Projekt "Eine Welt in der Schule"
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Anregungen für die Grundschule und Sekundarstufe 1

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Ein Projekt des Grundschulverbandes e.V.


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Glaube und Religion - Fußball und Popmusik
Wetten, dass ihr alle an etwas glaubt ...!
Wolfgang Liesigk
 
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Zur Reflexion über die großen religiösen Glaubensgemeinschaften der Erde und die Umsetzung im Unterricht fand Anfang November 2002 eine Lehrerfortbildungstagung des Projektes "Eine Welt in der Schule" in Berlin statt. Am Ortsrand, in idyllischer Umgebung am Zeuthener See, ließ es sich vortrefflich debattieren. Es galt den von Referenten angebotenen Daseinserklärungen nachzugehen und Möglichkeiten zu erörtern, was Jugendliche, also Schülerinnen und Schüler, davon halten könnten. Als Konsequenz daraus entschieden sich die Mitglieder meiner Arbeitsgruppe für eine Wette: "Jeder glaubt an irgendetwas, das werden wir beweisen!" Es entstand eine Unterrichtsskizze, an der ich mich bei der Unterrichtsplanung und -durchführung in einer 9. Gesamtschulklasse im Fach Gesellschaft/Politik orientierte.

Die Wette
Mit der apodiktischen Aussage "Jeder glaubt an etwas!" und der Aufforderung zur persönlichen Stellungnahme: "Woran glaubst du?" erfolgte die Einleitung zum Thema. Die Schülerinnen und Schüler schrieben ihre Antworten auf Kärtchen. Nach dem Mischen und Verteilen lasen sie vor. Ein Schüler fasste die (Mehrfach-) Nennungen an der Tafel zusammen. Die Liste übernahmen alle ins Heft und markierten ihre Wahl durch Hervorhebung. Sie zeigte folgendes Ergebnis: Gott (9 Nennungen), Nichts - Kein Glaube (5), Allah (4), Freund/in (3), Liebe (3), Familie (2), Jesus (1), Engel (1), Propheten (1), Mohammed (1), Gerechtigkeit (1), Selbst (1), Zärtlichkeit (1), Fußball (1). Heraus ragten zwei Formulierungen: "Ich glaube an Jesus, den eingeborenen Sohn Gottes, der für uns am Kreuz gestorben ist." und "Ich bin E. D. M. Ich glaube an Gott Allah und Muhammed!"
Während mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler an einer Religion orientiert war (Christentum/Islam), verbanden drei mit moralischen Werten und Instanzen das Glaubensziel. Vier machten dagegen keinerlei Angaben, ihre Feststellung lautete: "Nichts!" An sie richtete sich nun hauptsächlich das Angebot einer Wette: "Am Ende dieser Unterrichtseinheit werdet auch ihr zugeben müssen, dass ihr einen Glauben habt!"

Was ist Glaube - was gehört zur Religion?
Es entwickelte sich ein Gespräch über Religion. M. berichtete von seinem Konfirmandenwochenende, an dem es um Daseinsbewältigung ging: "Ich habe durch die vielen Beispiele, die uns Jesus vorlebte, einen Sinn für mein Leben entdeckt und möchte mich besonders für Nächstenliebe einsetzen. Das kann man auf verschiedene Art und Weise." A. ergänzte: "In meiner Religion ist das sogar Gesetz. Wir müssen den Ärmeren einen Teil abgeben." In der Debatte fielen etliche religiöse Begriffe, stets in Gegenüberstellung von Islam und Christentum. T.: "Unsere Grundregeln stehen im Koran, das ist die Heilige Schrift. Als Wichtigstes gilt: Es gibt nur einen Gott." K. antwortete: "Im Christentum ist das genauso und mit Jesus haben wir ebenfalls eine Person, die den Glauben vorgelebt hat, genau wie euer Mohammed."
Die Schülerinnen und Schüler waren nun aufgefordert, alles, was ihnen zu Glauben und Religion einfiel, auch Symbole, zu notieren. Eine lange Liste mit über dreißig Einträgen entstand. In den meisten Fällen existierte ein Äquivalent von Islam und Christentum. Einige Beispiele: Kirche-Moschee, Dom-Petersdom, Kaaba-Mekka, Prediger-Vorbeter, Kloster-Koranschule, Kreuz-Halbmond, Gott-Allah, Konfirmation/Kommunion-Beschneidung, Fasten-Ramadan, Auferstehung/Tod-Empfang von Engeln, Paradies-70 Jungfrauen, religiöser Fanatismus-Fundamentalisten.
Als weitere Anregung, insbesondere als Hinweis darauf, dass "alle Welt glaubt" und "schon immer geglaubt hat", bekamen die Schülerinnen und Schüler eine Karikatur von Hans Traxler. Auf dieser ist ein vor seinen Schülerinnen und Schülern stehender Lehrer zu sehen, der über Religionen doziert. In der Hand hält er ein Pamphlet, auf dessen Umschlagseite die Überschrift "Multi - Reli" herausragt. Im Hintergrund und auf dem Pult posieren Figuren unterschiedlicher Religionen: Buddha, Jesus, Zeus, Xoatl, Isis, Jaiva. Eine Schülersprechblase verkündet: "John Lennon fehlt!" S. meldete sich als erste zur Interpretation: "Da kenn ich doch welche. Zumindest Jesus. Aber warum stehen die anderen da rum?" F.: "Es sind ganz unterschiedliche Religionen dargestellt. Aus aller Welt und auch von vergangenen Zeiten, wie zum Beispiel Ägypten oder Griechenland." Die Figuren wurden nun zugeordnet: Länder bzw. Erdteil, Zeitraum und Kulturkreis.
Als Fazit stellten wir fest: Es existiert eine Vielzahl von Religionsgemeinschaften auf der Welt. Die wichtigsten kamen zur Aufzählung: Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus, Judentum. Die Beschäftigung mit diesen sollte später stattfinden. Abschließend trugen die Jugendlichen wichtige Zuordnungen ein und gestalteten die Vorlage (Karikatur) auch mit der zu Beginn des Unterrichtsvorhabens geäußerten eigenen Meinung, indem sie ihre persönliche Sprechblase ausfüllten.

Fußball, Popmusik und Religion
Es kam das Arbeitsblatt "Ronaldo als Erlöser" zum Einsatz. Der Hauptsponsor des Fußballvereins Inter Mailand fotografierte seinen brasilianischen Mittelstürmer und Ausnahmestar Ronaldo (mittlerweile spielt er bei Real Madrid) in der Pose der Erlöserstatue von Rio de Janeiro als Werbegag. Der Zusammenhang von Fußball und Religion war hergestellt, was die Schülerinnen und Schüler nicht überraschte. Sie reagierten gelassen. M. merkte an: "Selbstverständlich kennen wir viele Vergleiche von Fußball und Religion. Aber hier kann man sogar was lernen, denn viele wissen ja nicht, dass es eine solch riesige Statue in Rio de Janeiro gibt, die Jesus zeigt." S. stellte fest: "Wer kennt schon dieses Riesendenkmal, aber so eine Triumphgeste findest du jeden Samstag bei den Bundesligaspielen; wenn ein Torschütze überheblich seinen Treffer feiert." O.: "Irgendwie stimmt die Relation nicht, weil Jesus doch die Menschheit retten und der Ronaldo seinen Verein höchstens zum Sieg führen wollte. Aber in der Werbung ist alles möglich." D.: "Ich finde das Ausbreiten der Arme geil! Das zieht an und wirkt unheimlich elegant. Insofern ist die Werbung sehr gut gelungen. Und sicher merken selbst die Fans erst auf den zweiten Blick, wer noch gemeint ist. Wenn das dann der Fall sein sollte, dürften sie meiner Meinung nach noch doller begeistert sein."
Andere "Fußballgötter" der Lieblingsfußballvereine, insbesondere von Jungen, fanden Erwähnung. Mädchen wiesen darauf hin, dass bei der Rock- oder Popmusik sowie in der Mode ebenfalls viele Berührungspunkte zur Religion bestehen. M.: "Die Band 'E Nomine' spielt viele 'Relisachen'. Es gibt einen Titel, der heißt 'Vater unser'. Die bringen also das Glaubensbekenntnis im Techno-Stil rüber."
Gemeinsam mit der Lerngruppe stellten wir eine neue Liste der religiösen Begriffe mit den Rubriken "Christentum, Islam, Pop/Rock und Fußball" auf. In Partnerarbeit recherchierten die Schülerinnen und Schüler dann im Internet mit der Suchmaschine Google, inwieweit die bislang genannten Religionsinhalte kompatibel zur weltlichen Abteilung waren. Beispiele: Eingabe von Choral/Fußball = Fangesang oder Gott/Rock = Elvis usw. Die Aufteilung ergab die ideale Konstellation von je fünf Paaren zu Pop/Rock und Fußball, wobei auch Mädchen beim Sport zu finden waren.
Die Stichwortsuche lieferte jede Menge Informationen, allerdings nicht unbedingt im Sinne von Klarheit und Systematik. Höchstens zwei Seiten des jeweiligen Fundes sollten die Schülerinnen und Schüler für ihre Materialsammlung ausdrucken. Die anschließende Auswertung mit dem Lehrer lieferte nun die Gemeinsamkeiten des rituellen Gerüstes von Religion und Ersatzreligion. Prägnante Zuordnungen belegten das.

Collagen
Schülerinnen und Schüler arbeiten an ihren CollagenDie umfangreiche Vorgabe setzten die Partner in Collagen um. Nach mehr als drei Stunden selbstständiger Schülertätigkeiten kamen sehr anschauliche und auch ästhetisch ansprechende Ergebnisse zustande. Sie belegten plastisch die begriffliche Zuordnung. Hilfreich sind dabei die im Lesemappenspektrum zur Verfügung stehenden Illustrierten, welche ausführlich über Religionen, speziell den Islam berichten. Tratsch und Klatsch der Rock- und Popszene bedient die Regenbogenpresse. Unentbehrlich zum Bereich Fußball war der "Kicker" als Fachblatt und Fotogeber.
Die Schülerinnen und Schüler präsentierten ihre Arbeiten. D. und D. montierten in die Mitte ihrer Collage ein überdimensionales Auge, auf dem der Titel "Glaube & Religion" zu lesen ist. Sie verbinden damit sowohl Islam, Christen- und Judentum, als auch Fußball und Popkultur. Konzentrisch ordneten sie die Themenkreise an:
- Eine gekrönte Jesusfigur mit flammendem Herzen auf der Brust, vertrauenerweckendem Augenaufschlag, gepflegter Langhaarfrisur und dezentem Bart ist umrahmt von den ehemaligen DFB-Bundestrainern Franz Beckenbauer und Berti Vogts sowie einem Zigarre dampfenden Herrn Assauer, dem Manager des Fußballvereins Schalke 04.
- Das Vereinsabzeichen Real Madrids, Gipsfiguren der Jungfrau Maria, die Flagge Israels (Davidstern), Heiligenbilder und ein stilisierter Halbmond erhalten die Überschrift "Symbole".
- Jubelnde jugendliche Menschenmassen, emporgereckte Hände, kreischende Gesten in einer Konzerthalle, vollbesetzte Tribünen eines Fußballstadions und der Einmarsch internationaler Religionsgemeinschaften beim Schlussgottesdienst des Berliner Kirchentages von 1999 dokumentieren Massenglaubensveranstaltungen wie "Kirchentag, Fußballmatch, Live-Konzert".
- Eine gotische Prachtkirche, modernes Fußballstadion, die Suleyman-Moschee in Istanbul vereinen "Kirche - Stadion - Konzerthalle".
- Der deutsche Katechismus des Dr. Martin Luther als Faksimile klebt zusammen mit dem "Bravo"-Titel "hits 38" sowie arabischen Schriftzeichen des Korans in deutscher Übersetzung: "Das Lob ist Allahs, des Herrn der Welten ..." Und direkt darunter Israelis, die eine Thora durch Gassen tragen.
- Mönchskutte, Kopftuch, Lederdress von Jennifer Lopez, Fußballkluft. Es dominiert die schwarze Farbe.
- Mick Jagger, Britney Spears, Sarah Connors und andere Größen des Popgeschäfts strahlen mit weißpolierten Zähnen, freundlichem Lächeln und Mikro in der Hand. Scheichs applaudieren einem "Milan-Fußballer" zum Gewinn des Europapokals. "Bambis" in der Hand, strahlen Schauspieler um die Wette: "Konfirmation - Auszeichnung - Pokalgewinn".
- Zwei in Burqua gehüllte Frauen sitzen sich gegenüber, daneben Dschihad- Kämpfer, schwarze Kapuze, Kalaschnikow, weißer Kittel. Darüber kahlgeschorene germanische Bomberjackenträger: Fanatismus.

Von den Schülerinnen und Schülern erarbeitete Collagen

Von den Schülerinnen und Schülern erarbeitete Collage Von den Schülerinnen und Schülern erarbeitete Collage
Von den Schülerinnen und Schülern erarbeitete Collage Von den Schülerinnen und Schülern erarbeitete Collage
Von den Schülerinnen und Schülern erarbeitete Collage
Von den Schülerinnen und Schülern erarbeitete Collage
Von den Schülerinnen und Schülern erarbeitete Collage

Warum glauben wir?
Ausgehend von den vielen Gemeinsamkeiten der weltlichen und religiösen Gemeinschaften wollten wir wissen: "Was gibt uns der Glaube?" Ein ausführliches Unterrichtsgespräch war eröffnet. D. schwärmte von seinem Lieblingsfußballverein und Fanclub: "Wir haben immer ein Topgruppenerlebnis und einen sagenhaften Zusammenhalt. Bei Niederlagen spenden wir uns gegenseitig Trost. Wir treffen uns auch während der Woche und telefonieren oft." M.: "Ohne Gruppe kommt niemand aus. Doch ich schöpfe meine Kraft aus dem Wissen um Jesus. Durch sein Vorbild bekomme ich eine gute Orientierung für mein späteres Leben. Ein Gottesdienstbesuch bestärkt mich dabei. Und so ein Fußballclub kann mir doch im Leben nicht wirklich helfen." D: "Es tut gut mit vielen Frauen und Mädchen in der Moschee zu beten. Man fühlt sich geborgen und aufgehoben. Ich vergesse manchen Ärger und fühle mich auch anerkannt."
T.: "Zu Hause schreiben mir ganz bestimmte Regeln wie Fasten, Beten vor. Und auch das Benehmen als Mädchen entsprechend der islamischen Vorschrift muss sein. Das ist sehr anstrengend. Aber ich brauche wenigstens kein Kopftuch tragen. Wenn aber alle Verwandten und Freunde zu einem Familienfest, wie zum Beispiel einer Hochzeit, zusammenkommen, dann finde ich das super."
Die wichtigsten Aussagen schrieben die Schülerinnen und Schüler an die Tafel und übernahmen sie ins Heft. Um eine Systematisierung bzw. ein über die Lerngruppe hinausgehendes Ergebnis zu erhalten, entwarfen wir gemeinsam einen Fragebogen, der an unserer Schule zum Einsatz kommen sollte.

Interviews
Schülerarbeitsblatt: Woran glaubst du?Nach Sammeln der Schülerbeiträge einigten wir uns auf einen Interviewbogen, der erst einmal allgemeine Angaben zur Person, Alter, Sprache, Staatsangehörigkeit bzw. Herkunftsland der Familie und Religionsangehörigkeit beinhaltete.

Sodann ging es um weitere Fragestellungen:
- Was bedeutet Religion für dich, woran glaubst du?
- Erkennst du alles an, was z.B. in der Bibel oder im Koran niedergeschrieben ist?
- Wie stehst du zu anderen Religionen?
- Bist du mit deiner Religion zufrieden?
- Du weißt, dass viele Mitschüler durch ihren Fußballverein oder Popstars auch eine (Ersatz-)Religion haben. Was verbinden sie damit? Was unterscheidet diese von deiner?
- Hast du noch Fragen oder Anregungen für unsere Befragung?

Pro Schülerin bzw. Schüler sollten mindestens zwei Interviews mit Jugendlichen möglichst gleicher Altersklasse durchgeführt werden, bevorzugt an unserer Schule oder auch im Freundeskreis. Mit Begeisterung machten sich die meisten an diese Aufgabe.
In der Auswertung sortierten wir die Ergebnisse der nahezu 40 Bögen erst mal nach Religionszugehörigkeit: Ohne gaben 8 Personen an, 13 nannten den Islam als ihren Glauben, 8 waren evangelisch, 2 Katholiken, 6 bezeichneten sich als Christen, darunter ein Zeuge Jehovas. Anschließend verglichen wir die weiteren Angaben durch Verlesen der Antworten und Notieren der Häufigkeit, inhaltlichen Aussage oder Tendenz an der Tafel:
Während der junge Zeuge Jehovas seine Religion regelmäßig ausübt, indem er am Freitag, Sonntag, Dienstag in die Versammlung, den "Saal", und darüber hinaus von Haus zu Haus geht und predigt, sind ansonsten christliche Jugendliche ihren Angaben zufolge durchweg passiv. Mit der Ausnahme Konfirmandenzeit oder Feiertage. Meines Erachtens überraschend gilt dies auch für Jugendliche moslemischen Glaubens: "Manchmal gehe ich zur Moschee oder nehme am Fasten teil."
Trotz der Angabe, keine Religion zu haben, glauben drei Jugendliche an Gott. Umgekehrt gibt es auch Kirchenmitglieder, die "Ihn" nicht anerkennen. Christliche Religion bedeutet für viele, sich "am Guten, der höheren Macht", also "dem Allmächtigen" orientieren zu können. Muslime nennen durchweg "Allah" und mitunter "Mohammed" als bedeutungszentral. Auf Nachfrage in der Klasse stellte sich heraus, dass damit auch der Entwurf einer gerechten und friedlichen Gesellschaft gemeint ist. Ein solcher steht sowohl in der Bibel als auch im Koran (fast identisch), richtungsweisend und als Handlungsaufforderung, wobei überwiegend muslimische Jugendliche das Weltbild unumschränkt anerkennen. "Nicht alles nehme ich wörtlich und halte mich daran", lautet dagegen die mehrheitliche Antwort christlich geprägter Schülerinnen und Schüler auf das Buch der Bücher: "Viele Geschichten sind aber sehr interessant und gehören zum Allgemeinwissen."
Bis auf eine saloppe Bemerkung, "die anderen Religionen interessieren mich nicht", beschrieben die muslimischen Jugendlichen ihr Verhältnis zu alternativen Religionen als durchweg tolerant: Sie werden "akzeptiert" oder "respektiert". Bei den übrigen befragten Schülerinnen und Schülern war eine Tendenz nicht erkennbar. Mal hieß es "sehr positiv, bin interessiert, weiß aber wenig", aber auch "ist mir ziemlich egal, kein Verhältnis".
Zufriedenheit mit ihrer Religion bekundeten die meisten. Dazu reichte ein knappes "Ja". Besonderes Lob kam vereinzelt aus allen "Lagern": "Meine ist die beste", "ich bin froh darum", "sehr happy". Eine Kritik fiel auf: "Ich bin mit vielem, was meine muslimischen Glaubensbrüder machen, nicht einverstanden".
Unterschiedlichste Ansichten äußerten die Interviewten zur Verbindung von Fußball oder Popmusik mit Religion. Fundamentalistisch argumentierte der Zeuge Jehovas: "Diese Dinge sind sehr menschenverherrlichend und ich finde, dass es eher keine Verbindung zwischen Glauben und Freizeitaktivitäten geben darf." Dagegen lautete eine Aussage schlicht: "Das ist Kinderkram." Die Muslime antworteten in der Mehrzahl, es gäbe keinen Bezug, ein solcher Umstand sei nur wohlwollend hinzunehmen: "Die Leute sind überzeugt und glauben halt an so was." Differenzierter fielen weitere Kommentare aus: "Da gibt es Leitidole aus den Religionen. Sie werden übertragen." Und noch treffender: "Es ist eine Orientierung für den Alltag."
Als Anregung erhielten wir schließlich den Wunsch eines Jugendlichen an unserer Schule, mehr über "Gott und die Welt" wissen zu wollen sowie einen multikulturellen Appell: "Man sollte die Menschen wegen ihrer Religion, Nationalität, Klasse oder Aussehen nicht auflisten. Wir müssen uns dafür einsetzen, mit anderen menschlich, tolerant und rücksichtsvoll umzugehen."
Die selbstverständlich nicht repräsentative Befragung förderte weitgehend vermutete Trends zutage. Im Unterrichtsgespräch kam es nun zu einer Verdichtung von Positionen. Grund auf die eingangs gestellte Wette zurückzukommen. Ausgestattet mit dem Repertoire bisheriger Betrachtungen von An- und Einsichten zur Analyse glaubensfundierter Lebensentwürfe stimmten die Schülerinnen und Schüler einhellig zu: Ja, jeder von uns glaubt tatsächlich an etwas! Angeführt wurden neben Allah und Gott, Familie, Freunde, Liebe, das Gute im Menschen, Vertrauen. Fußball, weil da die Zugehörigkeit zur Gruppe gegeben ist und Geborgenheit darstellt. Hilfe im Alltag oder bei der Daseinsbewältigung bietet für einige die Rockmusik mit den entsprechenden Idolen (Stars). Allerdings hängt dies einschließlich Vermarktung sehr wohl von der inhaltlichen Qualität der Künstlerin oder des Künstlers ab. Insofern bieten die "weltlichen Surrogate", die Ersatzreligionen, eine kaum das ganze Leben umfassende Philosophie.
Aber auch an die Institution Kirche fühlten sich viele nicht gebunden. Sie präsentiert zwar einen festgesteckten Ordnungsrahmen u.a. mit Taufe, Kommunion, Konfirmation, Gottesdienst oder Trauerfeier. Vieles wird jedoch als Reglementierung ausgelegt. Und so flüchten die meisten: "Seit der Konfirmation, die mir sehr viel Kohle gebracht hat, war ich nicht mehr in der Kirche." Allgemein lässt das Interesse mit 15 oder 16 Jahren stark nach. Das gilt ebenso für muslimische Schülerinnen und Schüler.

Weltreligionen
An dieser Stelle müsste eine Expertenbefragung einsetzen. In einer schulöffentlichen Diskussionsveranstaltung, organisiert vom Kurs oder der Klasse, könnten Vertreter der christlichen und der muslimischen Kirche sowie ein "bekennender Atheist" Stellung beziehen. Es gelang uns leider nicht, dieses Vorhaben umzusetzen.
Schülerarbeitsblatt: Verbreitung der ReligionsgemeinschaftenStattdessen beschäftigten wir uns noch einmal mit den Religionen der Welt, um aufzufächern, was sie wollen, unterscheidet, verbindet, wie groß ihre Anhängerschaft ist und welche Riten es gibt. Bewusst sollte jetzt der Blick der Schülerinnen und Schüler "über den Tellerrand" gehen und sich von der subjektiven Sichtweise lösen: Woran glauben gegenwärtig Menschen anderswo? Für sechs Glaubensrichtungen existierte eine fotokopierte Übersicht als Arbeitsblatt. Sie war in folgende Rubriken unterteilt: Glaubensrichtung (Katholizismus, Protestantismus, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus - Zahlenangabe von Anhängern weltweit und in Deutschland) und deren Gottesverständnis, Glaubensfundamente, heilige Texte, Glaubenspraxis, Feste, politischer Einfluss, Rolle der Frau.
Zwecks geografischer Orientierung erhielten die Jugendlichen eine stumme Staatenweltkarte, die sie mit Hilfe des Atlas bearbeiteten. Es galt, darauf mit Holzbuntstiften die Verbreitungsgebiete der Religionsgemeinschaften zu markieren. Statistische Daten setzten sie nach Austüfteln eines sinnvollen Maßstabes in Säulendiagramme um und platzierten diese auf der Karte mit den entsprechenden Symbolen (und Farben) der Religionsgemeinschaften. Die in der Gesamtschau doch recht umfangreichen Informationen mussten die Schülerinnen und Schüler in Stichworten und eigener Tabelle zusammenfassen. Das gelang recht gut. Beispiel Glaubensausübung:
- Katholiken = beten, beichten, 10 Gebote anerkennen;
- Protestanten = an 10 Gebote und Gottes Willen halten;
- Juden = Gebote der Thora achten, Erlöser (Messias) befreit die Welt vom Bösen;
- Islam = Regeln (Toleranz, Gerechtigkeit) für den Alltag beachten, Gott richtet nach dem Tod;
- Hinduismus = Welt erneuert sich ständig, gute Taten, Wiedergeburt der Seele;
- Buddhismus = "Achtfacher Pfad" ins Nirwana, alles ist vergänglich und leidvoll, gute Taten bedeuten Wiedergeburt in einem besseren Leben.

Auflistung der heiligen Schriften:
- Katholiken und Protestanten: Bibel,
- Juden: Thora,
- Islam: Koran,
- Hinduismus: Vier Bücher "Veden",
- Buddhismus: Pali-Kanon ("Dreikorb").

Die Deutung des "theoretischen Überbaus" der Religionen demotivierte die Jugendlichen zusehends. Ermüdungserscheinungen waren offensichtlich. Allein die "Rolle der Frau in den großen Religionen" weckte noch einmal die Geister zum Austausch von Meinungen, weil in allen Glaubensgemeinschaften Benachteiligungen festzustellen waren:
- Katholiken: Keine weiblichen Priester;
- Protestanten: hohe Ämter bekleiden fast nur Männer;
- Judentum: Trennung von Frauen und Männern bei Orthodoxen, lediglich Reformierte gewähren Gleichstellung;
- Islam: Zum Teil extreme Benachteiligungen und Diskriminierungen (Afrika, Arabien), nur langsame Reformen;
- Hinduismus: Es gibt weibliche Gottheiten! Geburt eines Mädchens gilt allerdings als Unglück, neuerdings Förderung von Frauen in Indien (83% Hindus);
- Buddhismus: Frauen waren lange Zeit als minderwertig angesehen, obwohl das Geschlecht im Buddhismus keine Rolle spielt; Frauen bereits seit 1959 (Ministerpräsidentin in Sri Lanka) in der Politik aktiv.

Kopftuchdebatte
Das Interesse verlagerte sich schließlich auf das Reizthema "Kopftuch". Um den Meinungsaustausch sachlich zu unterlegen, gab ich den Jugendlichen eine Definition aus dem "Kleinen Islam-Lexikon". Dort heißt es u.a.: "Der Koran enthält keine Hinweise auf ein Verschleierungsgebot, doch sollen die Frauen ihre Reize nicht offen zur Schau stellen (Sure 24:31) und sich in ihren Überwurf hüllen (Sure 33:59), damit sie nicht belästigt werden." Außerdem erwähnen die Autoren Reformislamisten und Frauenrechtlerinnen als Gegner, die in der Verschleierung ein Symbol von Unterdrückung und Rückständigkeit sehen. Argumente der Befürworter sind Bescheidenheit, Anstand, Schutz der persönlichen Würde und das Merkmal kultureller Eigenständigkeit.
Die Aufgabe für die Schülerinnen und Schüler lautete nun: "Kopftuch - ja oder nein? Begründe deine Meinung schriftlich." Zuerst hielten wir die generellen Aussagen fest: 8 Ja-Stimmen, 3 Ja ... aber, 4 Egal/Unentschieden, 4 Nein-Stimmen. Drei Jugendliche sahen das Kopftuch als "religiöses Symbol", immerhin acht sprachen von "Zwang" und sechs nannten "Tradition" als Motiv für den Schleier.
Die Schülerinnen und Schüler lasen ihre ausführlichen Meinungen vor. Jetzt entwickelte sich schnell die erwartete kontroverse Diskussion. Individuelle Beweggründe zählte O. auf: "Wenn die Frauen das wollen, sollen sie es ruhig tun. Mich stört das nicht." M.: "Ich finde, dass jede Frau selbst entscheiden muss, ob sie ein Kopftuch trägt." Dagegen T.: "Die Frau muss es tragen, weil das im Koran steht. Gesicht und Hände dürfen offen bleiben, ansonsten soll sie sich verhüllen." Auf die Vorhaltung, dass sie, wie ihre muslimische Freundin in der Lerngruppe, kein Kopftuch trage, modisch gekleidet und dezent geschminkt sei, ergänzte sie: "Meine Eltern überlassen mir die Entscheidung. Auf jeden Fall trage ich das Kopftuch, wenn ich am Wochenende mal die Moschee besuche." M.: "Bei euch gibt es also keinen Stress deswegen. O.K. Wenn die Religion das verlangt, dann sollen sie es halt in Allahs Namen tun. Mich stört es nicht." T.: "Wir Deutsche gehen unserem Glauben nach und sie auch. Ich habe eigentlich nichts dagegen." S. gab zu bedenken: "Falls die Männer die Frauen jedoch dazu zwingen, und man hört dies ja oft genug, dann ist das großer Mist." Die Assoziation von Zwang und Unterdrückung beim Anblick Kopftuch bekleideter Frauen fand in der Lerngruppe eine breite Übereinstimmung.

Niedergeschriebene Schülermeinung Niedergeschriebene Schülermeinung

F., seit einem Jahr fleißiger Besucher von Moscheen und Islamunterricht, interpretierte ganz anders: "Es sollte von Herzen kommen und das sieht man den verhüllten Mädchen oder Frauen auch an. Viele zeigen ein fröhliches Gesicht. Es passiert ganz von selbst, weil die gläubigen Mädchen das wollen." D. relativierte das Stück Textil schlicht als modisches Accessoire: "Ich kenne viele türkische Freundinnen, die sind ganz toll geschminkt, tragen enge Hosen und ein schönes buntes Kopftuch. Das hat doch nicht nur was mit Glauben zu tun!"
Der Diskurs konzentrierte sich nun auf die Zurschaustellung von religiösen Symbolen. Einige störte die Auffälligkeit daran: "Ich als Christ muss nicht allen durch ein großes Kreuz zeigen, was ich glaube. Es kommt darauf an, was ich denke und wie ich meinen Glauben praktisch umsetze." T. folgerte weiter, Religion habe als Privatsache in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Er verwies auf das Verschleierungsverbot an Schulen und Universitäten in der Türkei. Daraufhin übernahm C. den Part aus der Abteilung Stammtischfraktion: "Die Muslime dürfen in Deutschland alles machen und können hier ihren Glauben am besten ausleben. Ich möchte ja nicht über andere Religionen lästern, aber es gibt schon viele, die sich voll daneben benehmen."
Manch weitere Bemerkung fiel noch in der Runde und wiederholte bereits Gesagtes. Als Resümee lässt sich feststellen, dass unser Gespräch den öffentlichen Disput in Sachen Kopftuch annähernd widerspiegelte. Im Gegensatz zu etlichen populistischen Sprüchen aus der deutschen Erwachsenenwelt nahm jedoch niemand Anstoß an der "Exotik" von Kopftüchern, die wohl auch Sitten und Gebräuche der Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund darstellen. Leider wird dieser Toleranzbegriff oft genug erschüttert, denn offensichtlich gehen Entrechtung und Unterdrückung der Frauen in vielen Fällen mit ihrer Kopfbedeckung einher.

Schlussbemerkung
Die anfängliche Wette - jene Frage nach dem persönlichen Glauben oder Lebensentwurf - provozierte ein Nachdenken über das weitere soziale Umfeld (Freunde, Eltern, Bekannte). Die Auseinandersetzung mit Glaubensgemeinschaften wie Islam und Christentum, die Medienwelt und deren Unterabteilungen Sport und Show-Business erweiterten den Horizont. Hier angekommen, war es nicht schwer, den Blick der Schülerinnen und Schüler auf die anderen Weltreligionen zu lenken. Zuerst per Atlas, danach mit allerhand theoretischen Überlegungen. Deren Vertiefung nicht gelang. Dafür aber gab es Erkenntnisse, die S. so ausdrückte: "Ich finde gut, dass die anderen Gläubigen ihrer Religion nachgehen. Wir Deutschen tun das ja auch. Jeder hat seine eigene Religion. Was wäre die Welt denn ohne Katholiken oder Protestanten, Islam, Buddha, Hindus oder wie sie noch alle heißen?"

Literatur
TREVOR BARNES: Die großen Religionen der Welt. Ravensburg 2002
C. BURGMER: Der Islam in der Diskussion. Mainz 1996
T. COPLEY, A. BROWN: Lernspiele Religion. Weltreligionen erkunden. Mülheim 1995
ded-Brief 4, Religionen unserer Welt. Dezember 2002
RALF ELGER (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte. Alltag. Kultur. München 2001
A. GANERI: Der große Xenos Atlas der Religionen. Hamburg 2001
Körber-Stiftung (Hg.): Ein Land - viele Religionen. Heft 2. Hamburg 1996
F-J. SCHEIDHAMMER: Kicker, Kutten und Choräle. Mülheim 2001
Zeitschrift woman 12/2003, Und woran glauben sie?

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Ausgabe 2/2004 von "Eine Welt in der Schule". Sie können diese Ausgabe jetzt herunterladen (2,1 MB).

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