Vor drei Jahren begann an unserer Schule die Arbeit
am Schulprogramm. Anlass war die Vorgabe der Kultusministerin, dass
jede Schule sich ein solches zu geben habe.
Ein Arbeitskreis befasste sich mit dem Thema "Agenda 21" und
seiner Umsetzung in das Schulcurriculum. Da ich schon immer meinen Schwerpunkt
in der Umweltthematik gesehen habe, lag es mir am Herzen, diesen Arbeitskreis
auch erfolgreich werden zu lassen. Eine Idee war, einzelne Themen in
fächerübergreifenden Ansätzen und nach unterschiedlichen
Schwerpunkten in den einzelnen Jahrgangsstufen, mit dem Fach Gesellschaftslehre
als Leitfach, einzusetzen.
Einige Ergebnisse dieser in schulinterner Fortbildung ermittelten Konsens-Themen
für das Schulprogramm lauten:
- Umweltbildung (7. Jahrgang)
- Eine Welt - Fairer Handel (8. Jg.)
- Globalisierung (10. Jg.).
Diese Themen wurden in der Folgezeit durch die Schulgremien abgesegnet.
Es kam mir sehr gelegen, dass das Projekt "Eine Welt in der Schule"
in einer überregionalen Lehrerfortbildung das Thema "Agenda
21" anbot. Hier einigten wir uns in einer Arbeitsgruppe auf das
Unterrichtsprojektthema: "Mein liebstes Kleidungsstück"
Eine Menge Medien und Materialien wurden gesichtet und zu einem Unterrichtsbeispiel
verdichtet.
Nun sprach ich die Kolleginnen und Kollegen des neuen 7. Jahrganges
meiner Schule an und wir waren schnell davon überzeugt, diesen
neuen Ansatz im Curriculum ausprobieren zu wollen. Mehrere Kolleginnen
und Kollegen nahmen mit insgesamt 5 Parallelklassen an der Erprobung
teil.
Unsere Ziele waren, die Schüler auf Zusammenhänge zwischen
Konsum und Umwelt aufmerksam zu machen, einen bewussten Umgang mit den
für jeden von uns notwendigen Textilien herbeizuführen und
Solidarität mit den meist benachteiligten Produzentinnen und Produzenten
zu erreichen.
Das Material trifft ein
Die Medienkiste des Projekts "Eine Welt in der Schule" traf
rechtzeitig aus Bremen ein. In einer kurzen Besprechung zum methodischen
Einsatz, bei dem wir
· die Vielfalt der Medien,
· die Anschaulichkeit durch Baumwolle (real, in Dias und in Filmen),
· die Aktionsmöglichkeiten auf Grund der laufenden Kampagnen
(z. B. Kampagne für saubere Kleidung, Öko fair tragen usw.)
würdigten, überließen mir meine Kolleginnen und Kollegen
weitestgehend die Auswahl der Printmedien, die üblicherweise bequem
durch die Risographen-Druckmaschine unserer Schule in genügender
Auflagenhöhe bereitgestellt werden können.
Das
Lieblingskleidungsstück
Als Einstieg wurden die Schülerinnen und Schüler nach ihrem
liebsten Kleidungsstück gefragt. Sie sollten es dann auch zur nächsten
Stunde mitbringen, wenn sie es nicht schon trugen. Bevorzugte Kleidungsstücke
waren T-Shirts mit vielfältigen Aufdrucken, Pullover mit Marken-Labels,
Jacken und Jeans.
Man spürte, dass einzelne Jugendliche das Prestige von Markenkleidung
hervorhoben. Ich wies dabei schon einmal auf den Zusammenhang von "billiger"
Produktion und teurer Vermarktung hin, den wir später noch intensiver
besprechen wollten.
Ebenso wurden die Waschanleitungen und Hinweise auf Materialbestandteile
in Relation zur Umweltbelastung gesetzt.
Kinderarbeit
Als Problemaufriss war das Video "Kinderarbeit in Indien"
sehr gut geeignet. Es zeigt, welche Arbeiten bei der Anpflanzung und
Bewässerung, beim Einsatz der Giftspritze sowie beim Pflücken
der Baumwolle per Hand und der Entkernung der gepflückten Baumwolle
anfallen. Die Kinder werden, trotz Kinderarbeitsverbots auch in Indien,
mit geschlossenen Kasten-LKWs zur Arbeit "gekarrt" und sind
noch froh, den Familien ein wenig Hungerlohn nach Hause zu bringen,
weil Erwachsene als Arbeitskräfte angeblich zu teuer sind. Die
Schülerinnen und Schüler waren teilweise empört über
diese Ausbeutermethoden. Sie meinten, dass diesen Kindern alle Chancen
auf ein besseres Leben genommen seien, da sie nicht zur Schule gehen
könnten.
Weltreise einer Jeans
Danach machten wir uns durch Atlasarbeit und mit Hilfe der Lehrbücher
den Baumwollanbau klar. Baumwolle zum Anfassen hatten wir ja, und auch
die Samen in der Baumwolle waren anschaulich genug, um klarzumachen,
dass Handarbeit beim Entfernen der Samen aus der Baumwolle eine langwierige
Angelegenheit bedeutete.
Die Bewässerung (dadurch fehlt es z. B. an Trinkwasser anderswo,
Aralsee geschrumpft), die Monokultur (Notwendigkeit erhöhten Pestizideinsatzes,
da kein biologisches Gleichgewicht), der Energieverbrauch (Verschwendung
von Ressourcen) und der Pestizideinsatz (Umweltbelastung durch Giftstoffe)
waren weitere Bereiche, die problematisiert wurden, bevor die "Weltreise
einer Jeans" los ging.
1) Kasachstan: Baumwollanbau
2) China: Spinnen des Garns
3) Philippinen: Färben des Garns
4) Polen: Weben des Stoffes
5) Frankreich: Herstellung von Labels und Futterstoffen
6) Philippinen: Zusammennähen
7) Griechenland: Stonewash mit Lavagestein aus der Türkei
8) Deutschland: Verkauf
9) Niederlande: Sortieren der Altkleider
10) Ghana: Secondhand-Verkauf
Zielsetzungen dieser Weltreise waren die Veranschaulichung der geographischen
Dimensionen, der CO2-Probleme durch die Erdumkreisungen der Ware und
der Einseitigkeit des Welthandels durch reiche Länder.
Die unterschiedlichen Arbeiten in den einzelnen Ländern waren mit
einem Kinderweltspiegel-Video ("Die Jeans") gut nachvollziehbar.
Das Video nahm ich privat auf. Dort wird der Herstellungsprozess einer
Jeans im Stile der Sendung mit der Maus genau beschrieben. Dabei werden
weite Reisen gemacht und die Einzelteile in einer Reisetasche aufgehoben,
damit am Ende die fertige Jeans vorgezeigt werden kann. Die Darstellung
im Film ist leider etwas zu unkritisch, da die Reise der Jeans-Einzelteile
als Abenteuer dargestellt wird, welches kindliches Erstaunen auslösen
soll.
In einem anschaulich mit Nationalitätenflaggen strukturierten Arbeitsblatt,
das die verschiedenen Stationen dieser Weltreise zum Inhalt hatte, sollten
die Schülerinnen und Schüler die zurückgelegten Kilometer
eintragen. Sie taten sich jedoch schwer, die Entfernungen in den unterschiedlichen
Atlanten mit den verschiedenen Maßstäben der Karten zu ermitteln;
auch die Mitte der jeweiligen Länder zu nehmen, um annähernd
gleiche Entfernungsangaben zu erhalten, war ihnen neu.
Ausgehend von der Weltreise der Jeans schlossen sich Arbeiten an drei
verschiedenen Themenbereichen an.
1. Transportwege
Aus der Weltreise der Jeans ergab sich die Frage der Umweltbelastung
durch Verkehrsmittel. Hier standen sich niedriger Lohn in armen Ländern
und billige Transportkosten auf der einen und Ausbeutung und Zerstörung
der Umwelt durch Kohlendioxid auf der anderen Seite als unvereinbare
Gegensätze gegenüber.
2. Naturfasern
Ein ökologischer Vergleich von Natur- und Chemiefasern schloss
sich an. Naturfasern, die regenerierbar sind, also nachwachsend, haben
einen Nachhaltigkeitsgrad, den Ressourcen verbrauchende Chemiefasern
nie erreichen können, auch wenn man es mit Recycling versuchen
wollte.
3. Arbeitsbedingungen
Den
Schülerinnen und Schülern konnten die Arbeitsbedingungen in
den freien Produktionszonen anschaulich vermittelt werden. Ihnen wurde
deutlich, zu welchen Bedingungen anderswo gearbeitet werden muss und
warum die Kleidung z.B. bei "Takko" so billig sein kann.
Besonders anschaulich war die Schilderung der Entlassung einer jungen
Frau, die der Ausbeutung in den Maquilladoras (= Fabriken in so genannten
freien Produktionszonen) durch die Bildung einer Gewerkschaftsgruppe
entgegentreten wollte. Entlassung von Beschäftigten ist jedoch
nur eine Reaktion der Arbeitgeber. Diese verschwinden bei Nacht und
Nebel, wenn es auch nur den geringsten Widerstand gibt und strafen so
kritische Menschen mit dem Entzug von Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten,
so elend schlecht diese auch sind. Das Schicksal eines jungen Mädchens
(13 Jahre), das sich mit der Schwester das Bett teilen musste und dafür
Tag- und Nachtschicht im Wechsel arbeitete, war besonders ergreifend:
immer drohten die Finger vor Übermüdung in die Nadeln der
Nähmaschine zu geraten.
Angelehnt an die oben genannten Themenbereiche vergewisserten sich die
Schülerinnen und Schüler anschließend, wie Umwelt-,
Gesundheits- und Sozialverträglichkeit in der Textilproduktion
auszusehen hat. Dazu werteten sie in Partner- und arbeitsteiliger Gruppenarbeit
diverse Arbeitsblätter, Texte u. Ä. aus. Sachfragen konnten
dabei jederzeit mit dem Lehrer geklärt werden. Ziele waren u. a.
Umweltverträglichkeit:
- ressourcen- und umweltschonende Rohstoffgewinnung, umweltfreundliche
Produktion
- reduzierte Transportwege
- Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit der Kleidungsstücke
- Recycle- oder Kompostierbarkeit der Textilien
Gesundheitsverträglichkeit:
- Einhaltung von Arbeitsschutzbestimmungen
- Vermeidung von Gesundheitsschäden bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
- Vermeidung langfristiger Auswirkungen auf die Gesundheit der Verbraucher
Sozialverträglichkeit:
- keine Kinderarbeit
- keine Zwangsarbeit
- Vereinigungsfreiheit der Arbeitnehmerinnen
- Recht auf Kollektiv Verhandlungen (Gewerkschaften erlaubt?)
- Diskriminierungsverbot (Frauen und Männer sind gleichberechtigt)
- Gerechte Entlohnung
- Mindestlohn zum Leben
Alternativen zum bisherigen Einkaufsverhalten wurden durch die Ökolabels
("Naturtextil", "Green Cotton", "Alb-Natur",
"Living Crafts" usw.) deutlich. Die dazu notwendigen Informationen
besorgten wir uns aus Label-Übersichten in der Literatur.
Südkorea:
Geschichte einer Näherin
"Nichts hat sich geändert,
dachte Un-Ha. Das neue Jahr fängt genauso an, wie das alte
aufgehört hat. Sie schob den Saum des T-Shirts mit beiden
Zeigefingern unter die Nadel. Die Nähmaschine surrte. Was
sollte sich geändert haben? Es war doch immer das gleiche.
Dieselben Handgriffe. Nach rechts in den Karton greifen. Zuschnitt
rausholen. Unter den Arm der Maschine legen. Ruhig die Naht führen.
Rrrrrrrr, Abschneiden. In den Karton auf der linken Seite werfen.
T-Shirts! Immer nur T-Shirts! Tagein, tagaus. Elf Stunden am Tag.
Manchmal sogar noch länger. In gebückter Haltung. Grelles
Neonlicht. Der Gestank von Schweiß ~ Maschinenöl. Dicker
Staub, der einen ständig zum Husten brachte. Stickige Luft.
Keine Fenster. Niedrige Decken. Der Fabrikbesitzer hatte noch
mehr Näherinnen einstellen wollen und eine Zwischendecke
einziehen lassen.
Jetzt waren die Räume so niedrig, dass man kaum genügend
Luft zum Atmen hatte. Die wenigen Ventilatoren reichten bei weitem
nicht aus.
Nichts hatte sich geändert. Wirklich gar nichts. Schon seit
einem Jahr arbeitete Un-Ha in der Näherei. Sie war gerade
dreizehn geworden, als sie hier angefangen hatte. Seitdem bestand
ihr Leben einzig und allein darin, während der Arbeit von
dem einzig freien Tag zu träumen, den die Arbeiterinnen alle
zwei Wochen erhielten. Alle Näherinnen, deren Eltern nicht
allzuweit entfernt wohnten, fuhren an diesem Tag nach Hause.
Un-Has Eltern lebten in einem Dort im Süden. Darum hatte
sie sich mit ihrer Schwester Sun-Hi ein Zimmer in Seoul mieten
müssen. Nur selten konnten die beiden ihre Eltern besuchen.
Wie an den beiden vergangenen Tagen zum Beginn des neuen Jahres.
Die Freude über das Wiedersehen war stets groß bei
diesen Besuchen. Aber sie mußte immer für lange Zeit
ausreichen.
Un-Ha führte den Saum mit automatischen Bewegungen unter
der Nadel her. Es waren immer die selben Griffe. Sie beherrschte
sie im Schlaf. Sie waren ihr so in Fleisch und Blut übergegangen,
dass die Hände noch arbeiteten, selbst wenn ihr die
Augen bereits zuzufallen drohten. Am Ende der Nachtschicht war
es immer besonders hart. Da tanzte ihr die Nadel vor den Augen.
Der Saum verschwamm. In solchen Augenblicken waren ihr schon mehrmals
die Finger in die Nadel geraten. Die Narben konnte man heute noch
sehen.
Un-Ha arbeitete nur nachts. Das hatte sie mit Sun-Hi so ausgemacht.
Weil die Miete so teuer war, hatten sie sich ein kleines Zimmer
geteilt. Es war fürchterlich eng, eigentlich nur ein Verschlag.
Immer nur eine von den beiden konnte dort ihre Matte ausbreiten."
Hans-Martin Große-Oetringhaus. In: Ders./Peter Strack (Hrsg.):
Verkaufte Kindheit. Kinderarbeit für den Weltmarkt. Münster
1995, S. 163f. |
Mode
Wir haben dann noch einen Modetest durchgeführt. Grundlage war
ein Fragebogen, dessen Ergebnis den Schülerinnen und Schülern
ihren eigenen "Modetyp" verdeutlichen sollte. Im Nachhinein
stellte sich jedoch heraus, dass der verwendete Fragebogen das Thema
"Mode" eher unkritisch angeht. Die Schülerinnen und Schüler
kommen oft erst durch die Fragestellung darauf, dass mit ihnen vielleicht
etwas nicht in Ordnung sein könnte, wenn sie sich nicht nach dem
Modetrend richten, dabei ist es doch eher wünschenswert, sich nicht
dem Modediktat mit seinen verschwenderischen Implikationen zu unterwerfen.
Manche Schülerinnen und Schüler äußerten ganz selbstbewusst,
dass sie doch nicht so verrückt wären, so viel Geld nur für
einen Markenartikel auszugeben. Andere betonten ganz deutlich, dass
ihre Eltern nicht bereit wären, beliebig viel Geld für Kleidung
auszugeben. Einzelne kamen mit dem Kompromissvorschlag, dass sie selber
mit einem begrenzten Betrag von den Eltern einkaufen gehen könnten,
in Ergänzung der anspruchvolleren Einkaufswünsche aber ihr
(Taschengeld-) Konto bemühen oder sich das Geld erst verdienen
müssten. Einige sahen ein, dass sie viel zu viel im Kleiderschrank
hatten. Die Weiterverwendung abgelegter Kleidung durch Verschenken oder
Übergabe an Straßensammlungen oder Altkleidercontainer stellte
sich als durchaus üblich heraus.
Altkleider
"Der Weg der alten Kleider" diente dann noch einmal zur Problematisierung
eines hohen Kleiderverbrauchs. Ziel muss es sein, weniger zu verbrauchen
und qualitativ höherwertige Textilien zu produzieren, die nicht
als Recyclingware die Märkte in anderen Ländern, deren Textilproduktion
im Aufbau ist, zerstören.
Fazit
Die Verbindung von Agenda-Thematik und tatsächlichen Lebenszusammenhängen
hier und anderswo erschließt sich am Beispiel der Kleidung in
ganz ausgezeichneter Form. Die vorhandene Literatur und die weiteren
Medien erlauben eine problematisierende Erarbeitung, die über den
interessenorientierten Ansatz hinausweisen.
Man kann auch sagen, dass den Schülerinnen und Schülern das
Unterrichtsbeispiel in relativ konservativer Unterrichtsmethodik Spaß
gemacht hat und nicht einmal ein abschließender Test, der auch
bewertet wurde, die Freude daran trüben konnte. Die Jugendlichen
fanden es einfach gut, über "ihre" Kleidung zu sprechen
und fühlten sich dadurch ernst genommen.
Auf die Frage, wie ihnen dieses Unterrichtsprojekt gefallen hat, ertönte
ein einhelliges "Super"!
Für mich als Lehrer ist natürlich eine interessante Frage,
welche Lehren Jugendliche aus so einem Projekt ziehen können. Als
ich diese Frage stellte, überraschte mich die Bandbreite der Antworten:
- "dass man Firmen zwingen kann, Sportschuhe ohne Kinderarbeit
herzustellen (Beispiel Nike)"
- "dass ein bewusstes eigenes Verbraucherverhalten auch die Lebensumstände
in den Herstellerländern verbessern helfen kann"
- "nicht einfach drauf los zu kaufen"
- "auf Stoffzusammensetzung zu achten"
- "Billiganbieter kritischer zu prüfen"
Viele der genannten Punkte können uns dem Ziel eines "kritischen
Verbrauchers" vielleicht ein Stück näher bringen.
Ich persönlich war nicht immer mit der Selbsttätigkeit der
Schülerinnen und Schüler zufrieden. Häufig musste ich
Grundlegendes im Lehrervortrag klären. Bei einer erneuten Durchführung
kann man eventuell einzelne Schwerpunkte in Lernstationen bearbeiten.