Projekt "Eine Welt in der Schule"
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Anregungen für die Grundschule und Sekundarstufe 1

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Kennen Sie das Geheimnis ...?
Vom Saft mit dem Vitamin "F"
Renate Querfurt
 
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Ausgepresst wird manches Mal nicht nur die Orange Wer trinkt ihn nicht gerne - Orangensaft. Rund 10,4 Liter trinkt jeder Deutsche pro Jahr. In vielfältiger Form wird er angeboten. Etwa 90 % des Orangensaftes, der bei uns in den Geschäften verkauft wird, kommt aus Brasilien. Das sind mehr als 100.000.000 Liter! Die Orangen wachsen im Bundesstaat Sao Paulo, wo mehr als 85 % der brasilianischen Zitrusfrüchte produziert werden.
"Hauptstadt" des Orangenanbaus ist Itápolis im Landesinneren, rund 350 km von Sao Paulo entfernt. Über die Situation dort ist hier nur wenigen Menschen etwas bekannt.
Während der Erntezeit von Mai bis Dezember/Januar arbeiten alle verfügbaren Kräfte in der Orangenernte, Männer, Frauen und Kinder. Der größte Teil der Orangen wird für die großen Industrien geerntet. Lastwagen fahren die Orangen zur Presserei, wo sie erst einmal gründlich gewaschen und verlesen werden. Jeder Lieferung werden Stichproben entnommen, um den Zuckergehalt (Brix) und das Zucker-Säure-Verhältnis (Ratio) zu bestimmen.
Danach werden die Orangen für eine optimale Entsaftung nach Größe sortiert und einzeln in so genannten Extraktionsmaschinen ausgepresst. Um den Orangensaft leichter verschiffbar zu machen, wird aus dem Saft Konzentrat hergestellt. Der Saft wird durch Wasserentzug auf ein Fünftel bis ein Sechstel seines ursprünglichen Volumens verdichtet. Vorher werden dem Saft die flüchtigen Aromastoffe entzogen, die sonst bei der Konzentratherstellung verloren gingen. Das Fruchtkonzentrat wird pasteurisiert, tiefgefroren und dann in Tanks gepumpt. Konzentrat und Aroma werden tiefgefroren zum Hafen transportiert und auf Schiffen nach Europa gebracht. Dort wird das Konzentrat in den Tiefkühllagern der großen Fruchtsaftimporteure gelagert, manchmal über Monate hinweg! Je nach Bedarf wird in den Saftfabriken der Fruchtsaftimporteure der Prozess umgekehrt. Nach dem Auftauen des Konzentrates wird durch Zugabe von Wasser wieder Saft hergestellt, dem wiederum die flüchtigen Aromastoffe hinzugefügt werden - fertig ist der O-Saft aus Apfelsinensaftkonzentrat, 100 % Fruchtgehalt.DerWeg der Orange zum Saft

aus: TransFair: Orangensaft. Aachen 1999, S. 20

Was braucht es für einen guten Orangensaft? Oder: Vom bitteren Leben der Orangenpflücker
"Kennen sie das Geheimnis von xxx? Viel Sonne, mehr nicht. Darauf unser Wort." Sicher kennt ihn fast jeder - diesen Spruch aus der Werbung. Dabei sitzen die Pflücker lachend unter den Apfelsinenbäumen und werden zu "ein klein wenig mehr Geduld" aufgefordert. Und die Wirklichkeit? Sidnei ist 12 Jahre alt. Er arbeitet während der Erntezeit jeden Tag als catador (Pflücker)auf der Orangenplantage. Sein Arbeitstag beginnt schon früh: Nach einem bescheidenen Frühstück aus schwachem Kaffee und nährstoffarmen Weißbrot wird er gemeinsam mit den anderen Orangenpflückern um 6 Uhr mit dem Bus abgeholt und auf die Plantage gefahren. Gepflückt wird im Akkord, ein voller Pflückbeutel wiegt etwa 25 Kilogramm. Meist füllen die Pflückerinnen mehr Orangen hinein, bis zu 30 kg - auch die Kinder! Bezahlt wird nach Kisten, in die die Pflückbeutel geleert werden. Die Kisten fassen ein international geltendes Standardmaß. Der Preis dafür wird an der New Yorker Warenterminbörse fixiert.
Die Pflückerinnen und Pflücker bekommen für einen vollen Kasten umgerechnet 0,18 US-$. Gearbeitet wird 10 Stunden am Tag, von Montag bis Samstag - eventuell auch an Sonntagen, wie es die Erntesituation vorgibt. Da die Orangen eines Baumes nicht alle zur gleichen Zeit reifen, müssen sie von Hand geerntet werden. Die Orangen wachsen z. T. hoch in den Bäumen und werden von Leitern aus geerntet, auch mit vollen Pflückbeuteln. Mindestens zehnmal in der Stunde schleppt Sidnei den vollen Pflückbeutel 80 Meter weit und schüttet ihn in den Plastikkasten. Beim Tragen muss er das Rückgrat einziehen und den Bauch vorstrecken.
Angst hat Sidnei vor allem vor Bienen- und Wespenstichen oder dass er von einer Schlange gebissen wird. Die Gefahr durch Vergiftungen (Pestizide werden massiv gespritzt) nimmt Sidnei als Zwölfjähriger noch nicht wahr. Aber das größte Problem der Pflückerinnen und Pflücker kennt er - Schäden an der Wirbelsäule. Durchschnittlich trägt ein Arbeiter 80 Kisten am Tag - das heißt, er schleppt täglich über 2 Tonnen Orangen auf seinem Rücken. Auch Sidneis Vater leidet darunter und kann nicht mehr den vollen Akkord leisten. Und weil selbst der Akkord-Pflücklohn so gering ist (ca. 50 DM in der Woche bei Preisen, die in etwa mit den unseren vergleichbar sind), und das Einkommen nicht ausreicht, um die Familie zu ernähren, müssen auch Sidnei und sein Bruder mithelfen. Schulbesuch ist da nicht möglich. Zeit zum Spielen - ja, vielleicht am Wochenende, wenn er nicht zu müde ist.

Kinderarbeit ist kein Einzelfall
Nach Schätzungen des gewerkschaftlichen Dachverbandes CUT in Brasilien war noch im Jahr 1995/96 ungefähr ein Drittel aller Kinder der Region als Pflücker in den Orangen beschäftigt. Brasiliens Exportverband bestreitet aber, jemals Kinder unter 14 Jahren beschäftigt zu haben.
Die großen Konzerne, die in ihren Saftpressereien das Orangenkonzentrat herstellen lassen, nehmen die Kinderarbeit nicht zur Kenntnis - sie geben eine etwaige Schuld daran ihren Arbeitsvermittlern und Aufsehern, den "gatos", denen wiederum die Orangenpflücker verpflichtet sind.
Solange sich die Lohnsituation der Pflücker nicht wesentlich verbessert, werden die Familien immer wieder gezwungen sein, ihre Kinder arbeiten zu lassen. Auf der Strecke bleiben dabei die Kinder,
- die gar nicht oder nur während der Zeit zwischen den Ernten zur Schule gehen können,
- die schon frühzeitig ihre Gesundheit ruinieren,
- die keine oder nur wenig Zeit zum Spielen und zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit haben
- und aus dem Teufelskreis der billigen "Erntearbeit" nicht ausbrechen können.
Daran hat auch die fortschrittliche brasilianische Gesetzgebung, bei der schon im Oktober 1988 ein Mindestalter von 14 Jahren für die Zulassung zur Arbeit festgelegt wurde, bis jetzt wenig geändert.
Veränderungen können nur erreicht werden durch gerechtere Entlohnung der Erwachsenen und die Aufklärung der Eltern über die Wichtigkeit von Bildung und Ausbildung. Hilfreich wäre die Bereitstellung von Sozialprogrammen, die möglichst von den Gemeinden, Gewerkschaften und anderen Verbänden kontrolliert werden. So könnten die Voraussetzung geschaffen werden für den Besuch der Kinder in Kindergärten und Schulen und den Abbau der Kinderarbeit in den Orangenplantagen.

Saft mit dem Vitamin "F" für FAIR
Was hat diese schwierige Situation auf den Orangenfeldern mit uns zu tun? Als Käuferinnen und Käufer können wir mitentscheiden über das Leben der Orangenpflückerinnen bzw. -pflücker. Faire Preise ermöglichen einen besseren Verdienst der Familie und verhindern Kinderarbeit.
Durch den Kauf von Produkten aus fairem Handel, bei denen soziale und ökologische Mindeststandards vorgeben sind, können wir dazu beitragen, dass auch Kinder in Brasilien ihre Rechte auf Bildung und Gesundheit wahrnehmen können.

Orangensaft aus Brasilien als Thema im Unterricht
Die Kinder meiner 4. Klasse (14 Jungen, 10 Mädchen) in Essen-Kettwig näherten sich dem Thema Mitte November 2000 mit Riech- und Schmeckproben, Wiegeversuche von Zitrusfrüchten und -saft, wir beschäftigten uns mit der Geschichte der Orangen und der Herkunft der Orangen heute. Es kamen Fragen auf zum Land Brasilien, die gesammelt und später beantwortet wurden.
Dazu entwickelte ich einen Stationenbetrieb, in dem die Kinder sich mit den von ihnen aufgeworfenen Fragen, aber auch mit Sprache und Kultur des Landes Brasilien auseinander setzen konnten. Zum erstem Mal habe ich mit den Kindern in Kleingruppen auch im Internet nach Informationen gesucht (unsere Schule verfügt seit Neuestem über zwei Internetzugänge!). Hilfreich waren dabei meine eigenen Internetkenntnisse wie auch die Unterstützung durch Schülerinnen und Schüler meiner Klasse, die sich mit dem Internet und dem "Downloaden" (speziell von Bildmaterial) manchmal besser auskannten als ich! Bilder aus dem Internet, aus Büchern, Zeitschriften und Reiseprospekten wurden zu willkommenen Schreibanlässen und ergänzten unser Brasilienbild. Wir erzählten uns Geschichten aus Brasilien und stellten Spielzeug aus Brasilien her.
Uns interessierte der Weg der Orange von Brasilien bis zu uns ins Saftregal. Ich zeigte der Klasse ausgewählte Dias aus den Diareihen von TransFair und dem Welthaus Bielefeld sowie Ausschnitte aus den Filmen "Orangen mit viel Vitamin 'F' wie 'FAIR'" und "Bittere Orangen".

Eine Schülerin stellt ein "Reco-Reco" herMusik aus Brasilien
Brasilianer feiern gern und Musik ist ein fest verwurzelter Bestandteil des brasilianischen Lebens.
Ein wichtiger Schwerpunkt wurde für uns das Kennenlernen brasilianischer Musik. Wir hörten Sambamusik und versuchten, danach zu tanzen. Gemeinsam lernten wir das brasilianische Erntelied "balaio" (zum Teil mit brasilianischem Text, den die Kinder ziemlich schwierig fanden). Die Kinder entwickelten einen eigenen Erntetanz und führten ihn den Eltern auf der Weihnachtsfeier vor. Sie stellten ein brasilianisches Rhythmusinstrument her, das "Reco-Reco" und begleiteten ein brasilianisches Weihnachtslied mit Orff-Instrumenten und diesen selbst gebauten Reco-Recos. In einem "Workshop Samba-Trommeln" entdeckten die Kinder ihre Freude am Umgang mit Congas, Basstrommel, Schüttelrohren und Tamborinen. Den vierstündigen Workshop leitete der Percussionist der Samba/Latinband BALANCAO. Die Arbeit mit den Instrumenten begeisterte die Kinder so sehr, dass der Workshop im Laufe des 2. Halbjahres fortgesetzt werden soll!

Szene aus dem Rollenspiel "Ein Tag im Leben des Sidnei"So leben die Orangenpflückerkinder
Neben all den wichtigen Bereichen Land und Leute, Kultur, Musik, Sprache usw. richteten wir unser Hauptaugenmerk auf das Leben der Orangenpflücker. Schon vor längerer Zeit hatte ich in dem Heft Samsolidam vom Oktober 1996 den Artikeln von U. Pollmann: "Aber Schlangen gibt's auch" gelesen, der besonders auf die Situation der Kinder in den Orangenplantagen aufmerksam macht. Mit dem zwölfjährigen Sidnei konnten sich die Kinder meines 4. Schuljahres gut identifizieren. Wir lasen das Interview und sprachen darüber, was Sidnei in seinem jungen Leben schon alles leisten muss. Die Kinder verglichen seinen Tagesablauf mit ihrem eigenen und stellten einige Übereinstimmungen, aber auch viele Unterschiede fest. Ihnen fiel auf, dass Kinder wie Sidnei nicht so lange zur Schule gehen können, wie sie es vielleicht möchten. Sie erkannten die gesundheitlichen Gefahren, denen sich Sidnei und die anderen Orangenpflückerkinder aussetzen, was sich zunächst vor allem an der Gefährdung durch Schlangenbisse und Bienenstiche festmachte. Um eine intensivere Auseinandersetzung mit der Lebenssituation zu ermöglichen, spielten wir im Rollenspiel einen "Tag im Leben von Sidnei" nach. Dazu erfand ich ihm eine Familie mit Mutter, Vater, einer großen Schwester (15 Jahre), einem großen Bruder (13 Jahre), einem jüngeren Bruder (8 Jahre) und einer kleinen Schwester (4 Jahre). Die Großmutter, die natürlich auch bei der Familie lebt, ist verantwortlich für die Hütte, Essen kochen und Wasser holen und passt auf die kleine Schwester auf, während alle anderen Familienmitglieder morgens früh um sechs Uhr mit dem Bus zur Orangenplantage gebracht werden. Dort pflücken sie bis zum Abend, praktisch ohne Pause. Die Spieler unseres Rollenspiels mussten sich ordentlich nach oben recken (Orangen wachsen ja hoch an dem Bäumen), sie schlugen vor, auf Stühle zu klettern - einige wollten sogar Stühle auf die Tische stellen, um so einen möglichst realistischen Eindruck von der Situation zu gewinnen. Diesen Vorschlag haben die Kinder aber in der Diskussion wegen zu großer Gefährdung der Mitspieler verworfen. Der jüngere Bruder sammelte Orangen auf, die heruntergefallen waren.
Die Kinder meinten ausschließlich: "Der ist noch zu jung, um die Leiter hochzuklettern und hoch in den Bäumen Orangen zu ernten." Ich informierte die Kinder darüber, dass die meisten Pflücker und Pflückerinnen, und oft auch die Kinder unter ihnen, ihre Pflückbeutel mit ca. 25-30 kg Orangen beluden, bevor sie sie zur Sammelstelle bringen.
Szene aus dem Rollenspiel "Ein Tag im Leben des Sidnei"Wir suchten in der Klasse Kinder, die ungefähr dieses Gewicht hatten. Julian, einer unserer stärksten Jungen, durfte dann eines dieser Kinder kurz hochheben.
Kommentar: "Also, so für einen kurzen Moment, da geht das ja. Aber ich möchte das nicht den ganzen Tag über schleppen. Da kriegt man ja Kreuzschmerzen!" Einige Kinder trugen ein kleines Stück weit einen Korb, schwer beladen mit Orangen. Später konnten alle diese Aufgabe im Rahmen des Stationenbetriebs nachvollziehen. Ein mit Büchern gefüllter Rucksack (10 kg schwer) sollte einmal durch das Schulhaus getragen werden. Im Rollenspiel hingen sich alle Spieler Beutel um, in die etliche Orangen gefüllt waren.
K: "Das muss ja auch etwas schwer sein, sonst wissen wir ja gar nicht, wie sich Sidnei fühlt, wenn er so viele Orangen tragen muss." Im anschließenden Gespräch über das Rollenspiel meinte ein Kind: "Das war ganz schön anstrengend, sich immer hoch zu recken und oft den Baum runter zu steigen und wieder hoch. Und wir haben das alles nur gespielt. Das ist in Wirklichkeit ja noch viel anstrengender. Mir ist ganz schön heiß geworden davon!"
Es war mir wichtig, dass Sidneis Leben den Kindern nicht nur trostlos vorkam. Daher überlegten wir, was er wohl mit seinen Freunden am Sonntag macht. Die Kinder nannten Fußball spielen, schwimmen, einfach nur spielen. Einige Kinder schlugen auch vor, er und sein großer Bruder könnten ja in einer Samba-Gruppe mitspielen und die große Schwester könnte da Samba tanzen!

Kinderrechte gelten überall, auch für die Orangenpflückerkinder in Brasilien
Wir thematisierten, warum die Kinder schon so früh auf den Orangenfeldern mitarbeiten müssen.
Schnell wurde den Schülerinnen klar: Wenn nicht alle mitarbeiten, kann die Familie nicht überleben! Da wir uns schon zum Weltkindertag im September 2000 mit dem Thema Kinderrechte auseinander gesetzt und dabei die Rechte der Kinder hier in Deutschland und überall auf der Welt angesprochen hatten, empörten sich die Kindern über die akute Verletzung von Kinderrechten bei den brasilianischen Orangenpflückerkindern.
A: "Also, der Sidnei, der kann ja gar nicht richtig was lernen, wenn der immer so viel arbeiten muss. Der ist ja abends völlig kaputt. Ich finde, der sollte noch zur Schule gehen dürfen. Vor allem weil er ja auch Bankangestellter werden will. Und da muss man ja mehr können als nur so ein bisschen schreiben und rechnen."
J.: "Wenn da überall Schlangen und Bienen sind, das ist viel zu gefährlich für Kinder."
St.: "Ich finde es schlimm, dass die Kinder so viele Orangen tragen müssen. Die werden ja krank davon."
Ma.: "Vor allen Dingen weil Kinderrücken ja viel empfindlicher sind als Erwachsenenrücken.
Und bei Sidnei, da hat der Vater ja schon einen kaputten Rücken von all dem Schleppen!"
Allen Kindern war klar, dass für die Orangenpflückerkinder die Kinderrechte auf Gesundheit und Bildung verletzt werden.

Es geht auch anders!
Die Schülerinnen und Schüler machten sich Gedanken, womit die Situation der Kinder zusammenhängt. Einige meinten: "Wenn die mehr verdienen würden für das Orangenpflücken, dann könnten Sidnei und sein jüngerer Bruder bestimmt zur Schule gehen." "Dann hätten sie auch Geld für Hefte und Stifte, denn das kostet ja alles Geld!" "Und wenn einer mal krank ist, können sie Medizin kaufen."
Aber wie sollte das gehen, dass die Eltern mehr Lohn bezahlt bekämen? Hierzu spielten wir ein weiteres Rollenspiel nach einer Anregung des Eine-Welt-Ladens "la tienda" in Münster. Die Familienmitglieder (Eltern, Großmutter und die Kinder) berieten, wie sie ihre Orangen verkaufen können. Den Aufkäufer spielte ich, um den Prozess etwas zu steuern. Der Verkauf der Orangen fand als Tauschgeschäft Ware gegen Ware statt. Die Tauschsituation war den Kinder der Klasse sehr wenig vertraut. Daher diskutierten wir, was man alles sagen könnte, um die Orangen anzupreisen. Der große Bruder versuchte sein Glück und es klappte schon ziemlich gut mit dem Spiel. Er ging zum Aufkäufer, Senhor Garcia, und erhielt im Tausch für den Korb Orangen ein Kilo Reis und ein Paket Tee - mehr konnte er nicht heraushandeln. Der Aufkäufer Garcia meinte, schließlich müsse er ja auch noch etwas verdienen! Folgende Fragen wurden von der Familienrunde diskutiert:
- Reicht das Essen für die 8 Personen für einen Tag?
- Ist das ein gutes Geschäft?
Szene aus dem Rollenspiel "Der Orangenaufkäufer"Die Familie war sich sofort einig, dass das Essen nicht ausreicht und der Tausch kein gutes Geschäft war. Alle meinten, die Familie brauche mehr zu essen. Aber wir könnten sie das anstellen? Darauf eine Antwort zu finden, war nicht leicht. Einige Familienmitglieder meinten, der Bruder hätte seine Orangen mehr anpreisen müssen. Die Klasse überlegte noch einmal genau, was man alles sagen könnte, um die Orangen so richtig toll anzupreisen. Ein Kind sagte: "Der hätte einfach weggehen sollen, wenn er dafür nur so wenig kriegt!" Aber ein anderer meinte: "Dann hätten die ja gar nichts zu essen, nur Orangen! Davon wird man doch nicht satt!"
Ein weiterer Versuch wurde gestartet - diesmal durfte der zehnjährige Pedro den Tauschhandel versuchen. Pedro - gespielt von einem redegewandten Jungen, ging aber nicht zum Aufkäufer Garcia. Er hatte gehört, dass ein anderer Aufkäufer in die Stadt gekommen war, Senhor Hernandez.
Wortstark pries "Pedro" seine Orangen an und der Aufkäufer gab ihm tatsächlich ein Kilo Reis, einen Beutel schwarze Bohnen, ein Paket Tee und noch einen Riegel Schokolade. Wieder zu Hause wurde der Tauschhandel gebührend bewertet. Gemeinsam mit der ganzen Klasse versuchten wir eine Einschätzung der Frage: Wie sieht es jetzt aus mit dem Tauschgeschäft?
Übereinstimmend fanden alle, diesmal wäre ein besserer Tausch gelungen.
A.: "Diesmal hat der H. aber auch gut geredet. Er hat auch viel mehr gekriegt als vorher der J."
Ch.: "Die Familie hat ja den ganzen Tag dafür gearbeitet - jetzt reicht es wenigstens aus, damit alle satt werden."
K.: "Also, ich finde, das ist zwar immer noch nicht sehr viel, aber er ist gerechter als beim ersten Mal!"
Mi.: "Ich finde, dieser Tausch ist fair. Es waren ja auch nicht so viele Orangen, wie sie alle an einem Tag geerntet hätten."
Die Begriffe gerecht und fair schrieb ich an die Tafel. Sie sollten uns im weiteren Verlauf noch beschäftigen. Ich stellte die Frage, warum der zweite Händler mehr gegeben hatte als der erste. Spontan kam: "Der ist reicher." "Der H. hat viel besser gehandelt." "Der kriegt vielleicht auch für seine Lastwagen voller Orangen mehr Geld." Als weiteren Denkimpuls stellte ich zwei Flaschen Orangensaft nebeneinander, einmal normalen O-Saft und eine Flasche aus dem fairen Handel. Die Kinder lasen die Beschriftung und stießen auf das Wort TRANSFAIR. Ziemlich schnell zogen sie die Verbindung vom Wort TransFair zum gerechteren Tausch und vermuteten, das habe etwas miteinander zu tun. Nachdem sie die unterschiedlichen Preise für die beiden O-Saft-Flaschen kannten (fairer Saft kostet ca. 0,30-0,50 DM mehr pro Flasche), wurde ihnen bewusst, dass ein höherer Preis bei fairem Handel bedeutet, dass die Pflücker mehr Geld für ihre Orangen bekommen, bzw. einen höheren Lohn erhalten. A.: "Also, der Senhor Hernandez, der kommt bestimmt von so einem Geschäft, wo die fair handeln wollen!" Wir besprachen das TransFair-Siegel und seine Bedeutung - für die Arbeit einen gerechteren Lohn, für die Ware einen gerechteren Preis (der etwas teurer ist als der, den wir sonst zu zahlen gewohnt sind). Einige Kinder kannten das TransFair-Siegel. Sie berichteten, wo sie schon Produkte mit diesem Siegel gesehen hatten. Einige erzählten, dass ihre Eltern manchmal Produkte mit dem TransFair-Siegel kaufen. Als Hausaufgabe sollten die Kinder in den nächsten Tagen in den Geschäften Kettwigs und Umgebung nach Produkten mit TransFair-Siegel suchen und sich auch über die Preise informieren. Erfreulicherweise gab es in den großen Supermärkten REWE und KAISER'S ein breites Angebot dieser Produkte. Von drei Kindern wurde auch der "Eine-Welt-Laden" der evangelischen Kirche genannt. Etliche Kinder brachten fair gehandelte Produkte mit in die Schule, woraus wir eine kleine Ausstellung gestalteten. Viele Kinder fanden diese Produkte ziemlich teuer. Deshalb diskutierten wir über die Vor- und Nachteile von fair gehandelten Waren in einer Pro- und Contra-Diskussion. Ich wollte auf keinen Fall die Kinder unter Zugzwang setzen, die aus geldlichen oder anderen Gründen keine Waren aus dem fairen Handel kaufen. Alle Kinder fanden es gut, dass bei diesen Produkten die Pflückerinnen und Pflücker höhere Löhne erhielten und dass auch Geld für soziale Aufgaben wie Schulen, Kindergärten, Krankenstationen usw. bereitgestellt wird. Sie meinten, wenn wir hier in Deutschland mehr Geld für den Orangensaft bezahlen, brauchten Kinder wie Sidnei in Brasilien nicht mehr zu arbeiten, weil ihre Eltern ja mehr verdienen können. Aber einige betonten, dass diese Produkte teuer sind, zu teuer für manche. T.: "Also mein Papa ist arbeitslos und deshalb haben wir nicht so viel Geld. Das ist einfach zu teuer, sagt meine Mama!" Ein Kompromiss wurde vorgeschlagen - vielleicht ab und an fair gehandelte Produkte zu kaufen. Dafür wollten sich die meisten Kinder zu Hause einsetzen. Ein Kind meinte, dass ihm die TransFair-Schokolade nicht so gut schmeckt wie seine Lieblingsschokolade. Alle fanden es in Ordnung, dann doch auch weiterhin die Lieblingsschokolade zu kaufen.

Global denken, lokal handeln
Den Kindern war klar, dass wir alle als Käufer hier bei uns in Deutschland eine Mitverantwortung tragen für die Verhältnisse z. B. für die Orangenpflückerkinder in Brasilien. Eine besondere Verstärkung erhielt die Weiterarbeit vor allem bei den fußballbegeisterten Jungen. Ich berichtete, dass der bei Bayern München spielende bekannte Fußballspieler Giovane Elber früher selbst bereits im Alter von sieben Jahren auf einer Orangenplantage gearbeitet
hat. Um anderen Kindern eine solch harte Arbeit zu ersparen, setzt sich der Fußballspieler sehr für den fairen Handel ein und begleitet z. B. eine Aktion in der Münchner UNESCO Projektschule, um dem fair gehandelten Orangensaft in Deutschland zum Erfolg zu verhelfen.
Wir besprachen, wie wichtig es ist, selbst über die Tatsache informiert zu sein, dass fair gehandelte Produkte für die Pflückerinnen und Pflücker mehr Gerechtigkeit bedeuten und auch andere Menschen darüber zu informieren. Als Erstes beschloss die Schülerredaktionsgruppe, einen Artikel für die Schülerzeitung zu schreiben, um auf diese Zusammenhänge aufmerksam zu machen. Desweiteren kam der Vorschlag, demnächst auch bei Klassenfeiern an fair gehandelten Orangensaft und Kaffee zu denken. Außerdem wollten die Kinder wissen, ob auch bei uns im Kollegium fair gehandelter Kaffee oder Orangensaft getrunken würde. Leider konnte ich diese Frage nicht mit einem eindeutigen "Ja" beantworten. Auf der anderen Seite konnte ich so auf die Schwierigkeiten hinweisen, mit denen man rechnen muss, wenn man anderen globale Zusammenhänge erklären und damit Kaufverhalten verändern will. Ein Kind brachte aus dem Internet die Information mit, dass Bundespräsident Rau den Verkauf von fair gehandelten Produkten unterstützt und das europäische Parlament schon 1991 beschlossen hatte, nur noch fair gehandelten Kaffee im Parlament auszuschenken. Da wir im September 2000 zu einem Besuch im Essener Rathaus waren, kamen die Kinder auf die Idee, einen Brief an den Oberbürgermeister unserer Stadt zu schreiben, um auch im Essener Rathaus für den Ausschank von fair gehandeltem Kaffee oder Tee zu sorgen. Die Kinder erinnerten sich auch an die Kantine und bezogen sie in ihren Katalog mit ein. Schon nach kurzer Zeit erhielten wir eine erfreuliche Antwort des Oberbürgermeisters: Auch im Rathaus Essen wird bei Rats- und Ausschusssitzungen fair gehandelter Tee und Kaffee ausgeschenkt. Der Oberbürgermeister versprach aber, den Brief zum Anlass zu nehmen, dass demnächst auch in der Kantine fair gehandelte Produkte angeboten werden. Außerdem gab er seiner Freude Ausdruck, dass sich die Kinder der Klasse 4a auch für Menschen und speziell für Kinder einsetzen, denen es nicht so gut geht und dass sie durch aktives Handeln dazu beitragen, deren Lebenssituation zu verbessern. Die Kinder der Klasse waren mit ihrem Erfolg sehr zufrieden! Sie haben nicht nur viel gelernt und sich mit dem Leben von Kindern in einer anderen Kultur beschäftigt, sondern haben auch Einiges erreicht:
- vielleicht ein Umdenken beim Kaufverhalten der Eltern,
- sicherlich die Erkenntnis, dass ein direkter Zusammenhang besteht zwischen dem, was wir für Dinge bezahlen und den Lebensumständen derer, die sie anbauen, ernten oder herstellen,
- eventuell ein verbessertes Angebot von fair gehandelten Produkten im Rathaus.
Und ich habe mir vorgenommen, demnächst darauf zu drängen, dass bei Schulfesten fair gehandelte Produkte angeboten werden und der "Eine-Welt-Laden" dann auch die Möglichkeit erhält, seine vielfältigen fair gehandelten Produkte den Eltern vorzustellen. Im Übrigen können in unserer Klasse die Kinder, wenn sie Durst haben, neben Sprudel jetzt manchmal auch fair gehandelten Orangensaft trinken!

Literatur und Medien
Internet-Information vom 22.11.2000: http://www.transfair.org
U. POLLMANN: Aber Schlangen gibt's auch, in: Samsolidam, Nr. 42, Berlin, Okt. 96
R. SCHMITT; Ein brasilianisches Weihnachtslied, in: Praxis Grundschule 6/1999, S. 14ff.
SÜDWIND: Bittere Orangen, S. 8
TRANSFAIR: Orangensaft - Materialien für Bildungsarbeit und Aktionen, Aachen 1999
TRANSFAIR EXTRABLATT, Ausgabe Dez. 2000
UNSER MUSIKBUCH QUARTETT 2 (Klett), Lehrerhandbuch
WELTHAUS BIELEFELD: Reisekoffer Brasilien - eine Unterrichtswerkstatt für die Klassen 3-6. Bielefeld 2000

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Ausgabe 2/2001 von "Eine Welt in der Schule". Sie können diese Ausgabe jetzt herunterladen (2,0 MB).

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