Projekt "Eine Welt in der Schule"
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Anregungen für die Grundschule und Sekundarstufe 1

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Einstellungswandel zum Negativen
Prof. Dr. Rudolf Schmitt

In einer Publikation, deren erklärtes Ziel ist, nicht nur Wissen zu erweitern, sondern auch Einstellungen zu beeinflussen, dürfte es durchaus angebracht sein, über den aktuellen Einstellungswandel der Deutschen zu Fragen der »Einen Welt« auf der Grundlage neuester Forschungsergebnisse zu informieren. Es sind vor allem drei bundesweite Erhebungen aus der jüngsten Zeit, auf die ich mich bei der Darstellung und Analyse der aktuellen Situation in Deutschland stützen werde:

1. Deutsche Zustände, Folge 1-3 (2002-2005), herausgegeben von WILHELM HEITMEYER (edition suhrkamp). Unter dem Konzept der »gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit«, das ich weiter unten erläutern werde, wurden in den Jahren 2002, 2003 und 2004 jeweils eine für Deutschland repräsentative Stichprobe von 3000 Personen im Alter von 16 bis 92 Jahren zu Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamphobie usw. interviewt.

2. Jugend 2002, 14. Shell Jugendstudie. Konzept und Koordination: KLAUS HURRELMANN, MATHIAS ALBERT in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest Sozialforschung. 2500 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren, eine für Deutschland repräsentative Stichprobe, wurden zu einem breiten Spektrum von Einstellungen, Wertorientierungen und zum ersten Mal in der Tradition der Shell Jugendstudien auch zu »Eine Welt-Themen« befragt.

3. ALLBUS (Die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften), Serviceangebot der »Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen« (GESIS). Seit 1980 wurden im zweijährigen Rhythmus repräsentativ für Deutschland Einstellungen, Verhaltensweisen und Sozialstruktur der Bevölkerung erhoben. Für uns bedeutsam sind insbesondere die Ergebnisse zum Schwerpunktthema »Einstellungen gegenüber ethnischen Gruppen in Deutschland« aus den Jahren 2000 und 2002.

In einem ersten Abschnitt werden die wichtigsten Ergebnisse dieser drei Erhebungen bzw. Folgen von Erhebungen, so weit sie sich auf den Gesamtkomplex »Eine Welt« beziehen, vorgestellt und miteinander in Beziehung gesetzt.
Der Versuch einer Ursachenanalyse wird im zweiten Abschnitt unternommen. Dabei kann man teilweise auf diese drei Forschungsarbeiten zurückgreifen, in denen im Rahmen der Kommentierung der Ergebnisse auch mögliche Ursachen genannt werden.
Auch die Vorschläge für wirksame Gegenmaßnahmen, denen der dritte Teil gewidmet ist, können teilweise diesen drei Untersuchungen entnommen werden. Dies gilt besonders für die erstgenannte Längsschnitt-Untersuchung, deren Autorinnen und Autoren sich bei der Analyse der »Deutschen Zustände« und eventueller Gegenmaßnahmen weit über die empirische Datenlage hinauswagen.

1. Das neue Jahrtausend unter schlechten Vorzeichen
Alle drei Forschungsarbeiten signalisieren in den für den Lernbereich »Eine Welt« relevanten Einstellungen einen teilweise starken negativen Trend. Sehr deutlich wird das in den drei Folgen der Deutschen Zustände, die zu einer Längsschnitt-Untersuchung gehören, die in jährlichem Abstand noch in den nächsten sieben Jahren weitergeführt wird. Man kann gespannt sein auf die künftigen Ergebnisse!

Hier klicken, um Abb. 1 anzusehen Abb. 1: Korrelationen zwischen den Konstrukten des Syndroms in 2004

Fundament für eine positive Einstellung zu allen Fragen, die das Leben in »Einer Welt« betreffen, ist ein gewisses Maß an Offenheit und Einsatzbereitschaft gegenüber anderen Menschen, besonders gegenüber jenen, die diskriminierten Gruppierungen angehören. Auf das Verhältnis der Deutschen zu Menschen dieser Herkunft konzentriert sich die Erhebung der »Deutschen Zustände«. Der zentrale Begriff, unter dem in dieser Studie dieses Einstellungssyndrom zusammengefasst wird, lautet »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«. Wichtig: »Der Begriff "Menschenfeindlichkeit" bezieht sich auf das Verhältnis zu spezifischen Gruppen und meint nicht ein interindividuelles Feindschaftsverhältnis« (1. Folge, S. 19). Ausdrücklich genannt werden in dieser Studie sieben Gruppierungen, deren gemeinsamer Kern eine in den Einstellungen der Befragten angenommene Ungleichwertigkeit ist. Im Einzelnen sind das folgende gruppenbezogene, menschenfeindliche Einstellungen:
Rassismus: Abwertung aufgrund biologischer, d. h. natürlicher Unterschiede.
Fremdenfeindlichkeit: Abwertung aufgrund kultureller und materieller Unterschiede.
Antisemitismus: Abwertung aufgrund jüdischer Herkunft.
Islamphobie: Abwertung aufgrund der Zugehörigkeit zur Gruppe der Muslime.
Etabliertenvorrechte: Vorrangstellung der »Alteingesessenen« gegenüber den »Zugezogenen«, bzw. denen, die sich noch nicht angepasst haben.
Sexismus: Abwertung der Frau, wobei es sich hier selbstverständlich um kein Minderheitenproblem handelt. Die korrelativen Beziehungen der sieben Elemente des Syndroms »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« liegen sowohl in West- wie noch mehr in Ostdeutschland über .50, sogar bis .91. Das sind äußerst hohe Zusammenhänge!
Die wichtigsten Ergebnisse der drei Befragungen aus den Jahren 2002, 2003 und 2004 zeigen Abb. 2a, 2b, 3a und 3b (HEITMEYER, Folge 3, S. 21 - 24), die anhand der einzelnen Items höchst eindrucksvoll das fast durchgängige hohe Ausmaß und vor allem die Zunahme an »Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« im Verlauf von zwei Jahren veranschaulicht. Erschreckend hoch sind vor allem die negativen Werte bei »Fremdenfeindlichkeit« und »Etabliertenvorrechte«, die sich gleichsam ergänzen. Erschreckend ist auch, dass es trotz hoher negativer Werte Indikatoren des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Jahr 2002 in den beiden Folgejahren fast in allen Items jährlich eine Steigerung der negativen Werte gibt. Gespannt kann man sein, wie es im Jahr 2005 weitergeht.

Hier klicken, um Abb. 2a anzusehen Abb. 2a: Indikatoren des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Teil I)
Hier klicken, um Abb. 2b anzusehen Abb. 2b: Indikatoren des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Teil I)
Hier klicken, um Abb. 3a anzusehen Abb. 3a: Indikatoren des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Teil II)
Hier klicken, um Abb. 3b anzusehen Abb. 3b: Indikatoren des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Teil II)

Die 14. Shell Jugendstudie kommt im Jahr 2002 zu ähnlichen Ergebnissen wie die »Deutschen Zustände«. Auf die Frage »Meinen Sie, dass Deutschland in Zukunft mehr, genauso viel oder weniger Zuwanderer aufnehmen sollte?« sind ebenfalls zwischen 50 und 60 % der Meinung »weniger als bisher«, wobei noch ein interessantes Zusatzergebnis vorliegt, das unseren Erfahrungen in der praktischen Arbeit entspricht: Die Ablehnung ist weitaus höher bei Jugendlichen, die keinen Kontakt zu Ausländern haben.
Auch das Gesamtsyndrom der »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« (Deutsche Zustände, Folge 3, S. 21 - 24) wird zumindest tendenziell in der 14. Shell Jugendstudie bestätigt, wie sich aus der nebenstehenden Tabelle entnehmen lässt. Auffällig, wenn auch nicht unerwartet, ist die hohe Ablehnung von Familien aus Afrika mit dunkler Hautfarbe in Ostdeutschland.

Hier klicken, um Abb. 4 anzusehen Abb. 4: Einstellungen gegenüber besonderen Bevölkerungsgruppen

Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse der ALLBUS-Befragungen, weil sie Trend-Aussagen über den Zeitraum von 22 Jahren zulassen. Die bundesweiten Veränderungen - ab 1994 getrennt nach West- und Ostdeutschland - bei einzelnen Fragen hinsichtlich der Einstellung gegenüber Ausländern verdeutlichen die beiden Trend-Analysen in Abb. 5 von 80-W bis 02-O.

Hier klicken, um Abb. 5 anzusehen Abb. 5: Ergebnisse der ALLBUS-Befragung

Beide Befragungsergebnis-Reihen zeigen zum einen die hohe Ablehnung von Ausländern, zum anderen aber auch einen bundesweiten Trend, der auch in den übrigen, hier nicht zitierten Ergebnissen zu beobachten ist: Es gibt eine positive Entwicklung bis zum Anfang der 90er Jahre, dann kippt der Trend wieder in die negative Richtung, ein Trend, der bis heute anhält. Die 14. Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2002 ist für den gesamten Lernbereich »Eine Welt« auch deshalb so interessant und aufschlussreich, weil zum ersten Mal in der Tradition der Shell Jugendstudien das Verhältnis der 12- bis 25-Jährigen zur Globalisierung und zur Rolle der so genannten Entwicklungsländer befragt wird. Die vier wichtigsten Ergebnis-Tabellen werden hier abgebildet (vgl. Abb. 6, Abb. 7, Abb. 8 und Abb. 9).

Hier klicken, um Abb. 6 anzusehen Abb. 6: Globalisierung
Hier klicken, um Abb. 7 anzusehen Abb. 7: Einstellung zur Globalisierung
Hier klicken, um Abb. 8 anzusehen Abb. 8: Statements zur Globalisierung
Hier klicken, um Abb. 9 anzusehen Abb. 9: Einstellungen zu den Entwicklungsländern

Sie zeigen ein durchaus differenziertes Bild, wobei allerdings immerhin fast ein Viertel der Jugendlichen der Meinung sind, dass die 3. Welt selber an ihrer Misere schuld ist. Demgegenüber sollte man positiv sehen, dass ca. 80 % der Jugendlichen die Meinung vertritt, dass mehr getan werden müsste, damit die 3. Welt nicht weiter verarmt (14. Shell Jugendstudie, S. 134 - 136).

2. Versuch einer Ursachen-Analyse
Ein Schlüsselbegriff für eine plausible Ursachen-Analyse findet sich gleich im ersten Beitrag der 2. Folge der »Deutschen Zustände«. Unter der provozierenden Überschrift »Kann Normalität bedrohlich sein?« entwickelt WILHELM HEITMEYER das Konzept des so genannten »Normalitätspanzers«, »der nicht selten von mediennahen und mobilisierungsfähigen Eliten durch negative öffentliche Thematisierungen aufrechterhalten und z. T. noch verstärkt wird«. Normalität »wirkt beruhigend, weil Menschen sich darin sicher fühlen, und sei es zu Lasten derer, die nicht in die vorherrschenden Normalitätsstandards passen« (S.14).
Dass dieser Zusammenhang nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigen zusätzliche Ergebnisse der 2. Erhebung zur »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit«. Befragt wurden nämlich alle Personen der Stichprobe zu bestimmten Wertvorstellungen, u. a. zur Wertschätzung von Selbstbestimmung, Konformität, Traditionen, Leistung usw. Und siehe da: Alle sieben Elemente der »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit«, besonders hoch Fremdenfeindlichkeit, korrelieren signifikant mit Konformität und Tradition, überhaupt nicht mit Selbstbestimmung (vgl. Abb. 10).

Hier klicken, um Abb. 10 anzusehen Abb. 10: Zusammenhänge (Bivariate Korrelationen) von Werteorientierungen und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

Gleiches lässt sich nachweisen, wenn man die Ergebnisse der 14. Shell Jugendstudie 2002 zur Frage der Wertorientierungen der 12- bis 25-Jährigen hinzuzieht. Diese Ergebnisse sind besonders aufschlussreich, weil sie mit den Wertorientierungen der Jugendlichen aus der Erhebung der Jahre 1987/88 verglichen werden (vgl. Abb. 11). Auf diese Weise lassen sich Gründe für die Zunahme der »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« in den letzten Jahren aufspüren.

Hier klicken, um Abb. 11 anzusehen Abb. 11: Wertorientierung 1987/88 und 2002

Eine dramatische Zunahme der Wertorientierungen gab es bei Konformität, Althergebrachtes, Geschichtsstolz, Macht und Einfluss, Fleiß und Ehrgeiz, Gefühle berücksichtigen, Sicherheit, ein wenig auch bei Gesetz und Ordnung. Ganz stark zurück gingen Umweltbewusstsein (vom 6. auf den 12. Platz!), Sozialengagement (vom 12. auf den 18. Platz!) und Politikengagement. Zusammenfassend könnte man sagen: Eine Verstärkung des Normalitätspanzers erhöht auch die Bereitschaft zu »Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit«. Unterstrichen wird diese Interpretation auch durch die Ergebnisse aus dem Jahr 2002 der ALLBUS-Erhebung, und zwar bezüglich zweier Fragen:
a) Wie gerne möchten Sie in einer Gesellschaft leben, die Wert darauf legt, dass sich die Menschen an die Regeln halten? (ZA-Nr. 3700, S. 51)
b) Wie gerne möchten Sie in einer Gesellschaft leben, die Wert darauf legt, dass die Menschen Fleiß und Leistung zeigen? (ZA-Nr. 3700, S. 49)

Diese Ergebnisse entsprechen den Einstellungen der Bevölkerung gegenüber Ausländern im gleichen Jahr, d. h. hohe Konformitäts-, Fleiß- und Leistungswerte korrelieren mit hohen Werten der Ausländerfeindlichkeit und umgekehrt: niedrige mit niedrigen.

3. Ansätze für eine Wende zum Positiven: Die Möglichkeiten der Schule
Wenn sich die im vorherigen Abschnitt genannten Wertorientierungen tatsächlich als verantwortlich für zunehmende »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« in unserer Gesellschaft im Allgemeinen und bei Jugendlichen im Besonderen erweisen lassen, dann müsste ein Programm zur Verminderung dieser negativen Einstellungstendenzen bei der Beeinflussung dieser Wertorientierungen ansetzen. Sehr deutlich und mit direktem Bezug zur Schulbildung wird das in dem Beitrag »Bessere Bildung, bessere Menschen?« von ARIBERT HEYDER nachgewiesen, der die Ergebnisse der 2. Befragung zur »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« in einer so genannten Pfadanalyse mit den gleichzeitig erhobenen Werten möglicher ursächlicher Faktoren in Verbindung bringt und daraus Schlüsse für veränderte Bildungsprogramme zieht (vgl. Folge 2 der »Deutschen Zustände«, S. 78 - 99). Er geht zunächst von der durch undifferenzierte Daten bestätigten Tatsache aus, dass scheinbar höhere Bildungsabschlüsse mit geringerer »Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« korrelieren. Das gilt für alle sieben Elemente des Syndroms.

Die Abbildung 12 und 13 enthalten die Ergebnisse der relativ komplizierten Pfadanalyse. In der Abbildung 12 werden die neben den formalen Bildungsabschlüssen (= Bildung) wirksamen Faktoren ausdifferenziert und in ihren Beziehungen untereinander abgebildet. In der Tabelle (Abb. 13) werden die Werte der dünnen Linien, d. h. die empirisch festgestellten und berechneten Korrelationen zwischen den wirksamen Faktoren und den sieben Elementen des Syndroms »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« aufgelistet. Bei der relativ komplexen Interpretation muss man beides, Abbildung und Tabelle, immer zusammensehen.

Hier klicken, um Abb. 12 anzusehen Abb. 12: Der Bildungskontext und das Syndrom im Zusammenhang (Pfadanalyse)

Aus der Abbildung geht hervor, dass es zumindest drei von den formalen Bildungsabschlüssen unabhängige, auf das Syndrom einwirkende Faktoren gibt: Empathiefähigkeit, die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme und die Leistungsorientierung. Zusätzliche Berechnungen haben ergeben, dass gerade die Befragten mit niedrigen formalen Bildungsabschlüssen größere Empathiefähigkeiten aufweisen als die Befragten mit formal höheren Bildungsabschlüssen. Schulische Sozialisation scheint auf diese für den Einstellungswandel gegenüber Ausländern so wichtige Fähigkeit keinen Einfluss zu haben. Ebenso steht die Orientierung an Erfolg, Ehrgeiz und Leistung in keinem Zusammenhang mit der Höhe der Schulbildung. Wie die Tabelle zeigt (vorletzte Zeile), wirkt sich die Leistungsorientierung trotzdem direkt negativ zumindest auf Fremdenfeindlichkeit und Islamphobie aus. Dass hohe Bildungsabschlüsse mit hohem Status und kognitiver Kompetenz positiv zusammenhängen ist nicht weiter verwunderlich. Darin zeigt sich auch die im deutschen Schulsystem ausgeprägte selektive Funktion der Schule als Instanz der Wissensvermittlung und Sprungbrett für Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Auch das Sinken der konformistischen Werte mit der Höhe der Bildung lässt sich erklären, wenn man davon ausgeht, dass Menschen unangepasster sein können, je weniger sie Angst um ihre eigene Existenz haben müssen: Toleranz kann man sich dann leisten!
Ein wirklich interessantes Nebenergebnis der Pfadanalyse ist die Tatsache, dass die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, also die Fähigkeit, etwas aus der Sicht eines anderen zu sehen, überhaupt keinen Einfluss auf das Syndrom »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« hat (vgl. 4. Zeile der Tabelle). Dies entspricht übrigens einer Erfahrung, die wir in unserem Projekt »Eine Welt in der Schule« häufig gemacht haben. Perspektivenübernahme ohne Empathie ist eine rein kognitive Fähigkeit und deshalb für Einstellungsänderungen völlig bedeutungslos.
Aufschlussreich ist die 2. Zeile in der Tabelle. Der Einfluss des formalen Bildungsniveaus auf die einzelnen Elemente des Syndroms »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« halbiert sich teilweise, wenn die übrigen Komponenten herausgerechnet werden: vgl. Wert in Klammern mit Wert ohne Klammern. Die Antwort auf den als Frage formulierten Titel des Beitrages »Bessere Bildung, bessere Menschen?« lautet deshalb: »Die hohe Relevanz der formalen Schulbildung ist somit zu einem beträchtlichen Teil über vermittelnde Faktoren bedingt und wird daher oft völlig überschätzt.« S. 91
Zusammenfassend zieht ARIBERT HEYDER, der Autor des referierten Beitrages, folgende Konsequenzen für die Schule aus seiner empirisch fundierten Pfadanalyse:
1. Die Stärkung empathischer und kognitiver Fähigkeiten hat den höchsten Einfluss auf die Reduzierung »Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit«.
2. Konformistische Wertorientierungen fördern alle sieben Elemente der »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit«. Das Gleiche gilt für die bildungsunabhängige Orientierung an Werten wie Ehrgeiz, Erfolg und Leistung.

Hier klicken, um Abb. 13 anzusehen Abb. 13: Die direkten Einflüsse auf die Syndromvarianten

Fazit
»Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse wäre es wünschenswert, wenn auf die hier vorgestellten Merkmale wie kognitive Kompetenzen und Fähigkeiten der Empathie im schulischen Sozialisationsprozess mehr Wert gelegt und der Vermittlung bzw. Unterstützung konformistischer und leistungsorientierter Werte weniger Raum gegeben würde.« (S. 93)
Dieses Ergebnis entspricht unseren langjährigen Erfahrungen im Projekt »Eine Welt in der Schule« und findet seinen Niederschlag in allen praxiserprobten Unterrichtsbeispielen, wie wir sie auch in diesem dritten Sammelband für den Einsatz in allen Schulstufen bis Klasse 10 und in allen Schulformen vorlegen und empfehlen. Nur ein von Wissen und Empathie getragenes Engagement, das Schülerinnen und Schüler selbstbewusst und selbstverantwortlich entfalten können, führt zu positiven und andauernden Veränderungen in den Einstellungen gegenüber Menschen und Sachverhalten im Lernbereich »Eine Welt«.

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