das Anfertigen von Klimadiagrammen
von Berlin und Manila, die miteinander verglichen werden sollten. Das
Diagramm von Manila sollte in bezug auf Probleme mit der Flaschennahrung
gesehen werden (hohe Temperaturen führen zum schnellen Verderben
von Nahrung ...). Zahlen zum Themenbereich Gesundheit konnten zur Vertiefung
der Problematik herangezogen werden. So konnten z. B. Zusammenhänge
zwischen der Säuglingssterblichkeit, dem Zugang zu sauberen Wasser
und der Wohnsituation herausgearbeitet werden. Texte über die Wirtschaft
auf den Philippinen, über Probleme, die zur Armut vieler Bewohner
führen und über die Gegensätze zwischen dem Manila der
Armen und dem der Reichen komplettierten das Bild, das die Jugendlichen
über den Inselstaat gewonnen hatten. Wichtig war es für mich,
dass nicht das einseitige Bild eines Landes in völliger Armut und
Unfähigkeit, die Kinder zu ernähren, entsteht. Durch die Auseinandersetzung
mit unterschiedlichen Materialien lernten die Schülerinnen und
Schüler die verschiedenen Seiten des Landes kennen und blieben
weiterhin offen für die Problematik der Säuglingsernährung.
Die anschließend vorgenommene Auswertung der umfangreichen Aufgaben
dieser Unterrichtssequenz zeigte, dass das Ziel erreicht war. Die Aufgaben
wurden ausführlich und überwiegend richtig bearbeitet. Besprechungsschwerpunkte
waren das Klima im Vergleich zu Deutschland und die sich daraus ergebenden
Lebensbedingungen, ferner die Landnutzung, das Wohnen auf dem Land und
in der Stadt mit den Gegensätzen zwischen reichen Villenvierteln
und Slumgebieten. Ein Textblatt mit Angaben zur Säuglingsernährung
auf den Philippinen wurde gemeinsam gelesen und besprochen. Die dort
zusammengestellten Zahlen, die einen direkten Zusammenhang zwischen
der künstlichen Babynahrung und erhöhten Todesraten gegenüber
gestillten Kindern erkennen ließen, machten die Schülerinnen
und Schüler sehr nachdenklich.
Wer
ist schuld?
Es stellte sich nun die Frage, ob dieses Problem nur für die Philippinen
oder für Länder mit ähnlichen Ernährungsvoraussetzungen
oder für alle mit der Flasche ernährten Kinder gelten würde.
Als Gesprächsgrundlage dazu diente eine Folie, auf der eine verzweifelte
Mutter mit ihrem weinenden Säugling abgebildet ist. Ärmliche
Wohnverhältnisse und ein Hinweis auf bisherige Flaschenernährung
vervollständigten das Bild, das auf die Jugendlichen sehr motivierend
wirkte. Es entwickelte sich ein lebhaftes Unterrichtsgespräch,
das viele neue Fragen aufwarf. So kam auch der finanzielle Aspekt zur
Sprache, der bei einer Ernährung mit künstlicher Babynahrung
über einen langen Zeitraum zu einer enormen Belastung führen
kann. Stärker verdünnte Milch zum Einsparen des teuren Milchpulvers
macht den Säugling nicht satt. Eine Rückkehr zum günstigeren
Stillen ist nicht mehr möglich. Es stellt sich die Frage, wer diese
Mütter so schlecht beraten hatte, dass sie die Flaschennahrung
dem Stillen vorgezogen hatten und nun vor für sie unlösbaren
Problemen standen.
Im
Anschluss an die Diskussion fertigten die Schülerinnen und Schüler
Bildbeschreibungen zur Folie an. In der Zwischenzeit bereitete ich eine
kleine Ausstellung mit kostenlos erhältlichen Werbematerialien
vor, die im Zusammenhang mit der Vermarktung von künstlicher Säuglingsnahrung
stehen. Damit sollte eine erste Antwort auf die mit der Abbildung auf
der Folie aufgeworfenen Frage nach den Gründen für das Verhalten
der Mütter bei der Ernährung ihrer Kinder gefunden werden.
Die Schülerinnen und Schüler erhielten Gelegenheit sich ausführlich
mit den verschiedenen Gegenständen zu beschäftigen und zeigten
sich sichtlich beeindruckt. Mit viel Interesse blätterten sie in
reich bebilderten Broschüren, hörten Musikkassetten, betrachteten
Lätzchen, Fläschchen, Taschen und andere Geschenke und bestaunten
die vielfältigen Milchpulver- und Breiproben.
Vermarktungsstrategien
In
den jetzt folgenden Unterrichtsstunden sollte es schwerpunktmäßig
um die Vermarktung von künstlicher Säuglingsnahrung gehen.
Nachdem geklärt worden war, welche Probleme mit der Ernährung
durch die Flasche entstehen können, stellte sich die Frage, warum
trotz der Überlegenheit des Stillens so viele Mütter auch
bei ungünstigen Voraussetzungen ihre Kinder mit der Flasche ernähren
und gesundheitliche Probleme in Kauf nehmen. Die Ausstellung hatte bereits
erste Hinweise auf die Werbung geliefert. Vertiefend wurde zu Beginn
des folgenden Unterrichtstages ein Text über die Vermarktungsstrategien
von Babynahrungsherstellern gelesen. In diesem Text wurden Schwangere,
Mütter bzw. Eltern als die erste Zielgruppe, Geschäfte, Apotheken
und Drogerien als zweite und Ärzte, Hebammen und Krankenschwestern
als dritte Zielgruppe der Vermarktung genannt. Die Schülerinnen
und Schüler erhielten eine umfangreiche Liste mit Produkten bzw.
Angeboten, die von Babynahrungsmittelherstellern den obengenannten Zielgruppen
zur Verfügung gestellt werden. Dabei ging es z.B. um die Abgabe
von Proben unterschiedlicher Art, um das Verteilen von vielfältigen
Geschenken, um das Anbieten von Fortbildungen und vieles mehr. In einer
Tabelle ordneten die Schülerinnen und Schüler die einzelnen
Beispiele den Zielgruppen zu. Zur Veranschaulichung war die bereits
erwähnte Ausstellung der verschiedenen Produkte vorhanden, ergänzt
durch passende Fotos.
Lösungsmöglichkeiten
Im anschließenden Auswertungsgespräch zeigten sich die Schülerinnen
und Schüler zwar entrüstet über die ihrer Meinung nach
zum Teil zweifelhaften Methoden der Werbung. Der Versuch, Lösungsmöglichkeiten
zu diskutieren, scheiterte jedoch an fehlenden Ideen der Jugendlichen.
Es war schwer ihnen zu erklären, dass man über die eigene
Betroffenheit hinaus auch etwas unternehmen kann und nicht immer alle
Missstände als gegeben und unabänderlich hinnehmen muss. Möglichkeiten
wie Protestbriefe und Boykottaktionen, die von mir genannt wurden, waren
ihnen sehr fremd und wenig vorstellbar. Die dann genannte gesetzliche
Möglichkeit erschien ihnen greifbarer. So wurde der Inhalt des
Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatznahrung
Schwerpunkt für die folgende Arbeit in der Klasse.
Die Schülerinnen und Schüler erhielten eine Kopie mit den
wichtigsten Bestimmungen des Kodex, in denen z. B. die Abgabe von Proben,
die direkte Werbung, das Verteilen von Geschenken oder Vorteile für
das Gesundheitspersonal verboten werden. Schnell wurde deutlich, dass
alle die schönen Dinge, die nun schon längere Zeit unseren
Ausstellungstisch füllten, mit den Bestimmungen des Kodex nicht
vereinbar waren.
Die Schülerinnen und Schüler erhielten die Aufgabe, die ausgestellten
Artikel genau zu kontrollieren. Sie sollten ihr Wissen über den
Kodex anwenden und den Werbeartikeln jeweils die Kodexnummer zuordnen,
gegen die verstoßen wurde. Diese Aufgabe wurde wiederum mit Interesse
bearbeitet, da konkretes Anschauungsmaterial vorhanden war.
Zur Vertiefung der Thematik über die Vermarktungsstrategien erhielten
die einzelnen Tischgruppen am folgenden Unterrichtstag von mir ein in
Einzelteile zerlegtes Schema, das zu einer sinnvollen Bildfolge zusammengesetzt
und der Klasse am Overheadprojektor erläutert werden sollte.
Die einzelnen Gruppen kamen zu unterschiedlichen Lösungen, die
nach ausführlichen Diskussionen in den Tischgruppen entstanden
waren. Alle Lösungen ließen eine Logik erkennen und die Erläuterungen
zeigten, dass die Problematik der Vermarktungsstrategie verstanden worden
war. Alle Gruppen hatten den Zusammenhang zwischen aggressiver Werbung
im Krankenhaus, Beeinflussung der Mütter durch das Personal, Verunsicherung
bei der Ernährung und den «Griff zur Flasche» ohne
die Möglichkeit zur Umkehr erkannt.
Die Einhaltung des Internationalen Kodex
Da bisher schwerpunktmäßig die Situation auf den Philippinen
im Vordergrund gestanden hatte, sollte abschließend wieder der
Bogen nach Deutschland gezogen werden. Da in den letzten Gesprächen
der Kodex eine große Rolle gespielt hatte, sollte jetzt einmal
überprüft werden, ob er in unseren Einrichtungen eingehalten
wird. Ausgerüstet mit Fragebögen und erklärenden Begleitschreiben
suchten Schülergruppen verschiedene Geschäfte und das Gesundheitsamt
auf um zu überprüfen, wie es mit der Vermarktung am Ort aussieht.
Solche Aufgaben außerhalb des Klassenraumes übernehmen die
Schülerinnen und Schüler immer sehr gern und führen sie
zuverlässig und engagiert aus. In den einzelnen Geschäften
konnten die Aufgaben ohne Probleme gelöst werden. Nur im Gesundheitsamt
bezweifelte man, dass das Thema schon etwas für die Schülerinnen
und Schüler sei und schickte sie unverrichteter Dinge in die Schule
zurück. Trotzdem war mit den Erkundungen in der Stadt ein sinnvoller
Abschluss des Unterrichtsvorhabens erreicht worden, bot er den Jugendlichen
doch die Chance mit ihrem Thema in die Öffentlichkeit zu gehen.
Schlussbemerkung
Die Meinung des Personals beim Gesundheitsamt stand in völligem Gegensatz
zu den Erkenntnissen, die ich im Laufe der Stunden gewonnen hatte. Nach
meinen Beobachtungen haben die Schülerinnen und Schüler bis
zuletzt mit Interesse an dem für sie doch ungewohnten Thema gearbeitet.
Sie fühlten sich ernst genommen und haben für ihre eigene Lebensplanung
einige wichtige Erkenntnisse gewinnen können. Ich bin sicher, dass
sie sich als Eltern an dieses Unterrichtsvorhaben erinnern werden und
den auf sie dann einstürzenden Informationen etwas kritischer gegenüberstehen
werden.
Ich glaube auch, dass es gelungen ist, sie für die Probleme von Menschen
zu sensibilisieren, die unter schwierigeren Bedingungen als wir ihre Kinder
ernähren müssen. Nach meiner anfänglichen Skepsis bin ich
nach Abschluss des Unterrichtsvorhabens der Meinung, dass Jugendliche
durchaus für solche Themen zu interessieren sind und ernsthaft daran
arbeiten können.