Seit Bestehen des Projektes "Eine Welt in der
Schule" spielen Kinder- und Jugendbücher über Menschen
in anderen, oft fernen Ländern eine wesentliche Rolle für
die Arbeit an den Praxisvorschlägen des Projektes. Zahlreichen
Unterrichtsbeispielen liegt zentral ein Bilderbuch oder ein Roman
zugrunde. Das Lesen dieser Bücher öffnet einen Weg in fremde
Welten und lässt auf einfache Art und für jede Altersstufe
erfahrbar den Alltag anderer Menschen und Kulturen auf dieser Erde
lebendig werden. Dabei ist es zunächst weniger relevant, von
wem, wo und wann dieses Buch geschrieben worden ist. Im Vordergrund
steht die Faszination von Bild und/oder Text. Finden die Kinder und
Jugendlichen dazu einen Zugang, sind die Geschichten nachvollziehbar
und spannend, die Bilder attraktiv und interessant, dann ist der Weg
geöffnet, um Näheres über diese Menschen, ihre Kultur,
ihren Alltag, ihre Wünsche, ihre Sorgen usw. zu erfahren - die
Brücke ist geschlagen und kann sozusagen ausgebaut werden.
Die unübersehbare Vielfalt der auf dem Buchmarkt erhältlichen
Bilderbücher und Romane über das Leben in anderen Kulturen
wirft jedoch auch zahlreiche Fragen auf. Wie können Lehrerinnen
und Lehrer erkennen, welche Qualität hinter den einzelnen Werken
steckt? Wer hat was mit welchem Hintergrund und mit welcher Motivation
geschrieben? Gibt es Kriterien für ein "gutes" Kinder-
und Jugendbuch? Wenn ja, wer entwickelt diese Kriterien? Und schließlich,
wie transportiere ich meine Unterrichtsziele mit Hilfe eines Buches?
Wie viel Fiktion, wie viel Wirklichkeit kann und will ich den Schülerinnen
und Schülern vermitteln?
Zunehmend steht auch die Frage im Raum, wie viel Lesestoff ist den
Kindern und Jugendlichen überhaupt noch zuzumuten? Ist das Medium
Buch noch aktuell oder ist nur noch faszinierend, was zappelt und
kracht?
Dies alles sind Fragen, die uns auch in unserer täglichen Arbeit
im Projekt "Eine Welt in der Schule" beschäftigen und
die ich im Folgenden näher beleuchten möchte.
Faszination "Buch" - das Leseverhalten der Deutschen
"Ist der Einsatz einer Klassenlektüre noch aktuell?",
fragt manche Lehrerin, mancher Lehrer verunsichert. Sind die Kinder
und Jugendlichen noch in der Lage Ganzschriften zu lesen und inhaltlich
zu verstehen? Interessiert sie so etwas überhaupt oder muss es
die CD-Rom oder das Video sein?
Spätestens seit der PISA-Untersuchung zur Lesekompetenz, die
zum Teil bedenkliche Schwächen bei unseren Jugendlichen vor allem
im Verständnis der gelesenen Texte zu Tage brachte, verstärken
sich solche Fragen. Lesekompetenz wird in der PISA-Studie als aktives
Auseinandersetzen mit Texten aufgefasst. Damit ist gemeint, dass die
Leserin, der Leser aufbauend auf den elementaren Lesefähigkeiten
den Text mit seinem Vor-, Welt- und Sprachwissen verbindet und daraus
die Bedeutung des Textes erschließt. Zusätzlich fließen
beim Lesen auch konkrete Erwartungen und Vorstellungen in den Text
mit ein. Lesen ist also ein höchst komplexer Vorgang, bei dem
Wissen, Verständnis und Kreativität gleichermaßen
gefordert sind. Je länger ein Text ist, umso mehr sind diese
Fähigkeiten gefragt, um dem Inhalt folgen zu können bzw.
die Faszination und die Spannung beim Lesen zu erhalten. Um diese
umfangreichen Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen zu entwickeln
ist eine hohe Motivation zum Lesen notwendig, die nur erreicht werden
kann durch spannende und attraktive Texte und, wie leider häufig
beim Lernen, Übung, Übung, Übung ... - also regelmäßige
Arbeit mit Literatur.
Das hört sich anstrengend an und klingt mehr nach Frustration
als nach Faszination.
Trotzdem ist das Buch noch nicht dem Untergang geweiht, wenn sich
auch die Lesegewohnheiten und die Lesestrategien der Deutschen dem
Informationsangebot der Medien immer mehr anpassen.
In einer Studie der "Stiftung Lesen" aus dem Jahr 2000 wurde
das Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend untersucht.
2530 Personen ab 14 Jahren wurden für die Studie der Stiftung
Lesen über ihr Leseverhalten befragt. Darüber hinaus wurden
120 ausführliche Leserbefragungen analysiert, um genauere Charakteristika
beim Leseverhalten zu erstellen. Im Folgenden nun eine Auswahl der
in unserem Zusammenhang interessanten Ergebnisse:
- Nur noch 6 % der Deutschen lesen täglich
in einem Buch. In einer ähnlichen Studie von 1992 waren
es noch 16 %. Es wird angenommen, dass das Lesen eines Buches
nicht mehr so selbstverständlich zum Tagesablauf gehört
wie früher. Gelesen wird, wenn man Zeit hat und sich entspannt
fühlt.
- Angefangene Texte werden nicht unbedingt gründlich durchgelesen.
Fast jeder dritte Jugendliche bis 19 Jahren gibt an: "Ich
überfliege manchmal die Seiten und lese nur das Interessanteste."
1992 sagte das noch knapp jeder Zehnte. Allerdings gilt das
in abgeschwächter Form auch in allen anderen Altersgruppen.
Sogar unter den Lesern über 60 Jahren geben 16 % an, gelegentlich
die Seiten zu überfliegen.
- Verstärkt hat sich das Gefühl der Informationsflut.
74 % der Befragten gaben an, dass es unmöglich sei, bei
den vielen Neuerscheinungen an Büchern den Überblick
zu behalten. 1992 hatten erst 63 % diesen Eindruck. Information
über den Büchermarkt ist also gefragt und dringend
notwendig.
- Insgesamt gibt es einen hohen Bedarf an Leseförderungsinitiativen
- möglichst von der frühen Kindheit an. Zwar geben
rund 28 % der Befragten an, Vielleser zu sein, 45 % zählen
sich allerdings zu den Kaum- und Weniglesern. 38 % der Befragten
gaben an, höchstens fünf Bücher im Jahr zu lesen.
- Der positive Einfluss der Familie auf die Leseerziehung der
Kinder geht zunehmend zurück. Der Studie zufolge sagt nur
jeder vierte Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren: "Bei
uns zu Hause achtete man darauf, dass ich gute Bücher las."
1992 gaben dies noch rund 46 % der Jugendlichen an. Nur 27 %
der Jugendlichen erinnern sich, dass sie sich oft mit ihren
Eltern über ein Buch unterhalten hätten - 1992 waren
das noch 38 %. Die Äußerung "Bei uns zu Hause
gibt es viele Bücher" wird noch von 41 % der Befragten
bejaht, das sind fast ein Drittel weniger als noch 1992 (60
%).
- Entscheidend für die Lesesozialisation sind auch der
Deutschunterricht und die Nutzung von Bibliotheken und Büchereien.
Einen interessanten Deutschunterricht hatten laut dieser Studie
noch 32 % der Befragten (1992 = 54%). Das Ausleihen von Büchern
ging von 51 % (1992) auf 26 % in der aktuellen Befragung zurück.
Beides also Faktoren, die es wieder zu beleben und zu unterstützen
gilt.
- Immerhin: 31 % der Bevölkerung haben ausdrücklich
Interesse an der Literatur! |
Zusammenfassend kommt die Studie zu dem Ergebnis: Viele lesen zwar
nicht weniger als früher, aber dafür seltener und oberflächlicher.
Insgesamt wird die Lektüre schneller abgebrochen, wenn sie nicht
den Erwartungen entspricht. Die Vielleser der Bevölkerung sind
lesefreudig und kompetent wie nie zuvor, doch leider ist ein sehr
großer Teil der Deutschen immer noch nicht ausreichend auf die
Anforderungen unseres Informationszeitalters vorbereitet. Die Lesekompetenz
ist eine entscheidende Voraussetzung, um in unserer multimedial geprägten
Gesellschaft mithalten zu können. Anregungen zum Lesen kommen
nicht mehr so selbstverständlich aus dem familiären Umfeld,
umso wichtiger also in der Schule Kinder und Jugendliche an Bücher
(und nicht nur kurze Textpassagen) heranzuführen.
Deutlich wird aber auch: Was nicht spannend ist bzw. wo Kinder und
Jugendliche keinen Zugang zum Inhalt der Texte bekommen, wird nicht
oder nur oberflächlich gelesen. Wenn Texte hingegen faszinierend
sind und gar eine neue Welt eröffnen, dann werden sogar eigentlich
abschreckend "dicke Schinken" in kurzer Zeit verschlungen.
Solche Bücher kann man lieben und immer wieder lesen.
Diese Tatsache wurde besonders deutlich in der ZDF-Aktion "Das
große Lesen - Das Lieblingsbuch der Deutschen". Im Herbst
2004 wurden bei dieser Aktion die fünfzig beliebtesten Bücher
der Deutschen gewählt. Auf den ersten drei Plätzen landeten
Bücher, die sicher nicht wegen ihrer schnellen und einfachen
Lesbarkeit das Rennen machten:
Platz
1: Der Herr der Ringe, John Ronald Reul Tolkien
Platz 2: Die Bibel
Platz 3: Die Säulen der Erde, Ken Follet
Und nicht nur dass sehr umfangreiche und durchaus anspruchsvolle
Bücher unter den beliebtesten Büchern der Deutschen
auftauchen, es wurden auch Romane genannt, die sich mit anderen
Ländern und Kulturen beschäftigen bzw. von außereuropäischen
Autoren stammen:
Platz 8: Der Alchimist, Paulo Coelho
Platz 13: Das Geisterhaus, Isabel Allende
Platz 16: Der Schatten des Windes, Carlos Ruiz Zfón
Platz 36: Hundert Jahre Einsamkeit, Gabriel Garcia Márquez
Platz 42: Die Liebe in den Zeiten der Cholera, G. G. Márquez
Unter den aufgelisteten TOP 100 finden sich noch weitere Titel:
Platz 55: Traumfänger, Marlo Morgan
Platz 60: Wüstenblume, Waris Dirie
Platz 74: Die weiße Massai, Corinne Hoffmann
Platz 78: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Eric-Emmanuel
Schmitt
Platz 81: Nirgendwo in Afrika, Stefanie Zweig
Platz 91: Der Chronist der Winde, Henning Mankell
Platz 100: Rote Sonne schwarzes Land, Barbara Wood |
Auch wenn Themen und Qualität dieser Romane sehr unterschiedlich
sind, so wird doch deutlich, dass die Lust am Lesen in Deutschland
vorhanden ist und keineswegs nur kurze, leicht eingängige Texte
bevorzugt werden. Klar wird aber auch, dass politische Korrektheiten
oder gar pädagogische Elemente kein direktes Auswahlkriterium
für Literatur sind. Wichtig für den Leser sind Inhalte,
die fesseln und faszinieren, und Figuren, mit denen man sich identifizieren
kann bzw. deren Problematik nachvollziehbar ist. Sind diese Voraussetzungen
gegeben, spielt der Umfang des Textes nur eine untergeordnete Rolle
und Bilder sind - trotz Medienverwöhntheit - nicht unbedingt
mehr nötig.
Aus diesen Umfragen zu den Lesegewohnheiten und Lieblingsbüchern
der Deutschen können folgende Erkenntnisse für den Einsatz
von Literatur zum Themenbereich "Eine Welt" abgeleitet werden.
- Wesentliche Aufgabe der Schule ist es nach wie vor, die Lesekompetenz
der Kinder und Jugendlichen zu stärken und ihr Interesse für
Bücher zu wecken. Je geringer die Buchkultur in den Familien
wird, umso größer ist die Notwendigkeit in der Schule dieser
Tendenz entgegenzuwirken.
- Das Lesen von Büchern ist spannend und wird auch von Kindern
und Jugendlichen so empfunden. Voraussetzung dafür sind allerdings
Texte und Romane, die sie faszinieren und deren Figuren Bezüge
zum eigenen Alltag der Leserinnen und Leser ermöglichen bzw.
nachvollziehbar sind.
- Romane über fremde Länder und Kulturen können zwei
motivierende Aspekte beim Lesen verbinden: Erstens bietet die ferne
Welt immer Spannung, Fantasie und Exotik. Zweitens kann man über
die Probleme anderer immer sehr viel über seinen eigenen Alltag
und sich selber lernen.
- Medien wie Fernsehen, Video, DVD und CD-Rom sind eine sinnvolle
Ergänzung zum Buch, können dieses aber keinesfalls ersetzen
und benötigen oft ebenfalls Textverständnis und Lesekompetenzen.
Jeder, der schon einmal fasziniert einem Roman gefolgt ist und diesen
dann später verfilmt gesehen hat, weiß, wie viel Tiefe/Differenziertheit
und eigene Fantasie der Film nicht wiedergeben kann.
Die Entscheidung für das Buch, einen Roman im Unterricht (und
nicht nur im Fach Deutsch) kann also ganz eindeutig getroffen werden.
Bleiben die Fragen nach den Auswahlkriterien und der Art und Weise
des Einsatzes zu klären.
Formenvielfalt
der Kinder- und Jugendliteratur oder: Das "gute Buch" gibt
es nicht!
Kinder- und Jugendliteratur zum Themenbereich "Eine Welt"
zeichnet sich durch eine breite Formenvielfalt aus. Einen Gesamtüberblick
über das aktuelle Angebot zu erlangen ist sehr schwierig und
kaum zu realisieren. Wichtig ist der Hinweis, dass es die Gattungen
Kinder- und Jugendbuch im außereuropäischen Bereich oft
so nicht gibt. Dort muss man schauen, welche Geschichten oder Romane
für die jeweilige Altersstufe geeignet sind. Ansonsten sind den
Formen keine Grenzen gesetzt. Es gibt tradierte Formen wie Märchen,
Fabeln und phantastische Geschichten - allerdings mit neuen Themen.
Weiter gibt es sehr moderne, filmische Erzählformen und natürlich
Kurzgeschichten.
Wichtiger und vielfältiger sind jedoch die unterschiedlichen
inhaltlichen Aufmachungen der Texte. Dazu kann man folgende Kategorien
ausmachen:
- Die Multi-Kulti-Idylle
Bei dieser Erzählform werden kulturelle, ethnische oder sprachliche
Unterschiede nicht besonders betont. Es gibt eher einen allgemein
menschlichen Universalismus. Probleme und Spannungen ergeben sich
nicht durch das Zusammensein verschiedener kultureller Identitäten,
sondern aus der generellen Verschiedenheit der handelnden Menschen.
Jeder ist eben von Natur aus ein Individuum und irgendwie anders als
der andere. Solche Geschichten eigenen sich gut als Einstieg in die
"Eine-Welt"-Thematik, weil sie grundsätzlich sensibilisieren
für Unterschiede, aber auch für Gemeinsamkeiten innerhalb
einer Gruppe.
- Ethnisierung/Kulturalisierung
In diesen Texten werden Minderheiten oder Angehörige diskriminierter
Gruppen zu Repräsentanten einer Ethnie bzw. Kultur erhoben. Die
oft einfühlsamen und spannenden Schilderungen des Lebensalltages
dieser Randgruppen haben einen hohen emotionalen Faktor für die
Leserin, den Leser. Problematisch kann es werden, wenn die Geschichte
sehr einseitig auf das Leben dieser Gruppen ausgerichtet ist und dabei
die Leser das Gefühl für den Stellenwert dieser Gruppe innerhalb
eines Landes, einer Kultur verlieren.
- Defizitdarstellung
In diesen Geschichten werden Personen im Vergleich zu den Angehörigen
der dominanten Gruppe einer Kultur oder eines Landes als sozial schlechter
gestellt, sprachlich weniger versiert bzw. generell weniger gebildet
dargestellt. Diese Form ist immer gut geeignet, sehr schnell die Solidarität
der Leser mit der handelnden Hauptperson hervorzurufen und gespannt
zu verfolgen, wie diese ihr Schicksal meistert. Oft sind diese Schilderungen
wenig realistisch, werden aber aufgrund der positiven Wirkungen für
die eigenen Hoffnungen und Ideale gerne gelesen - vorausgesetzt die
Geschichte geht gut aus.
Abenteuer bzw. Exotik
Naturkatastrophen, dramatische Fluchten oder Kämpfe, exotische
Rituale und Feste - alles, was das Leben fremder Kulturen aufregend,
interessant und spannend macht, gehört in diese Kategorie. Man
kann auch sagen: das sind die "Gewürze" für einen
"guten" Roman, der auf alle Fälle seine Leser fesselt.
Ausgewogenheit oder gar Anbindung an die Realität kommt dabei
erst an zweiter Stelle oder gar nicht zum Zuge.
- Das Einzelschicksal
Eine Person einer diskriminierten Gruppe wird isoliert und einzeln
in die dominante Gruppe aufgenommen. Häufig geschieht dieses
über eine Freundschafts- oder Liebesbeziehung und nach erbrachten
Assimilationsleistungen. Eine in vielen Romanen beschriebene Form,
die einen hohen Motivationscharakter für die Leserinnen und Leser
hat.
Generell tritt kaum eine dieser Formen wirklich isoliert auf, sondern
die meisten Autoren verwenden mehrere Aspekte für ihre Geschichten.
Eine ausgewogene Darstellung fremder Kulturen wäre wünschenswert,
bleibt aber ein pädagogischer Traum und würde auch Literatur
allzu sehr pädagogisieren. Ein Kinderbuch oder ein Roman ist
kein Schulbuch und genau das macht seinen Reiz aus. Gerade weil wir
in der Schule mit Kindern und Jugendlichen über diese Texte und
Darstellungen sprechen können, haben wir eine gute Chance, die
motivierende Wirkung solcher Bücher zu nutzen und gleichzeitig
der Realität in anderen Ländern und Kulturen durch ergänzende
Fakten näher zu kommen.
Das "gute Buch" an sich gibt es also weniger. Entscheidend
ist, welche Hilfen ich den Kindern und Jugendlichen beim Lesen anbieten
kann und welche ergänzenden Hinweise ich zu der dargestellten
Kultur, die im Zentrum der Handlung steht, gebe. Je vielseitiger die
Darstellung einer fremden Kultur in einem Roman ist, umso einfacher
gestaltet sich das Lesen dieses Buches im Unterricht, da umso weniger
ergänzende Informationen für die Schülerinnen und Schüler
notwendig sind.
Perspektivenwechsel und/oder Empathie?
Was kann ich bei den Schülerinnen und Schülern durch das
Lesen von Büchern über andere Kulturen erreichen?
Wünschenswert
ist da vor allem der Perspektivenwechsel. Durch die beschriebene,
fremde Lebenswelt kann es der Leserin, dem Leser gelingen sich in
die Bedürfnisse, Probleme und Wünsche der vorgestellten
Personen hineinzuversetzen und somit die Welt aus einer neuen, anderen
Perspektive zu betrachten. Besser gelingt das häufiger noch,
wenn unsere eigene Kultur aus einer fremden Perspektive beschrieben
wird. Das Buch "Traumatische Tropen" von Nigel Barley (Stuttgart
1993) ist ein wunderbares Beispiel für beide Varianten. Ein Ethnologe
besucht eine fremde Kultur im Norden Kameruns und entdeckt dabei sich
selber. Spannend und sehr amüsant wird beschrieben, wie er sich
an die hochkomplexe Sprache und die für ihn neuen Gewohnheiten
der fremden Kultur herantastet. Genauso amüsant, wie die Menschen
dieser Kultur ihn erleben und versuchen, seine seltsamen Riten und
Gebräuche zu enträtseln. Besonders positiv dabei ist, dass
keinerlei Auf- oder Abwertung dabei entsteht, sondern ein faszinierendes
gegenseitiges Kennen lernen mit viel Humor beschrieben wird.
Die ausländische Perspektive auf unsere europäische Lebenskultur
taucht auch in vielen Romanen auf, in denen Menschen anderer Kulturen
Erfahrungen im Alltagsleben bei uns machen. Ein Beispiel zu diesem
Aspekt ist der Roman "Yoruba-Mädchen, tanzend" von
Simi Bedford (Frankfurt 1994). In diesem Roman schlägt sich ein
Mädchen, Remi aus Nigeria, durch das britische Bildungssystem.
Im Alter von sechs Jahren schickt der Vater Remi von Nigeria aus nach
England in ein Internat. Dort sieht sie sich immer wieder mit einem
stereotypen Afrikabild (Tarzan-Filme u. Ä.) konfrontiert und
von den anderen Mädchen ausgegrenzt. Um von den Mitschülerinnen
akzeptiert zu werden, erfindet sie schließlich sogar Geschichten
über Afrika, die diesem Bild entsprechen. Der Roman ist autobiographisch
geschrieben und man begleitet die Hauptfigur bis zum Studium. Sowohl
die Perspektive der Europäer (Verwandte, Mitschülerinnen,
Freundinnen, eines Deutschen, den sie später kennen lernt) als
auch die Sichtweise von Remi werden beim Lesen deutlich und nachvollziehbar.
Spannend auch, mit Remi gemeinsam zu erleben, dass sie ihre Identität
finden muss und es nicht darum geht zu lernen, wie ein Europäer
zu sein oder zu denken - jeder also am Schluss seine Perspektive behält.
Der Wunsch nach Empathie geht weit über den Perspektivenwechsel
hinaus und ist entsprechend schwieriger zu erreichen - wenn überhaupt.
Ein empathischer Zugang zu einem Menschen suggeriert, die Leserin,
der Leser könne sich wirklich in die Rolle der handelnden Person
hineinversetzen. Das scheint mir nur sehr bedingt möglich! Im
Sinne des interkulturellen Lernens halte ich es für realistischer
und ergiebiger, wenn die Kinder und Jugendlichen ihre eigene Rolle
oder Sichtweise kennen und einordnen lernen. Es geht weniger darum,
zu denken wie Menschen aus fremden Kulturen, sondern vielmehr um das
Erkennen verschiedener Denkmuster und Werte. Das zu tolerieren und
sich damit wirklich auseinander zu setzen fordert schon sehr viel
interkulturelle Fähigkeit.
Welche Ziele verfolgt also der Einsatz von
Büchern zum Thema "Eine Welt"?
- Durch das Lesen über andere, fremde Kulturen differenziert
sich die Welt. Es entstehen Kontakte zwischen Menschen und Gesellschaften.
Es wächst die Kenntnis alternativer Lebensformen, Werte
und Weltbilder. Konzepte wie Demokratie und Menschenrechte werden
mit Leben und konkreten Inhalten gefüllt.
- Menschen interpretieren Literatur höchst unterschiedlich
(Ideen, Werte, Hintergründe). Der gemeinsame Austausch
in der Klasse über ein Buch führt nicht zur Angleichung,
sondern eher zur Wahrnehmung von Unterschieden innerhalb der
Klasse und zwischen der eigenen Gruppe und der dargestellten
Kultur - dieses aber auf der Basis von gegenseitiger Toleranz
und Akzeptanz. Alle Menschen integrieren Gehörtes in ihr
eigenes Weltbild - sie passen es sozusagen ihrer eigenen Kultur
an, verwandeln es in Vertrautes oder lehnen es bei totalem Unverständnis
ab. Kinder und Jugendliche lernen somit ihre eigenen Ideen,
Werte und Hintergründe zu definieren und zu differenzieren.
Sie erleben sich selbst im Spiegel des Fremden.
- Literatur schafft eigene authentische Welten. Hintergründe,
Geschichten und Visionen sind in dem Maße authentisch,
wie sie von Menschen erdacht und umgesetzt werden. Wesentliche
Themen des modernen Lebens können einfließen, reflektiert
und in einen neuen Zusammenhang gestellt werden. Literatur hat
nicht den Anspruch politisch korrekt zu sein, führt aber
zum Nachdenken über Ethik, Moral und politische Systeme,
weil sie den Menschen in diesen Umfeldern beschreibt und handeln
lässt. Fiktion kann somit für Kinder und Jugendliche
zu konkretem Handeln in ihrem Alltag führen. |
Wer schreibt was?
Wichtig sind auch einige Gedanken zu den Autoren der Romane aus und
über andere Länder.
Autoren müssen gelesen werden. Jemand muss sie bekannt machen,
das heißt sie müssen von einem Verlag akzeptiert werden,
der davon ausgeht, dass eine größere Anzahl Leser sich
für dieses Werk interessiert und es auch verstehen kann. Dieser
Umstand birgt die Gefahr in sich, dass allzu Fremdartiges ignoriert
wird, da man sich vom Verlegen dieser Bücher keinen Gewinn verspricht.
Autoren müssen schreiben können und schreiben dürfen.
Nicht jeder, der etwas zu erzählen hat, kann das in eine angemessene
Schriftform bringen, und in vielen Ländern darf nicht alles geschrieben
und veröffentlicht werden. Alphabetisierung ist Voraussetzung
zum Schreiben und freie Meinungsäußerung eine Notwendigkeit
zum Veröffentlichen eines Buches. Vieles, was wir hier in Deutschland
lesen, ist in den Ländern über die dort geschrieben wird
oft gar nicht bekannt - würde vielleicht auch so nicht verstanden
werden. Das ist kein Grund etwas nicht zu lesen, aber eine wichtige
Erkenntnis, wenn man solche Bücher in der Hand hat.
Ausländische Autoren müssen in unsere Sprache übersetzt
werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig das bei
Literatur oft ist. Anhand eines arabischen Textes, den ich übersetzt
haben wollte, konnte ich bei vier Übersetzungen ganz unterschiedliche
Deutungen in Empfang nehmen. An Übersetzungen werden also hohe
Ansprüche gestellt, z. B. was die Kenntnis von Humor, Ironie,
Doppeldeutigkeiten usw. der jeweiligen Sprache angeht.
Die vor dem Lesegenuss zu stellenden Grundfragen sind also die klassischen
W-Fragen:
- Wer hat das Buch geschrieben? Nationalität und Bildungsgrad.
- Wo wurde das Buch geschrieben? Vor Ort oder im Exil.
- Für wen wurde das Buch geschrieben? Landsleute oder fremde
Kulturen (z. B. wir Deutsche).
- Wann wurde das Buch geschrieben? Sichtweisen, aber auch Übersetzungstechniken
haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert und entwickelt.
Diese Fragen sind wichtig, um ein Buch einordnen zu können -
nicht im Sinne einer Wertung von gut oder schlecht, sondern im Hinblick
auf ein besseres Verstehen des Werkes.
Kinder- und Jugendliteratur im Unterricht
In den letzten Jahrzehnten ist eine große Zahl an Kinder- und
Jugendliteratur mit einem sehr differenzierten Blick über fremde
Kulturen und andere Länder erschienen. Wie soll man also eine
Entscheidung treffen, welches Buch für die Behandlung in der
Schule geeignet ist? Nicht umsonst bildet dieser Bereich eine wesentliche
Aufgabe innerhalb unserer Arbeit im Projekt "Eine Welt in der
Schule". Wir bieten eine umfangreiche Auswahl an Klassensätzen
zur "Eine Welt"-Thematik an, zu den meisten dieser Bücher
gibt es praxiserprobte Unterrichtsideen, und natürlich kann man
sich bei uns ausführlich für die eigene Zielsetzung/Klassenstufe
(telefonisch oder persönlich) beraten lassen. Sehr kompetente
Beratung und Information bietet auch die Aktion "Guck mal übern
Tellerrand - Lies mal wie die anderen leben". Diese Aktion gibt
schon seit Jahren Buchempfehlungslisten für den Themenbereich
"Eine Welt" heraus und man kann dort diese Bücher zum
Teil ausleihen. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang die Stiftung
"Schule für die Eine Welt" in der Schweiz. Schon Ende
der 70er Jahre wurde dort die "Erklärung von Bern"
entwickelt. Es handelt sich dabei um Kriterien für Kinder- und
Jugendbücher zum Thema "Eine Welt" sowie um eine immer
wieder aktualisierte Empfehlungsliste.
An dieser Stelle nun kurz die wichtigsten Kriterien, um eine Vorstellung
zu bekommen, worauf grundsätzlich bei der Buchauswahl für
den Einsatz in der Schule zu achten ist:
1. Die Menschen aus anderen Kulturen sollten immer als kompetent und
entscheidungsfähig in ihren Lebensbelangen dargestellt werden.
Nur so kann grundsätzlich eine Achtung vor dem anderen entstehen.
2. Alles, was an Sitten, Gebräuchen und Traditionen von Menschen
anderer Kulturen vorgestellt wird, sollte so beschrieben werden, dass
ihre Bedeutung, ihr Wert im Leben dieser Menschen verständlich
wird. Herausgerissene exotische Rituale oder unverständliche
religiöse Bekenntnisse erzeugen zum Beispiel eher Abstand und
Unverständnis.
3. Überlegenheitsgefühle der eigenen Kultur sollten nicht
weiter verstärkt werden. Es ist gut, wenn Kinder und Jugendliche
ihre eigene Kultur schätzen, aber sie sollte nie als anderen
überlegen empfunden werden.
4. Die Menschen aus anderen Kulturen sollten so weit wie möglich
aus ihrer eigenen Perspektive über die Geschichte ihres Landes,
ihrer Kultur berichten und ihre Rolle darin darstellen. Bei vielen
Romanen sind dafür allerdings zusätzliche Informationen
aus dem Land notwendig.
5. Verzichtet werden sollte auf Klischees und Stereotype. Wenn derartige
Figuren dargestellt werden, sollte eindeutig klargestellt sein, dass
es sich hierbei um ein Klischee bzw. Stereotyp handelt. Schließlich
sollen bei den Kindern und Jugendlichen nach der Lektüre differenziertere
Vorstellungen vorhanden sein als vorher.
6. Sprache und Stil des Buches sollten auf keinen Fall rassistisch
sein, ebenso wenig die Illustrationen bei den Kinderbüchern.
Sind
diese Voraussetzungen gegeben und ist das Buch darüber hinaus
noch ansprechend oder gar spannend für die Kinder und Jugendlichen,
dann hat man gute Chancen auf einen interessanten Unterricht.
Wir haben im Laufe unserer Projekttätigkeit zahlreiche Unterrichtsbeispiele
zu konkreten Kinderbüchern und Romanen entwickelt. An dieser
Stelle deshalb nur ein paar grundsätzliche Anmerkungen: Es spielen
immer vier Aspekte und die dazu gehörigen Fragen bei der Behandlung
von Literatur zum Thema "Eine Welt" eine Rolle:
I. Ergänzende Aspekte zum Buch
Damit sind sämtliche Zusatzinformationen gemeint, die ich brauche,
um die Handlung des Buches in einem Land, einer Kultur einzuordnen.
Informationen über Ort und Zeit der Handlung, über Geographie
und Geschichte des Landes usw. aber auch über das Vorwissen,
das die Schülerinnen und Schüler zu diesem Thema mitbringen.
II. Thematische Aspekte zum Buch
Welche Themen behandelt der Roman? Welche Themen möchte ich im
Unterricht dazu behandeln und was interessiert meine Schülerinnen
und Schüler an der Geschichte? Unter diesem Aspekt ist auch die
Frage zu klären, welche Bezüge der Roman zum Alltag der
Kinder und Jugendlichen hier anbietet.
III. Inhaltliche Aspekte des Buches
Aus welcher Perspektive wird das Buch erzählt? Wer sind die Hauptfiguren?
Sind die Konflikte allgemein menschlicher oder interkultureller Art?
Gibt es Schlüsselszenen, die ein besonderes Augenmerk verlangen?
Können die Schülerinnen und Schüler selber Lösungsmöglichkeiten
erarbeiten?
IV. Gestalterische Aspekte
Nicht nur beim Kinderbuch spielen Bilder und Illustrationen eine Rolle.
Schon die Figur auf dem Titel kann bei Kindern und Jugendliche bestimmte
Vorstellungen wecken. Sind die Figuren fremd oder vertraut? Drücken
die Bilder Fremdheit aus, sind sie ungewöhnlich in Farbe oder
Gestaltung? Aber auch die Frage nach Textelementen, die auf eine andere
Kultur hindeuten, gehört dazu.
Zusätzlich
zu diesen vier Aspekten kommt nun noch ein ganz wesentlicher Bereich
bei den meisten Unterrichtsbeispielen hinzu: Die Handlungsaktivitäten
über das eigentliche Lesen und Besprechen des Buches hinaus.
Damit verlässt man zwar den klassischen Literatur-Deutschunterricht,
aber es wäre schade diese Möglichkeiten ungenutzt zu lassen,
zumal diese Aktivitäten sich auch wieder motivierend auf das
Lesen des Textes auswirken. Folgende Handlungsmöglichkeiten bieten
sich in der Regel an:
- Das Führen eines Lesetagebuches, bei dem einzelne Kapitel des
Buches von den Schülerinnen und Schülern zusammengefasst
und kommentiert werden.
- Das eigene Fort- oder zu Ende Schreiben der Geschichte, um dieses
später mit dem Original zu vergleichen.
- Rollenspiele zu einzelnen Schlüsselszenen, um den Perspektivenwechsel
zu erleichtern und/oder eigene Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln.
- Das Kennen lernen von Elementen der beschriebenen Kultur (Musik,
Nahrung, Bilder aus dem Land usw.) als Ergänzung zum Text.
- Schülervorträge zu einzelnen Aspekten des Landes (Landschaft,
Tiere, Schulen, Klima usw.)
- Briefe an die Autorin, den Autor für Rückmeldungen oder
Fragen.
- Kontakte zu Personen aus dem beschriebenen Land oder aus der Kultur,
um den Eindruck zu vertiefen und gegebenenfalls auch zu differenzieren.
- Bilder gestalten zu den Texten.
- Vorlesen oder Vorspielen des Textes in anderen Klassen/Gruppen der
Schule.
Es müssen nicht immer bei jedem Buch alle Möglichkeiten
ausgeschöpft werden. Es lohnt sich aber diese Ergänzungen
zum Lesen in Erwägung zu ziehen, um die Literatur aus der "Einen
Welt" etwas lebendig werden zu lassen. Außerdem lassen
sich auf diesem Wege viele Einseitigkeiten, die die schriftstellerische
Freiheit bei einem Roman mit sich bringt, ergänzen und differenzieren,
so dass bei jeder freien Literatur der pädagogische und politische
Anspruch in der Schule nicht zu kurz kommt.
Die Notwendigkeit der "zweiten Hand"
Zum Schluss möchte ich noch ein Bild dafür geben, um die
Bedeutung von Literatur über Menschen aus anderen Kulturen für
Kinder und Jugendliche zu verdeutlichen:
"Haben sie schon einmal versucht den Ton einer klatschenden Hand
zu hören?"
Das geht nicht! Um einen Ton zu hören braucht man immer zwei
Hände und für einen guten Ton sollten beide Hände gleich
stark sein!
Kinder und Jugendliche brauchen andere Menschen als "zweite Hand"
um sich selber wahrzunehmen. Bücher können dabei eine Hilfe
sein, da sie die Leserin, den Leser indirekt mit Personen konfrontieren
und Zeit lassen mitzuerleben und nachzuspüren, wie die eigene
Haltung zu dem Geschehen ist. Fragen tauchen dann auf:
- Wie leben andere anderswo?
- Was ist mir nahe, was ist mir fremd?
- Warum tue ich dieses oder jenes, warum tut die Person im Buch dieses
oder jenes?
- Wie reden, träumen, lieben oder streiten diese Menschen und
wie tue ich das?
- Kann ich ihre Ängste teilen, ihre Sorgen nachvollziehen, ihren
Mut würdigen?
- Was tue ich für meine Träume und Ziele?
Insofern gibt es vielleicht doch das "gute" Buch. Geschichten,
die Kinder und Jugendliche am Ende ihrer Identität und Kultur
ein Stück näher gebracht haben und gleichzeitig vermitteln,
dass keiner wie der andere ist und Vielfalt wertfrei nebeneinander
stehen kann. Denn: Wer sich selber kennt, hat auch weniger Angst vor
"Anderen".
Literaturhinweise und Internetadressen
http://www.stiftunglesen.de
RÖSCH, HEIDI: Jim Knopf ist nicht schwarz - Antirassismus in
der Kinder und Jugendliteratur
RÖSCH, HEIDI: Entschlüsselungsversuche - Kinder- und Jugendliteratur
im globalen Diskurs, Baltmannsweiler: Schneider, 2000
http://www.litprom.de
http://www.welthungerhilfe.de/inhalt/aktionen/kinderbuch.html
