Projekt "Eine Welt in der Schule"
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Anregungen für die Grundschule und Sekundarstufe 1

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Ein Projekt des Grundschulverbandes e.V.


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Religion = Weltreligionen?
Wie man Schülerinnen und Schülern Unbeschreibbares erklärt
Wolfgang Brünjes
 
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Als wir das Thema "Religion" auf einer überregionalen Lehrerfortbildungstagung 2002 anboten, geschah das nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Terroranschläge im September 2001 in New York. Folge dieser durch und durch verabscheuungswürdigen Tat war u.a., dass häufig von "islamistisch begründeten" Gewalttaten und "islamistischen" Gewalttätern gesprochen wurde und viele friedliebende Musliminnen und Muslime auf diese Weise diffamiert wurden. Ein wesentliches Ziel bei der inhaltlichen Aufarbeitung des Tagungsthemas war deshalb für uns, eher die Gemeinsamkeiten der Religionen und das Einende (wie es z.B. beim Projekt "Weltethos" geschieht) aufzugreifen und weniger auf die trennenden Aspekte hinzuweisen, über die auch heute noch in den Medien fast täglich berichtet wird.

Christen
Die Christen glauben, bevor es irgendetwas gab, war Gott da. Er war der Schöpfer und Vater von allem.
Die Schöpfung beginnt mit Gottes Wunsch, etwas zu erschaffen. Diese Schöpfungsgeschichte erzählt dann von den sieben Schöpfungstagen.
Zuerst war die Erde wüst und leer und Dunkelheit lag auf ihr, doch im Laufe dieser sieben Tage schuf Gott das Licht, trennte Gott den Himmel von der Erde und das Wasser vom Land, befahl der Erde, dass sie alle Pflanzen wachsen lassen solle, schuf die Fische und Vögel und alle anderen Arten von lebenden Wesen. Am sechsten Tag schuf Gott den Menschen als sein Abbild. Gott sah, dass alles, was er gemacht hatte, sehr gut war.
Am siebten Tag ruhte Gott.
Der erste Mensch, Adam, wurde von Gott aus Erde geformt, und Gott hauchte ihm seinen Atem ein. Adam hatte keinen Gefährten von seiner Art und so schuf Gott aus Adams Rippe die Frau - Eva. Sie lebten im Garten Eden. Gott sagte ihnen, dass sie von allem essen durften, nur nicht von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Eine Schlange verführte Eva, von der verbotenen Frucht zu essen. Adam und Eva aßen davon und erkannten, dass sie nackt waren. Sie bedeckten sich mit Feigenblättern und versteckten sich vor Gott. Doch Gott wusste von ihrer Sünde, verfluchte die Schlange sowie Adam und Eva und vertrieb sie aus dem Paradies. Gott sagte zu Adam, dass er von nun an in Mühsal und im Schweiße seines Angesichts die Erde bearbeiten müsse, aus der er gemacht worden sei und versperrte den Eingang zum Paradies mit einem lodernden Flammenschwert.
(Zusammenfassung der Schöpfungsvorstellung der Christen aus MARTIN PALMER/ESTHER BISSET: Die Regenbogenschlange. Zytglogge Verlag, Bern 1987, S. 26 ff.)

Genauso wichtig war uns aber auch, dass wir nicht eine abstrakte religionswissenschaftliche Auseinandersetzung über die Weltreligionen ins Zentrum eines Unterrichtsvorhabens stellen. Es sollten daher keine Vorhaben entwickelt werden, deren Umsetzung allein auf den Religionsunterricht beschränkt bleiben würden, sondern es sollten Entwürfe entstehen, die auch ohne spezifische Religionskenntnisse durchgeführt werden konnten. Am besten geeignet ist unseres Erachtens dafür der fächerübergreifende Unterricht, da das Themenfeld "Religionen" Aspekte berührt, die zu einer Vielzahl von Fächern (Religion, Naturwissenschaften, Deutsch, Kunst, Musik, ...) gehören. Die auf der Tagung entwickelten und auf Folgetagungen präzisierten Unterrichtsentwürfe stellen somit nicht die Weltreligionen in den Mittelpunkt. Unterrichtsmaterial und -vorschläge zum Thema "Weltreligionen" gibt es zahlreiche. Was unseres Erachtens jedoch häufig zu kurz kommt, ist der "Glaube" der Schülerinnen und Schüler. Dabei sind wir jedoch nicht vorrangig vom "religiösen" Glauben ausgegangen, sondern haben die Dinge, denen die Schülerinnen und Schüler in ihrem Alltag heutzutage viel Wert beimessen - und die natürlich teilweise auf religiösen Grundlagen beruhen -, hinterfragt. Thematisiert werden dagegen grob gesagt die Wertvorstellungen, die Kindern und Jugendlichen heutzutage wichtig sind (also ihren "Glauben") sowie verschiedene Schöpfungsmythen.
Veröffentlicht haben wir das Ganze in zwei Zeitschriftenausgaben von "Eine Welt in der Schule". Neben den Artikeln in Heft 3/2004 sind in Ausgabe 2/2004 (Religionen/Werte) bereits folgende Beiträge erschienen:

Ausgabe 2/2004 von "Eine Welt in der Schule" Ausgabe 3/2004 von "Eine Welt in der Schule"

- "WerteSchätzen" - Religiöse Vielfalt und Öffentliche Bildung (CHRISTA DOMMEL)
- "Was geht uns Religion an?" - Projekt in einer Berliner Gesamtschule (KATJA LÜPKE/TUFAN UYANIK)
- Glaube und Religion - Fußball und Popmusik - Wetten, dass ihr alle an etwas glaubt ...! (WOLFGANG LIESIGK)
- Kopftuch, Tschador, Hautbleiche und Piercing - Körper und Geist in der aktuellen interkulturellen Auseinandersetzung (JOS SCHNURER)
- Was glaubst du? - Sachbücher zu Religionen (PETER BRÄUNLEIN)

Humanismus
Die Humanisten glauben, dass alles, was existiert, das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung ist und dass die Wissenschaften mit der Zeit alles erklären können.
Es gibt zwar unterschiedliche Ansichten, ob das Weltall mit einem "Urknall" begann oder ob das Weltall keinen Anfang hat, sondern einfach Energie ist, die pulsiert, Kreisläufe beschreibt und somit das Universum sich ausweiten, zusammenfallen und auseinander treiben lässt.
Einig sind sich die Humanisten jedoch, dass sich die Sterne, Sonnen und Planeten allmählich aus wirbelnden Gaswolken gebildet haben und dass das Weltall sich ständig verändert.
Das Leben kam ihrer Ansicht nach durch eine Mischung verschiedenster Stoffe zusammen, die die ersten winzigen lebenden Zellen hervorbrachten. Es entstand im Wasser, breitete sich über Erde und Luft aus und dadurch, dass die Organismen, die sich am besten an ihre Umgebung anpassen konnten, die größte Chance hatten weiterzuleben, entstanden Tiere, Pflanzen und Menschen (Evolution).
Menschen haben demnach dieselben Vorfahren wie Affen. Lediglich die Entwicklung ist eine andere.
(Zusammenfassung der Schöpfungsvorstellung der Humanisten aus MARTIN PALMER/ESTHER BISSET: Die Regenbogenschlange. Zytglogge Verlag, Bern 1987, S. 38 ff.)

Schöpfungsmythen
Neben der allgemeinen Wertorientierung - ein Thema, das vor allem Lehrerinnen und Lehrer aus dem Bereich der Sekundarstufe I interessiert hat, hat die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer (vor allem aus dem Bereich der Grundschule) die inhaltliche Auseinandersetzung mit Schöpfungsmythen gefesselt.
Seit eh und je hat die Menschen die Frage nach dem Ursprung der Welt in all seinen Erscheinungsformen bewegt. Die Fragen: Wo kommt alles her? Wo geht alles hin? Wie hat es angefangen? Wer schuf die Welt? Wozu ist alles da? Wann und wie wird es enden? sind Fragen aller Völker und Kulturen. Trotz der unterschiedlichen Antworten, die sie gefunden haben, beinhalten sie ein Gemeinsames: Den Versuch, das Wunder der Schöpfung in Worten und Bildern zu erklären und die Notwendigkeit, diese Schöpfung zu bewahren.
Dieses Unterrichtsvorhaben nicht nur auf die Vermittlung des christlichen Schöpfungsgedankens zu beschränken, beruht auf der Erkenntnis, dass es gut und wichtig ist, die Kinder über den eigenen Tellerrand hinausschauen zu lassen. Die eigene Kultur und Religion zu verstehen, wird im Vergleich zu anderen vertieft. Andere Kulturen und Religionen zu kennen, hilft, Angst vor Unbekanntem und Fremdem abzubauen und Verständnis zu entwickeln. Unser Anliegen war dabei allerdings nicht, der Exotik Vorschub zu leisten und möglichst weit entfernte Räume einander gegenüberzustellen, sondern es ging uns vornehmlich darum, auch die so genannten Naturreligionen zu thematisieren. Häufig finden sie nur am Rande Erwähnung, während die "Weltreligionen" fast ständig präsent sind.
In Heft 3/2004 finden sich dazu die folgende Erprobungen:
- Wunder der Schöpfung (UTE GRAAS/URSULA SCHELP)
- Geschichten von der Kostbarkeit der Erde (MARIA BREDDERMANN)
- Schöpfungsgeschichten - Fachübergreifende Unterrichtsvorhaben in einem 5. Schuljahr (HANS-WERNER BLUME)

Hindus
"Dies ist weder die erste Welt, noch ist es das erste Universum. Es gab vorher und es wird nachher viel mehr Welten und Universa geben, als es Tropfen im Wasser des heiligen Flusses Ganges gibt."
Es gibt drei wichtige Figuren in dieser Geschichte. Die Hindus glauben, dass sie alle drei Teil des Höchsten sind und für verschiedene Handlungen des Höchsten stehen. Es sind Brahma, der Schöpfer, Wischnu, der Bewahrer, und Schiwa, der Zerstörer. Aus der Zerstörung entsteht neues Leben, deshalb ist Schiwa zugleich Neuschöpfer.
Wenn das alte Universum zerstört ist, gibt es nichts mehr als einen riesigen Ozean. Auf diesem treibt Wischnu auf der Schlange Ananta dahin und manche sagen, dass aus seinem Nabel eine Lotusblume wächst und Brahma daraus entsteht.
Manche erzählen, dass Brahma sich in zwei Teile teilt und so dass Männliche und das Weibliche erschafft. Dann wird er wieder eins, und so entstehen Menschen und alle anderen Lebewesen. Andere sagen, dass alles aus verschiedenen Teilen von Brahmas Körper entsteht.
Dieses Universum, diese Welt und dieser Brahma werden von Schiwa zerstört werden, wie alle vorher und alle nachher.
Doch Wischnu taucht immer wieder auf. Und aus Wischnu entsteht der Brahma des neuen Universums, und der Zyklus geht weiter.
(Zusammenfassung der Schöpfungsgeschichte der Hindus aus MARTIN PALMER/ESTHER BISSET: Die Regenbogenschlange. Zytglogge Verlag, Bern 1987, S. 32 ff.)

Alle drei Erprobungen haben gemeinsam:
1. Die künstlerische Umsetzung der Inhalte von Seiten der Schülerinnen und Schüler war ein zentraler Aspekt der Unterrichtsvorhaben.
2. Über die Auseinandersetzung mit dem vermeintlich "fremden" Inhalt gelang eine Thematisierung "alltagsphilosophischer" Fragestellungen und eine Diskussion über Werte in der Klasse.
Erfreulich ist für uns die Feststellung, dass der Inhalt für fast alle Jahrgangsstufen der Grundschule und Sekundarstufe I geeignet ist. Auch wenn viele der Mythen recht anspruchsvoll für Kinder der 1. und 2. Klasse sind, weil sie fremdartig wirken und nicht einfach zu verstehen sind, so konnten die Lehrerinnen und Lehrer ihre selbst gesteckten Ziele dennoch erreichen.
Der inhaltliche Umfang kann bei einer Durchführung im 3. oder 4. Schuljahr entsprechend erweitert werden, ist er doch von den Schülerinnen und Schülern leichter erfassbar und man kann dort z.B. den naturwissenschaftlichen Aspekt noch stärker betonen.
Aber auch in der Sekundarstufe I kann mit den Schöpfungsmythen gearbeitet werden, da der Lerninhalt durch seine spirituell-philosophische Grundausrichtung viel Raum für Diskussionen lässt und mit den größeren kognitiven Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen jederzeit der Inhalt und die damit verbundenen Fragestellungen mitwachsen können.

Yoruba
"Am Anfang gab es keine trockene Erde, nur Wasser und Sümpfe. Darüber war der Himmel, wo Olorun, der höchste Gott, mit anderen Göttern lebte ...", so heißt es in der Schöpfungsgeschichte der Yoruba. Olorun beschloss nach einiger Zeit, trockenes Land zu schaffen. Er befahl Orisha Nla, den höchsten der anderen Götter, auf der Erde einen Platz mit festem Grund zu schaffen. Doch Orisha Nla wurde durch eine Feier mit anderen Göttern abgelenkt, betrank sich und schlief ein. Sein jüngerer Bruder, Oduduwa, übernahm daraufhin die Aufgabe, schuf die trockene Erde, säte Bäume und andere Pflanzen.
Als Orisha Nla erwachte, sah er, dass Oduduwa die Erde schon erschaffen hatte. Als er Oduduwa begegnete, behauptete er, die Erde gehöre ihm, weil Olorun ihn beauftragt hatte, sie zu erschaffen.
Die beiden Brüder stritten sich. Olorun befahl ihnen, damit aufzuhören und entschied, dass Oduduwa der König der Erde sein solle. Dafür bekam Orisha Nla die Aufgabe, menschliche Körper zu schaffen, die Olorun dann zum Leben erweckte.
"Dass das aber nur das Zweitbeste war, zeigt schon die Tatsache, dass der Himmelsgott Olorun noch einen Donnergott auf die Erde schicken musste, um sicher zu sein, dass die beiden nicht wieder darüber zu streiten begannen, wer jetzt "Schöpfer der Erde" sei."
In Ife, wo Oduduwa mit der Erschaffung der Erde begonnen hatte, baute er sein Haus. Das ist für viele Yoruba noch heute eine heilige Stätte.
(Zusammenfassung der Schöpfungsgeschichte der Yoruba aus MARTIN PALMER/ESTHER BISSET: Die Regenbogenschlange. Zytglogge Verlag, Bern 1987, S. 62 ff.)

In den Unterrichtserprobungen wurden unter anderem Schöpfungsmythen der
- Christen,
- Hindus (Indien),
- Aborigines (Australien),
- Yoruba (Nigeria),
- Indios
thematisiert. Die Anzahl der im Unterricht zu behandelnden Mythen kann sehr gut den Rahmenbedingungen vor Ort angepasst und von der Lehrkraft entsprechend festgelegt werden. Somit können im Unterricht die Schöpfungsmythen wie Bausteine zusammengestellt werden und der Umfang entsprechend variieren.
Zu bedenken ist ferner, dass sich eine objektive Bewertung bezüglich des "Wahrheitsgehalts" einer Mythe von vornherein verbietet. Glauben ist eine Glaubenssache und damit immer etwas Subjektives. Es gibt sie nicht, "die einzig wahre Schöpfungsmythe". So ist der Ursprung vieler Mythen meist eine mündliche Überlieferung, die man inzwischen zwar häufig niedergeschrieben hat, die es aber in zahlreichen Variationen gibt. Je nach Quelle kann daher ein und dieselbe Mythe im Detail voneinander abweichen. Außerdem sind in einigen Gegenden (z.B. in den [Sub-] Kontinenten Australien und Indien) unterschiedliche Mythen bekannt, so dass man nicht von "der" Schöpfungsmythe schlechthin sprechen kann.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Ausgabe 3/2004 von "Eine Welt in der Schule". Sie können diese Ausgabe jetzt herunterladen (2,1 MB).

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