Projekt "Eine Welt in der Schule"
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Anregungen für die Grundschule und Sekundarstufe 1

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Ein Projekt des Grundschulverbandes e.V.


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Ziegenfutter
Beispiel für einen kritischen Zugang zum Thema Entwicklungshilfe
Gisela Führing

 
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BaumrieseMit diesem Beispiel, das von der 6. Klasse bis in die Sekundarstufe II einsetzbar ist, soll ein schülerorientierter Ansatz aufgezeigt werden, der eine weit verbreitete europäische Sichtweise zum Thema "Entwicklungshilfe" problematisiert.

Schülerorientierte Ansätze
Kreativ-assoziative Ansätze haben nicht nur durch ihre Lebendigkeit eine motivierende Wirkung im Unterrichtsgeschehen, sondern sie ermöglichen der Lehrkraft auch einen tieferen Einblick in die Wertehaltung und Denkstruktur ihrer Schülerinnen und Schüler. Voraussetzung ist allerdings eine offene interessierte Fragehaltung, die die gegebenen Antworten nicht in ein "richtig-falsch"-Muster zu pressen versucht.

So eignen sie sich beispielsweise am Anfang, um die Vormeinungen und Interessen zu einem Thema zu erfragen, und dann besser an diesen ansetzen zu können. Am Ende einer Unterrichtseinheit dienen sie als informelle Rückmeldungen darüber, in welcher Weise sich die Unterrichtsinhalte bei den Schülerinnen und Schülern festgesetzt haben. Die im folgenden vorgestellte Geschichte lässt beides zu: Steht sie am Anfang einer Unterrichtseinheit zur Entwicklungshilfe, so wird sie ermöglichen, Grundforderungen an Entwicklungsprojekte zu stellen und die dahinterliegende europäische Haltung zu hinterfragen, um auf dieser Grundlage positive und negative Projektbeispiele analysieren zu können; oder es mag eher länderkundlich weiter zu den Lebensbedingungen im Sahel gearbeitet werden. Steht sie am Ende, so lässt sie eine Rückschau zu und eröffnet vielleicht eine tiefergehende Debatte um europäisches Dominanzdenken oder um die lange - in Europa weithin unbekannte - Geschichte dieses Raumes, die nicht nur von Dürre gekennzeichnet war.

Frauen beim Holz hacken

Der Holzbedarf der Bevölkerung ist enorm, so dass weite Teile im Sahel bereits abgeholzt wurden.

 

Anlegen eines Walles
Gleichzeitig wenden die Menschen viel Mühe auf bei Erosionsschutzmaßnahmen: Gräben und Wälle sollen das Ablaufen des Regenwassers verhindern.
 

 

Kinder beim Steine tragen
Selbst Kinder beteiligen sich beim Heranschleppen von Steinen ...

 

 

Ausheben eines Grabens
... oder beim Ausheben von Gräben

 

 

Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit
In der Entwicklungszusammenarbeit ist es längst zur Binsenweisheit geworden, dass Entwicklungsbemühungen nur dann langfristig tragbar sind, wenn sie zusammen mit der einheimischen Bevölkerung geplant und entlang ihren Bedürfnissen durchgeführt werden. Das setzt voraus, dass man Projekte nicht von Europa aus, sozusagen am grünen Tisch, nach hiesigen Vorstellungen macht, sondern sich tatsächlich die Zeit nimmt, die Bevölkerung nach ihren vorrangigen Bedürfnissen zu fragen und an ihren Erfordernissen und erprobten Lebensstrategien anzusetzen. Der Slogan "Hilfe zur Selbsthilfe" taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf. Selten aber wird über konkrete Implikationen und die damit verbundenen Reibungen - auch im Kulturkontakt zwischen Europäern und Einheimischen - nachgedacht, wie es die hier vorgelegte Geschichte anspricht. Der Eurozentrismus spielt nach wie vor eine dominante Rolle.

Wälle gegen schnellabfließende Wassermassen

So werden die Dörfer in den Tälern gegen schnell abfließende Wassermassen geschützt und der Boden festgehalten.

Sterinwälle werden begutachtet

Die Steinwälle werden von einheimischen Beratern begutachtet, bevor hinter ihnen kleine Baumsetzlinge gepflanzt werden.

Eurozentrismus
Alle Menschen beurteilen mit gewisser Selbstverständlichkeit die Welt nach ihren eigenen Maßstäben. In Europa aber ist dieses Denken im Gefolge der Geschichte, der wirtschaftlichen Ausbeutung der "Dritten Welt" und der darauf aufbauenden industriellen Entwicklung mit einem hohen Maß an Dominanz und Arroganz verknüpft. Gerade in Westdeutschland hat sich das Nationalbewusstsein in vielen Köpfen an den Lebensstandard und die wirtschaftliche Potenz der letzten Jahrzehnte gekoppelt - in Ausgrenzung gegen andere Völker, die eben nicht so fleißig waren ... Der übermäßige Konsum von Ressourcen dieser Welt kommt uns in unseren Köpfen selbstverständlich vor,- Umweltvernichtung sehen wir überwiegend bei anderen (Amazonien, GUS-Staaten usw.). In manchen Kreisen wird zwar viel über Eurozentrismus geredet, aber ein Bewusstsein darüber erschöpft sich zumeist darin, diesen bei anderen aufzudecken und anzuprangern. Meine Überzeugung ist, dass wir nicht umhin kommen, uns diesen Teil unserer Denkstruktur anzuschauen - zum einen angesichts der aktuellen Gefährdungen von Leben und Menschenwürde von "Fremden" unter uns; zum anderen, um uns und unsere Schülerinnen und Schüler auf die großen Umwälzungen der nächsten Jahrzehnte vorzubereiten. Es gibt Möglichkeiten, tendenzielle Dominanzstrukturen in uns selbst wahrzunehmen. Eine Bewusstheit und ein gemeinsamer Austausch über unsere Denkmuster in Bezug auf andere Völker und (uns) fremde Verhalten ist der erste, sehr wichtige Schritt zur Verwirklichung wirklich partizipativer Ansätze in unserer Welt. Diesem Ziel ordnet sich das folgende Unterrichtsbeispiel zu.
5. Die geschlossenen Felder mit bunten Farben ausmalen.

Ich glaube nicht, dass irgendein Mensch imstande ist, einen anderen zu entwickeln

Entwicklung, so wie ihr in Europa das generell versteht, meint den Weg, auf dem wir uns entwickeln sollen: so, dass wir irgendwann euer Entwicklungsstadium erreichen. Wir sollen wie Deutschland werden. ... Ich denke, wir sollten das Ganze anders fassen: wir sollten euch und eure Hilfe mehr als einen Katalysator für uns begreifen und nutzen. Im Sinne von mehr Kontrolle über unsere eigenen Mittel erreichen, unsere eigene Zukunft mehr selbst zu bestimmen. Wir selbst unterstützen ja viele Menschen in Kooperativen dahingehend, dass sie ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen, sowohl was die soziale, die ökonomische als auch die wirtschaftliche Seite davon angeht, das heißt, dass sie zumindest ihr eigenes Geld verdienen. Ich glaube nicht, dass irgendein Mensch imstande ist, einen anderen zu entwickeln. Entwicklung ist keine Einbahnstraße. Auch ihr - indem ihr uns helft - lernt eine Menge für euch, auch dies ist ein interaktiver Prozess. In der Realität ist es jedoch häufig eine Einbahnstraße. Jedenfalls für uns. Leute in und aus Europa maßen sich häufig an, uns zu sagen, was wir zu tun haben. Jeglicher sich dagegen regender Widerstand, jegliche oppositionelle Stimme aus dem Süden wird wie die eines Dissidenten niedergemacht.

Interview mit Mike Fungati/Zimbabwe: "Ich glaube nicht, dass irgendein Mensch imstande ist, einen anderen zu entwickeln"; in: WFD-Querbrief. Nr. 4/93, S.7 ff.)

Unterrichtsaufbau
Die Geschichte "Ziegenfutter" behandelt eine Konfliktsituation aus der Entwicklungszusammenarbeit in einem Sahel-Land, bei der ein junger deutscher Entwicklungshelfer, ein Förster, eines Tages seine Bemühungen um Aufforstung durch Ziegen zunichte gemacht sieht. Darüber hinaus erntet er nicht nur kein Verständnis für seine Frustration bei dem Dorfältesten, sondern muss sich sogar sagen lassen, dass die aktuelle Versorgung der Ziegen Vorrang vor langfristigen Projekten habe.
An dieser Stelle soll das Vorlesen des Textes unterbrochen werden, um den Schülerinnen und Schülern Gelegenheit für eigene Assoziationen durch das Fortschreiten der Geschichte zu geben. Dies kann entweder durch eine individuelle Hausaufgabe geschehen, durch kurze Stichpunkte oder auch durch Kleingruppenarbeit, bei der sich zwei bis drei Schüler auf eine Version einigen sollen. Beim Vortragen der Ergebnisse (vgl. im Kasten beispielhafte Schülerantworten) werden zunächst die vorgeschlagenen Varianten vorgetragen und gegenübergestellt. Dabei wird deutlich werden, dass die Schülerinnen und Schüler überwiegend eine Identifikation mit dem Entwicklungshelfer vorgenommen haben (sehr deutlich bei der Fortsetzung in der lch-Form).
Meist ergibt sich daraus bereits eine lebhafte Diskussion darum, was für einen engagierten Deutschen aushaltbar sei. Mehr oder weniger deutlich wird den Afrikanern Dummheit. Kurzsichtigkeit. Unhöflichkeit und dergleichen vorgeworfen, und die Sympathie liegt eindeutig bei Rainer Busch, der doch aufopferungsvoll um Hilfe für sie bemüht ist. Entsprechend reichen die Vorschläge für sein Verhalten von Schnauze voll von Afrika", bis "Stacheldraht und bissige Hunde", um die nächste Pflanzung zu sichern, d.h. das Projekt - komme, was wolle - durchzuziehen.

Einzäunung von Hochtälern

Im Air-Gebirge werden einzelne Hochtäler von der Bevölkerung eingezäunt, um die Regenerierung der Vegetation zu ermöglichen.
 
 

Nachwachsende Vegetation

In solchen Tälern ist schon nach kurzer Zeit aus den im Boden vorhandenen Samen die natürliche Vegetation wieder so nachgewachsen, dass es wieder als Viehweide taugt.
 

An einer solchen Stelle der Diskussion sollte - ohne das Verständnis für die Frustration zu entziehen - ein Perspektivwechsel von der Lehrkraft angeregt werden: "Wer ist eigentlich in dieser Geschichte noch beteiligt?". (Personen aufzählen lassen: Tsipu, der Dorfälteste - Mogwa, der Übersetzer und Vermittler - der kleine Junge, der dabeisteht - die anderen Dorfbewohner usw.). In freier Assoziation, in schriftlicher Form oder in einem Rollenspiel könnte jetzt einmal die Geschichte von der anderen Seite betrachtet werden: Diskussionsrunde im Dorf über die Ankunft des Deutschen, sein Verhalten, sein Anliegen und die Frage, wem und was seine Tätigkeit nutzen solle.

Gelegentlich würde auch ein weiterer Perspektivwechsel in Form einer Umdrehung der Geschichte die Diskussion bereichern: Was würde geschehen, wenn ein afrikanischer Entwicklungshelfer hier bei uns Projektansätze zur Lebensverbesserung in Deutschland/in unserem Ort vornehmen wollen würde? Was könnte ihm überhaupt dafür einfallen? Wie würde er behandelt? Wie müßte er es beginnen, um Erfolg zu haben?

Als einmal beim Einsatz dieser Geschichte mit einem senegalesischen Referenten über diese Fragen persönlich diskutiert werden konnte, erwog er die Möglichkeit, ob die Dorfbewohner im Sahel Rainer Busch nicht auch absichtlich diese Antwort gegeben hätten, um ihm eine Lehre zu erteilen. Die Schülerinnen und Schüler waren empört, obwohl sie doch gerade noch sicher waren über die Abfuhr, die ein Afrikaner bei uns erleben würde! Es sei doch ein Unterschied, ob dies bewusst oder "zufällig" passiere...

Und ob er denn wirklich meine, dass die Afrikaner wüssten, wie mit Baumpflanzungen umzugehen sei. "Was meint Ihr, wenn die Menschen hier über viele Generationen lang gelebt und sogar üppige Kulturen und alte Königreiche gehabt haben, denkt Ihr, sie hätten noch nie einen Baum gepflanzt?"

Die Schülerinnen und Schüler schweigen beschämt. "Ich habe gedacht. die wissen nix und brauchen uns!". Und nun geht die Diskussion weiter über Situationen. in denen man sich nicht anders zu helfen weiß, als auch gegen seine Prinzipien zu handeln. "Mein Vater würde auch eher in umweltschädlicher Produktion arbeiten als arbeitslos sein!". Wie stehen ökologische gegen ökonomische Notwendigkeiten?

Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte einsetze, ergeben sich andere Diskussionen. Immer aber geht es um das Aufspüren von ähnlichen Fragestellungen wie bei uns, die aber aus der jeweiligen Situation heraus aufgrund anderer Rahmenbedingungen anders beantwortet werden (vgl. G. FÜHRING/A. M. MANÉ: Leben in anderen Kulturen. Ein interkulturelles Lesebuch für Brandenburger Lehrkräfte. PLIB Ludwigsfelde 1993). Mit einer Originalbegegnung verknüpft, sind diese besonders lebhaft und auch konfrontierend: ein Stück echter interkultureller Dialog!

Längst ist natürlich die Spannung gewachsen, wie denn nun die Geschichte selbst zu Ende ginge. Das Vorlesen des letzten Abschnitts bringt vielleicht eine Bestätigung mancher Diskussionspunkte, vielleicht auch noch neue Varianten in die Diskussion. Auf jeden Fall sollte sie nicht dazu benutzt werden, so etwas wie "die Wahrheit" an den Schluss zu setzen. Es ist nur eine von vielen möglichen Varianten. Wichtig ist, dass die darin enthaltene Dialogsituation herausgearbeitet wird (vgl. auch manche der obigen Schülerantworten). Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen, andere Denkvarianten anzuhören und ernstzunehmen und dergleichen sind mehr als nur etwa ein Erfolgsrezept für Entwicklungsprojekte. Es könnte ja auch ein wichtiges Prinzip in unserer Schule und in unserer Gesellschaft sein!

Ziegenfutter

Gudrun Rumpf

Lieber Michael, wie versprochen, schreibe ich Dir gleich nach meiner Ankunft Wenn ich sage, ich bin heil angekommen, ist das nur die halbe Wahrheit. Natürlich bin ich gesund, aber als ich gestern hieraus dem Landrover stieg, spürte ich mich selbst eigentlich nicht mehr: Nach zwölf Stunden Flug und dann noch acht Stunden im Landrover über Sandpisten, die eher Eisenbahntrassen ähneln als Straßen. Und dann die Hitze!

Der Projektleiter, Herr Meier, holte mich am Flughafen ab und übergab mich Mogwa, der hier offensichtlich Mädchen für alles ist: Fahrer, Vorarbeiter, Dolmetscher und Einkäufer.

Meier gab mir auch die Anweisungen der Landesregierung für den Häuptling. Sie sind natürlich in der Landessprache geschrieben, und ich finde es schon etwas komisch, etwas zu überbringen, was ich selber nicht lesen kann. Mogwa spricht ganz gut Englisch und hat mir das Wichtigste übersetzt.
Die Station besteht aus einem kleinen Bürohaus und meinem Wohnhaus. Außer der Funkanlage und dem Landrover habe ich keinen Kontakt zur Außenwelt, und wann ich diesen Brief auf den Weg bringen kann, weiß ich auch noch nicht. Aber er ist geschrieben und liegt für alle Fälle bereit. Alles Gute für Euch alle, Euer Rainer Rainer Busch faltete den Brief zusammen und steckte ihn in einen Umschlag, als Mogwa hereinkam. "Rainer, wir müssen fahren, Tsipu, der Dorfälteste, erwartet Sie."

Busch nahm die Akte mit den Vollmachten und Anweisungen der Regierung, griff nach seinem Hut und folgte Mogwa zum Auto. Der Weg durch die nur spärlich von Dornkakteen bewachsene Steppe war eintönig. Hier und da sah er ein paar Kinder mit Ziegen. "Viel Futter finden die auch nicht", dachte er.

In der Nähe des Dorfes bemühten sich einige Frauen, den kärglichen Boden für die Hirsesaat zu bereiten. Das Dorf selbst schien wie ausgestorben. Kein Laut drang aus den Hütten. Der Wagen hielt, dann führte Mogwa ihn zum Haus des Dorfältesten.

Im Schatten eines etwas größeren Daches saßen etwa 20 Männer auf alten Bettgestellen, leeren Kanistern oder einfach auf dem Boden. Mogwa sprach einen der Männer an und seine Haltung verriet dabei die Macht des Ältesten mehr als die Worte, die Busch ohnehin nicht verstand.

Tsipu winkte ihm, sich zu setzen und da er zögerte, weil er nicht wusste, wohin, wiederholte Mogwa die Aufforderung in englisch. Busch brauchte trotzdem noch einige Sekunden, bis er sich entschließen konnte, sich auf den Boden zu setzen.

Mogwa führte das Gespräch mit dem Ältesten. Buschs Versuche, ihn als Dolmetscher einzusetzen, blieben relativ erfolglos. Immerhin erreichte er endlich, dass Mogwa dem Dorfältesten übersetzte, dass er, Rainer Busch, von der Regierung beauftragt sei, das Aufforstungsprogramm durchzuführen. Rainer übergab Tsipu die Papiere.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis Tsipu sie studiert hatte. Das unaufhörliche Gemurmel um ihn her, in einer Sprache, die er nicht verstand, wirkte einschläfernd. Endlich nickte ihm Tsipu freundlich zu und Mogwa sagte, sie könnten gehen. 

Lieber Michael, 
unsere Arbeit geht zügig voran. Wir haben die ersten fünf Hektar gepflanzt und haben viel Arbeit mit dem Bewässern, aber es sieht so aus, als ob die Pflanzen angehen. Ich bin sehr stolz, wenn ich die Fläche mit den kleinen grünen Stellen darin sehe. Bevor ich die nächste Fläche angehe, will ich erst einmal abwarten, wie die Akazien hier gedeihen, so dass meine Hauptaufgabe im Augenblick ist, die Bewässerung zu überwachen. Die Abende sind oft sehr lang.

Rainer legte den Kuli weg. Er beschloss, lieber noch mal nach den Pflanzen zu sehen, der Brief würde ohnehin erst Ende nächster Woche, wenn der Projektleiter kam, mit in die Hauptstadt genommen werden.

Die Aufforstungsfläche lag hinter dem nächsten Hügel und so ging er langsam durch das Licht der schon tiefstehenden Sonne. Als er auf die Spitze des Hügels kam, traute er seinen Augen nicht. Eine Herde Ziegen stand verstreut in der Akazienschonung. Von einem Großteil der Pflanzen war nichts mehr zu sehen. Rainer schrie und rannte, wild mit den Armen fuchtelnd, los. Er versuchte, die Ziegen aus der Pflanzung zu vertreiben, mußte aber bald die Sinnlosigkeit seines Bemühens einsehen. Er rannte zurück zur Station. Mogwa bereitete gerade das Abendessen. Rainer schrie ihn an, in seinem Zorn auf Deutsch. Erst das ratlose Gesicht Mogwas brachte ihn zur Besinnung.

"Komm, zu Tsipu, schnell." Mogwa schüttelte den Kopf.

"Wir können unmöglich zur Essenszeit ungeladen beim Dorfältesten erscheinen."

"Essen oder nicht, ich muss sofort zu ihm."

Endlich ließ Mogwa sich überreden.

Es war inzwischen fast dunkel geworden, als der Landrover ins Dorf fuhr.

"Such den Ältesten." Mogwa war sichtlich unschlüssig, aber ein Blick in das Gesicht von Rainer Busch ließ ihn gehorchen. Rainer durchmaß den freien Platz zwischen den Hütten, hin und her, hin und her.

Endlich erschien Mogwa. "Er kommt gleich zum großen Versammlungsplatz", sagte er.

Sie warteten. Der Platz füllte sich langsam mit Männern. Die Kinder kamen mit den Ziegen zurück. Das Gemurmel schien Rainer unerträglich und steigerte seinen Ärger.

Als Tsipu sich endlich gesetzt hatte, blieb Rainer vor ihm stehen. "Die Kinder haben die Ziegen auf die Aufforstungsflächen getrieben."

Tsipu nickte. "Die Regierung hat geschrieben, das gibt Futter für die Ziegen", antwortete er.

"Aber die Bäume müssen doch erst wachsen."

"Die Ziegen haben Hunger und die Kinder brauchen Milch."

"In zwei Jahren geben die Bäume genügend Futter."

"Bis dahin sind sie in der Hitze verdorrt."

"Aber so ist das doch nutzlos, die Pflanzen sind kaputt und die Tiere haben nichts davon."

"Die Tiere sind heute satt und geben morgen gute Milch für die Kinder."

"Mogwa scheint nicht richtig zu übersetzen", dachte Rainer, "er muss doch verstehen, dass die Bäume erstmal wachsen müssen. Er muss doch begreifen, dass...". Rainers Blick fiel auf einen kleinen Jungen, der abseits stand und ihn anstarrte.

Der Knabe hatte ihn sicher nicht verstanden, aber er staunte über den Ton, in dem er, Rainer, vor dem Ältesten sprach.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, ging Rainer Busch zwischen den murmelnden Männern hindurch zum Auto.

Der Brief an seinen Bruder blieb unbeendet.

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Projektleiter Hubert Meier war außer sich. "Vier Monate Arbeit umsonst. Wir müssen Wachen aufstellen. Einen Zaun können wir nicht ziehen, das wird zu teuer. Wie ist so etwas nur möglich. Die ganzen Pflanzen abgefressen, Busch, was wollen Sie denn jetzt tun?"

Rainer Busch zuckte die Schultern. "Ich habe schon neu angefangen."

"Wieso? Es ist doch keine Fläche vorbereitet, Sie haben keine Pflanzen mehr, wir bekommen vorläufig auch kein Geld. Womit haben Sie also angefangen?"

"Ich lerne Dschibili."

"Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Was hat das mit der Aufforstung zu tun?"

Jetzt fuhr der Landrover zwischen den Wellblechhütten am Rande der Hauptstadt hindurch. Rainer Busch hatte bestimmte Ziele. Er wusste, dass die Universität ein kleines biologisches Institut hatte und er hoffte, dort zu finden, was er suchte.

Eine Woche später war er wieder an der Station. Im Landrover standen 3 Kästen mit Pflanzen.

Mogwa half beim Abladen. «Was ist das?", fragte er, auf die Kästen zeigend.

"Paranüsse, Cashewnüsse und Walnüsse. Wir werden sie in der Nähe des Hauses pflanzen und abwarten, wie sie sich entwickeln. Und dann sehen wir weiter." 

Lieber Michael, 

entschuldige, dass ich so lange nichts habe von mir hören lassen, aber die Nussplantagen sind sehr arbeitsaufwendig, und ich muss jetzt ja fast alles allein machen. Durch den Reinfall mit den Akazien ist unser Programm erst einmal ausgesetzt, so dass ich auch keine Arbeitskräfte zur Verfügung habe. Aber die Cashew gedeihen hervorragend, ich glaube, ich habe die richtigen Pflanzen gefunden. Wenn sie groß genug sind, werden sie Nahrung für die Menschen liefern, mit ihrem Laub Futter für die Ziegen und auf die Dauer sogar Holz für die Herdfeuer. 

Dschibili zu lernen erfordert viel Zeit für mich. Die Sprache ist bildhaft und fast völlig frei von jeder Art Abstraktion. Es gibt zum Beispiel kein "grün"; es gibt das Grün der frischen Blätter und das Grün einer Schlange, die sich unter Blättern versteckt; das Grün im Wasser eines Flusses, in dem Krokodile leben ist wieder ein anderes Wort. Seitdem ich einigermaßen mit der Sprache zurechtkomme und Mogwa nicht mehr ständig als Dolmetscher brauche, gehe ich oft ins Dorf zum Palaver und in der vergangenen Woche hat Tsipu mich sogar hier besucht. Er hat den ganzen Nachmittag mit sichtlicher Freude im Schatten der Cashewbüsche gesessen und mich schließlich gefragt, ob ich so was nicht in der Nähe des Dorfes auch machen könnte. Natürlich, meinte er, müßte man die Ziegen wohl fernhalten, bis die Büsche groß genug sind...

aus: MANFRED H. OBLÄNDE, H. Schulz, A. SKARMETA (Hrsg.): Zeit der Dürre, Zeit des Regens. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1983, S.84ff

Schülerfortsetzungen

Beispiel 1

...Rainer gibt auf. Er packt seine Sachen und kehrt nach Deutschland zurück. Er hat seine Vorstellungen, wie dieses Aufforstungsprogramm ablaufen soll, doch wenn ihm die Dorfbewohner nicht zur Seite stehen, kann er nicht unter solchen Bedingungen arbeiten.

Er hat seine Prinzipien und wenn es nicht so klappt, soll doch ein anderer sich mit den Dorfbewohnern abmühen. Er kann nicht von seinem Standpunkt abweichen. Er versteht sie einfach nicht. Er hat seine Vorschriften von der Regierung und muss diese doch einhalten. Die Dorfbewohner haben seine Arbeit zerstört. Und sie sind so starrköpfig, dass sie auch weiter in seine Arbeit eingreifen werden.

Er hatte sich seine Arbeit so toll vorgestellt und muss nun so eine Enttäuschung erleben.

Von Afrika hat Rainer erst einmal genug.

Beispiel 2:

... Rainer ging mit einem Gefühl gemischt aus Wut und Resignation zu seinem Landrover. Was sollte er nun tun? Wie sollte es bloß weitergehen?

Seltsam waren diese Menschen hier schon, sie dachten nur daran, ihre momentanen Bedürfnisse zu befriedigen. Konnten sie denn nicht an die Zukunft denken? Rainer erinnerte diese Einstellung an die von Kindern. Warum hatte ihn bloß niemand gewarnt? Er müßte sich irgendwas überlegen, sie von der Richtigkeit seiner Einstellung überzeugen. Er konnte sich ja gar nicht verständlich machen.

Sollte er neu pflanzen und einen Stacheldraht um das Gebiet ziehen?

Er war an seiner Aufgabe gescheitert, morgen würde er seine Kündigung einreichen. Doch da kam ihm eine Idee. Es gab doch da diese sonderbare Pflanze, die sich innerhalb einer Nacht regenerierte, d. h. jeden Tag Nahrung für die Ziegen hat. Die wollte er morgen gleich besorgen. Zum anderen wollte er erneut seine Akazien pflanzen, die dann in 2 Jahren Nahrung bieten würden. So hätte er beide Bedürfnisse zufrieden gestellt und es würde sich schon zeigen, welches der bessere Weg/die bessere Methode sei!

Beispiel 3:

... Er verstand es einfach nicht. Es war alles umsonst. Wie kann man nur so engstirnig sein. Sah Tsipu denn nicht, dass die ganze Arbeit umsonst war? Rainer Busch war deprimiert. Er wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Er konnte doch nicht einfach so aufgeben.

Er hatte doch einen Auftrag. Er hatte das Gefühl, total versagt zu haben. Mit schlechtem Gewissen dachte er an das noch ausstehende Gespräch mit dem Projektleiter.

Doch dieser reagierte ganz anders als Rainer Busch gedacht hatte, denn er konnte sich das Lachen nur knapp verkneifen, wobei nicht klar war, worüber er lachen wollte, ob es über Rainer Busch oder über die Geschichte war. Meier sagte zu Rainer Busch: "Sieh doch, wir mußten mit Rückschlägen rechnen. Egal welche, wir müssen auf alles gefasst sein. Wir werden noch einmal mit Tsipu reden und versuchen ihn davon zu überzeugen, dass unsere Methode die viel bessere ist. Aber selbst dann können wir nicht sicher sein, dass alles so läuft, wie wir uns das so vorgestellt haben. Mein Junge, lass Dir eins sagen! Was wir brauchen, ist Geduld."

Rainer Busch sah Meier etwas verdutzt an. Ihm wurde klar, dass Meier recht hatte. Aber er wusste nicht, ob er das durchhalten würde. Einmal würde er es auf jeden Fall noch probieren.

Beispiel 4:

... Rainer fuhr zurück zu seiner Hütte. Die ganze Fahrt über grübelte er. Er konnte nicht begreifen, wieso die Menschen im Dorf ihre Ziegen die Akazien fressen lassen haben. Wie sollte er nur dem Projektleiter erklären, was passiert ist. Wie kann er sich vor ihm rechtfertigen, nicht er hatte doch versagt, sondern die Dorfbewohner hatten seine ganze Arbeit zerstört.

Ein Satz ging ihm bei seinen Überlegungen jedoch nicht aus dem Kopf: „Die Tiere sind heute satt und geben morgen Milch für die Kinder.“ Plötzlich wurde ihm die Tragweite dieser Worte bewusst. War die Projektidee von Beginn an zum Scheitern verurteilt?

Ich werde morgen mit Mogwa zu Tisch gehen und ihm meinen Vorschlag unterbreiten, die Akazienbäume aufzuteilen, so dass ein Teil mit seinem Einverständnis wachsen, der andere Teil für die Tiere genutzt werden kann. Mir wird klar, dass ich meine Arbeit nicht losgelöst von der Gesamtsituation sehen darf und Hilfe vielfältig sein muss.

Hinweis: Alle Fotos in diesem Bericht wurden von Gisela Führing angefertigt.

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