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In der Alexander-Puschkin-Oberschule in Berlin-Lichtenberg
wird interkulturelles Lernen als Teil des Schulprogrammes in verschiedenen
Fächern und in vielfältigen Projekten des Zusammenlebens und
-lernens umgesetzt. Je Schulhalbjahr werden Länderschwerpunkte
gesetzt, die in der Unterrichtsgestaltung geeigneter Fächer Berücksichtigung
finden.
Die Aspekte interkulturellen Lernens werden dabei in fächerübergreifenden
Lerngelegenheiten (Projektwochen, Einbeziehung von außerschulischen
Partnern bzw. Referenten etc.) miteinander vernetzt. So setzt sich z.B.
der Wahlpflichtunterricht "Bildende Kunst" mit der Kunst und
Kultur, aber auch mit der Sprache und Literatur sowie mit der Musik
und der Geschichte des jeweiligen Schwerpunktkontinents bzw. -landes
auseinander. Die Vielfalt der Unterrichtsvorhaben auf Grundlage des
interkulturellen Zusammenlebens fördert so die Toleranz und Akzeptanz
fremder Kulturen sowie ein besseres Verständnis der eigenen Kultur.
Im März 2003 bekam die Alexander-Puschkin-Oberschule als dritte
Schule Berlins die Auszeichnung "Schule ohne Rassismus - Schule
mit Courage" verliehen.
An unserer Schule findet kein Religionsunterricht statt. Auch eine religiöse
Vorbildung der Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern ist
größtenteils nicht gegeben. Dies ist sicher immer noch durch
die Sozialisation der Elterngeneration in der DDR zu begründen.
Deshalb hat es uns interessiert, der Frage unserer Schülerinnen
und Schüler "Was geht uns Religion an?" nachzugehen.
Das im Folgenden vorgestellte Inselspiel "Was geht uns Religion
an?" wurde an einem Nachmittag in unserem Schulclub mit 12 Schülerinnen
und Schülern aus der achten und neunten Jahrgangsstufe durchgeführt.
Die Teilnahme war freiwillig.
Ziel des Projektes
Das Ziel ist nicht eine religiöse Erziehung der Schülerinnen
und Schüler, sondern die Auseinandersetzung mit religiösen
Überzeugungen, Traditionen und moralischen Einstellungen. Die Schülerinnen
und Schüler erkennen, dass Grundstrukturen des menschlichen Zusammenlebens
sich in den verschiedenen Grundsätzen und Geboten der Religionen
wiederfinden und diese die Grundlage einer Gemeinschaft darstellen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Projektes ist, im Gespräch und im
Rollenspiel zu klären, inwiefern die Religionen auch im eigenen
Leben eine Rolle spielen - auch wenn sie ihrer Meinung nach nicht religiös
sind.
Das Inselspiel
Die Schülerinnen und Schüler stellten sich vor, dass sie mit
Rettungsbooten (fünf bis sechs Insassen) jeweils auf einer einsamen
Insel stranden. Die Insel war von kleinen, aber auch großen gefährlichen
Tieren bewohnt, Frischwasser war vorhanden, jedoch keine Werkzeuge,
keine Streichhölzer sowie kein Proviant und kein Handy.
Die Schülerinnen und Schüler reagierten sehr motiviert auf
die Ausgangssituation. Es störte sie nur, dass sie ohne ihre heißgeliebten
Handys, die auch während der gesamten Projektzeit ausgeschaltet
waren, auf der Insel stranden. Auch stellten sie alberne Vermutungen
an, welche "gefährlichen" Tiere sie erwarten.

1. Schritt
Im ersten Schritt ging es um das Überleben bzw. Experimentieren
auf der Insel unter dem Gesichtspunkt, was passiert, wenn mitgebrachte,
sonst vorhandene religiöse Traditionen und Prägungen im Alltag
wegfallen?
Die Feiertage, Symbole und Namen waren den Schülerinnen und Schülern
überwiegend bekannt. Über deren Inhalte und Bedeutungen informierten
sie sich in den ausgelegten Materialien.
- Feiertage/Feste
z.B. Sonntage (Wochenrhythmus), Weihnachten (Krippendarstellung, Familie
- Weihnachtsbaum), Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt, Nikolaus (Geschenke),
Lichterfest, Ramadan
- Namen
z.B. Maria, Matthias, Johanna, Eva, ... (Quelle: Namensbücher)
- Symbole
z.B. für Judentum, Christentum, Buddhismus, Islam
- Nahrung
z.B. Nahrungsvorschriften im Judentum und Islam wie koschere Speisen
und das Verbot von Schweinefleisch und Alkohol.
2. Schritt
Als Orientierung und Einstimmung auf das Rollenspiel schauten sich alle
Schülerinnen und Schüler den Beginn des Filmes "Der Herr
der Fliegen" von William Golding an. Wir empfehlen den Film bis
zu der Stelle zu zeigen, an dem die Jugendlichen beginnen die Insel
zu erkunden. Als Alternative zum Film ist auch eine Fantasiereise denkbar,
bei der der Spielleiter von der Insel erzählt.
In unserem Projekt verglichen die "Inselbewohner" die Charaktere
des Films mit einzelnen Gruppenmitgliedern und suchten den Zusammenhang
zwischen Film und Planspiel: "Jetzt müssen wir sicher auch
gleich durch den Dschungel!"
1. Inseltag
Die Schülerinnen und Schüler erhielten eine Grundform ihrer
Insel und Einzelteile aus Papier (Berge, Felsen, Fluss, Urwald, wilde
Tiere und Kleintiere, Strand, Obstbäume etc.) zum "Einrichten"
der Insel. Die einzelnen Gruppen gestalteten und "erkundeten"
ihre Insel. Sie diskutierten, wo auf ihrer Insel ein Fluss verläuft,
eine Palmenplantage entsteht, wilde Hühner leben und klebten die
Einzelteile auf ihre Inselform.
2.
Inseltag
Am zweiten Tag ging es um die Aufgabenverteilung, die das Über-
und Zusammenleben der Gruppe gewährleisten sollte. Jeder Inselbewohner
zog eine der folgenden Rollenkarten:
Du bist der Koch. |
Du bist Medizinmann. |
| Deine
Aufgabe ist dafür zu sorgen, dass die Jäger/Sammler Nahrung
bringen, der "Feuerwächter" sich um das Feuer kümmert,
immer Frischwasser vorhanden ist und jeder auf der Insel genügend
Nahrung bekommt. |
Die
Gruppenmitglieder kommen zu dir, wenn sie krank oder verletzt sind.
Deine Aufgabe ist es, sie zu heilen. |
Du bist der Feuerwächter
und fürs Feuermachen zuständig. |
Du bist ein Jäger und Sammler. |
| Du
musst das Brennholzsammeln organisieren und darauf achten, dass
die Flammen nicht ausgehen. |
Deine
Aufgabe ist es, die Gruppe mit ausreichend Nahrung zu versorgen,
die du im Wald, im Wasser sammelst, jagst oder fängst. |
In unserem Projekt gab es einen Koch, einen Feuerwächter,
einen Medizinmann und drei Jäger und Sammler. Die Reaktionen auf
die durch Los ermittelten Rollen waren recht unterschiedlich. Die Jäger,
Sammler und der Medizinmann waren mit ihrer Rollenzuteilung zufrieden,
während es immer die Rolle des Kochs war, die nicht so angesehen
wurde.
Die Gruppenteilnehmer stellten die Inhalte ihrer Aufgaben vor, organisierten
im Gespräch ihren Tagesablauf und stellten dabei fest, dass sich
die Aufgaben gegenseitig bedingen und beeinflussen. So mussten zum Beispiel
die Jäger und Sammler das Brennholz für den Feuerwächter
sammeln und dieser sorgte u.a. für eine Feuerstelle für den
Koch.
3. Inseltag
Am dritten Tag geschahen unvorhergesehene Ereignisse. Sie wurden in
Form von Ereigniskarten in das Rollenspiel eingeführt und diskutiert.
Während der Diskussion setzte sich jedes Gruppenmitglied mit neuen
Aufgaben in seiner Rolle auseinander.
Jemand hat nachts Tiere aus dem Urwald
gehört!
Die Schülerinnen und Schüler
diskutierten, wie sie sich schützen können, z.B. durch
Nachtwachen und Schutzfeuer. |
Die Jäger kommen mit leeren Händen zurück
und behaupten, dass sie keine Nahrung gefunden haben. In Wirklichkeit
haben sie das, was sie gesammelt hatten, bereits im Wald selber
gegessen. Dieses kommt im Gespräch heraus.
Die Schülerinnen und Schüler dachten über Lügen
und Ehrlichkeit und über Sanktionen nach. |
Über Nacht hat sich das Wetter verschlechtert.
Es regnet heftig!
Die Schülerinnen und Schüler diskutierten über
den Bau einer Hütte oder anderer Maßnahmen. Die Schülerinnen
und Schüler gingen auch auf den Inseln noch von ihrem Alltag
aus und schlugen daher Vorgehensweisen mit Materialien vor, die
auf der Insel nicht vorhanden waren, wie z.B. Waffen, Bewegungsmelder,
Bohrmaschine, Nägel ... Die Diskussionen in den Gruppen
dauerten so länger, da Baumaterialien und Waffen erst auf
die auf der Insel vorhandenen Materialien reduziert werden mussten. |
Du hast dich beim Jagen schwer verletzt. Die anderen
Jäger schleppen dich bewusstlos ins Lager zurück.
Eine neue Aufgabenverteilung und Gruppensituation konnte diskutiert
werden: Die Gruppe könnte z.B. beschließen, dass der
Medizinmann beim Verletzten bleibt und der Koch die Aufgabe eines
Jägers zusätzlich übernimmt.
Eine unserer Gruppen kam zu dem Ergebnis, dass der Koch jetzt
auch jagen geht. Die entsprechende Schülerin freute sich,
da sie sich in der Rolle der Köchin innerhalb der Gruppe
recht unwohl fühlte. |
Du hast keine Lust, deine zugeteilte Aufgabe zu
erfüllen und verweigerst die Mitarbeit in der Gruppe.
Diese Konfliktsituation rief eine sehr heftige Diskussion hervor,
da die Gruppenteilnehmer nicht bereit waren, dieses Verhalten
zu akzeptieren. Sie bewegten ihn, seine Aufgabe weiterhin zu erledigen,
indem sie ihm Essensentzug androhten. Jäger/Sammler: "Wenn
du keine Lust hast, für uns Brennholz zu holen, kriegst du
von uns auch nichts mehr zu essen!" |
Du hast Heimweh und erledigst deine Arbeiten auf
der Insel lustlos und traurig.
Die Schülerinnen und Schüler begannen den Lustlosen
zu trösten und von seinem Kummer abzulenken. Sie stärkten
durch dieses Verhalten das soziale Gefüge der Gruppe. |
Nach dem dritten Inseltag erfolgte eine Unterbrechung
des Inselalltags. Es fand ein Gruppengespräch auf einer Metaebene
statt.
Die Schülerinnen und Schüler wurden befragt:
- Wie seid ihr mit Problemen umgegangen?
- Was ist passiert?
- Seid ihr mit der Gruppensituation zufrieden?
Sie
hatten zunächst gedacht, dass es besser wäre, wenn jeder die
Aufgabe bekommt, die ihm am meisten Spaß macht. Es wurde bald
klar, dass dies nicht möglich ist, weil alle Aufgaben erfüllt
werden müssen, aber nicht nach Wunsch verteilt werden konnten.
So wollte z.B. keiner kochen. Heftigen Streit gab es um den Verweigerer.
Es gab keinen Versuch ihn zu überreden, statt dessen wurde ihm
gleich der Essensentzug angedroht.
Die Schülerinnen und Schüler stellten fest, dass sich die
ursprünglichen Aufgaben durch die Ereignisse (s. Ereigniskarten)
verschieben beziehungsweise neue Aufgaben entstehen. Sie merkten, dass
sie zum Gestalten des Zusammenlebens der Gruppe im Gespräch bleiben
und aufeinander Rücksicht nehmen mussten. So wurde ein Jäger
nach der Nachtwache zum Schutz vor wilden Tieren vom Wasserholen am
Morgen befreit.
Das Gespräch auf der Metaebene wurde durch die Frage "Wie
soll es weitergehen?" abgeschlossen. Die Schülerinnen und
Schüler wurden auf die Insel zurückgeschickt mit der Aufgabe,
Regeln oder Tipps zusammenzustellen, die ihr Zusammenleben (z.B. bei
Konfliktsituationen und neuen Anforderungen) erleichtern.
4. Inseltag
Die Schülerinnen und Schüler einer Gruppe kamen auf folgende
Gruppenregeln, die sie auf ein Plakat schrieben:
- Alle müssen mitmachen
- Wir müssen uns alle respektieren
- Wir müssen nett zueinander sein
- Wir müssen ehrlich zueinander sein
Sollten die Schülerinnen und Schüler nicht in der Lage sein,
die Gruppenregeln abstrakt darzustellen, sollte ihnen hierbei Formulierungshilfe
angeboten werden.
3. Schritt
Das Inselspiel wurde beendet, die Gruppen kamen zusammen und die Schülerinnen
und Schüler beschäftigten sich in Partnerarbeit mit Texten
zu verschiedenen Religionen. In unserem Projekt hatten wir uns für
Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus entschieden. Die Materialien
(jeweils eine Doppelseite) entnahmen wir einem Heft der Stiftung Weltethos.
Die Schülerinnen und Schüler erstellten Plakate zu den grundlegenden
Regeln, Geboten oder Tugenden dieser Religionen und stellten ihre Ergebnisse
den anderen vor. Dabei kam heraus, dass alle Religionen ähnliche
Grundregeln beinhalten, die das Zusammenleben in einer Gemeinschaft
gestalten.
| Christentum |
Judentum |
Islam |
Buddhismus |
"Insel" |
-
10 Gebote
- Geben ist seliger als nehmen
- Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst
- Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit |
- 10 Gebote
- Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren
- Du sollst nicht töten, stehlen, Unzucht treiben
- Du sollst ehrlich sein
- Liebe deinen Nächsten
- Gerechtigkeit, Wahrheit, Frieden |
- Zu den Eltern gut sein
- Den Verwandten und Armen geben
- Töte niemanden
- Erfülle die Verpflichtung, die du eingehst
- Meide die falsche Aussage
- Hilfeleistung nicht verwehren |
5 Grundgebote
- ich gelobe, mich des Tötens zu enthalten,
- ich gelobe, mich des Stehlens zu enthalten,
- ich gelobe, mich des unrechten Wandels in Sinnenlust zu enthalten,
- ich gelobe, mich des Lügens zu enthalten,
- ich gelobe, mich des Rausches zu enthalten |
- Alle müssen
mitmachen
- Wir müssen uns alle respektieren
- Wir müssen nett zueinander sein
- Wir müssen ehrlich zueinander sein |
Die Tabellentexte stammen aus den Plakaten
der Schülerinnen und Schüler
4. Schritt
Neben die Plakate mit den grundlegenden Haltungen, Regeln und Geboten
der großen Religionsgemeinschaften hingen die Schülerinnen
und Schüler ihre Gruppenregeln. Sie verglichen ihre eigenen Regeln
mit den Regeln und Geboten der besprochenen Religion und stellten Übereinstimmungen
fest (s. Tabelle). "Alles, was wir uns auf der Insel ausgedacht
haben, steht auch auf den Plakaten zu den verschiedenen Religionen."
Viele Schülerinnen und Schüler zeigten Erstaunen, dass es
so viele Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten gibt. Ihre Erwartungen
bzw. Vorurteile gegenüber Religionen wurden nicht bestätigt.
In einem letzten Schritt überarbeiteten und ergänzten sie
die auf der Insel erstellten Gruppenregeln.
Um eine Rückbindung an den ersten Schritt (Wegfall der religiösen
Traditionen und Prägungen) zu erhalten und um die Religion nicht
nur auf ein moralisches System zu beschränken, könnten noch
weitere Ereignisse und Aufgaben eingeführt werden: Möglich
wäre ein Ereignis, das es nötig macht, über den Umgang
mit Angst, Lebensbedrohung oder Tod nachzudenken. Vielleicht gibt es
einen vom wilden Tier getöteten Jäger, von dem man sich in
irgendeiner Form "verabschieden" muss.
Die Schülerinnen und Schüler könnten auch die Aufgabe
erhalten, sich für das Rollenspiel auf der Insel Namen zu geben,
die keinen Bezug zu Religiösem haben. Sie werden bei der Durchsicht
der Namensbücher (s.o.) feststellen, dass dies nicht so einfach
ist.
Aufgrund der freiwilligen Teilnahme am Projekt waren die zwölf
Schülerinnen und Schüler sehr motiviert. Im Verlauf des Rollenspiels
stellten sie fest, dass das Zusammenleben in einer Gemeinschaft bestimmte
Regeln erfordert.
Trotz ihrer kritischen und distanzierten Haltung der Religion gegenüber
konnten die Schülerinnen und Schüler einsehen, dass allgemein
gültige religiöse Grundsätze auch in ihrem Alltag eine
Rolle spielen.
Literatur
Berliner Landesinstitut für Schule und Medien (Hg.): Unterrichtsmaterialien
und Handreichungen zur "Interkulturellen Erziehung". Berlin
2002
BUBHOLZ, GEORG (Hg.): Religionslexikon: Daten, Fakten und Zusammenhänge.
Berlin 2001
Schülerduden: Die Religionen. Mannheim, Wien, Zürich 1980
Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz: Von Allah
bis Zakat, Ausgewählte Stichworte zum Islam. Berlin 1993
Stiftung Weltethos: Weltreligionen - Weltfrieden - Weltethos. Tübingen
2000
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in
Ausgabe 2/2004 von "Eine Welt in der Schule". Sie können
diese Ausgabe jetzt herunterladen (2,1 MB).

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