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Im November 2001 trafen wir uns zur Arbeit an verschiedenen
Projekten. Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich speziell mit dem
Thema Minderheiten.
Eine Minderheit ist eine Bevölkerungsgruppe, die sich in einem
bestimmten Gebiet durch soziale, religiöse, ethnische, ökonomische
Merkmale von der Bevölkerungsmehrheit unterscheidet. Die UNO, die
Mitgliedstaaten des Europarates und andere internationale Organisationen
haben verbindliches Völkerrecht geschaffen, um die nationalen Minderheiten
und ihre Sprachen zu schützen.
Alle Arbeitsgruppenteilnehmer konnten sofort Ideen und Gedanken mit
Aborigines oder Basken verbinden, aber mit den Sorben?
Ich beschloss, mich mit dieser Thematik zu beschäftigen, zumal
der Sachkundeunterricht im Land Berlin auch das Brandenburger Umland
beinhaltet und damit den Spreewald. Dieses Biosphärenreservat ist
eine Region, in der Sorben leben. Die Sorben sind eine ethnische Minderheit,
da sie kein eigenes Mutterland haben. Das sorbische Volk ist eine von
vier in Deutschland anerkannten nationalen Minderheiten (Sorben, Friesen,
Dänen, Sinti und Roma). Die Rechte für die in Europa lebenden
Minderheiten sind durch Konventionen der Europäischen Union festgeschrieben.
Auch Deutschland hat diese Konventionen unterzeichnet. Die Minderheitenrechte
der Sorben sind im Land Brandenburg und im Freistaat Sachsen in den
jeweiligen Verfassungen verankert. Den Sorben wird garantiert, dass
sie gleichberechtigte Staatsbürger sind, die auch ihre eigene Sprache,
Kultur und nationale Identität pflegen dürfen. Desweiteren
dürfen die sorbische Fahne mit den Farben blau-rot-weiß und
die sorbische Hymne "Redna Luyca" gleichberechtigt verwendet
werden.
Trotz dieser festgeschriebenen Rechte haben die Sorben mit vielen Schwierigkeiten
zu kämpfen. So wird die Stadt Hoyerswerda bis 2015 voraussichtlich
eine Abnahme der Einwohner von 72.000 auf ca. 40.300 Einwohnern zu verzeichnen
haben.
Ursachen dafür sind vor allem eine Überalterung der Bevölkerung
und eine Abwanderung der jüngeren Bevölkerung. Die Lausitzer
Region belegt in der Arbeitslosenstatistik in Deutschland Platz 3 (etwa
25%). 2001 streikte man beispielsweise in den sorbischen Schulen, da
das Kultusministerium auf Grund von Schülerrückgang die 5.
Klasse in Crostwitz schließen wollten. Die Sorben sahen damit
die Erhaltung ihrer Kultur und Sprache bedroht. Bei der Diskussion um
Minderheitenrechte ist aber die Sprache von ganz entscheidender Bedeutung.
Problembehaftet ist auch das Thema Braunkohle. Einerseits werden ganze
Dörfer umgesiedelt und müssen der Braunkohle Platz machen,
andererseits bietet die Braunkohle Arbeitsplätze bzw. der Abbau
von Arbeitsplätzen in diesem Industriezweig bedeutet wieder Arbeitslosigkeit.
Die räumliche Nähe der Sorben zu Berlin, aber auch die vielfältigen
Traditionen und Alltagssituationen erschienen mir besonders geeignet,
die Kinder für Minderheiten zu sensibilisieren.
Wer sind die Sorben und wo leben sie?
Die
Sorben (auch Wenden genannt) wurden 631 n. Chr. erstmals erwähnt.
Sie sind ein Teil der Ureinwohner, die bereits über 1.000 Jahre
im Gebiet zwischen Elbe und Oder zusammen mit den Deutschen leben. Heute
bekennen sich etwa 60.000 Menschen zu ihrer sorbischen Identität.
Die sorbische Muttersprache wird neben der deutschen gesprochen und
an über 50 Schulen in Sachsen und Brandenburg gelehrt. Wenn man
durch den östlichen Teil von Sachsen und den südlichen Teil
Brandenburgs reist, wird man schon durch Aufschriften auf Ortsschildern
und Wegweisern auf die Zweisprachigkeit aufmerksam.
Die Landschaft
Die Lausitz ist die Landschaft zwischen dem Spreewald und dem Zittauer
Gebirge. Dieses Gebiet ist das Siedlungsgebiet der Sorben. Der Spreewald
ist eine wiesen- und wasserreiche Niederung, die in Mitteleuropa einzigartig
ist. Die Natur des Spreewaldes ist abhängig vom Wasser. Dörfer
sind slawische Rundlingsdörfer und Reihensiedlungen. Vom 600 m
hohen Rücken des Czorneboh geht der Blick über die Türme
der tausendjährigen Stadt Bautzen in die Niederung, zu den Heidewäldern
mit den Teichen der Karpfenzuchten, in die Flussauen von Elster, Spree
und Neiße mit ihrem Sumpfland, der Luica der Sorben. Bautzen ist
seit Jahrhunderten das politische und kulturelle Zentrum der Sorben.
Planung der Projektarbeit
Der Zeitpunkt für die Projektarbeit stand schnell fest. Da viele
Bräuche und Traditionen der Sorben mit Festen verbunden sind und
das Osterfest eine besondere Rolle spielt, wollte ich die Arbeit am
Projekt unmittelbar vor den Osterferien beginnen.
Bereits im Februar hatte ich auf einem Elternabend die Eltern der Klasse
informiert. Ich bat um Mithilfe bei der Materialsammlung. Die Schülerinnen
und Schüler sammelten ebenfalls eifrig.
Die Domowina, der sorbische Dachverband, und zahlreiche Quellen im Internet
waren dabei hilfreich.
Nun begann die konkrete Projektplanung. Ein Zeitraum von fünf Unterrichtstagen
mit jeweils zwei bis drei Unterrichtsstunden bildeten den zeitlichen
Rahmen. Ein Wandertag sollte sich daran anschließen.
Projektablauf
- Einstimmung, Motivation
Am
ersten Tag fanden die Schülerinnen und Schüler zahlreiche
Bilder unter der Überschrift "Sorben eine Minderheit in Deutschland"
vor. Verschiedene Trachten, bunte Ostereier, ein Plakat zum Biosphärenreservat
Spreewald und ein zweisprachiges Ortsschild waren zu sehen. Ich ermunterte
die Schülerinnen und Schüler, ihre Gedanken zur Überschrift
und zu den Bildern zu äußern. Durch die umfangreiche Materialsammlung
hatten sich einige Schülerinnen und Schüler viel Wissen angelesen.
So stellten sie fest:
- dass die Sorben eine andere Sprache sprechen, eine slawische
- dass sie ganz in unserer Nähe wohnen,
- dass der Spreewald ein Gebiet ist, in dem Sorben leben,
- dass es Trachten gibt, besondere Traditionen und bunt verzierte Ostereier.
Nach dem Gruppengespräch habe ich die Kinder mit
den Inhalten der Projektarbeit vertraut gemacht.
Mit Hilfe des Atlasses haben wir die Region, in der die Sorben leben,
genau festgelegt.
Für
die gesamte Woche sollte sich jede Schülerin bzw. jeder Schüler
einen Projekthefter anlegen, in dem wichtige Informationen gesammelt
wurden. Das Deckblatt war einheitlich mit einer bekannten sorbischen
Sagenfigur, dem "Krabat", gestaltet. Als nächste Seite
bekamen die Schülerinnen und Schüler eine Landkarte, auf der
das sorbische Gebiet genau eingegrenzt ist und mit einer Deutschlandkarte
verglichen wird.
Selbstständig sollten sich an diesem Tag alle Schülerinnen
und Schüler Informationen zur Geschichte und zur Landschaft der
Sorben erarbeiten und diese aufschreiben. Dazu erhielten sie ein Arbeitsblatt
mit einem kurzen Text.
- Feste, Bräuche, Leben der
Sorben
Den nächsten Tag begann ich mit einem 45-minütigen Video.
Unter anderem konnte die Klasse aus folgenden Bereichen kurze Ausschnitte
ansehen:
- einen sorbischen Sandmann,
- sorbischer Unterricht,
- ein Familienfest,
- eine sorbische Rundfunksendung/sorbische Moderation,
- Jugendliche beim Tanzen/Probleme sorbischer Jugendlicher im Land/Ausländerfeindlichkeit/Sorben
beim Feiern,
- Volkstänze/Anprobe der Tracht,
- Braunkohleindustrie: Widerspruch zwischen den notwendigen Arbeitsplätzen
und der damit verbundenen Beseitigung von Ortschaften.
Nach dem Film wurde ein Unterrichtsgespräch geführt. Dabei
wurden wichtige Inhalte des Filmes noch einmal zusammengefasst.
Anschließend bekamen alle Gelegenheit, sich die gesammelten Materialien
anzusehen. Dies war verbunden mit dem Auftrag, Informationen über
Feste und Bräuche aufzuschreiben. Schülerinnen und Schüler,
die mit ihrer Arbeit schneller fertig waren, durften auch interessante
Fakten zu anderen Themen sammeln. Einige Schülerinnen und Schüler
legten sich ein sorbisch-deutsches Wörterbuch an, andere fertigten
einen Jahreskalender der sorbischen Feste.
- Ostereier in Wachstechnik und
Dias
Auch
am folgenden Tag begann ich mit einer Vorführung von Bildern. Diesmal
war es eine Diaserie. Die Bilder waren speziell ausgewählt, so
dass ich auf einzelne Schwerpunkte des Vortages noch einmal gezielt
hinweisen konnte, so zum Beispiel auf die Zweisprachigkeit der Ortsschilder,
Feste, Kleidung, Schmuck, Traditionen, aber auch Landwirtschaft und
Industrie.
Ein kurzer Videoausschnitt zum Osterreiten sollte auf das nahende Osterfest
einstimmen und bildete die Überleitung zur gemeinsamen Arbeit.
Wir wollten nämlich Ostereier in traditioneller Wachstechnik verzieren.
Da ich allein in der Klasse arbeitete, probierten immer sechs Schülerinnen
und Schüler mit mir gemeinsam diese Technik aus. Leider reichte
die Zeit nicht, die Eier fertig zu gestalten. Die Kinder bekamen aber
einen Eindruck, wie kompliziert diese Technik ist, wie viel Fingerfertigkeit
sie erfordert. Die Arbeit machte allen Spaß, man sollte aber versuchen,
mehrere Erwachsene für diesen Tag zu gewinnen, die bei dieser Arbeit
Unterstützung geben.
- Die Kunst des Eierschmückens
In der Lausitz sind drei Techniken beim Schmücken der Ostereier
üblich.
Die Wachstechnik, das Bemalen der Eier mit Wachs. Sie wird am häufigsten
angewandt. Die Kratztechnik ist im Raum Hoyerswerda und in der Niederlausitz
verbreitet. Mit einem Nagel oder einem anderen spitzen, harten Gegenstand
wird das Muster ins gefärbte Ei gekratzt. Diese Technik nimmt sehr
viel Zeit in Anspruch.
Nur noch vereinzelt findet man die Ätztechnik. Dies hängt
mit dem nicht ganz ungefährlichen Umgang mit Säure zusammen.
- Erstellen von Plakaten, Planung
der Ausstellung
Um
alle bisher erarbeiteten Themen zusammenzufassen, aber auch das gesammelte
Material anderen Kindern zugänglich zu machen, hatte ich als Schluss
der Projektarbeit eine kleine Ausstellung geplant.
Die Themen für die Plakate wurden vorgegeben, um so eine thematische
Ordnung der Ausstellung zu gewährleisten. Jeweils drei Schülerinnen
und Schüler arbeiteten an einem Plakat. Sie durften sich ein Thema
aussuchen.
Folgende Plakate wurden gestaltet:
- Rechte der Sorben als Minderheiten
- Landwirtschaft und Industrie
- Geschichte der Sorben
- Geographie
- Bräuche und Feste (1. Halbjahr)
- Bräuche und Feste (2. Halbjahr)
- Trachten
- Produkte aus dem Spreewald
- sorbisches Wörterbuch
- Sagen der Sorben
Die Plakate wurden von der Mehrheit der Klasse sehr ideenreich angefertigt.
Einige wenige Schülerinnen und Schüler benötigten lange
Zeit, um sich zu einigen, wie sie ihr Plakat gestalten wollten. Sie
konnten das Plakat in den beiden Stunden nicht beenden. Sie zögerten
aber auch nicht, zu Hause daran weiter zu arbeiten.
Um den Ausstellungsbesuchern einen inhaltlichen Eindruck zur gesamten
Thematik zu geben, erhielt ein Schüler den Auftrag, einen Kurzvortrag
zu erarbeiten.
- Ausstellung, Präsentation
Die
Themen der Plakate gliederten gleichzeitig die Ausstellung. Wir waren
erstaunt, welchen Umfang die Ausstellung nach dem Aufbau hatte.
Innerhalb
der Projektwoche waren Eltern der Schülerinnen und Schüler,
aber auch Kollegen bei der Materialsammlung behilflich. So konnten wir
eine umfangreiche Produktsammlung mit Spreewaldgurken, Leinöl und
Meerrettich, einen Miniaturspreewaldkahn mit Trachtenpuppe und sogar
eine Kindertracht zeigen. Besonders interessant war auch eine sorbische
Fibel, die einen Vergleich mit sinngleichen Texten einer deutschen Fibel
erlaubte.
- Ablauf der Präsentation
Die Schülerinnen und Schüler hörten zu Beginn sorbische
Musik. Anschließend erklärte ich ihnen das Anliegen unseres
Projektes. Dann konnten alle den sorbischen Sandmann ausschnittsweise
sehen. Der Kurzvortrag vermittelte die notwendigen theoretischen Fakten.
Danach konnten sich die Schülerinnen und Schüler die Ausstellung
ansehen. Für die Beantwortung von Fragen stand aus jeder Arbeitsgruppe
ein Kind bereit.
Zusammenfassung
Die gelungene Ausstellung erfüllte die Schülerinnen und Schüler
mit Freude und Stolz. Die Woche wurde als vielseitig und interessant
empfunden. Für einige Arbeiten hätte man sich sogar mehr Zeit
nehmen können.
Erfahren hat die Klasse, dass es ein kleines Volk ganz in der Nähe
gibt, welches eine eigene Sprache hat, eigene Traditionen, Sitten und
Gebräuche. Sie haben die Bedeutung von Erhalt der Sprache und kulturelle
Ereignisse für das Fortbestehen dieser Minderheit erkannt.
Sie setzten sich auch mit den Problemen und Schwierigkeiten der Menschen
auseinander. Sie erfuhren, dass sowohl im Grundgesetz als auch in der
Brandenburger und der Sächsischen Verfassung die Frage der Minderheit
eindeutig geregelt ist.
Exkursionsfahrt
Einige
Wochen später fuhren wir nach Schlepzig. Dieser Ort befindet sich
in der näheren Umgebung von Berlin. Da viele Schülerinnen
und Schüler noch nie im Spreewald waren, sollte die Thematik so
noch einen anschaulichen Abschluss erhalten. Der Tag war sehr gelungen.
Dies hatte ich vor allen Dingen auch der hervorragenden Mithilfe des
dortigen Schullandheimes zu verdanken, die mich bei der Planung und
Organisation dieses Tages unterstützten.
Im Dorf angekommen, entdeckten einige Schülerinnen und Schüler
gleich die verschlungenen Schlangenköpfe am Giebel einiger Häuser.
Diese hatten sie bereits beim Lichtbildervortrag gesehen und in den
Sagen gefunden. Das Bauernmuseum gab einen lebhaften Eindruck vom Leben
der Bevölkerung vor hundert Jahren. Die verschiedenen Haushaltsgeräte
wurden erklärt. Ein besonderes Erlebnis war für alle, selbst
einmal ein Spinnrad auszuprobieren oder ein Deckchen zu weben.
Nach
einem sehr guten Essen im Schullandheim Schlepzig wanderten wir zur
Kahnanlegestelle. Während einer eineinhalbstündigen Fahrt
lernten die Kinder das Biosphärenreservat näher kennen. Wir
hatten das Glück, Libellen, Fischreiher, Störche, Greifvögel
und typische Pflanzen sehen zu können. Wir erfuhren noch Besonderheiten
zur Landwirtschaft. Zum Abschluss sahen wir uns noch eine kleine Ausstellung
des Biosphärenreservats mit Wassertieren an.
Mit Bus und Bahn und vielen schönen Eindrücken fuhren wir
am Abend wieder nach Hause.
Literatur und Medien
Die Sorben in Deutschland. Stiftung für das sorbische Volk, 3.
überarbeitete Auflage, 1999
Die drei Schönen. Domowina-Verlag, Bautzen
Heimatkundliche Beiträge für den Landkreis Weißwasser/Oberlausitz,
Heft 9, Weißwasser/ Oberlausitz, Landratsamt 1993
Dr. sc. SIEGMUND MUSIAT: Hexen zu Göda. Haus für sorbische
Volkskultur Bautzen
Mit Krabat durch das Jahr: Kreisfreie Stadt Hoyerswerda, Amt für
Wirtschaftsförderung und ländlicher Raum, Lausitzer Druck-
und Verlagshaus GmbH
Sagen der Stadt Bautzen: Sorbisches Folklorezentrum beim Haus für
sorbische Volkskultur, Druckerei der Domowina
NAA FIBLA. Domowina-Verlag GmbH, Bautzen 2001
Sorbische Kulturinformation Bautzen. Postplatz 2, 02526 Bautzen, Tel.:
0359142105
Sorbische Kulturinformation "Lodka", August-Bebel-Str. 82,
03046 Cottbus, Tel.: 0355791110
Internet:
http://www.sorben-wenden.de
http://www.spreewaldhof.de
Fernsehsendungen in sorbischer Sprache: RBB-Brandenburg
Dieser Artikel wurde veröffentlicht
in Ausgabe 4/2004 von "Eine Welt in der Schule". Sie können
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