|
Märchen aus unterschiedlichen Kulturen eignen sich
gut zum interkulturellen Lernen. Kinder von der Grundschule bis etwa
in die sechste Klasse können dabei an Texten, die inhaltliche und
formale Unterschiede, aber auch viele Gemeinsamkeiten zu deutschen Märchen
aufweisen, die Vielfalt menschlicher Kulturen und zugleich deren gemeinsame
Züge kennen lernen. So kann altersgemäß die prinzipielle
Gleichwertigkeit unterschiedlicher menschlicher Lebensformen demonstriert
werden. Zudem bietet das Einbeziehen von Märchen aus den Ursprungsländern
der Eltern von Immigrantenkindern die Möglichkeit, diese Kinder
besser in die Klassengemeinschaft zu integrieren und eröffnet Immigrantenkindern
eine Möglichkeit die Reichhaltigkeit der Ursprungskultur ihrer
Eltern ihren Klassenkameraden zu zeigen.
In Bezug auf afrikanische Märchen muss dieses Vorgehen modifiziert
werden, da zum einen kaum Kinder aus Afrika in deutschen Schulklassen
sind und zum anderen Afrika bei deutschen Kindern mit noch erheblich
größeren Vorurteilen als etwa die Türkei belastet ist,
wie etwa die von SABINE TRÖGER durchgeführten Untersuchungen
belegen. Zudem weichen afrikanische Märchen stärker von den
deutschen Kindern bekannten Märchen ab. So sind afrikanische Tier-,
Zaubermärchen oder Schwankerzählungen kaum voneinander abgrenzbar.
Außerdem enthalten viele afrikanische Märchen eine deutlich
ausgesprochene Moral und sind so eher der europäischen Fabel vergleichbar.
Doch gibt es auch zahlreiche Ähnlichkeiten in den Motiven und Themen
und die in Afrika zwar stetig an Bedeutung verlierende, aber z. T. immer
noch lebendige Form des Märchenerzählens in der Dorfgemeinschaft
erinnert an die in Europa übliche Form der mündlichen Märchentradierung,
die in Deutschland in ländlichen Gegenden noch bis in die Anfänge
des zwanzigsten Jahrhunderts verbreitet war. Gerade an den Ähnlichkeiten
zwischen deutschen und afrikanischen Traditionen sollte bei jüngeren
Kindern zunächst angeknüpft werden. Es empfiehlt sich zudem,
afrikanische Märchen erst in der zweiten Phase eines größeren
Unterrichtsprojektes einzusetzen und zunächst den Schülerinnen
und Schülern vertraute Märchen zu behandeln.
Den im Folgenden vorgestellten sechsstündigen Abschnitt aus einem
etwa dreiwöchigen Unterrichtsvorhaben, das zunächst mit den
Kindern vertrauten Märchen begann und erst im Schlussteil traditionelle
afrikanische Erzählungen einbezog, habe ich mehrfach leicht variiert
im Deutschunterricht in verschiedenen fünften Klassen eines ländlichen
Gymnasiums durchgeführt. Die Klassen hatten jeweils etwa zwanzig
Schülerinnen und Schüler, meist mit einem leichten Übergewicht
von Mädchen. Die Eltern der wenigen Kinder aus Immigrantenfamilien
stammten aus Italien, den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Türkei.
Die Schülerinnen und Schüler kannten Märchen aus ihrer
Grundschulzeit und schätzten diese Literaturgattung. Fast alle
Kinder hatten zu Hause Märchenbücher, -kassetten und -videos,
die sie zur ersten Stunde mitbrachten. Mit diesem Material wurde etwa
zwei Wochen lang gearbeitet.
Die den Schülerinnen und Schülern bekannten Märchen -
fast ausschließlich Zaubermärchen der Brüder Grimm -
wurden nicht nur gelesen und nacherzählt, sondern auch mit Märchenfilmen
und -kassetten verglichen und als Ausgangspunkt für Umgestaltungen
- etwa zu einem Comic, einem Plakat oder als Vorlage für ein Rollenspiel
- verwendet. Beliebt war auch ein Märchenquiz, indem nach Schülerzeichnungen
und/oder Ausschnitten von Märchenkassetten Märchen erraten
werden mussten. Die Märchen wurden aber auch auf ihren Inhalt und
ihre Form hin analysiert.
Unterrichtsvorhaben "Afrikanische Märchen"
In der ersten Doppelstunde des Schlussteils der oben grob skizzierten
Gesamteinheit zu Märchen, in dem traditionelle Texte aus Afrika
behandelt wurden, las ich das kamerunische
Märchen "Die Schildkröte als Schnelläufer"
vor. Die Ähnlichkeiten zu dem von den Brüdern GRIMM und LUDWIG
BECHSTEIN veröffentlichten Märchen vom Wettlauf zwischen dem
Hasen und dem Igel, das in zahlreichen Lesebüchern enthalten ist,
wurden schnell entdeckt. Nachdem das deutsche Märchen von Schülerinnen
und Schülern nacherzählt worden war, wurde der Text des afrikanischen
Märchens ausgeteilt. Bei der stillen Lektüre wurden die Eigenschaften
der Tiere und die "Lehre" in unterschiedlichen Farben unterstrichen.
In einem gemeinsam erarbeiteten Tafelbild wurden die Eigenschaften der
Tiere in dem afrikanischen und dem deutschen Märchen (u. a. Igel/Schildkröte:
langsam, selbstsicher, klug; Hase/Antilope: schnell, einfältig)
und die "Lehre" (Der Schwächere, aber Klügere setzt
sich durch List gegen den Stärkeren, aber Dümmeren durch)
festgehalten. Der Aufbau (Herausforderung - Vorbereitung des Wettlaufs
- Ablauf des Wettrennens) wurde ebenfalls erarbeitet, wobei zusätzlich
bei dem afrikanischen Text eine explizite "Lehre" vorhanden
ist.
Die Schildkröte
als Schnellläufer
Die Antilope begegnete einmal der Schildkröte und fragte
sie: "Du sitzt immer auf dem gleichen Fleck. Womit beschäftigst
du dich eigentlich?" Die Schildkröte erwiderte: "Ich
bin Schnellläufer!" Ungläubig fragte die Antilope:
"Kannst du denn schneller laufen als ich?" - "Ja,
freilich!" gab die Schildkröte zurück. Die Antilope,
die das nicht glauben mochte, schlug nun einen Wettlauf vor. Die
Schildkröte willigte ein: "Lass uns morgen miteinander
laufen!"
Wieder allein, nahm die Schildkröte all ihre Weisheit zusammen;
sie rief ihre Brüder und ihre Kinder und ging mit ihnen auf
das Feld, dorthin, wo sie am anderen Tag mit der Antilope den
Wettlauf austragen wollte. Sie stellte ihre Leute am Rand des
Weges auf, einen nach dem anderen, so dass sie bis zu der Stelle,
die als Ziel bestimmt war, eine lange Reihe bildeten. Alle mussten
sich zusammenkauern und die Schildkröte erklärte, was
sie zu tun hätten, wenn sie mit der Antilope um die Wette
liefe. Dann kehrte sie zurück an den Platz, an dem der Wettlauf
beginnen sollte.
Am anderen Morgen kam die Antilope und der Wettlauf begann. Kaum
hatte die Antilope ein paar ordentliche Sätze gemacht, blieb
die Schildkröte zurück. Nach einiger Zeit wandte sich
die Antilope im Dahinjagen um und fragte: "Wo ist denn die
Schildkröte?" Da antwortete eine junge Schildkröte,
die am Wege kauerte: "Hier bin ich!" Nun rannte die
Antilope noch einmal so schnell und fragte dann wieder: "Wo
bist du, Schildkröte?" Diesmal antwortete ein Kind der
Schildkröte: "Hier bin ich!" Jetzt strengte sich
die Antilope an, noch schneller zu laufen, aber auf einmal fiel
sie zu Boden. Eine junge Schildkröte, die dort wartete, sagte
zu ihr: "Antilope, steh auf, wir wollen laufen!"
Doch die Antilope blieb liegen, sie konnte nicht mehr. So hat
die Antilope den Wettlauf verloren. Noch heute glaubt sie, dass
die Schildkröte ihr im Laufen überlegen ist - dabei
ist es die Klugheit, in der die Schildkröte die Antilope
übertrifft. |
Als Hausaufgabe untersuchten die Schülerinnen und
Schüler das aus Namibia stammende Märchen "Der Wettlauf vom Strauß und der Schildkröte"
auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit den beiden gemeinsam besprochenen
Texten. Dabei fiel fast allen Kindern die bei afrikanischen Märchen
häufige Erklärung natürlicher Gegegebenheiten - hier:
das Aussehen des Straußes - auf.
Der Wettlauf vom
Strauß und der Schildkröte
Der
Strauß traf im Velde [= Halbwüste, Steppe] die Schildkröte
und sah, wie langsam sie sich fortbewegte. "Du läufst
aber langsam!", sagte er, "kannst du denn gar nicht
schneller?" - "Oh ja", antwortete die Schildkröte,
"ich kann noch schneller laufen als du!" - "Schneller
als ich?" Das wollte der Strauß nicht glauben. "Wollen
wir wetten?", fragte die Schildkröte. "Ja",
sagte der Strauß, "da wette ich all mein Geld!"
"Gut, abgemacht! Wo wollen wir dann laufen?", fragte
die Schildkröte. - "Wie wäre es mit der Straße
von hier nach Mariental?" - "Ist mir recht. Und wann?"
- "Nächsten Montag, früh um 8 Uhr!"
Die Schildkröte lief nun zu allen anderen Schildkröten
in der Gegend und ließ sie sich am Montag früh auf
der Straße nach Mariental versammeln. Alle hundert Schritt
musste sich eine am Straßenrand verstecken. Die aber, die
mit dem Strauß gewettet hatte, traf sich mit ihm da, wo
die Wettlauf-Strecke anfing. Der Strauß zog seine Jacke
zurecht und los rannten sie beide. Die Schildkröte blieb
jedoch gleich am Straßenanfang stehen, der Strauß
aber sauste weiter. Als er gelaufen und gelaufen war, schaute
er sich um. Die Schildkröte war nicht mehr zu sehen. "Schildkröte?",
rief er. - "Hier!", antwortete da die Schildkröte,
die an dieser Stelle am Wege versteckt war. Der Strauß hörte
mit Schrecken die Stimme von vorn und strengte sich noch mehr
an. Nach einer Weile rief er wieder: "Schildkröte?"
und die, die ihm am nächsten am Weg versteckt war, antwortete:
"Hier!"
Der Strauß lief und lief, aber so oft er fragte, antwortete
ihm die Schildkröte von vorn. Schließlich brach er
erschöpft zusammen. Von dem vielen schnellen Laufen hatte
er seine Hose zerschlissen, dass er noch heute ganz kahle Beine
hat. Die Schildkröte aber bekam das Geld, weil sie die Wette
gewonnen hatte. |
Atemloser Kommentar
In Gruppen bereiteten die Schüler nun einen "atemlosen Kommentar"
über den Wettlauf zwischen einer Schildkröte und einem Hasen
vor. Die Kinder kennen diese Form aus der Berichterstattung zu spannenden
Sportereignissen im Radio bzw. im Fernsehen, wo die Reporter in Inhalt
und Stil (kurze, abgehackte Sätze; Ausrufe) versuchen, das "Atemberaubende"
der geschilderten Ereignisse für die Zuhörer nacherlebbar
zu präsentieren. Nach der Präsentation verglichen sie ihre
Lösungen mit "Kalulu [= Hase] und Schildkröte",
ein von einem sambischen Schüler
nacherzähltes traditionelles Märchen. Kein Kind konnte
bisher das Rennen "richtig" voraussagen! Fast immer wurde
vermutet, dass die Schildkröte ähnlich wie in den vorher besprochenen
Texten mit Hilfe von Freunden und Verwandten versuchen würde den
Hasen zu überlisten.
Eingegangen wurde daneben auf die im Vergleich zu den bisher behandelten
Texten unterschiedliche "Lehre".
Kalulu [= Hase]
und Schildkröte
Eines
Tages kamen alle Tiere des Waldes zusammen um sich ihren Anführer
zu wählen. Nach mehreren Wahlgängen blieben nur noch
Hase und Schildkröte übrig. Daraufhin wurde beschlossen,
dass diese um die Wette laufen sollten. Der Gewinner würde
fortan ihr König sein.
Der Hase war sich seiner Sache so sicher, dass er die Schildkröte
vorauslaufen ließ. Nach einer Weile rannte er los, überholte
sie und legte sich, nachdem er einen größeren Vorsprung
herausgelaufen hatte, ins Gras. "Nun werde ich mich erst
einmal etwas ausruhen", dachte er und schlief ein. Die Schildkröte
aber lief fleißig weiter, erreichte den schnarchenden Hasen
und ließ ihn hinter sich. Als Kalulu wieder aufwachte, staunte
er nicht schlecht, denn die langsame Schildkröte hatte das
Rennen gewonnen und war damit zum König der Tiere geworden. |
Als Hausaufgabe wurde das aus der Demokratischen
Republik Kongo (ehem. Zaire) stammende Märchen "Wie
die Schildkröten zusammenhielten" gelesen und dazu ein Bild
gemalt.
Wie die Schildkröten
zusammenhielten
Es
war einmal ein Mann, der hatte eine Tochter, und viele Männer
kamen um sie zu heiraten. So machte sich auch der Buschbock auf
und hielt um sie an; aber sie wies ihn ab. Die Antilope erschien
mit derselben Absicht und wurde ebenfalls abgewiesen. Als die
Antilope fort war, kam die Schildkröte um das Mädchen
zu heiraten und da sie ihm gefiel, stimmte man sofort zu.
Aber die Antilope war damit nicht zufrieden: "Morgen gehe
ich noch einmal zu jenem Mädchen; ich will es unbedingt heiraten!"
Angekommen, fragte sie: "Wie kommt denn das, Mädchen;
mich weist du einfach so ab, und ausgerechnet die Schildkröte
ziehst du vor?" Da antwortete die Tochter: "Nein, du
gefällst mir auch sehr gut, es liegt an meinem Vater."
Also suchte die Antilope den Vater auf. Der sagte: "Ach,
mir ist einer so lieb wie der andere als Schwiegersohn. Machen
wir's so: Ihr lauft um die Wette, und der Sieger bekommt meine
Tochter. Wann werdet ihr kommen?" - "Am Sonnabend",
schlug die Antilope vor. "Gut, das geht in Ordnung",
schloss der Vater.
Die Antilope ging nach Hause und verkündete: "Diesen
Sonnabend ist meine Hochzeit mit jenem Mädchen; es liebt
mich und lächelt mir zu!" Als die Schildkröte das
hörte, erklärte sie: "Ich komme auch am Sonnabend."
- "Na, dann musst du dich aber beeilen; sie haben gesagt: 'Wer morgen als erster ankommt, darf das Mädchen heiraten!'"
- "Und wann soll der Lauf losgehen?" - "Morgens
vor Sonnenaufgang." Dann trennten sie sich.
Da berief die Schildkröte alle ihre Verwandten und erklärte
ihnen die Angelegenheit. Eine Schildkröte musste gleich da
bleiben, wo sie waren, mit den andern machte sie sich auf und
ließ immer nach einer gewissen Strecke eine zurück,
und den letzten Posten, dicht beim Hause des Mädchens, nahm
sie selbst ein. Die Aufstellung nahm die ganze Nacht in Anspruch.
Jede musste sich verstecken und konnte dann noch etwas schlafen.
So gab es überall unterwegs eine Schildkröte!
Noch vor Tagesanbruch machte sich die Antilope auf. Sie traf eine
Schildkröte und rannte an ihr vorbei um als erste bei dem
Mädchen anzukommen. Sie lief und sprang, was sie konnte.
Nach einer Weile rief sie: "He, Schildkröte!" Da
antwortete eine weit vor ihr: "Ich bin hier, du rufst ja
von weit dahinten!" Die Antilope raste weiter. Nach einer
gewissen Strecke rief sie wieder: "He, Schildkröte!"
Weit vor ihr antwortete es: "Ooo, das ist ja ganz dahinten,
wo du rufst! Los, vorwärts!" Das ließ sie sich
nicht zweimal sagen. Schon hing ihr die Zunge aus dem Maul! An
einer Wegabzweigung hielt sie an und rief von neuem: "He,
Schildkröte!" Da antwortete es ihr aus dem nächsten
Dorf. Und als sie dort ankam, hieß es weit vor ihr: "Ach,
von dahinten rufst du! Beeil dich doch!" So erreichte sie
endlich das Haus des Mädchens und wer wartete an der Veranda?
Die Schildkröte! "Na, ich bin schon lange hier und habe
bereits Maisbrei gegessen", sagte sie. Die Antilope wusste
nicht, was sie tun sollte, und ließ sich ganz erschöpft
fallen.
So heiratete die Schildkröte jenes Mädchen, während
die Antilope das Nachsehen hatte. Und warum? Weil die Schildkröten
zusammenhielten. Wenn wir Menschen so zusammenhalten, dann können
wir Großes erreichen; aber wenn jeder nach seinem Kopf geht,
dann müssen wir versagen, wie die Antilope versagt hat. |
Erzählaufführung
Während der Präsentation der Bilder wurde das Märchen
nacherzählt, das das in der afrikanischen Oralliteratur häufige
Motiv des Tierbräutigams, das auch in Grimm-Märchen (etwa
in dem vom Froschkönig) vorkommt, mit einem belehrenden Schluss
verbindet. Dieser explizite Appell an die Solidarität der Schwächeren
und Kleineren ist als implizite "Botschaft" auch in den ersten
beiden besprochenen Märchen enthalten und wurde, falls die Schülerinnen
und Schüler von sich aus darauf kamen, bereits dort besprochen.
Ansonsten wurde dieser Aspekt jetzt behandelt.
Die Schülerinnen und Schüler setzten in Gruppenarbeit die
Geschichte szenisch um oder erfanden einen Dialog zwischen der Antilope
und ihren Verwandten, in dem diese sich über die Gründe des
Misserfolges der Antilope unterhalten. Dabei kamen die Gruppen fast
immer auf die Bedeutung von gegenseitiger Hilfe und Solidarität.
Diese Szenen wurden anschließend in der Klasse präsentiert.
Einzelne erzählerisch besonders begabte Schülerinnen und Schüler
versuchten sich an einer 'afrikanischen Erzählaufführung'
des gesamten Märchens. Dabei sollten sie sich an der Beschreibung
KOBNA ANANS orientieren: "Der afrikanische Stil des Geschichtenerzählens
ist eine Mischung aus verschiedenen Fertigkeiten des Erzählers
selbst, der die Charaktere neu schafft, sie alle darstellt und den Hintergrund
ausmalt, die Szene beschreibt und die Handlung aufbaut. Mit Gesten,
entsprechendem Gesichtsausdruck, unterschiedlichem Tonfall der Stimme
kann er für seine Zuhörer ein Bild malen, das alle Stimmungen
und Spannungen der Geschichte widerspiegelt. Die Sprache ist erforderlich,
nicht nur für die Inszenierung und die Wiedergabe der Ereignisse
in chronologischer Reihenfolge, sondern auch für die Kommentierung.
Wenn ein Vogel schreit, lässt ihn der Erzähler in der Geschichte
richtig schreien. Wenn jemand stirbt und die Menschen trauern, werden
die Trauergesänge in fortschreitenden Phasen stimmlich wiedergegeben.
Die Schreie der Vögel und anderer Tiere, das Geräusch des
tropfenden Wassers, dahinplätschernder Flüsse oder tosender
Wassermassen, Donner oder fallende Bäume werden ebenfalls so wiedergegeben
wie die Worte der Menschen oder Tiercharaktere in der Geschichte selbst."
Um Blamagen und ein Abgleiten der kindlichen "Erzählerinnen"
und "Erzähler" in Klamauk zu vermeiden, gebe ich meist
zunächst selbst eine kurze "Vorführung".
Egoismus kann zu einem Streit führen
Vor
dem gemeinsamen Ansehen von "Herr Kröterich zu Besuch bei
den Schwiegereltern" spekulierten die Schülerinnen und Schüler
nach Vorgabe des Titels über den Inhalt des Filmes. Der nur acht
Minuten lange Zeichentrickfilm aus der Demokratischen
Republik Kongo präsentiert ein traditionelles Märchen,
das dem Autor und Regisseur KIBUSHI NDJATE WOOTO in seiner Jugend von
seinen Eltern erzählt wurde. Nach einer kurzen, mit Volksmusik
aus dem Land unterlegten Einstimmungsphase setzt das Geschehen ein.
Herr Kröterich trifft auf dem Weg zum Dorf seiner Schwiegereltern
die Schlange Lomena, die ihn nach dem Ziel seiner Reise fragt. Von Herrn
Kröterich eingeladen, ihn zu begleiten, schließt sie sich
ihm an. Der gleiche Vorgang wiederholt sich mit einem Stock, einer Termite,
einem Huhn, einer Zibetkatze, einer Falle, einem Feuer, dem Regen und
der Sonne. Im Dorf angekommen werden die Besucher zum Essen eingeladen,
das die Frau des Kröterichs bringt. Doch da nur ein Löffel
vorhanden ist und keiner nachgeben will, kommt es zu einem heftigen
Streit, der dazu führt, dass sich die Gäste gegenseitig umbringen
- und zwar in der gleichen Reihenfolge, in der sie sich der Gruppe angeschlossen
hatten. Am Ende bleiben nur die Sonne, die Frau des Kröterichs
und der volle Essentopf übrig. Der Erzähler erklärt zum
Schluss mit diesem Kampf der Besucher die bis auf den heutigen Tag reichende
Feindschaft der Tierarten und Naturphänomene.
Anschließend besprachen die Kinder die "Botschaft" des
Filmes - Egoismus kann zu einem Streit führen, bei dem alle verlieren
- und analysierten seinen Aufbau - eine bei Märchen häufige
symmetrische Reihung von Episoden. Der Film diente als Anregung, in
Form einer Bildgeschichte eigene "Märchenfilme" herzustellen.
Meist kamen dabei allerdings Comicversionen der bekannten GRIMM-Märchen
heraus, bei denen sich die Kinder in der Gestaltung an Märchenzeichentrickfilmen
orientierten. Einige Schülerinnen und Schüler nahmen aber
auch Musik und Text auf einer Kassette auf und präsentierten ihre
"Märchenzeichentrickfilme" im Stil einer Diashow, wobei
sie statt Dias ihre Bilder zeigten. Reizvoll ist auch eine Umsetzung
in ein Puppenspiel. Dies erfordert aber einen erheblichen zeitlichen
Aufwand (Umschreiben des Stückes, Erstellen bzw. Neukostümierung
geeigneter Handpuppen) und sollte bereits früher einmal an einem
einfacheren Beispiel geübt worden sein.
Erzähltradition
In der Abschlussstunde wurde gemeinsam am Beispiel der Erinnerungen
NELSON MANDELAS die frühere Bedeutung des Märchenerzählens
besprochen:
"Während mein Vater Geschichten von historischen
Schlachten [...] erzählte, erfreute uns meine Mutter mit Legenden,
Mythen und Fabeln, die über zahllose Generationen weitererzählt
worden sind. Es waren Geschichten, die meine kindliche Phantasie anregten,
und meistens enthielten sie irgendeine Moral. Ich erinnere mich an eine
Geschichte, die von einem reisenden Mann handelte, dem sich eine alte
Frau näherte, die furchtbar an grauem Star litt. Sie bat ihn um
Hilfe, doch der Reisende wendete seinen Blick ab. Dann kam ein anderer
Mann des Weges, und auch an ihn trat die alte Frau heran. Sie bat ihn,
ihre Augen zu säubern, und obwohl er das als unangenehm empfand,
tat er, worum sie ihn bat. Dann fiel, wunderbarerweise, alles Kranke
von den Augen der alten Frau ab, und sie wurde jung und schön.
Der Mann heiratete sie und wurde reich und glücklich. Es ist eine
ungemein simple Geschichte, doch ihre Botschaft ist von Dauer: Tugend
und Edelmut erhalten ihren Lohn auf eine Weise, die man nicht im voraus
kennen kann."
Hier gibt es viele Übereinstimmungen mit deutschen Märchenerzählerinnen
im neunzehnten Jahrhundert, etwa der Gewährsfrau der Brüder
GRIMM, Frau VIEHMANN, zu der sich in etlichen Lesebüchern Texte
finden.
Vergleichbar sind auch die Gründe für den Verfall der Erzählkultur
in Afrika und in Deutschland, die am Beispiel von "Warum verschwindet
die Tradition des mündlichen Erzählens in der modernen Zeit?"
besprochen wurden.
"Die Tradition des mündlichen Erzählens
verschwindet, weil die Menschen heute keine Zeit mehr haben, einem Griot
[= Geschichtenerzähler] zuzuhören. Zum Beispiel, mein Großvater
kann viel erzählen, aber ich habe keine Zeit, ihm zuzuhören.
Ich möchte die Fabeln und Geschichten, die in einem Buch sind,
lesen, weil ich durch ein Buch mich bilden kann. Die heutigen Menschen
interessieren sich nicht mehr für die Geschichten des Griot, sondern
für andere Dinge. Das Fernsehen, die Theaterstücke und das
Kino treten an die Stelle des mündlichen Erzählens. Niemand
möchte in dem Kino fehlen, um eines alten Mannes Erzählen
zuzuhören."
Bei der Behandlung dieses Aspektes zeigte sich allerdings, dass nur
ein kleiner Teil der Schülerinnen und Schüler das Verschwinden
der mündlichen Erzählkultur bedauert. Meist bevorzugen sie
audiovisuelle Formen der Märchenpräsentation.
Abschließend wurde - in Zusammenarbeit mit der Kunstlehrerin -
auf plakatgroßen Papierbögen eine Dokumentation zu der "Märchenreise"
durch Afrika erstellt, wobei auf einer Afrikakarte die erwähnten
Länder (Kamerun, Namibia, Dem. Rep. Kongo, Sambia, Südafrika)
markiert wurden. Ergänzt wurde sie durch Schülerillustrationen
und durch Hintergrundinformationen zu den erwähnten Ländern
(Zusammenarbeit mit dem Erdkundelehrer!) und Tieren (Zusammenarbeit
mit dem Biologielehrer!). Die Dokumentation wurde zunächst in der
Klasse ausgestellt. Später wurde sie als "Wanderausstellung"
in Parallelklassen und im Foyer der Schule gezeigt, wobei sie vor allem
bei den etwa gleichaltrigen Kindern gut ankam.
Ich habe bisher mit dem Unterrichtsvorhaben durchgängig positive
Erfahrungen gemacht. Ein endgültiger Abbau negativer Einstellungen
zu Afrika wird damit natürlich nicht geleistet, aber immerhin vermittelt
sie etlichen Schülerinnen und Schülern Denkanstöße,
z. B. dass die verschiedenen Kulturen trotz aller Unterschiede gleich
wertvoll sind, auf die im späteren Unterricht zurückgegriffen
werden kann.
Literatur und Medien
ANAN, KOBNA: Zu Gast in Afrika. Zürich: Schweizerisches Komitee
für UNICEF, 1986
CHIPOYA, VICTOR: Kalulu und Schildkröte. In: NASRIN SIEGE: Kalulu
und andere afrikanische Märchen. Brandes & Apsel, Frankfurt
1993
EVANGELISCHES ZENTRUM FÜR ENTWICKLUNGSBEZOGENE FILMARBEIT (Hrsg.):
Herr Kröterich zu Besuch bei den Schwiegereltern. Zeichentrickfilm
von KIBUSHI NDJATE WOOTO (Zaire; 1991) 8 Min., Farbe, deutsche Fassung
(überregionaler Verleih: Evangelische
Medienzentrale Württemberg, Theodor-Heuss-Str. 23, 70174 Stuttgart)
MANDELA, NELSON: Der lange Weg zur Freiheit. Autobiographie. S. Fischer,
Frankfurt 1994
TAGNE TATIENTSE, PIERRE: Warum verschwindet die Tradition des mündlichen
Erzählens in der modernen Zeit? Was tritt an die Stelle des mündlichen
Erzählens? In: MECHTHILD CLAUSS (Hrsg.): Der große Stuhl
macht noch keinen König. Ev.-Luth. Mission, Erlangen 1974
SABINE TRÖGER: Das Afrikabild bei deutschen Schülerinnen und
Schülern. Breitenbach u. a., Saarbrücken 1993
Die Schildkröte als Schnelläufer. In: CORNELIE KUNZE (Hrsg.):
Der dankbare Affe. Märchen aus Kamerun. Gustav Kiepenheuer, Leipzig
und Weimar 1990
Der Wettlauf vom Strauß und der Schildkröte. In: SIGRID SCHMIDT
(Hrsg.): Märchen aus Namibia. Volkserzählungen der Nama und
Dama. Rowohlt, Reinbek 1997
Wie die Schildkröten zusammenhielten. In: WOLFGANG HAMMER, RAINER
ARNOLD (Hrsg.): Als das Buschferkel fliegen wollte. Märchen aus
Zaire. Gustav Kiepenheuer, Leipzig und Weimar 1990
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in
Ausgabe 2/1998 von "Eine Welt in der Schule". Sie können
diese Ausgabe jetzt herunterladen (2,1 MB).

Seitenanfang
|