Wie
alles begann ...
"Mit dem Grundschulpreis in
Höhe von 10 000 Mark wurde die Forschungsarbeit einer Projektgruppe
des Pädagogischen Seminars der Universität Göttingen
bei der Interschul in Dortmund im Rahmen der Veranstaltungsreihe 'Erziehung
zum Frieden' ausgezeichnet."
(Göttinger Tageblatt vom 26. Juni 1976)
Mehr als drei Jahre intensiver Forschungs- und Unterrichtsarbeit
gingen diesem Ereignis voraus. Fast drei Jahre Forschungs- und Unterrichtstätigkeit
folgten, bis das Projekt "Eine Welt in der Schule" bzw. damals
"Dritte Welt in der Grundschule" das Licht der Welt erblickte.
Sieben Jahre Vorbereitung ist eine lange Zeit, ein nicht unwichtiger
Gesichtspunkt, wenn man nach einer Erklärung für die 25-jährige
Beständigkeit des Projektes sucht. Denn alles, was sich in diesen
sieben Jahren Vorbereitungszeit bewährt hat, ging in die Gestaltung
des Projektes ein und bildet auch heute noch - um manche Erkenntnis
bereichert - die Fundamente unserer Arbeit.
Der
unmittelbare Vorlauf des Projektes begann auf der Frankfurter Buchmesse
im Herbst 1978. Das Motto dieser Buchmesse "Kind und Buch"
mit einem Schwerpunkt "'Dritte Welt' im deutschen Kinderbuch"
inspirierte den Grundschulverband (ehemals: Arbeitskreis
Grundschule e. V.) zu einer Fachtagung, die diesem Thema gewidmet
war, und zu einem Themenheft der Zeitschrift "Grundschule"
(Juli 7/1979) mit dem Titel "Kinder und die Dritte Welt".
Schon im August 1979 folgte die erste Ausgabe unserer Zeitschrift "Dritte
Welt in der Grundschule", heute "Eine Welt in der Schule".
Finanziert wurde unsere Zeitschrift - vor allem als Beilage zu pädagogischen
Fachzeitschriften - von Anfang an vom Bundesministerium für Wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ),
das dafür seine sporadisch (3- bis 4-mal im Jahr) erscheinende
Broschüre "Schule und Dritte Welt" einstellte. Dabei
war von vornherein klar, dass wir zunächst intensiv in den Grundschulen
einsteigen wollten, um dann nach und nach das Projekt auf die weiterführenden
Schulen auszudehnen. Im ersten Bewilligungsantrag zum Projekt "Dritte
Welt in der Grundschule" an das BMZ vom 7. Februar 1979 heißt
es denn auch "Ziel des Projektes ist es, durch
verschiedene Maßnahmen (Zeitschrift, Lehrerfortbildung usw.) und
in Zusammenarbeit mit den Bundesländern (Kulturhoheit der Länder!)
möglichst in allen Grundschulen der Bundesrepublik Deutschland
praxisbewährte Unterrichtsbeispiele einzuführen, die eine
positive Einstellung gegenüber Völkern und Kindern der Dritten
Welt fördern können."
Die allgemeine Begründung und auch die spezielle Begründung
für die Auswahl des Primarbereichs dürfte auch heute noch
nicht überholt sein:
Allgemein: "Entwicklungspolitik kann mit Aussicht
auf Erfolg nur verwirklicht werden, wenn sie durch eine entsprechende
und d. h. wesentlich zu verändernde Einstellung der gesamten Bevölkerung
getragen wird. Dies erfordert eine Intensivierung der Bemühungen
im schulischen Bereich."
Speziell: "Will man Einstellungen gegenüber
anderen Völkern und damit auch gegenüber den armen Ländern
der Dritten Welt positiv beeinflussen, dann dürfte es nicht nur
sinnvoll, sondern geradezu notwendig sein, zu jenem Zeitpunkt zu beginnen,
zu dem diese Einstellungen entstehen und sich verfestigen. Zahlreiche
empirische Untersuchungen weisen darauf hin, dass dieser Zeitpunkt ziemlich
früh in der kindlichen Entwicklung, nämlich zwischen dem 5.
und 7. Lebensjahr, anzusetzen ist. Das Beunruhigende ist dabei, dass
dieser Prozess der Einstellungsentstehung normalerweise eher zum Negativen
als zum Positiven verläuft. Das durchaus legitime Sicherheitsbedürfnis
der Kinder - häufig verstärkt durch einen restriktiven Erziehungsstil
in der Familie - zusammen mit der entwicklungsbedingten Tendenz zur
Stereotypisierung (natürliche Egozentrik des Kindes) führt
zur undifferenzierten Abwertung des Andersartigen, Fremdländischen,
Ungewohnten. Will man positive Beziehungen zu Menschen anderer Hautfarbe,
anderer Sprache, anderer Lebensgewohnheiten usw. fördern - zweifellos
eine unabdingbare Voraussetzung für ein partnerschaftliches Verhältnis
der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland zur Dritten Welt
- muss man schon im Elementar- bzw. Primarbereich didaktisch-methodisch
geeignete Maßnahmen ergreifen, die den Kindern dieser Altersstufe
emotional fundierte, gleichzeitig auch differenzierte Einstellungen
gegenüber Angehörigen anderer Völker ermöglichen."
Wie lange es dauert, bis solche Begründungen in das "Bewusstsein"
und vor allem in die offiziellen Verlautbarungen von Institutionen eingehen,
lässt sich zurückblickend nach 25 Jahren besonders deutlich
erkennen. So bezeichnet das BMZ erst seit wenigen Jahren die entwicklungspolitische
Bildungsarbeit im Inland ("Die Eine Welt beginnt vor Ort")
als drittes Handlungsfeld ("dritte Säule") - neben der
internationalen Zusammenarbeit und der binationalen Zusammenarbeit mit
den Partnerländern -, für das ausdrücklich Know-how und
finanzielle Mittel eingesetzt werden müssen.
Die Kultusministerkonferenz (KMK) als zentrales Organ der Bundesländer
hat erst im Jahr 1997 zum ersten Mal eine Empfehlung veröffentlicht,
in der der fächerübergreifende Themenbereich "Eine Welt/Dritte
Welt" als verbindliche Thematik für den Unterricht in allen
Schulen vorgeschrieben wird. Fast wörtlich wurde in dieser Empfehlung
der spezielle Begründungstext für einen Lernbereich "Dritte
Welt" im Grundschulalter aus unserem Erst-Antrag an das BMZ übernommen
(vgl. 4.3).
Dritte Welt in der Grundschule
13
Jahre lang (1979-1991) trug unsere Zeitschrift den Titel "Dritte
Welt in der Grundschule". Obwohl wir die Bezeichnung "Dritte
Welt" für die "arme Welt" von Anfang an für
obsolet hielten, konnten wir sie gegen den institutionalisierten Willen
unseres Hauptgeldgebers nicht verändern.
In den 80er Jahren konnte man sich allerdings ohne die Bezeichnung "Dritte
Welt" kaum einem breiten Publikum verständlich machen. Wir
versuchten diesen Mangel zu unterlaufen, indem wir stets von der "Dritten
Welt in der Ersten Welt" und von der "Ersten Welt in der Dritten
Welt" sprachen, um auf diese Weise zu zeigen, dass die Einteilung
der Erdbevölkerung in Welten eine höchst fragwürdige
Gemengelage ist. Dieser Ansatz verschaffte uns die Möglichkeit,
die ferne "Dritte Welt" in die Nähe der Kinder zu holen,
entsprechend unserem Grundsatz: Für die Verantwortbarkeit und positive
Wirkung aller Aktivitäten zum Lernbereich "Dritte Welt"
im Elementar- und Primarbereich ist es von ausschlaggebender Bedeutung,
dass sie im Rahmen einer umfassenden Sozialerziehung erfolgen: Erziehung
zur Solidarität mit diskriminierten Menschen in der fernen "Dritten
Welt" beginnt beim Verhalten gegenüber den eigenen Spiel-
und Schulkameradinnen und -kameraden. Dieser Grundsatz ist übrigens
20 Jahre später auch in die Empfehlung der Kultusministerkonferenz
zum Unterricht über die "Eine Welt/Dritte Welt" aufgenommen
worden (vgl. 4.3).
So etwas wie eine Initialzündung für das Projekt "Eine
Welt in der Grundschule" ging vom "Entwicklungspädagogischen
Workshop" in Essen (31.8.-2.9.1979) aus, der anlässlich des
"Internationalen Jahres des Kindes" von zahlreichen Organisationen
ausgerichtet wurde, und auf dem zum ersten Mal in der entwicklungspädagogischen
Geschichte ein Drittel der Arbeitskreise (4 von 12) ausschließlich
der Altersstufe der vier- bis zehnjährigen Kinder gewidmet war.
In den ersten Jahren lebte unsere Zeitschrift in hohem Maße von
den Themen und Ergebnissen dieser vier Arbeitkreise, an denen ca. 80
Lehrerinnen und Lehrer aus dem ganzen Bundesgebiet und aus dem Ausland
(Niederlande, Schweiz) mitgewirkt haben.
Der erste Arbeitskreis beschäftigte sich mit Medienpaketen. Dazu
gehörte neben unserem umfangreichen Paket "Toleranz - Kooperation
- Solidarität" das Medienpaket "Kinder erleben die Dritte
Welt" von Misereor. Später kamen weitere dazu: z. B. das preisgekrönte
Materialpaket einer Essener Projektgruppe zur "Kinderarbeit".
Der zweite Arbeitskreis beriet über die Möglichkeit, wie man
Kinderbücher für den Einsatz im Unterricht fruchtbar machen
kann. Entscheidende Impulse kamen von der Schweizer Aktion 3.-Welt-Kinderbücher.
Viele dieser Mappen zu einzelnen Kinderbüchern haben wir in unserer
Zeitschrift vorgestellt und empfohlen, teilweise selbst erprobt: "Ein
Indio darf den Tag nicht verschlafen", "Muraho", "Kleiner
Läufer aus dem Langhaus", "24 Stunden Wachen und Träumen"
, "Rico" usw.
Gleichzeitig lief eine Aktion "Afrikabezogene Kinderliteratur im
Grundschulunterricht", die zu zahlreichen Erprobungen führte:
"Das Bärchen Oli Bär Gwahma", "Jama und die
Gazelle", "Ewedo, Prinz von Benin" usw.
Der dritte Arbeitskreis "Kind und Museum" wagte sich auf ein
Terrain, auf dem damals noch wenig Erfahrungen vorlagen. Hier kam das
Amsterdamer Tropenmuseum zum Zug, das mit seinem Ausstell- und Mitmach-Projekt
"Die Indianer Südamerikas" wichtige Impulse geben konnte.
Auf deutscher Seite hatten wir ein Projekt des Bremer Überseemuseums
zu bieten: "Afrikanische Kinder als Konstrukteure", das dann
als Wanderausstellung durch die Bundesrepublik zog. Berichte über
Gestaltung und Wirkung weiterer kindbezogener Ausstellungen zum Thema
"Dritte Welt" fanden ihren Niederschlag in unserer Zeitschrift:
z. B. "Die Jurte, das Hauszelt der Mongolen", "Weben
und Färben wie in Indonesien, Turkmenistan und Peru" usw.
Der vierte Arbeitskreis widmete sich einem besonders eindrucksvollen,
gleichzeitig auch fragwürdigen Medium, dem Kinderfilm: "Favela,
das Leben in Armut", "Twaha, ein Junge aus Tansania"
usw. Auch später spielten Unterrichtsbeispiele, in deren Mittelpunkt
ein Film steht, immer wieder eine Rolle: "Prahlad, ein Junge aus
Indien", "Nazmiyes Kopftuch" usw.
Nach vier Jahren zogen wir eine erste Bilanz. An die 40 Unterrichtsbeispiele
- alle praxiserprobt - hatten wir veröffentlicht. In einer Fragebogenaktion
erkundeten wir das Schicksal unserer Unterrichtsbeispiele in der bundesweiten
schulischen Praxis. Die Auswertung ergab, dass alle bisher veröffentlichten
Unterrichtsbeispiele - gleichmäßig über das ganze Bundesgebiet
- Eingang in die Praxis der Grundschule gefunden hatten. Die Häufigkeit
der Durchführung wurde von folgenden Faktoren beeinflusst: Verwendung
leicht zugänglicher Materialien, überschaubare Länge
des Unterrichtsbeispiels, übersichtliche und detaillierte Beschreibung
in der Zeitschrift, ausreichende Absicherung in den Lehrplänen
und mittlere politische Brisanz. Beflügelt und informiert durch
diese Ergebnisse haben wir unsere Projektarbeit fortgesetzt.
Der nächste Einschnitt war von quantitativer Art. Ab 1987 konnten
wir aufgrund einer veränderten Wettbewerbssituation auf dem Markt
der Grundschulzeitschriften kostengünstiger produzieren, d.h. die
Auflage mehr als verdoppeln. Als Beihefter verbreiteten wir unsere Zeitschrift
künftig nicht nur wie bisher über die Zeitschrift "Grundschule",
sondern auch über die neugegründete Zeitschrift "Die
Grundschulzeitschrift" und das ebenfalls neu organisierte "Grundschulmagazin".
Auf diese Weise steigerten wir unsere Wirkungsmöglichkeiten enorm.
Aber auch unsere inhaltliche Arbeit ging weiter, so dass wir zum zehnjährigen
Bestehen des Projekts einen orangenen Sammelband herausgeben konnten. Er enthielt besonders bewährte und beliebte
Unterrichtsbeispiele aus unserem reichhaltigen Repertoire, die - nochmals
überarbeitet - in diesem Band dem Vergessen entrissen werden sollten,
wie es zumeist das Schicksal von Zeitschriften-Beiträgen ist. In
der Gliederung dieses Bandes spiegelt sich etwas von den theoretisch-gedanklichen
Fortschritten des Projekts wider.
Unter der Überschrift "Solidarität mit Minderheiten"
versammelten wir Unterrichtsbeispiele, die sich sehr gut als Einstieg
in die "Dritte-Welt-Thematik" eignen. "Leben und arbeiten
in anderen Ländern", der zweite Abschnitt des Bandes, enthält
Unterrichtsbeispiele, die bereits eine gewisse Tradition in den Sachunterrichtslehrplänen
aller Bundesländer hatten (z. B. Wohnen bei uns und anderswo).
Der dritte Abschnitt "Lernen von fremden Kulturen" entwickelte
sich in unserer zehnjährigen Projektarbeit zu einem theoretisch
begründeten Herzensanliegen: Was soll das ganze Geschwätz
von gleichberechtigten, partnerschaftlichen Beziehungen, wenn wir nicht
die Bereitschaft fördern, von Menschen in der so genannten Dritten
Welt zu lernen. "Überwindung von Hunger und Elend", das
klassische "Dritte-Welt"-Thema, klammerten wir nicht aus,
behandelten es aber erst an vierter Stelle, weil dieses Thema immer
auf dem aufbauen muss, was in den ersten drei Abschnitten genannt wurde.
Isoliert behandelt verführt diese Thematik allzu leicht zu negativen
Einstellungen gegenüber den armen Menschen in der Dritten Welt.
"Produkte aus fremden Ländern", der fünfte Abschnitt
des Bandes, war einerseits immer schon ein klassisches Thema des Sachunterrichts,
auf der anderen Seite bot es für Grundschulkinder die ersten Ansätze
für den Einstieg in die komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge
der Abhängigkeit der armen Länder von den reichen Ländern.
Deshalb platzierten wir diese Unterrichtsbeispiele ans Ende eines Sammelbandes
für die Grundschule.
Eine (Dritte) Welt in
der Grundschule
Die
zwei Jahre von 1992 bis 1994 sind so etwas wie ein Zwischenspiel, das
allerdings in den Köpfen schon 1989 begann, nämlich die heftige
Diskussion um eine Veränderung des Titels der Zeitschrift und damit
auch des Projektes in Richtung auf "Eine Welt". Das erste
Heft des Jahres 1992 trug schließlich den neuen Namen "Eine (Dritte) Welt in der Grundschule".
Zu mehr konnten wir uns nicht durchringen, um eine gewisse Identität
und Kontinuität des Projektes zu wahren. An sich hätten wir
den Namen schon 1989 nach dem Ende der so genannten Zweiten Welt, des
kommunistischen Ostblocks, verändern können; denn - wie es
so schön im Neuen Brockhaus (Ausgabe 1989) heißt: Dritte
Welt = "Sammelname ursprünglich für
jene Staaten, die im kalten Krieg als blockfreie Staaten eine Politik
der Bündnisfreiheit zwischen den Militärblöcken der westlichen
(parlamentarisch-demokratischen) und östlichen (kommunistischen)
Staatenwelt (der bei der Wortprägung einbezogenen 'ersten'
und 'zweiten' Welt) betrieben" (S. 683).
Unmittelbarer Auslöser für die Veränderung unseres Namens
war die überraschende Tatsache, dass jene Institution, die unser
Projekt in hohem Maße fördert, das BMZ selbst zu diesem Zeitpunkt
die Bezeichnung "Dritte Welt" in ihren Schriften aufgab und
nur noch von "Einer Welt" sprach.
Hatte diese Namensänderung für uns auch inhaltliche Konsequenzen?
- Grundsätzlich nicht, aber durchaus doch in der Akzentsetzung.
Was wir bisher schon für richtig und wichtig hielten, sollte verstärkt
unsere Arbeit und damit auch unsere Veröffentlichungen bestimmen:
Die Verknüpfung von "hier und anderswo" (Kinderarbeit
bei uns und anderswo, Wasser bei uns und in Afrika usw.), die Betonung
der Einheit der Welt (Wir leben in Einer Welt: Waldsterben/Umweltzerstörung,
Kinder haben Rechte usw.) und eine vermehrte Behandlung von Weltproblemen
in unserer unmittelbaren Nachbarschaft (Ausländer in unserem Land,
Flüchtlingskinder in unserem Land, Asyl heißt Zufluchtsort,
Aussiedler - fremd in der Heimat usw.).
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die neu betitelte Zeitschrift
auch Verbreitung in den neuen Bundesländern fand, weil wir sie
ab 1992 der dort in hoher Auflage erscheinenden Zeitschrift "Grundschulunterricht"
(ehemals "Unterstufe") beilegen konnten.
Ebenfalls nicht unerwähnt soll sein, dass wir von vornherein dem
neuen Namen "Eine Welt" nicht unkritisch gegenüber standen.
Die durch die modernen Medien suggerierte Verbindung mit allen Sensationen
dieser Welt steigert eher die Verantwortungslosigkeit gegenüber
den Nöten und Gebrechen weltweit. Die Früchte der Globalisierung
kann man nur mit kritischer Vorsicht genießen. Globales Lernen
ist eher eine vage Utopie. "Einheit der Welt" verwischt nur
allzu leicht die krassen Ungleichheiten, die das Leben der Menschen
bestimmen.
Eine Welt in der Schule,
Klasse 1-10
Im
Jahr 1994 haben wir den Titel unseres Projektes und unserer Zeitschrift
noch einmal verändert, diesmal aber ausschließlich aus inhaltlichen
Gründen: Den Namen "Eine Welt" haben wir nun ohne Abstriche
- trotz der oben genannten Bedenken - beibehalten. Grundschule haben
wir auf Schule verkürzt, weil wir das Projekt von der 1. bis zur
10. Klasse verlängert haben. Nach einer einjährigen intensiven
Vorbereitungszeit konnten wir im ersten Heft des Jahres 1994 neben einem
Unterrichtsbeispiel für die Grundschule ein erstes, sogar preisgekröntes
Projektbeispiel für die Sekundarstufe I (8. Hauptschulklasse) präsentieren,
dem noch viele folgten. Prinzipiell sollte nun das von 16 auf 24 Seiten
vergrößerte Heft zur Hälfte praxisbewährte Unterrichtsbeispiele
aus der Grundschule und zur anderen Hälfte ebenso praxisbewährte
Unterrichtsbeispiele aus der Sekundarstufe I transportieren. Gleichzeitig
wurde die Auflage erhöht, so dass unsere Zeitschrift regelmäßig
nicht nur wie bisher den einschlägigen Grundschulzeitschriften
beigelegt werden konnte, sondern gleichzeitig in einer Reihe von Fachzeitschriften
(Deutsch, Geographie, Biologie) und allgemeinpädagogischen Zeitschriften
beigefügt wurde. Auch die überregionalen Lehrerfortbildungstagungen
haben wir verdoppelt, um auch Lehrerinnen und Lehrern aus dem Sekundar-I-Bereich
die unmittelbar praktische Mitarbeit zu ermöglichen.
Was hat uns bewogen, das Projekt auf die Klassen der Sekundarstufen
I auszudehnen? Zunächst eine schlicht praktische Erfahrung: Die
Grundschulmaterialien aus unserem Ausleihservice wurden mehr und mehr
auch von Lehrerinnen und Lehrern der weiterführenden Schulen ausgeliehen.
Auf gemeinsamen Tagungen mit Lehrerinnen und Lehrern weiterführender
Schulen erlebten wir häufig, dass selbst Lehrende der Sekundarstufe
II sich auf die didaktischen und methodischen Prinzipien bewährter
Grundschularbeit beriefen, wenn sie eine erfolgreiche Vermittlung des
Lernbereichs "Eine Welt" beschworen. Diese und ähnliche
Erfahrungen bestärkten uns in der Grundthese, wie sie im Einleitungsaufsatz
"'Eine Welt' in den Klassen 1 bis 10 - ein Kontinuum"
(Heft 1/März 1994, S. 7-12) formuliert und begründet wurde: "Pädagogisch-didaktische Prinzipien, die sich in der Grundschule
bewährt haben, gelten auch für die weiterführenden Schulen.
Das gilt z. B. für den fächerübergreifenden Unterricht,
für das Zusammenspiel von Kopf, Herz und Hand, für selbstbestimmtes
Lernen und vieles mehr. Was bei den Heranwachsenden in Klasse 1-10 kontinuierlich
zunehmen soll, sind die kognitive Breite und Differenziertheit, die
persönliche Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit, das
emotionale Engagement und die Handlungsspielräume" (S.7).
Angesichts der Ergebnisse der beiden internationalen Vergleichsuntersuchungen
PISA (Fünfzehnjährige) und IGLU (Neun- bis Zehnjährige)
kann diese Grundthese von niemandem mehr in Zweifel gezogen werden.
Erfolgreich sind nur die Länder mit integrierten Schulsystemen
über mindestens acht Schuljahre. Erfolgreich ist auch die deutsche
Grundschule, die zumindest vier Schuljahre alle Kinder integriert.
Nicht ganz zufällig gaben wir im gleichen ersten Heft des Jahres
1994 den Startschuss für eine Erweiterung, die wir schon in den
Anfängen des Projektes immer mitberücksichtigt haben: die
Erweiterung nach "unten" ins Kindergartenalter. Nach zweijähriger
Vorbereitungszeit veröffentlichten wir "Aminatas Entdeckung"
- ein Kinderbuch für Kinder ab fünf Jahren - zusammen mit
einem Materialband. In der illustrativen und textlichen Bearbeitung
dieses Kinderbuches verwirklichten wir alles, was wir in jahrzehntelanger
Arbeit an Erfahrung mit Kindern gewonnen hatten. Dieses Kinderbuch sollte
auch die wenig erfolgreichen Kindermedien des BMZ (z. B. Kinderfibel
und Kinderplakat) ersetzen. Die Erfolgsstory dieses Buches (verkaufte
Gesamtauflage bis jetzt über 25000, Übersetzung ins Niederländische)
lässt erkennen, dass uns dieser Ersatz weitgehend gelungen ist.
Auch im pausenlosen Verleih der vielen Klassensätze dieses Bandes
seit zehn Jahren spiegelt sich dieser Erfolg.
Schon
drei Jahre später (1997) konnten wir einen weiteren, diesmal blau
gestalteten Sammelband veröffentlichen,
in dem die bewährten Unterrichtsbeispiele aus der Sekundarstufe
I bereits einen mit der Grundschule gleichwertigen Platz einnehmen.
Dieser zweite Sammelband steht ganz im Zeichen der Akzentsetzung "Eine
Welt". Der erste Teil thematisiert das "Zusammenleben in unserer
Gesellschaft" als Ausgangspunkt für eine wirkungsvolle Behandlung
der "Eine-Welt"-Problematik (Neben mir ist noch Platz, Fremde
in unserem Dorf, Zusammenleben mit Menschen aus fremden Ländern,
Wegweiser des Friedens usw.). Die Unterrichtsbeispiele des zweiten Teils
beziehen sich alle unmittelbar auf das "Leben in fremden Ländern"
(Kinder im Jemen, Die Tuareg, Leben der matrilinearen Minangkabau, Indien
im Englischunterricht usw.). Aller Unterricht zum Lernbereich "Eine
Welt" mündet in den dritten Teil mit dem Titel "Vernetzung
zwischen hier und anderswo", "Lernen von fremden Kulturen"
(Urlaub - daheim und anderswo, Schule hier und anderswo, Kleidung bei
uns und in Indien, Eine Welt der Gewürze, Eine Welt - das globale
Dorf mit vielen Schulen usw.). Seit der Veröffentlichung des blauen
Sammelbandes sind inzwischen wieder sieben Jahre vergangen. Mehr als
70 Unterrichtsbeispiele wurden in dieser Zeit erprobt und einer großen
Zahl von Lehrerinnen und Lehrern der Grundschule und der Sekundarstufe
I zugänglich gemacht. Eine Vielzahl neuer Themen wurde aufgegriffen:
z. B. Die Welt des Fußballs, Geld regiert die Welt, Frauen in
der Welt, Leben auf einem Südsee-Atoll, Babynahrung - das Geschäft
mit der Flasche, Rosen, Tulpen, Nelken - alle Blumen welken, Leben in
der Arktis, Von Ho Chi Minh bis Miss Saigon, Das Leben der Aborigines
usw. Vielleicht ist es wieder an der Zeit, einen neuen Sammelband herauszugeben,
um wertvolle Theorie- und Praxisarbeit dem Vergessen zu entreißen.
| Wer heute nur für
sich selbst sorgen will, verspielt mit der Zukunft anderer auch
seine eigene." (G. Heinemann) |
Wie geht es weiter?
Mit den letzten Sätzen sind wir schon bei der Zukunft. Wesentliche
Impulse für die Weiterarbeit kommen nicht nur aus unserem Team,
sondern auch von einem Ereignis, das uns einer harten Bewährung
ausgesetzt hat. Ich spreche von der Evaluation unseres Projektes, die
das BMZ als Geldgeber im Jahr 2001 veranlasst hat. Über ein Jahr
lang haben drei unabhängige externe Gutachterinnen und Gutachter
unser Projekt auf Herz und Nieren geprüft und am Ende ihre Empfehlungen
für die Weiterarbeit gegeben, was bedeutet, dass unser Projekt
eine umfassende kritische Prüfung bestanden hat und sogar Anlass
zu neuen und erweiternden Ideen gibt.
Das Grundmuster der Empfehlungen des Evaluations-Teams folgt einer Richtschnur,
die wir in jeder Hinsicht befolgen können: Bewährtes verbessern,
für Neues offen sein.
Den wichtigsten Satz enthält die erste Empfehlung des Evaluations-Teams: "Es wird empfohlen, das Projekt im
bisherigen Umfang weiterzufördern." Das impliziert auch unsere bewährte Vorgehensweise: zusammen mit
Lehrerinnen und Lehrern Unterrichtsbeispiele zum Lernbereich "Eine
Welt" zu entwerfen, vielfach in der schulischen Praxis zu erproben
und dann über eine attraktive Veröffentlichung einem breiten
schulischen Publikum zugänglich zu machen, gleichzeitig über
einen leistungsfähigen Ausleihservice die Schriften und Materialien
zu bieten, die für eine Durchführung der empfohlenen Unterrichtsbeispiele
unentbehrlich sind.
Einen wichtigen innovativen Ansatz für die künftige Projektarbeit
enthält die dritte Empfehlung des Evaluations-Teams: "Es
wird empfohlen, die Internetpräsenz des Projektes deutlich zu erhöhen." Auf diesem Sektor ist inzwischen schon einiges geschehen, wie das Heft
4/Dezember 2003 vermeldet: neu gestalteter Internetauftritt. Ein weiterer
Ausbau dieser Internetpräsenz des Projektes wird folgen.
Bei einer weiteren Empfehlung, nämlich der besonderen Gewichtung
der Projektmaßnahmen in den neuen Bundesländern, konnten
wir ebenfalls schon erste Erfolge verzeichnen. Beispielhaft können
wir auf die letzte Lehrerfortbildungstagung im November 2003 verweisen,
deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem Drittel aus den neuen
Bundesländern gekommen sind. Die Themen dieser Fortbildungstagung
verdeutlichen, dass wir auch die beiden folgenden Empfehlungen der Gutachter
ernst nehmen: "Bildung für eine
nachhaltige Entwicklung stärken" und "Komplexitätsbewältigung
durch Schülerinnen und Schüler didaktisch bearbeiten".
Im Mittelpunkt dieser Tagung standen die komplizierten Lebensbedingungen
in China und die AIDS-Problematik in Südafrika.
Interessant ist auch die elfte Empfehlung des Evaluationsteams: "Es
wird empfohlen, das Instrument Sonderveröffentlichungen (siehe
orangener und blauer Sammelband) vermehrt zu nutzen und auch weitergehende
Konzepte als Sammelbände - wie z. B. themenbezogene, zielgruppenspezifische
und didaktisch-methodische Titel in die Überlegungen einzubeziehen."
Das Vorhaben, einen weiteren Sammelband
zu veröffentlichen, wurde oben schon erwähnt. Erwogen wird
derzeit, ob nicht eine systematischkritische Übersicht über
nationale und internationale Forschungsarbeiten zum Thema "soziale
Vorurteile" bzw. "Verhältnis von Kindern und Jugendlichen
zu fremden Völkern" für die weitere Projektarbeit hilfreich
sein könnte.
Was wir auf jeden Fall häufiger als bisher betreiben werden, ist
das so genannte Monitoring, die selbstkritische Eigenevaluierung. Über
den Ausleihservice und unsere Zeitschrift können wir regelmäßig
Fragebogenaktionen starten, die uns Rückmeldungen über unser
Wirken geben.
Die Zukunftsperspektive lässt erkennen, dass uns auch nach 25 Jahren
nicht der Elan und der Mut verlassen hat, im Gegenteil, mehr denn je
sind wir überzeugt - getragen von vielfältiger, wenn auch
gelegentlich kritischer Zustimmung -, dass das Projekt "Eine Welt
in der Schule" eine wichtige Aufgabe in der Vermittlung und Propagierung
des Lernbereichs "Eine Welt" in der Schule spielen wird.