Durch BRIGITTE ERLERS 1985 veröffentlichtes
Buch "Tödliche Hilfe. Bericht von meiner letzten Dienstreise
in Sachen Entwicklungshilfe", das von ihren Erfahrungen in Bangladesch
handelt, wurde dieses Land für einige Jahre zum Paradefall für
die Verfehltheit der westlichen Entwicklungshilfe oder - politisch euphemistischer
ausgedrückt - Entwicklungszusammenarbeit. Die zur gleichen Zeit
dort entstandenen Basisaktivitäten der "Grameen-Bank"
haben jedoch als landesintern konzipiertes Entwicklungsmodell die von
Erler geschilderte Problematik offenbar vermeiden können. Dieses
System der Vergabe von Kleinstkrediten an die tatsächlich Ärmsten,
die keinerlei Sicherheiten bieten können und deswegen im üblichen
Bank-Wirtschaftsleben nie eine Chance zur Kreditnahme bekämen,
hat nicht nur bloß überlebt, sondern ist sogar zum Vorbild
für ähnliche Kreditvergabeformen weltweit geworden.
Trotz dieses weithin anerkannten Erfolges hat es auch kritische Betrachtungen
und Analysen des Grameen-Bank-Systems gegeben. Diesen nachzugehen und
sich mit ihnen auseinander zu setzen ist im vorliegenden Beitrag jedoch
nicht möglich, aber auch nicht nötig. Denn, wie kritisch das
Erfolgsmodell "Grameen-Bank" teilweise auch betrachtet werden
mag, für das im Folgenden zu schildernde problemorientierte Rollenspiel
zum Themenbereich Entwicklungspolitik haben sich die Grundprinzipien,
die für die Kreditvergabe dieser Bank ausgearbeitet worden sind,
als äußerst brauchbare thematische Grundlage bewährt.
Nach mehr als zehn Erprobungen des Unterrichtsmodells möchten
wir unsere in einem museumspädagogischen Programm gewonnenen Erfahrungen
an interessierte Lehrerinnen und Lehrer weitergeben sowie die von uns
dabei ausgearbeiteten Materialien und Anregungen für den Schulunterricht
zur Verfügung stellen.
Anlass und Ausgangspunkt für die Entwicklung des problemorientierten
Rollenspiels war eine Informationsausstellung, die MANUELA SCHULZE aufgrund
der von ihr im Rahmen eines dreimonatigen Praktikums in der Grameen-Bank
in Bangladesch gesammelten Erfahrungen konzipiert hatte. Diese aus Bild-Text-Tafeln
bestehende Informationsausstellung richtete sie zusammen mit einigen
dekorativen Objekten wie Saris, Kinderkleidern und anderen Produkten
aus Subunternehmen der Grameen-Bank im Sonderausstellungsraum der Völkerkunde-Abteilung
des zur Universität Tübingen gehörenden Museums Schloss
Hohentübingen ein.
Vorbereitung des Rollenspielprogramms
Zur
Vermittlung der von uns gemachten Erfahrungen beginnen wir mit der Beschreibung
des Verlaufs, den das Rollenspielprogramm üblicherweise nahm. Von
entscheidender Wichtigkeit für einen erfolgreichen und für
alle Beteiligten befriedigenden Ablauf des Programms war die inhaltliche
Vorinformation und Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler.
Bei unseren Erprobungen waren die Lehrerinnen und Lehrer auf unser Programm
durch ein Informationsheft aufmerksam gemacht worden. Zur Vermittlung
der Vorinformationen für die Schülerinnen und Schüler
ging Frau SCHULZE nach Verabredung mit den Lehrerinnen und Lehrern in
die jeweiligen Klassen. Dort hielt sie einen Dia-Vortrag auf der Basis
der unmittelbaren Erfahrungen und Eindrücke, die sie beim Praktikum
gewonnen hatte, und führte so einerseits in die Praxis der Grameen-Bank-Arbeit
ein, andererseits vermittelte sie Informationen über das ländliche
Leben in Bangladesch. (Das Wort "Grameen" lässt sich
mit unserem Begriff "Dorf" übersetzen.) Die bei dem Vortrag
vermittelten kulturellen Regeln und Normen im ländlichen Bangladesch
waren im Rollenspiel von großer Wichtigkeit.
Im
Anschluss an den Vortrag und die Beantwortung der dazu gestellten Fragen
wurde mit den jeweiligen Jugendlichen sowie Lehrerinnen und Lehrern
deren inhaltliche Vorbereitung auf das Rollenspielprogramm verabredet,
das dann in etwa drei Zeitstunden an einem Vormittag im Museum stattfand.
Speziell wurde bei dieser Gelegenheit bereits die Rolle der Bankassistenten
zugeteilt, damit die Schülerinnen und Schüler Zeit hatten,
sich in ihre umfangreiche Rolle einzudenken. Die Lehrerinnen und Lehrer
wurden nachdrücklich gebeten, in den jeweils passenden Unterrichtsfächern
die folgenden zentralen Themen zu behandeln:
- Zinsrechnung
- Prinzipien der Vergabe von Krediten in unserer eigenen Kultur
- Selbstdarstellung der Grameen-Bank und ihrer Subunternehmen durch
Recherche im Internet
- Wichtige religiöse Regeln und Vorschriften des Islams (z.B. Stellung
von Frau und Mann zueinander, Funktion des "Imams" u.a.)
In den meisten Erprobungsfällen des Programms kam es zur Zusammenarbeit
mehrerer Fachlehrerinnen und -lehrer, was stets besonders fruchtbar
war. Beteiligt waren insgesamt (allerdings nicht in jeder der Erprobungen
komplett) die folgenden Fächer:
- Wirtschaftskunde
- Geographie
- Mathematik
- Englisch
- Deutsch
- Religion
Durchführung des Rollenspielprogramms
Nach - in allerdings unterschiedlicher Intensität geleisteter -
inhaltlicher Vorbereitung kamen die jeweiligen Klassen mit ihren Lehrerinnen
und Lehrern in das Museum. Hier begannen wir mit einer kurzen Führung
durch die Informationsausstellung, bei der vor allem auf die Möglichkeit
der Erneuerung des notwendigen Faktenwissens durch Lektüre der
Informationstafeln aufmerksam gemacht wurde. Sodann verteilten wir die
übrigen zum Programm gehörenden Rollen. Die begleitenden Lehrerinnen
und Lehrer wurden darin stets einbezogen. Wir selbst behielten die Rolle
der Manager eines ländlichen Grameen-Bank-Centers. Dies ermöglichte
es uns, während des Rollenspiels zwischen den Gruppen hin- und
herzupendeln und nach Bedarf die Diskussionen zu begleiten.
Das Rollenspiel selbst verlief dann folgendermaßen: Nach Möglichkeit
ihrem tatsächlichen Geschlecht entsprechend wurden den Schülerinnen
und Schülern unter Beachtung ihrer jeweiligen Neigungen die Rollen
zugeteilt. Die bewusste Berücksichtigung der Geschlechter war wichtig,
weil in den Rollenspielen auch die geschlechtsspezifisch unterschiedliche
Betroffenheit durch Armut und deren eventuelle Überwindung deutlich
werden sollte. Nach den Prinzipien der Grameen-Bank werden die Kredite
ausschließlich an Frauen vergeben. Dies ist zum einen darin begründet,
dass Frauen in der Tat am stärksten von der absoluten Armut betroffen
sind und sie zugleich nach aller Erfahrung die besseren Managementfähigkeiten
zeigen. Zum anderen steht dahinter allerdings auch die nüchterne
Überlegung, dass in dieser Armutssituation Frauen wesentlich besser
kontrolliert werden können, weil sie durch ihre Kinder und andere
Verpflichtungen weit stärker an ihren Wohnsitz gebunden sind, als
dies für Männer gilt, die sich sehr viel leichter jener Kontrolle
etwa durch Abwanderung in eine Stadt entziehen können.
Je
nach Größe der Schulklasse bzw. des Kurses ergaben sich bei
der Rollenzuteilung zwei bis drei Gruppen zu je fünf Frauen, die
die potentiellen Kreditnehmerinnen darstellten. Diese Gruppen - jeweils
in separaten Räumen der Völkerkunde-Ausstellungen untergebracht
- eröffneten das problem-orientierte Rollenspiel, indem sie sich
zunächst untereinander nach Kenntnisnahme ihrer Rollenbeschreibungen
über die ihnen jeweils individuell zugeschriebene Situation und
Identität unterrichteten. Während dieser Zeit, die ca. 30
Minuten dauerte, wurden mit den weiteren Rollenträgerinnen und
-trägern die ihnen zugedachten Aufgaben besprochen. Dabei wurde
vor allem den Ehemännern noch einmal die Zwiespältigkeit ihrer
Rolle verdeutlicht, dass sie nämlich bei einer eher traditionellen
Interpretation der Rolle eines Mannes in Bangladesch ihren Frauen eigentlich
nicht erlauben können, einen Kredit von der Grameen-Bank zu nehmen.
Wenn es aber ihren Frauen gelänge, wirklich alle ihre Zweifel auszuräumen,
wäre es bei einer eher säkularisierten Sichtweise dennoch
möglich und nicht ungewöhnlich, den Wünschen der Frauen
zuzustimmen. Auf diese Weise erhielten die Schülerinnen und Schüler
mehr Freiraum in ihrer Diskussion.
Der nächste Abschnitt des Rollenspiels bestand im Einsatz der Bankassistenten.
Diese erläuterten den Frauen in ihrer jeweiligen Fünfer-Gruppe
die Möglichkeiten, die sich ihnen mit der Aufnahme eines Kleinstkredits
eröffneten. Sie beschrieben ihnen Beispiele selbstständiger
Unternehmen, für die eine Anschubfinanzierung durch einen Kleinstkredit
als sinnvoll angesehen werden kann. Dabei wurden im Gespräch einerseits
die Kriterien der Grameen-Bank intensiv erörtert, andererseits
die praktischen Notwendigkeiten dargestellt, die sich im Regelfall in
einer islamisch geprägten Gesellschaft wie der in Bangladesch ergeben,
z.B. das Vorhandensein eines Mannes oder eines zumindest halbwüchsigen
Sohnes, der den außerhäuslichen Vertrieb von Produkten wie
Eiern und Hühnerfleisch auf dem Markt oder im Von-Haus-zu-Haus-Handel
übernehmen kann.
Sobald
im Beratungsgespräch zwischen den Bankassistenten und den potentiellen
Kreditnehmerinnen präzisere Planungen entstanden waren (ungefähr
nach weiteren 30 bis 40 Minuten), dirigierten wir die opponierenden
Ehemänner in die jeweiligen Gruppen. Von diesem Zeitpunkt an begann
die wesentliche Auseinandersetzung über die Armutssituation und
die kulturellen Prägungen, die zusätzlich zu den bloßen
ökonomischen Gegebenheiten deren individueller Überwindung
entgegenstehen. Aufgabe der Ehemänner war es, die Probleme zu artikulieren,
die sie mit einer selbstständigen unternehmerischen Tätigkeit
ihrer Frauen hatten. Dabei wurde ihnen die zusätzliche Möglichkeit
aufgezeigt, sich Unterstützung beim "Imam" des Dorfes
zu holen, der aus der ihm vorgegebenen Rolle heraus ebenfalls in Opposition
zu der Verselbstständigung der Frauen steht. Im Ideal- und Maximalfall
fanden diese entscheidenden Diskussionen zwischen insgesamt zehn Rollenträgerinnen
und -trägern pro Gruppe statt:
- den fünf potenziellen Kreditnehmerinnen,
- den beiden Bankassistenten,
- den beiden opponierenden Ehemännern,
- dem Imam, den es, wie im realen Geschehen auch, nur in der Form einer
einzelnen Person für alle Gruppen gemeinsam gab, der also zwischen
den Gruppen pendeln musste.
Das
Ergebnis dieser Diskussionen war offen. Erstaunlich waren die unterschiedlichen
Lösungswege, die die Gruppen selbstständig entwarfen. Meist
wurden Mittel und Wege gefunden, die traditionellen Normen auf der einen
und die ökonomischen Zwänge auf der anderen Seite kreativ
miteinander zu verhandeln. Nach den Prinzipien der Grameen-Bank muss
in einer Gruppe von fünf Frauen, die jeweils Kredite aufnehmen
wollen, Einigkeit unter Einschluss der dazugehörenden Männer
hergestellt worden sein, bevor es zur Auszahlung des ersten Kredites
an eine der Frauen kommen kann. Dies ergibt sich aus der Regel, die
eine tragende Säule des Grameen-Bank-Systems darstellt, dass für
die Rückzahlung jedes Einzelkredites stets die gesamte Fünfer-Gruppe
verantwortlich ist. Der so erzeugte soziale Druck ist es vor allem,
der die beeindruckende Rückzahlungsquote von 98 Prozent sichert.
Auch gut durchdachte und innerhalb der Absprachen der Frauen gesicherte
Planungen, einen Kredit zu nehmen, scheitern in der Realität in
einer beträchtlichen Zahl an der Uneinsichtigkeit der Ehemänner.
Es entsprach daher durchaus der im Rollenspiel nachgestellten Realität,
wenn in einer oder zwei der Gruppen keine Einigkeit erzielt werden konnte.
Gewürztee aus Bangladesch
Auf gut 1 Liter Wasser benötigt
man die folgenden Zutaten:
1 - 11/2 kurze Zimtstangen
1 Kapsel ganzer Kardamon
6 ganze Gewürznelken
1 Stück Ingwer, ca. 1 cm lang, geschält und in kleine
Würfel geschnitten
6 ganze Pfefferkörner
2 Teelöffel Schwarztee
125 ml Vollmilch
4 - 5 Teelöffel Zucker
Das Wasser mit der entsprechenden Menge der Gewürze noch ohne
Tee, Zucker und Milch zum Kochen bringen. Dann pro Liter etwa 2
Teelöffel Schwarztee dazugeben und drei bis fünf Minuten
ziehen lassen. Abschließend reichlich Vollmilch und Zucker
dazugeben und über ein Sieb in eine Kanne abseien.
Wenn es ganz schnell gehen soll, kann man Yogi-Tee aus dem Reformhaus
mit der angegebenen Menge Wasser zum Kochen bringen. Auch dazu wieder
Milch und Zucker geben und dann abseien. |
Angeregt und engagiert durch die negativen ebenso
wie durch die positiven Ergebnisse aus ihrer Gruppe diskutierten viele
Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst in der Teepause, die nach Beendigung
der Gruppenarbeit eingeschoben wurde und in der "Gewürztee
aus Bangladesch" gereicht wurde, weiter. In dem daraufolgenden
Plenum, das in dem oben beschriebenen Ausstellungsraum stattfand, beendeten
wir das Rollenspiel langsam, indem wir dabei ein abschließendes
Treffen in einem ländlichen Grameen-Bank-Center simulierten, das
über Kreditvergabe oder Vertröstung entschied. Die einzelnen
Diskussions- und Kreditnehmerinnen-Gruppen saßen uns als dem Center-Direktorium
gegenüber und mussten durch eine Sprecherin das Ergebnis ihrer
Beratungen mitteilen und begründen. Bei den Gruppen, in denen Einigkeit
über die erste Kreditnahme erzielt worden war, wurde dieser in
der Form einer faksimilierten 100-Taka-Note symbolisch überreicht.
(Taka ist die Währungsbezeichnung in Bangladesch, 29 Taka entsprechen
1,- DM.) Die Gruppen, innerhalb derer keine Einigung erzielt werden
konnte, wurden auf die Möglichkeit eines weiteren Versuchs in einer
neuen Gruppenzusammensetzung verwiesen.
Das Plenums-Gespräch über die Ergebnisse aus den einzelnen
Kreditnehmerinnen-Gruppen leitete dann über in ein Abschlussgespräch,
in dem u.a. die Rolle des Notfall-Fonds besprochen wurde. Dieser kann
bei Problemen in Anspruch genommen werden, wenn deren Entstehen von
den Kreditnehmerinnen nicht zu verantworten ist, z.B. bei Erkrankung
von Hühnern, die auf Kredit angeschafft wurden, aber noch vor dessen
vollständiger Rückzahlung starben. An Fragen und Diskussionsbeiträge,
die sich mit den allgemeinen Prinzipien und Wirkungen der Grameen-Bank
und ihren inzwischen entstandenen Subunternehmen befassten, schloss
sich häufig noch ein Gespräch über generelle Probleme
der Armut in so genannten Entwicklungsländern und die Einbindung
solcher Modelle, wie sie die Grameen-Bank darstellt, in den globalen
ökonomischen Zusammenhang an.
Bei
diesen Gesprächen war es uns wichtig, das Erlebte auf die Erfahrungsebene
der Schülerinnen und Schüler zurückzubringen. Da einige
von ihnen die Absicht hatten, später in soziale Berufe oder Projekte
einzusteigen, stand die Frage im Vordergrund, wie mit Hilfsbedürftigen
jeglicher Art umzugehen sei. Sollte man sie geduldig stützend an
die Hand nehmen oder sollte man eine Anschubfinanzierung für das
Schaffen einer selbstständigen Existenz leisten und dabei auf die
Stärke der jeweiligen Person vertrauen, welche die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer im Rollenspiel sich ja wiederholt bewusst gemacht hatten.
Dass es darauf keine eindeutige Antwort geben kann, wurde von einigen
der Jugendlichen selbst artikuliert. Eine oft gestellte Frage war, warum
- wenn die Arbeit der Grameen-Bank doch so erfolgreich sei - Bangladesch
trotzdem noch so arm bliebe und man in Europa so wenig davon höre.
Dies führte häufig zur Diskussion über Medienpolitik
und über einseitige westliche Normen im Verständnis dessen,
was Armut bedeute.
Allgemeine Informationen
Bangladesch
Die Benefizveranstaltung Concert for Bangladesh, organisiert vom
Ex-Beatle George Harrison 1971, war wohl der erste Augenblick,
an dem die breite Öffentlichkeit in Europa und Nordamerika
von dem kleinen Staat am anderen Ende der Welt erfuhr; gleichzeitig
damit auch von seinen Problemen, die zum Teil bis heute unser
Bild von Bangladesch beeinflussen.
|
Geschichte
- früh abhängig von wechselnden Oberhoheiten, z.B. Indien,
Portugal, England
- 1947 mit der Teilung des Subkontinentes Angliederung an das muslimische
Pakistan als Landesteil Ostpakistan
- 1968 erste Rebellion gegen Dominierung durch Westpakistan
- 1970/71 kurzer, aber ungeheuer blutiger Bürgerkrieg
- 16. Dezember 1971 Gründung des Staates Bangladesch |
Bevölkerung
- 115,593 Millionen (1990)
- mit einer jährlichen Zuwachsrate von 3% auch in Zukunft der
am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Erde
- Staatsreligion: Islam |
Wirtschafts
und Sozialstruktur
- Mangel an Infrastruktur, Elektrizität und Bauland
- Gesundheitswesen kann die hohe Zahl der an Seuchen oder Malaria
Erkrankten nicht mehr auffangen
- Hälfte der bengalischen Kinder sind unter oder fehlernährt
- Landwirtschaft ist das Rückgrat der Wirtschaft; günstiges
Klima, fruchtbarer Schwemmboden, zwei bis drei Ernten pro Jahr
- Bedarf an Hauptnahrungsprodukt Reis kann nicht selbst gedeckt werden
- jährlich vernichtende Umweltkatastrophen wie Überschwemmungen,
tropische Wirbelstürme und Flutwellen an der Küste |
Die
Bank
Grameen bedeutet auf Bengali dörflich, ländlich. Die Dörfer
Bangladeschs stellen für 80% der Einwohner die Heimat dar. Obwohl
die meisten in der Landwirtschaft tätig sind, erreichen 6c0%
der Bevölkerung nicht den Mindesternährungsstandard von
2100 kcal pro Tag. Es mangelt nicht nur an Nahrung, Besitz und Geld,
sondem vermeintlich auch an Kenntnissen und Fähigkeiten, sich
selbst aus dieser Ohnmacht zu befreien. Der Grameen-Bank gelang jedoch
der Beweis, dass mit einem nur geringen Einsatz das wahre Potenzial
dieser Menschen freigesetzt werden kann.
Die Idee zur Grameen-Bank entstand während einer Studie über
die Ursachen von Verarmung und über die Überlebensstrategien
armer Menschen unter der Leitung von Muhammad Yunus, damals Professor
für Ökonomie an der Universität von Chittagong. Die
Ergebnisse waren erstaunlich, Armut zwingt Menschen, das Wenige, was
sie besitzen, optimal auszunutzen. Doch keine Bank unterstützt
diesen Pioniergeist, z.B. durch die Vergabe von Krediten ohne Sicherheiten,
ohne Alphabetisierung. Eine Lösung für dieses Problem sollte
eine spezielle Bank darstellen, die Mikrokredite an Bedürftige
abgibt.
Seit 1982 ist aus dem Traum Realität geworden, die Dorfbank wurde
staatlich anerkannt. Zielgruppe sind die Frauen der ärmsten Familien
in den ländlichen Gebieten Bangladeschs. Es stellte sich heraus,
dass sie das Geld viel effektiver zum Wohle der gesamten Familie investieren
als die Männer. Inzwischen werden 2399155 Mitglieder und deren
Familien betreut. In über zwei Millionen von den Kreditnehmerinnen
gegründeten Unternehmungen arbeiten rund 2 Milliarden US$. Die
Rückzahlungsquote liegt bei 98%. |
Das
Center
Die Ureinheit im Gefüge der Grameen-Bank ist die Gruppe. Fünf
Frauen bilden eine Kreditgemeinschaft, wobei jede nach dem Solidaritätsprinzip
für alle anderen Gruppenmitglieder bürgt. Dieses soziale
Kapital allein macht sie kreditwürdig, nicht bereits vorhandener
Besitz. Einzige Bedingung für alle Mitglieder einer Gruppe, die
sich selbst zusammenfinden, ist, dass sie nicht miteinander verwandt
sind.
Acht Gruppen bilden ein Center. Während der wöchentlichen
CenterTreffen laufen alle Bankgeschäfte ab. Die Frauen beraten
gemeinsam über die Vergabe von Krediten, deren Höhe und
die Rückzahlungsbedingungen, während die Bankangestellten
eher eine beratende Funktion haben. Sie kontrollieren die Abwicklung
der Kredite und betreuen die Frauen intensiv und regelmäßig.
Die Stärke dieses Systems liegt in der ausgeprägten sozialen
Kontrolle.
Bevor eine neue Gruppe ins Center aufgenommen wird, durchlaufen die
Frauen eine Trainingsphase, in der sie lernen, ihren Namen zu schreiben
und zu rechnen. Außerdem werden sie mit den 16 Grundsätzen
vertraut gemacht. Mit der Aufnahme erhält die Bedürftigste
der Gruppe als erste einen Kredit. Im Laufe einer Woche muss der Kredit
angelegt sein und im Laufe eines Jahres ist die Rückzahlung fällig.
Zu jedem Center-Treffen zahlt die Kreditnehmerin ihr Darlehen und
die Zinsen (20%) in Raten zurück. Zusätzlich fließt
ein bestimmter Betrag in einen Notfallfonds, der im Ernstfall zinslos
beleihbar ist. Alles wird genauestens im Kreditpass festgehalten und
bleibt für alle transparent. Ist der Kredit abbezahlt, kann ein
höheres Darlehen beantragt werden, und zwei weitere Mitglieder
der Gruppe erhalten ihre Kredite bewilligt.
1997 wurden die meisten Kredite in Vieh und Fischkultur angelegt,
gefolgt von Investitionen im landwirtschaftlichen Bereich und zur
Gründung von Kleinunternehmen, z.B. Tischlerei, Rikschafuhrbetrieb
oder ähnlichem. |
Gita aus Shotibari
Gita und ihre Familie lebten in einem Dorf im Distrikt Rangpur,
dem nördlichsten des Landes. Seit 1983 gibt es hier eine Zweigstelle
der Grameen-Bank, die Branch Shotibari. Und fast genauso lange ist
Gita Mitglied.
Gitas Lebenslauf
- geboren vor ungefähr 35 Jahren, sie weiß es nicht genau
- Vater eröffnete eine Keksbäckerei, das Startkapital
borgte er von einem privaten Geldverleiher, die Zinsen lagen bei
10% pro Monat, jeder Gewinn floss in die Taschen des Gläubigers
und die Familie ging leer aus
- mit 16 Jahren verheiratet, ihr Mann ist vier Jahre älter
- nach dem Tod des Vaters und der Erkrankung des Ehemannes musste
die Familie alles, was ihr geblieben war, verkaufen
- fünf Kinder geboren, drei starben bereits als Kleinkinder
- Gita war gezwungen als Magd gegen Naturalien zu arbeiten
Gitas erster Kredit
Von diesem kaufte sie sich einen Kerosinkocher und Kochgeschirr
und begann, das Geschäft des Vaters neu aufzubauen. Der kleine
Familienbetrieb produziert nun Fettgebäck aller Art. Das Leben
ist für Gita zwar nicht einfacher geworden, da sie die Hausarbeit
jetzt "nebenbei" erledigen muss. Doch sie weiß,
wofür sie es tut. Das Auskommen der Familie hat sich stabilisiert.
Sie haben genügend Kleidung, drei Mahlzeiten am Tag, die Kinder
gehen zur Schule und sie können sich die Medikamente für
Gitas Ehemann leisten. Mit einem weiteren Kredit baute sie das Geschäft
um einen Verkaufsstand am Markt aus und legte einen Vorrat aus Mehl
und Öl an, um es nicht jeden Tag in kleinen Mengen vom Markt
holen zu müssen. Träume für die Zukunft hat Gita
keine, sie meint, so etwas kann sich eine arme Frau nicht leisten,
aber Pläne. Im nächsten Turnus will sie einen Hauskredit
beantragen. Außerdem soll die Tochter verheiratet werden,
doch die Mitgift, so fürchtet Gita, frisst das wenige Ersparte
auf. Warum sie Mitgift gibt, will ich wissen. Nach den Statuten
darf sie es eigentlich nicht. Groß schaut sie mich an und
sagt: "Aber ich möchte doch, dass meine Tochter einen
guten Mann bekommt!". Das kann ich verstehen.
Frauen-Wirtschaft
Die wirtschaftliche Rolle der Frau in Bangladesch muss differenziert
betrachtet werden. Im formellen Sektor, welcher mit Reichtum und
Elite assoziiert wird, ist ihre Stellung weitaus geringer als im
informellen Sektor der Armen und Tagelöhner. Gemein ist beiden
Bereichen, dass Frauenarbeit gesellschaftlich nicht anerkannt und
die traditionelle Tätigkeit im Haus und in der Familie nicht
entlohnt wird.
Nach muslimischer Tradition sollte die Frau die häusliche Sphäre
nicht verlassen; für die Oberschicht ein moralisches Gebot,
für Frauen der Unterschicht ein Konfliktfeld zwischen religiösen
und ökonomischen Zwängen. Da ihr Verdienst aber überlebensnotwendig
ist, finden wirtschaftliche Tätigkeiten, soweit möglich,
innerhalb des eigenen Hofes statt. Gerade weibliche Mitglieder armer
Familien beweisen dabei unglaubliche Managerqualitäten: sie
sorgen für zusätzliche Verdienste, helfen Kosten einsparen
- z.B. durch das Sammeln von Kuhmist als Brennstoff - und kümmern
sich um die Familie. In Extremfällen sind Frauen zur Lohnarbeit
außerhalb des Hofes gezwungen. Die Bedeutung der Frauenarbeit
ist nicht zu unterschätzen, auch wenn sie keine soziale und
ökonomische Wertschätzung erfährt.
Was können die Kredite der Grameen Bank bewirken? Die durch
die Armut geschulten Unternehmerqualitäten und das Potenzial
der Frauen werden im wirtschaftlichen Erfolg der Existenzgründungen
evident. Meist bleiben die Aufgaben traditionell geteilt; der eigene
Hof ist das Refugium der Frau und der Mann sorgt für die Vermarktung.
Statt vom Haushaltsgeld des Mannes abhängig zu sein, wird der
ganze Haushalt durch den Kredit der Frau zum Betrieb, die Familie
zu Selbstständigen.
Die Frauen werden Managerinnen und zusammen mit dem Center planen
sie längerfristige Vorhaben und minimieren das Risiko. Im Rahmen
der gesellschaftlichen Grenzen nutzen sie alle Möglichkeiten:
sie festigen den Erfolg durch Sparfähigkeit und Re-Investition,
durch Marktorientierung und die Kombination verschiedener Einnahmequellen,
z.B. Verkauf von angebautem Reis neben der Produktion von Bambusmatten
und der Investition in eine Rikscha als Transportmittel. Davon profitiert
die Familie in Form besserer Ernährung, Kleidung, Schulbildung,
welche einen allgemeinen Statuszuwachs bedeuten. |
Grameen
Uddog
Bei der Vergabe von Krediten allein wollte die Grameen-Bank nicht
stehen bleiben. Das langfristige Ziel lautet immer noch: Bekämpfung
der Ursachen von Armut. So entwickelten sich um die Bank herum eine
Reihe von Schwesterorganisationen, wie Grameen Trust, Grameen Fish
Foundation, Grameen Agra, Grameen Telekom und Grameen Uddog.
Das Ziel von Grameen Uddog ist die Schaffung sicherer Arbeitsplätze.
Dazu gründete man die Firma Grameen Check, in der Stoffe von
hoher Qualität und im namengebenden karierten Design produziert
werden. Das Grundkonzept basiert darauf, die berühmte Webertradition
Ostbengalens wieder zu beleben und den frei arbeitenden Webern über
die Vergabe von Mindestlöhnen und eine Abnahmegarantie eine sichere
Existenzgrundlage zu bieten.
Grameen Check stellt alle Arbeitsmittel zur Verfügung, z.B. Garn,
Webstühle und Farben und kümmert sich um die Vermarktung
des Produkts. Das Konzept ist überaus erfolgreich. So sind nicht
nur in Bangladesch die handgewebten Stoffe aufgrund ihres hohen Tragekomforts
(100% Baumwolle) und des günstigen Preises sehr beliebt, auch
mit namhaften Firmen in Europa und den USA konnten Verträge abgeschlossen
werden. Mit Grameen Check gelang es erstmals wieder, ein einheimisches
Produkt auf dem Weltmarkt zu etablieren. Gewinner in diesem System
sind alle Beteiligten. Die Abnehmer erhalten neben der guten Qualität
auch ein moralisch einwandfreies Produkt. Die Weber profitieren von
den steigenden Umsätzen und dem breiten Sozialprogramm der Firma. |
Beispiel
eines Problems, das Monate nach dem Nehmen eines Kredits auftreten
kann:
Sufya kaufte sich von ihrem Kredit fünf Hennen. Diese legten
Eier, die Sufyas Mann dann auf dem Markt oder an Bekannte verkaufte.
Von dem Geld, das neben der Rückzahlungsrate übrig blieb,
legte Sufya jede Woche etwas beiseite, um sich einen Hahn kaufen zu
können. Dann könnte sie selbst neue Hühner züchten
und könnte neben den Eiern auch Hahnerfleisch verkaufen. Doch
sechs Monate nach dem Kauf der Hennen und vor der vollständigen
Rückzahlung des Kredits starben alle Hühner an einer Infektion.
Was soll sie jetzt tun?"
(Mit den Informationen auf den Tafeln der Ausstellung und eventuellen
Nachfragen bei einer der "Bank-Assistentinnen" können
die Schülerinnen und Schüler auf folgende Lösungsmöglichkeit
für dieses Problem kommen, die natürlich so nicht vorgegeben
wird:
Sufya fragt die Frauen im Bank-Center, ob sie den gemeinschaftlichen
Notfallfonds beleihen kann. Daraus erhält sie einen neuen zinslosen
Kredit in derselben Höhe wie der alte. Sie kauft erneut fünf
Hennen; aber das Geld, das sie für den Hahn angespart hat, gibt
sie nun für Impfstoff aus. Die BankAssistentin gab ihr den Tipp,
dass geimpfte Hühner, die sauberes Wasser und viel Auslauf bekommen,
nicht so schnell krank werden. Mit dem neuen Einkommen aus dem Verkauf
der Eier zahlt Sufya den alten Kredit weiter ab. Danach zahlt sie
den Kredit aus dem Notfallfonds zurück. Das Geld, das sie neben
der Rückzahlungsrate übrig behält, wird ausreichen,
dass sie sich ungefähr 8 bis 9 Monate danach endlich den Hahn
kaufen kann, hat Sufya ausgerechnet.) |
Muhammad,
Ehemann von Sufya
Du bist 21 Jahre alt und seit drei Jahren mit Sufya verheiratet. Kinder
habt ihr keine, weil du einsiehst, dass das Essen kaum für euch
beide langt. Ebenso wie Sufya kommst auch du ursprünglich aus
einer wohlhabenderen Familie und hast acht Jahre die Schule besucht.
Doch dann ist dein Vater gestorben und sein Land wurde unter allen
deinen neun Geschwistern aufgeteilt. Unglücklicherweise hat die
Flut im Jahr darauf ein Teil deines Landes weggeschwemmt und der selbst
angebaute Reis reichte nicht mehr zur Selbstversorgung. So hast du
dein Land an einen Großgrundbesitzer verkauft und versuchst
dich jetzt in seinem und anderen Haushalten als Nachhilfelehrer und
Feldarbeiter über Wasser zu halten.
Das verdiente Gehalt reicht weder zum leben noch zum sterben, aber
du möchtest auf keinen Fall, dass deine Frau bei anderen Leuten
Arbeit annehmen muss. Alle würden sonst sehen, dass du Schwierigkeiten
hast deine Familie zu ernähren. Lieber hungert ihr heimlich.
Als deine Frau anfängt von der Grameen Bank zu reden, bist du
vorerst skeptisch. Du weißt, dass die einflussreichen Leute
im Ort die Bank nicht mögen. Dennoch scheint es dir eine sinnvolle
Alternative zur Armut zu sein. Du fragst deine Frau, was sie mit dem
Kredit machen möchte und wie sie es sich mit der Rückzahlung
vorgestellt hat. Ihr überlegt zusammen, worin ihr das Geld investieren
möchtet und wie ihr die wöchentlichen Raten leisten wollt. |
Sufya
Dein Name ist Sufya. Du bist 20 Jahre und seit drei Jahren verheiratet.
Kinder hast Du keine. Deine Familie war früher mal wohlhabend
und du warst bis zur fünften Klasse in der Schule. Du kannst
lesen und schreiben. Doch die Flut hat euer Land weggeschwemmt, und
seitdem seid ihr so arm wie die anderen. Dein Mann arbeitet als Tagelöhner
auf den Feldern anderer Leute. Manchmal gibt er auch Nachhilfeunterricht.
Obwohl das Geld, das er verdient nicht ausreicht, um davon das ganze
Jahr zu leben, traust du dich nicht auch Arbeit zu suchen.
Du weißt, dass die anderen Leute über Frauen die arbeiten
schlecht reden und schließlich kommst du ja ehemals aus einem
besseren Haus. Lieber hungert ihr und spart so. Manchmal stecken dir
die Eltern und Schwiegereltern etwas Geld zu. Über eine Bekannte
von dir hast du schon einmal etwas von der Grameen Bank gehört.
Du weißt, dass sie Kredite an Frauen vergibt, die damit Familienbetriebe
eröffnen. Deine Bekannte hat sich Hühner gekauft und später
die Eier und das Fleisch weiterverkauft. Jetzt hat sie eine Ziege
und eine Kuh und muss nie wieder hungern. Du möchtest auch gern
solch einen Kredit.
Stell dich selbst den anderen Frauen und der Bankassistentin vor. |
Erfahrungen und Empfehlungen
Wie es nicht anders erwartet werden kann, verliefen die Erprobungen
nicht gleichförmig, sondern es ergab sich eine deutlich differenzierte
Bandbreite, die stark von der Intensität beeinflusst wurde, mit
der die Schülerinnen und Schüler inhaltlich auf das Rollenspiel
vorbereitet worden waren. Ein interessantes Phänomen entstand mehrere
Male bei dem Einstieg in das Rollenspiel, wenn in den Gruppen der potenziellen
Kreditnehmerinnen die jeweils zugeteilten Rollen und Schicksale den
anderen Gruppenteilnehmerinnen vorgestellt werden sollten. Wiederholt
erlebten wir es dabei, dass einige der Schülerinnen sich nicht
mit der Formel vorstellten: "Ich bin Soundso und habe die folgenden
Probleme", wie es die ihnen vorliegende Rollenbeschreibung im Prinzip
vorgab, sondern entweder wörtlich oder sinngemäß die
folgende Formulierung wählten: "Ich soll die Soundso sein
und soll die folgenden Probleme haben ...".
Die
Nicht-Bereitschaft, die Problematik der absoluten Armut auch nur in
der Form eines Spiels an sich herankommen zu lassen, die sich im Gebrauch
des Wortes "soll" ausdrückte, zeigt allgemein betrachtet
ein sehr wichtiges Problem des Unterrichts zum Thema Entwicklungspolitik
auf. In seinen Einzelheiten kann dies hier jedoch nicht diskutiert werden.
Beim Fortschreiten des Rollenspiels und dem allgemein Lebhafterwerden
der Diskussionen verlor sich in der überwiegenden Zahl der Fälle
dann aber jene anfängliche Distanz zwischen der eigenen Identität
und dem Inhalt der zugeteilten Rolle.
Wie weit eine eher nur oberflächliche inhaltliche Vorbereitung
auf das Rollenspiel einen Einfluss auf die geschilderte Abwehrhaltung
hatte, konnte nicht in jedem Fall eingeschätzt werden. Für
das Gelingen des Programms - gemessen an dem Erreichen ernsthaft engagierter
Diskussionen bis in die Schlussphase hinein - war die inhaltliche Vorbereitung
in jedem Fall ausschlaggebend. In einer der insgesamt elf Erprobungen
kam es von Seiten der Schülerinnen und Schülern zur offenen
Kritik am Rollenspiel selbst: es sei sinnlos und langweilig. Es stellte
sich dabei aber bezeichnenderweise heraus, dass die Klasse nur äußerst
oberflächlich und auch nur von einem einzelnen Lehrer inhaltlich
auf das Rollenspiel vorbereitet worden war. Obendrein fand das Rollenspiel
an einem Nachmittag statt und die Schülerinnen und Schüler
wollten einfach nur möglichst schnell nach Hause.
Auf der anderen Seite der eingangs erwähnten Bandbreite unserer
Erfahrungen stand die Klasse eines Wirtschaftsgymnasiums, die die Thematik
des Rollenspiels weiterführte, indem die Jugendlichen eine Umfrage
zu der Thematik veranstalteten und eine eigene Ausstellung dazu machten.
Ferner entwickelten ihr Deutschlehrer und ihre Geschichtslehrerin gemeinsam
mit den Schülerinnen und Schülern aus dem Rollenspiel ein
Theaterstück, das sie mit ihnen einstudierten und zur Aufführung
brachten. In diesem Fall befasste sich in einem Schulprojekt ein größeres
Team von Lehrerinnen und Lehrern mit der inhaltlichen Vorbereitung auf
das Rollenspiel und stimmte dabei die einzelnen Unterrichtsteile gut
miteinander ab.
Als Empfehlung leiten wir aus diesen Erfahrungen ab, dass Lehrerinnen
und Lehrer, die unsere Anregungen für ihren Unterricht aufgreifen
möchten, dies nach Möglichkeit im Team tun sollten. Dies ergibt
sich schon aus dem Spektrum der inhaltlichen Anteile des vorbereitenden
Unterrichts, der von der Zinsrechnung über die Beschäftigung
mit den englischsprachigen Texten zur Grameen-Bank aus dem Internet
bis in den Religionsunterricht reichen muss, in dem wichtige Aspekte
einer vom Islam bestimmten Kultur zu verdeutlichen wären.
Im Projekt "Eine Welt in der Schule" (Adresse siehe Impressum)
können zur Unterstützung für die Durchführung eines
solchen Unterrichtsprojektes die Bild-Text-Tafeln (100x80 cm), die Diaserie
und die schriftliche Fassung des begleitenden Vortrags sowie die Rollenbeschreibungen
und Informationen zu den Kleinstunternehmen entliehen werden.
Anmerkungen
- Als ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit BRIGITTE ERLERS Publikation
erschien im Jahre 1987 das Buch "Hilfe muss nicht tödlich
sein". "Basisbewegung und Befreiungsarbeit in Bangladesch"
von BRIGITTE JESSEN und MICHAEL NEBELUNG (Berlin, Express-Edition) ist
ein weiteres Buch zum Thema. Beide Bücher wurden bei der Erprobung
des problemorientierten Rollenspiels für den Unterricht zum Thema
Entwicklungspolitik den beteiligten Lehrerinnen und Lehrern als Zusatz-
und Hintergrundinformation zur Verfügung gestellt. Sie sind zwar
beide nicht mehr im Buchhandel erhältlich, können aber häufig
noch in Stadtbibliotheken entliehen werden. Bei Bedarf stehen Kopierexemplare
bei Volker Harms, Institut für Ethnologie, Schloss, 72070 Tübingen
oder im Projekt "Eine Welt in der Schule" auf Anfrage zur
Verfügung.
- Das museumspädagogische Programm wurde
von VOLKER HARMS und MANUELA SCHULZE gemeinsam ausgearbeitet. Für
die hilfreiche Beratung und Unterstützung möchten wir uns
bedanken bei Frau GERSTLAUER, Frau KLAUSEN, Herrn GAMPE, Herrn KARGL,
SPYRIDOULA MILONA, MARTINA MUNDINGER, CHRISTINE SAUKEL, SILKE OLDENBURG,
SINA BARTZ und YVONNE ELLINGHAUS.
Informationen
für Lehrerinnen und Lehrer
Die Grameen-Bank in Bangladesch
ist eine aus privater Initiative entstandene einheimische Entwicklungsbank,
die nach einem ausgeklügelten Konzept Kleinstkredite ausschließlich
an Frauen unterhalb der Armutsgrenze vergibt. Mit diesem Startkapital
gründen die Empfängerinnen und ihre Familien eigene Kleinunternehmungen,
z.B. Herstellung und Verkauf von Gebäck oder Betrieb eines
Rikschataxis. Der Profit dieser Kleinstgeschäfte reicht aus,
um die geringen wöchentlichen Rückzahlungsraten zu begleichen
und den Lebensstandard Schritt für Schritt unverwundbarer zu
machen bzw. auszubauen.
Über diese Hilfe zur Selbsthilfe ist es in den zwanzig Jahren
der GrameenArbeit gelungen, 50% aller "Kreditfamilien"
eine Existenz über der Armutsgrenze dauerhaft zu ermöglichen.
Die hohe Rückzahlungsquote und der nachweisbare Erfolg in der
Armutsbekämpfung sorgten für ein breites Aufsehen, besonders
in den Institutionen der weltweiten Entwicklungszusammenarbeit.
Jetzt gilt die Grameen-Bank oft als bestes Beispiel für überlegte
Hilfe zur Selbsthilfe und die Zahl der weltweiten Kopien, d.h. der
Organisationen, die nach demselben Grundprinzip arbeiten, nimmt
beständig zu.
Das Projekt, welches wir Ihnen anbieten möchten, wurde in Zusammenarbeit
mit Lehrerinnen und Lehrern so konzipiert, dass es der Arbeit mit
Schülerinnen und Schülern angepasst ist. Auf spielerische
Art und Weise werden die Schülerinnen und Schüler dahin
gelenkt, sich mit der Arbeit der Grameen-Bank und dem Thema der Entwicklungshilfe
allgemein auseinander zu setzen, genauso wie mit den Themen Kredit
und Existenzgründung.
Die Ausstellung ist durch die Anschaulichkeit und Vielfalt der konkreten
Beispiele integrierten Wirtschaftens sehr lebensnah gestaltet worden.
Dies kann mit Ihrer Hilfe dazu genutzt werden, den Stoff auch fächerübergreifend
zu behandeln. So regt es zur mathematischen Zinsrechnung sowie der
Auseinandersetzung mit dem Prinzip Kredit genauso an wie zu Diskussionen
über religiöse und politische Einstellungen im Problemzusammenhang
der Armutsbekämpfung in Entwicklungsiändern. Aber auch
weitere Unterrichtsfächer wie Englisch oder Werkunterricht
können in eine integrierte Behandlung des skizzierten Stoffs
einbezogen werden.
Das museumspädagogische Angebot, das wir Ihnen in Verbindung
mit der Ausstellung machen möchten, sieht die folgende Zusammenarbeit
zwischen Museum und Schule vor, die wir in eine Reihe von Abschnitten
zerlegt haben:
Die Einführungsphase
Hierbei geht es darum, die Schülerinnen und Schüler auf
ihren Aufenthalt im Museum vorzubereiten. Da die Zeit während
des eigentlichen Projekttages sehr knapp bemessen ist, wollen wir
die Einführungsphase in die Schulen hinein verlagern. Ein Diavortrag
durch die Autorin der Ausstellung in den interessierten Klassen
soll den Zweck des ersten Kennenlernens erfüllen. Bilder und
Geschichten sollen den Blick öffnen und für das Thema
sensibel machen. Eine Unterstützung durch Ihre eigene Unterrichtsarbeit
wäre in dieser Phase z.B. durch die Behandlung des Themas "Einführung
in das deutsche Kredit und Banksystem" zu leisten oder durch
das Anschauen der Internetseite der Grameen Bank (englisch) unter
der URL: www.grameen.com bzw. durch die Internetsuche zu dem Stichwort
"Grameen Bank".
Die Informationsphase im
Museum
Der Besuch im Museum beginnt mit einer Kurzführung durch die
Ausstellung, bei der diese erläutert wird, und zwar insbesondere
mit Bezug auf die ausgestellten Objekte. Sodann werden die Schülerinnen
und Schüler mit den Möglichkeiten vertraut gemacht, in
der Ausstellung selbstständig die für die Diskussionen
in den anschließenden Rollenspielen benötigten Informationen
zu beschaffen.
Die Rollenspiel-Phase
Im Anschluss daran sollen Rollenspiele intensiv und unterhaltsam
nicht nur in das Leben armer Familien in Bangladesch einführen,
sondern es sollen durch das Durchleben der eigenen Rolle die Regeln
und die Funktionsweise der Grameen Bank begreiflich gemacht werden.
Nach dem Bekanntmachen mit der Ausstellung werden den Schülerinnen
und Schülern Rollen zugeteilt und das Ziel des Spieles erklärt,
nämlich eine Gruppe aus fünf Kreditnehmerinnen zu formen
und die Kreditanträge vor dem Center zu verteidigen.
Das Rollenspiel ist so arrangiert, dass Kartentexte nur den Rahmen
vorstellen, die sich ergebenden Probleme aber selbstständig
gelöst werden müssen. Einige Texte dieser Rollenkarten
finden Sie weiter hinten als Beispiele abgedruckt. Die vorgegebenen
Rollen bestehen in der quantitativ überwiegenden Zahl aus Fünfergruppen
(nach dem Grameen-Bank-Prinzip) von potenziellen "Kreditnehmerinnen".
(Diese Rollen müssen je nach Zusammensetzung der Klasse (u.U.
auch von männlichen Schülern übernommen werden.)
Um aber auch Probleme zu verdeutlichen, mit denen sich die Kreditnehmerinnen
aufgrund des besonderen kulturellen Umfelds auseinandersetzen müssen,
werden des Weiteren die Rolle des "Imams" (in dem islamischen
Staat Bangladesch) eingeführt sowie die von "Ehemännern",
die auf ihre Weise Probleme im Gefüge des Grameen-Kredit-Systems
machen können und häufig gegen ihren Willen für
die Pläne ihrer Frauen gewonnen werden müssen.
Zur Unterstützung der Frauen gegen den Druck von außen
steht die Rolle von "Grameen-Bank-Assistentinnen" bereit.
Die Reflexions und Auswertungsphase
In der Phase soll das im Museum Erlebte reflektiert und vertieft
werden. Das muss erneut in den Schulen stattfinden. In kleinen Aufsätzen
können die neuen Erfahrungen und das Wissen zusammengefasst
werden. Die Texte können dann entweder ans Museum zurückgegeben
werden oder als Artikel in der Schulzeitschrift erscheinen.
Weiterhin sollte im Unterricht unter einer fachspezifischen Fragestellung
auf das so nur angerissene Thema zurückgekommen werden; Religion,
Ethik, Geographie oder auch Wirtschaft bieten sich dazu an. |
Hühnerzucht
Man kauft etwa 5 - 10 Hühner
und einen Hahn. So kann man Küken großziehen und Eier
sowie Fleisch weiterverkaufen. Hühnerfleisch und Eier werden
in der bengalischen Küche häufig verwendet, demzufolge
ist die Nachfrage beständig hoch. |
| Was benötigt
man dazu: |
Kosten: |
| Jemand,
der die Hühner vom Händler kauft und
darauf achtet, gesunde Tiere zu nehmen |
Eventuelle
Entlohnung |
Jemand,
der die Produkte wieder verkauft,
entweder von Haus zu Haus geht oder auf
dem Markt sitzt (dann Marktgebühren) |
20
TK (0,69 DM) Marktgebühren pro Tag |
Jemand,
der die Tiere beaufsichtigt |
Eventuelle
Entlohnung |
| Einen
Hühnerstall |
400
TK (13,80 DM) |
Futter
für ein Jahr |
300
TK (10,34 DM) |
| Hennen |
50 TK
(1,72 DM) pro Tier |
| Hahn |
30 TK
(1,03) pro Tier |
| Impfstoff |
30 TK
(1,03 DM) |
| Du
verkaufst täglich drei Eier und einmal in der Woche ein Huhn.
Wieviel musst du dafür verlangen, um die Rate zurückzahlen
zu können und noch Gewinn zu machen? |
Dieser Artikel wurde
veröffentlicht in Ausgabe 2/2002 von "Eine Welt in der Schule".
Sie können diese Ausgabe jetzt herunterladen (1,5 MB).

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