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Die zu Beginn des Unterrichtsprojekts
"Vietnam" von einem Schüler vor sich hin gebrummte Frage
"Wo liegt eigentlich Vietnam?" offenbarte frühzeitig
nicht nur ein topographisches Problem, sondern soll Anlass für
weiter gehende Überlegungen und Fragen sein. Der Siegeszug des
Internets - diese weltweite Vernetzung - und die aktuellen kontroversen
Diskussionen über die Folgen der Globalisierung ändern nichts
daran, dass die Schülerinnen und Schüler, aber auch die meisten
Erwachsenen, wenig oder nichts über ein Land wie Vietnam wissen.
Unter welchen politischen, ökonomischen und kulturellen
Bedingungen leben Vietnamesen?
Wie unterscheidet sich das Leben in Vietnam von dem in Deutschland?
Gibt es Gemeinsamkeiten?
Ein vorrangiges Ziel des gesellschaftswissenschaftlichen Unterrichts
ist der Abbau von Vorurteilen und eines Überlegenheitsdenkens gegenüber
fremden Völkern, Rassen und Kulturen. Dies gelingt nur, wenn man
sich die Zeit nimmt und versucht, über Daten und Fakten hinaus
tiefer in die Geschichte und Kultur eines Landes einzudringen. Nach
den Rahmenrichtlinien soll der Erdkundeunterricht folgendes entwickeln: "Verständnis für andere Völker,
ihre Kulturen und Lebensformen sowie für fremde ethnische Gruppen
im eigenen Land." (RRL Realschule GSW,
1995, S.18)
Die Beschäftigung mit einem so weit entfernten, auf den ersten
Blick so exotischen Land wie Vietnam sollte den Schülerinnen und
Schülern am Ende des 10. Schuljahres die Gelegenheit geben, über
den eigenen Tellerrand zu schauen, dabei Erkenntnisse nicht nur über
die Menschen in Vietnam, sondern auch über sich selbst zu gewinnen. "Deswegen muss der Politikunterricht
darauf abzielen, den Erfahrungshorizont der Schülerinnen und Schüler
zu erweitern und sie für neue Wahrnehmungen empfänglich zu
machen. Schülerinnen und Schüler lernen auf diesem Wege, ihre
bereits gewonnenen Einstellungen auf der Grundlage neuer Erkenntnisse
und Erfahrungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern." (RRL Gymnasium Politik, 1997, S.4)
Das Unterrichtsprojekt "Vietnam" wurde an der Gesamtschule
am Wällenberg in Hambergen von der Klasse 10.1 und mir als Klassenlehrer
im Februar/März 2002 durchgeführt. Wir sind eine Kooperative
Gesamtschule, in der die Klassenlehrerinnen und -lehrer in der Regel
die Fächer Geschichte, Politik, Erdkunde und Arbeitslehre, in manchen
Fällen auch Religion, unterrichten. Trotz Stundenkürzungen
war es möglich über mehr als vier Wochen jeweils fünf
Wochenstunden für dieses Projekt bereitzustellen.
Die Initiative zu diesem Vietnam-Projekt ging von der pensionierten
Kollegin Charlotte Gödicke aus, die sich im Frühjahr 2001
in Vietnam aufgehalten hatte und von dieser Reise eindrucksvolles Bildmaterial
mitgebracht hatte. Während des Projektes hielt sie zwei einstündige
Dia-Vorträge und stand darüber hinaus mit Rat und Tat in mehreren
Unterrichtsstunden zur Verfügung.
Der geplante Unterrichtsverlauf
Einstieg:
Verschiedene Puzzles von Bildern über Vietnam zusammensetzen
Schülerinnen und Schüler berichten über ihre
ersten Eindrücke von Vietnam
I. Grundinformationen über Vietnam sammeln (Internet-Recherche,
brauchbare Adressen von Schülerinnen und Schülern vorab
suchen lassen): geographische Lage, politisches System, Landesfläche,
Bevölkerungszahl, Bevölkerungsdichte, Klima, Landschaft,
Wirtschaftsleistung (BSP/Kopf), Kindersterblichkeit, Einwohner
pro Arzt, Bildung,
Weitere Aufgabe: Entsprechende Daten der Bundesrepublik Deutschland
zum Vergleich sammeln.
II. Partnerarbeit zu verschiedenen Themen:
Religionen
Geschichte Vietnams/Vietnamkrieg
Feste und Feiern
Essen und Trinken
Verhaltens-ABC
Traditionelle Werte/Mentalität
Bedeutung der Familie
Sport und Unterhaltung / Bekleidung und Körperpflege
Leben in der Stadt/Leben auf dem Lande
Vietnamesen und Deutsche
Vietnam und der Tourismus heute
Ökologische Probleme/Tier- und Pflanzenwelt
Erste Ergebnissicherung: Die Schülerinnen und Schüler
halten vor der Klasse einen Vortrag über ihr Themengebiet
und fassen die Hauptergebnisse schriftlich zusammen. (Kurzfassung
für das Powerpoint-Programm)
III. Dia-Vortrag über eine Reise durch Vietnam (Charlotte
Gödicke)
IV. Vietnamesen berichten in der Schule von ihrer Heimat
V. Wir kochen gemeinsam vietnamesische Gerichte
VII. Abschluss des Projektes Vietnam:
Die Schülerinnen und Schüler halten vor einer Parallelklasse
gemeinsam einen 45-minütigen freien Vortrag über Vietnam
mit Hilfe eines computergesteuerten Projektors (Powerpoint). |
Wenige
Tage vor Beginn des Unterrichtsprojektes fand ein an unserer Schule
mehrmals im Jahr üblicher "Klassentag" statt, der es
den Klassen ermöglicht, unterrichtliche Exkursionen durchzuführen.
Mit großer Mehrheit beschloss die Klasse im Anschluss an einen
Museumsbesuch zur Einstimmung auf das Vietnam-Projekt ein asiatisches
Restaurant aufzusuchen, das auf vietnamesische Gerichte spezialisiert
ist. Die überaus freundlichen Besitzer des Restaurants in Bremen
öffneten an einem Mittwochnachmittag um 15.00 Uhr eigens für
uns ihre Pforten, um uns mit Gemüsesuppe oder Frühlingsrolle,
"Huhn süß-sauer" mit Bambus, Ananas und Erbsenschoten,
"Hühnerfleisch scharf" mit Tofu oder Rindfleisch mit
fremdländischen Pilzen zu verwöhnen. Auf unseren Wunsch erhielten
wir landesübliche kleine Schälchen und Stäbchen und eine
Einweisung durch eine der sehr herzlichen Bedienungen. Auch wenn die
meisten der Schülerinnen und Schüler nach kurzer Zeit die
Stäbchen mit Messer und Gabel tauschten, war dieses gemeinsame
Essen am langen Tisch eine tolle Erfahrung. Selbst die Jugendlichen,
die vor dem Betreten des Restaurants geäußert hatten, dass
sie eigentlich keinen Hunger hätten, spürten plötzlich
großen Appetit und zeigten sich begeistert von den immer neu aufgetischten
fernöstlichen Köstlichkeiten. Pro Person mussten wir übrigens
nur 5,60 € bezahlen - auch das beeindruckte uns sehr.
Einstieg über Fotopuzzle
Für
das eigentliche Projekt hatten wir einen spielerischen Einstieg vorgesehen.
Sechs verschiedene Dias über das Leben in Vietnam ließen
wir über eine Fotofirma zu Puzzles verwandeln. Nach zwei Wochen
des Wartens war die Überraschung groß, als nicht Puzzles
mit 66 Teilen, sondern mit 333 Teilen geliefert wurden. Natürlich
war das Zusammensetzen der Puzzles in einer Stunde nicht zu schaffen,
auch nach zwei waren nicht alle Gruppen damit fertig, doch von Frustration
konnte keine Rede sein. Mit viel Spaß und Begeisterung waren die
Schülerinnen und Schüler bei der Sache, zusätzlich in
der nachfolgenden Pause und Freistunde. Auch in einem 10. Schuljahr
sollte man also das Bedürfnis nach spielerischer Entfaltung nicht
unterschätzen.
In der nächsten Unterrichtsstunde wurden die Bilder in der Größe
von 30 x 20 cm von einem Gruppenmitglied beschrieben und ausgewertet.
Folgende Informationen konnten sie unter anderem den Bildern über
Vietnam entnehmen:
Reisanbau ohne Maschinen
Fahrrad als Transportmittel
Straßenverkauf von Obst und Gemüse
Besondere Tempel (Pagoden)
Schuluniformen
Hängematten zum Schlafen
Betten aus Bambus
Strohhüte gegen die Sonne
.
Eine Stunde später wurde das Projekt im Computerraum
mit einer Internet-Recherche fortgesetzt. Von allen Schülerinnen
und Schülern wurden informative und anschauliche Internetseiten
mit Hilfe der bekannten Suchmaschinen über das Leben in Vietnam
gesammelt.
Hier eine Auswahl:
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In Partnerarbeit wurden anschließend über
das Internet Grundinformationen über Vietnam gesammelt und schriftlich
festgehalten, dazu zum Vergleich auch die entsprechenden Daten der Bundesrepublik
Deutschland. Diese ersten Ergebnisse mussten abgegeben werden und wurden
von mir beurteilt, damit sicher gestellt sein konnte, dass jeder über
ein theoretisches Grundwissen verfügt. Die Hauptaufgabe bestand
jedoch darin, in Einzel- oder Partnerarbeit ein spezielles Themengebiet
zu erarbeiten (siehe geplanter Unterrichtsverlauf) und die Ergebnisse
in einem Vortrag vor der Klasse zusammenzufassen. Als Hilfe habe ich
den Schülerinnen und Schülern zusätzlich aus Büchern
und Zeitschriften fotokopiertes Material zur Verfügung gestellt
(siehe Literaturliste). Per Los wurde dann die Reihenfolge der Vorträge
bestimmt. Die Vorträge fielen quantitativ und qualitativ, wie nicht
anders zu erwarten, sehr unterschiedlich aus. Während zwei Mädchen
mit ihrem Referat "Traditionelle Werte - Mentalität"
die Klasse in ihren Bann zogen und die eigentliche Richtzeit von zehn
Minuten weit überschritten, waren andere Schülerinnen und
Schüler nach wenigen Minuten mit ihrem "Latein" am Ende.
Die Bewertung dieser Präsentationen erfolgte mit Hilfe eines Bewertungsbogens,
wobei die Schülerinnen und Schüler und ich gemeinsam z. B.
die Gliederung und die sachlich richtigen Aussagen des Vortrages oder
die Benutzung verschiedener Darstellungsformen einzuschätzen und
das Resultat auf einer Skala von -2 bis +2 anzukreuzen hatten. Die Beurteilungen
der Schülerinnen und Schüler und die von mir lagen nie weit
auseinander, in mehreren Fällen bewerteten sie sogar strenger als
ich. Nach kurzen Diskussionen kam es zum Glück immer zu einer Einigung.
Der Diavortrag
Zwischendurch hielt Frau Gödicke ihre Dia-Vorträge über
ihre Reise von Nord- nach Südvietnam im Jahr 2001 und vermittelte
ein lebendiges Bild vom Land und dem Leben in Vietnam heute. Dabei ging
sie besonders auf die überall sichtbaren wirtschaftlichen und kulturellen
Veränderungen ein. Die Schülerinnen und Schüler nahmen
die Gelegenheit wahr, immer wieder Fragen zu stellen und sich damit
Informationen aus erster Hand zu holen.
Ein
Höhepunkt des Unterrichtsprojektes war sicherlich der Besuch des
Vietnamesen Tien Trung Trinh im Klassenraum der 10.1. Über die
Pressesprecherin der Fachhochschule Bremerhaven Daniela Krause-Behrens
war der Kontakt zu dem Studenten des 1. Semesters zustande gekommen.
Da im Voraus bekannt war, dass Tien Trung Trinh über nur wenig
deutsche Sprachkenntnisse verfügte, hieß es für die
Schülerinnen und Schüler, vorweg alle Fragen in Deutsch und
in Englisch zu formulieren. Diese ungewöhnliche Art der Vorbereitung
bedeutete, wie es sich zeigen sollte, einen recht hohen zeitlichen Aufwand.
Noch ungewohnter war es natürlich für die Jugendlichen, als
es denn soweit war, dem Gast diese Fragen persönlich auf Englisch
zu stellen, und das auch noch im Beisein der Presse. Nach einem zögerlichen
und holprigen Beginn kam es dann aber zu einem hoch interessanten 90-minütigen
Gespräch, bei dem die unterschiedlichsten Themengebiete angesprochen
wurden. Die Folgen des Vietnamkriegs und das Verhältnis zu Amerika
kamen ebenso zur Sprache wie die Auswirkungen des boomenden Tourismus.
Es wurden Fragen zur buddhistischen Religion und den Rechten von Frauen
gestellt, Schule und Familie waren weitere aufschlussreiche Bereiche,
wobei die Unterschiede zu unserer Kultur sehr deutlich wurden. Natürlich
kamen auch die persönlichen Fragen nicht zu kurz. Tien Trung Trinh
kann sich das Studium nur leisten, weil er als Küchenhilfe in einem
asiatischen Restaurant arbeitet. Das Studium gefällt ihm gut, doch
das Wetter ist meist scheußlich und beim deutschen Essen gibt
es für ihn zu viel Kartoffeln und Butter. Diese persönliche
Begegnung mit dem sehr bescheiden auftretenden, sympathischen 21-jährigen
Vietnamesen hinterließ in der Klasse einen nachhaltigen, positiven
Eindruck.
Die Powerpoint-Präsentation
Bis
zu den Osterferien waren fast alle Vorhaben des Projektes umgesetzt
worden. Was fehlte, war der große Powerpoint-Vortrag über
Vietnam vor einer Parallelklasse. Von den Einzelreferaten waren zuvor
schlagwortartige Kurzfassungen abgegeben worden.
Zwei Schüler mit hervorragenden Informatikkenntnissen, die vorher
von den Einzelreferaten freigestellt worden waren, hatten die Aufgabe
übernommen, diese Texte mit Hilfe des Powerpoint Programms zu schreiben,
Bilder und Grafiken einzufügen und sich um eine abwechslungsreiche,
farbige Gestaltung zu kümmern. Diese Arbeit sollte in den Osterferien
erledigt werden. Um grobe sprachliche Schnitzer und Rechtschreibfehler
zu beheben, war ich allerdings an einem Nachmittag sechs bis sieben
Stunden mit den Schülern gemeinsam vor dem Computer. Auch wenn
die Luft nach den Osterferien ein wenig heraus war und di e Schülerinnen
und Schüler sich erneut vorbereiten mussten, sollte der Vortrag
noch vor einer fremden 10. Klasse gehalten werden. Alle Schüler
und Schülerinnen der Klasse waren beteiligt, er dauerte 57 Minuten
und fand Anerkennung und Beifall. Spätestens jetzt merkten wir
alle, dass sich die Arbeit gelohnt hatte. Das Resultat wurde auf einer
CD-Rom festgehalten und zeigt, dass die Schülerinnen und Schüler
durch die Beschäftigung mit dem Thema Vietnam etwas Besonderes
geleistet haben.
Benutzte Literatur
Vietnam, Travel Handbuch, Stefan Loose Verlag, Oktober 2001
Geo spezial, Vietnam, Laos, Kambodscha, August 1998
HEINZ KOTTE/RÜDIGER SIEBERT, Vietnam, Die neue Zeit auf 100 Uhren,
Lamuv Verlag 1997
Kulturschock Vietnam, Reise Know-How Verlag 1999
Spiegel Almanach 2001
Das Länderlexikon, Bertelsmann Lexikon Verlag 1998
Dieser Artikel wurde veröffentlicht
in Ausgabe 4/2002 von "Eine Welt in der Schule". Sie können
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